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(Not) Having Changed: Rick & Morty macht TV-Konventionen zur Metapher für toxische Verhaltensmuster

24th September 2017

Die aktuelle, dritte Staffel von Rick & Morty ist eines der frustrierendsten, deprimierendsten Fernseherlebnisse des Jahres. Es ist wie eine Illustration des berühmten, oft (wahrscheinlich fälschlicherweise) Albert Einstein zugeschriebenen Satzes, Wahnsinn ist, immer wieder das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Immer und immer wieder, in jeder neuen Folge, erzählt die Staffel dieselbe Geschichte. Sie hat nur eines zu sagen, und sagt es wieder und wieder, in leicht abgewandelter Form, wie ein Schüler, der die Seitenzahl seiner Hausarbeit noch ein Bisschen aufstocken muss. Als Zuschauer stumpft man mit jeder neuen Folge ein Bisschen weiter ab. Nach der ersten Minute jeder Folge weiß man genau, wie die Folge enden wird: genauso wie die Folge davor, und die davor, und die davor.

Diese dritte Staffel von Rick & Morty ist ein Meisterwerk.

Eine Fernsehserie ist, in ihrer Idealform, eine Geschichte ohne klares Ende. Also, klar, es gibt Mini-Serien, und alle Serien (außer den Simpsons, I guess) haben irgendwann ihr Ende; aber es ist selten, dass dieses Ende im Voraus geplant ist – selbst, wenn der Schöpfer der Serie weiß, wie die Geschichte enden wird, weiß er selten, wann. Und traditionell ist eine Serie auch eine Geschichte ohne klaren Anfang: Weil Zuschauer früher wirklich zu einem bestimmten Zeitpunkt einschalten mussten, um ihre Lieblingsserie zu schauen, konnten Macher nicht davon ausgehen, dass jeder Zuschauer jede Folge gesehen hat, und mussten daher Woche für Woche eine mehr oder weniger abgeschlossene Geschichte erzählen.

Ich spreche hier das Offensichtliche aus, aber hin und wieder macht es Sinn, sich das nochmal präsent zu machen: Fernsehen als narratives Medium ist, traditionell, seltsam. Die Autoren müssen bereit und in der Lage sein, ihre Geschichte, theoretisch bis ins Unendliche, zu strecken; aber sie müssen gleichzeitig jederzeit damit rechnen, dass die aktuelle Staffel die letzte ist, und jedes Staffelende muss auch als Serienende funktionieren. Und dabei können sie sich nicht darauf verlassen, dass der Zuschauer den gesamten Plot kennt oder in Erinnerung hat; sie müssen also möglichst wenig Plot auf möglichst viel Laufzeit strecken. Entsprechend ist das Fernsehen, traditionell, ein Medium der Stagnation und der Wiederholung.

Und um noch mehr Offensichtliches auszusprechen: Aktuell arbeiten viele Fernsehmacher und -plattformen gegen diese (gefühlte) Limitation. Netflix und HBO bestellen oft gleich mehrere Staffeln; die Episode als abgeschlossene Einheit wird mehr und mehr bedeutungslos. Das Fernsehen, bzw. das, was aus dem Fernsehen geworden ist, schafft, so weit es kann, die Bedingungen für die 10 hour movies, die so viele Autoren heute schreiben wollen. Die Autoren können im Idealfall also endlich genau so viel Plot in genau so viel Zeit erzählen, wie sie brauchen.

Aber natürlich sind die alten Strukturen noch nicht ganz verschwunden, nicht nur, weil Fernsehen dann doch noch nicht komplett als Streaming stattfindet, sondern auch, weil viele der Versuche, die Limitationen des Mediums zu transzendieren, nicht so erfolgreich sind, wie wir gerne annehmen. Traditionelles Fernsehen existiert noch, und mit ihm, wenn auch in aufgeweichter Form, die alten Limitationen.

Diese dritte Staffel von Rick & Morty zeigt einen anderen Weg, mit diesen Limitationen umzugehen: Anstatt zu versuchen, daraus auszubrechen, erkennen die Autoren, dass Fernsehen sich gerade wegen dieser Strukturen perfekt zum Erzählen von Geschichten eignet – wenn vielleicht nur zum Erzählen bestimmter Geschichten.

Rick & Morty Staffel 3 ist eine Geschichte über Wiederholung; über Stagnation. Es ist eine Geschichte über Muster: Verhaltensmuster, patterns of abuse. Und gerade, weil die Staffel die etablierten Strukturen ihres Formats nicht nur umarmt, sondern unterstreicht, entwickelt die Geschichte eine solche emotionale Wucht.

Rick & Morty, bei allem „Nihilismus“, den manche in der Serie sehen, hat die Konsequenzen, die Ricks „Abenteuer“ für Morty haben, nie ignoriert. In der allerersten Folge ermordet Rick im Grunde einen Schulkameraden von Morty; in einer viel diskutierten Folge wird Morty als Folge von Ricks Nachlässigkeit vergewaltigt. Die Beziehung der beiden Titelfiguren, das hat die Serie immer deutlich gemacht, basiert auf Missbrauch und Gewalt, und Morty ist dadurch fürs Leben traumatisiert.

Nur hat das bisher alles so viel Spaß gemacht! Bisher war da auch immer noch ein kleines Bisschen Hoffnung: Immer wieder gab die Serie uns Anlass, zu glauben, dass Rick das Potential hat, sich zu verändern, ein besserer Großvater für Morty – ein besserer Mensch – zu werden. Wie das eine Mal, als es schien, als müsste Rick für den Rest seines Lebens in der unendlichen Leere eines von ihm geöffneten Paralleluniversums schweben, und Rick sich, zumindest für einen Moment, seinem Schicksal ergab, in der Gewissheit, dass wenigstens Morty okay sein würde; oder als er, in der angesprochenen, umstrittenen Episode, Mortys Vergewaltiger tötete. Unter all dem Sarkasmus, der übermenschlichen Intelligenz, der Geringschätzung alles menschlichen (und nicht-menschlichen) Lebens, das nicht Rick selbst ist, unter all dem Wabba-lubba-dub-dub war doch aufrichtige Liebe für seinen Enkel versteckt. Und dass nach den Momenten, in denen Rick diese Liebe offenbarte, immer eine neue Episode folgte, in der alles wieder von vorne anfing, Rick diese Liebe wieder aufs Neue unter Schichten von Sarkasmus, übermenschlicher Intelligenz und Geringschätzung für alles Leben außer sein eigenes versteckte, sich aufs Neue nicht eingestehen konnte, dass er seinen Enkel mit den gemeinsamen Abenteuern verletzt und traumatisiert – das war am Ende nur den Regeln einer Cartoonserie geschuldet: Homer Simpson muss auch Folge für Folge aufs Neue lernen, Verantwortung für seine Familie zu übernehmen. So funktioniert Fernsehen als narratives Medium nunmal – am Ende jeder Folge steht der Reset zum Status Quo.

Das einzige, was die dritte Staffel ändert, ist, dass nun nicht mehr die gesamte Realität der Serie, sondern ausschließlich Rick zu seinem Ursprungsstatus zurückkehrt; und die anderen Figuren – nun, in erster Linie Morty und seine Schwester Summer – wissen, dass dieser Reset bevorsteht: Sie wissen, dass Rick, nachdem er seine Enkelkinder fast in einer postapokalyptischen Einöde verloren hätte, im Kopf bereits das nächste gefährliche Abenteuer plant; wissen, dass, nur weil Pickle Rick es doch zur ersten Therapiesitzung mit seiner Familie geschafft hat, das nicht bedeutet, dass Rick für die harte Arbeit der weiteren Therapie bereit ist. Und wenn sie Rick doch anflehen, zur nächsten Sitzung zu kommen, doch noch auf eine Besserung hoffen, ist das kein Ausdruck mehr davon, dass sie das Gute im Menschen sehen, dass sie sich einen Funken Hoffnung bewahrt haben, Ricks Nihilismus ein Bisschen Optimismus entgegensetzen wollen; nein, es ist Ausdruck davon, dass auch sie Teil desselben Teufelskreises sind, in denselben festgefahren Verhaltensmustern gefangen; dass sie, wie eine Episode sehr explizit macht, auf ihre Art genauso toxisch sind wie Rick.

Die Staffel erzählt also zehn neue Versionen derselben Geschichte, die Rick & Morty immer erzählt hat; aber nicht nur die Charaktere, auch der Zuschauer erlebt diese Geschichte anders als bisher. Die Staffel in seinem Wabba-lubba-dub-dub oder Get schwifty!-Shirt anzusehen, fühlt sich nicht mehr so gut an. Neue Folgen enden nicht mehr mit diesem warmen Gefühl, dass da doch eine – wenn auch kleine – Chance besteht, dass Rick irgendwann seinen Zynismus überwinden und ein echter, liebender Großvater für Morty sein wird; sie enden mit der Gewissheit, dass dieses Gefühl eine Lüge ist, und immer war. Die Staffel zu schauen, ist daher, wie gesagt, frustrierend und deprimierend.

Aber so überwindet die Serie das, was ich1…ab jetzt. gerne das “Tyler-Durden-Problem” nenne: Figuren wie Rick – hyperintelligente, arschcoole Machos mit misanthropischer Philosophie, die nur die Leere in ihrem Herzen kaschieren soll – verführen nicht nur die Figuren um sie herum, sondern auch den Zuschauer. Aus diesem Grund haben Geschichten über sie oft den gegenteiligen Effekt von dem, den sie beabsichtigen. Dass Fight Club, ein Film, der eigentlich vor diesem Typ Mann2Es ist ein eindeutig maskulin codierter Figurentyp. warnen will, sich ein Publikum aus Tyler-Durden-Verehrern herangezüchtet hat, liegt eben daran: Man verbringt ein paar Stunden mit dem arschcoolen, verführerischen Tyler Durden, und nur ein paar Minuten mit dem Gedanken, dass Tyler vielleicht gar nicht so arschcool ist.

Das Fernsehen aber bietet eine Chance, die diese Staffel von Rick & Morty nutzt: die Chance, denselben Punkt immer und immer wieder zu machen, auf immer neue Wege, bis auch der letzte Zuschauer ihn verstanden hat. Auch, wenn man damit riskiert, den Zuschauer, naja, zu frustrieren. Die Konsequenzen von Ricks Verhalten waren immer Teil der Geschichte, aber nicht selten waren sie auch Setup für einen Witz, oder fanden eher beiläufig oder im Hintergrund statt. Hier sind sie der Überbau für die gesamte Staffel: Die Trennung von Mortys Eltern, verursacht von Rick, bildet die Rahmenhandlung. Und der Plot einzelner Folgen macht Ricks Rolle im Leben der anderen Figuren oft so explizit, dass man sich als Zuschauer fast nicht mehr ernstgenommen fühlen würde, wüsste man nicht, dass große Teile des Publikums es sonst eben nicht verstehen würden: Summers emotionale Abstumpfung führt in einer Folge dazu, dass sie einem postapokalyptischen Kult verfällt; in einer anderen wird Rick im wörtlichen Sinne zum Supervillain. Anstatt durch einen Twist, ein paar Sekunden vor dem Abspann, wird man eine ganze Staffel lang wieder und wieder, oft wenig subtil, mit dem Gedanken konfrontiert, dass Ricks Verhalten nicht „cool“, sondern toxisch, gefährlich ist. Es ist wie ein langer Kater nach der (vergleichsweise) Party der ersten zwei Staffeln. Rick, das sollte nach dieser Staffel wirklich jeder Zuschauer verstanden haben, spürt vielleicht irgendwo tief drin doch noch ein Bisschen Liebe für seine Enkel, aber nicht genug, um jemals etwas an seinem Verhalten zu ändern.

Das ist doppelt effektiv, weil es (unter anderem) von Dan Harmon kommt. Harmons wichtigstes Werk ist nicht Community, oder Rick & Morty, oder Heat Vision & Jack oder was auch immer, sondern sein Story Circle: ein Modell für das Geschichtenerzählen, das Joseph Campbells Heldenreise auf einen inneren Prozess einer Figur überträgt. Der letzte und wichtigste Schritt des Prozesses lautet: Having changed – am Ende einer erfolgreichen, befriedigenden Geschichte muss sich die Hauptfigur verändert haben. So sehr sich diese Staffel die Konventionen und Strukturen des (klassischen) Fernsehens zu nutze macht, entlarvt sie sie auch: Sie zeigt, was Stagnation und Wiederholung wirklich bedeuten, wie gefährlich sie sein können.

Rick verändert sich nie, ist nicht zu Veränderung fähig. Aber die Figuren um ihn herum haben sich verändert, und mit ihnen hat sich auch der Zuschauer verändert. Mit Morty und Summer haben wir realisiert: Das macht alles keinen Spaß mehr.3Tatsächlich macht diese Staffel von Rick & Morty – bewusst – so wenig Spaß (auch, wenn sie noch immer lustig ist), dass man sich fragen muss, ob und wie das weitergehen soll. Für mich fühlt sich Staffel 3 an wie ein Ende, aber es ist wohl unwahrscheinlich, dass es die letzte Staffel ist. Die Geschichte bleibt die gleiche: Morty (und manchmal Summer) erlebt ein Abenteuer mit Rick, in dessen Verlauf Rick kein Interesse daran zu haben scheint, ob er (/sie) lebt oder stirbt; am Ende hat Rick einen Moment der Wahrheit, in dem er seine Liebe für Morty (und/oder Summer) offenbart. Aber jetzt wissen Morty und Summer, und wir, dass das nicht genug ist. Für eine wirklich befriedigende Geschichte muss echte Veränderung passieren.

Aber das Leben ist selten eine befriedigende Geschichte. Es hat keinen Plot. Wir arbeiten nicht auf ein cleveres Ende hin, das all die Handlungsstränge unseres Lebens, all die losen Enden sauber zusammenführt. Wir gehen nicht zielsicher in eine Richtung, immer vorwärts, wie es die komplexen, ereignisreichen Plots des modernen Fernsehens, die Mysteries mit klaren Antworten – oder zumindest dem Versprechen davon -, nahelegen. Vielmehr bewegen wir uns mal vorwärts, mal rückwärts, manchmal in Sackgassen, und vor allem, oft, in Kreisen, Mustern, aus denen nur schwer auszubrechen ist. Deshalb ist diese Staffel von Rick & Morty, so frustrierend, deprimierend sie ist, auch so echt, so lebensnah, so dringlich; sie ist schwer anzusehen, aber man muss sie doch unbedingt gesehen haben. Vielleicht erkennt man dann das ein oder andere eigene Muster, und mit ganz viel Glück schafft man es, daraus auszubrechen. Ein Bisschen Hoffnung gibt es schließlich immer. Oder?

Wubba-lubba-dub-dub, motherfuckers.

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    Ich bin Autor & Podcaster. Meine Texte sind unter anderem bei GIGA, moviepilot, ze.tt und Tor Online erschienen. Ich moderiere die Podcasts Per Anhalter Durchs Multiversum und Der Perser & die Schwedin.


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