Text

World Mental Health Day 2017

10th October 2017

Heute ist World Mental Health Day. Dieser Tag ist nicht nur wichtig, weil er Bewusstsein schafft für psychische Krankheiten, und die Tatsache, dass viele psychisch kranke Menschen nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen, weil die Infrastruktur nicht da ist, oder die Scham und Angst zu groß; er ist auch wichtig, weil er mir eine Ausrede gibt, über mich selbst zu reden – also, mir persönlich ist das sehr wichtig. Keine Ahnung, wie der Rest der Welt das sieht, aber das ist mir nicht so wichtig.

Vor vier Jahren, mit 23, hatte ich eine Reihe von Panikattacken. Wenn man eine Panikattacke hat, für diejenigen, die das Glück haben, das nicht zu wissen, überzeugt das Hirn sozusagen den Körper, dass man einen Herzinfarkt hat, und der Körper reagiert mit entsprechenden Symptomen: Herzrasen, Atemnot, Schmerzen in der Brust. Man ist sich dann also sehr, sehr sicher, dass man in unmittelbarer Zukunft sterben wird.

Bei meiner ersten Panikattacke bin ich in die nächstgelegene Notaufnahme gegangen1…ja, *gegangen*; ich weiß nicht, wie viele Menschen, die einen echten Herzinfarkt haben, noch zu Fuß in die Notaufnahme gehen können, also vielleicht ist das ein ganz gutes Zeichen dafür, dass man “nur” eine Panikattacke hat, und habe das seltene Vergnügen gehabt, Ärzte und Krankenschwestern dabei zu beobachten, wie sie gelangweilt das Notfallprotokoll durchführen. Wenn jemand in die Notaufnahme kommt und sagt, “Ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt”, muss das Personal davon ausgehen, dass der Patient wirklich einen Herzinfarkt hat (auch, wenn sie wissen, dass es nur eine Panikattacke ist) und entsprechende Schritte einleiten – aber sie müssen das nicht mögen.

Bei meiner zweiten Panikattacke habe ich meine Eltern angerufen und gesagt, dass ich Hilfe brauche, und ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber wenn ich meine Eltern anrufe und zugebe, dass ich nicht alleine klarkomme, dann steht es noch ein Bisschen schlimmer um mich als wenn ich nur in die Notaufnahme gehe.

Die Panikattacken, das habe ich in den letzten vier Jahren gelernt, waren ein Warnsignal, ein hail mary pass, ein Hilferuf meines Hirns und Körpers. Sie waren ein letztes, überdeutliches Signal, dass ich Hilfe brauchte. Diese Hilfe habe ich mir in den letzten vier Jahren gesucht, und es geht mir deutlich besser, aber ich brauche noch immer Hilfe, und werde sie in irgendeiner Form wohl für den Rest meines Lebens brauchen.

Ich war also 23, als ich mir eingestand, dass es so nicht weitergehen konnte. Es brauchte dafür eine Art Kapitulationserklärung meines Körpers gegenüber meinem Kopf; es brauchte das Gefühl von Todesangst; es brauchte einen Notfall. Dabei wusste ich eigentlich seit ich, keine Ahnung, 6 oder so war, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Wutausbrüche, die ich als Kind hatte, waren meinem jetzigen Psychiater zufolge das erste Symptom einer Krankheit, die mich mein ganzes Leben begleitet hat. Aber ich habe damals nicht die Hilfe bekommen, die ich brauchte, weil mir nie jemand gesagt hat, dass es okay ist, zu sagen, dass man Hilfe braucht, und weil meine Eltern genauso wenig von der Sache verstanden wie ich. Ich hab das schonmal irgendwo geschrieben, aber “Depression” war bei uns auf’m Dorf eines dieser Worte, die man nur flüsternd aussprach, wie “schwul”. Es war ein Thema, mit dem niemand so recht umzugehen wusste, also sprach man es gar nicht erst an.

Über die Jahre habe ich wegen meiner Depression und meiner Angststörung Freunde verloren, Jobs; habe ich Selbsthass entwickelt, und nie die Sozialkompetenzen, die man als funktionaler, erwachsener Mensch braucht.

Und das ist der Punkt meines heutigen Oversharings: Wenn man eine psychische Krankheit so lange unbehandelt, unidentifiziert lässt, ist sie frei, sich auszubreiten, einem selbst und allen Menschen um einen herum schwer zu reparierenden Schaden zuzufügen. Sie in den Griff zu bekommen, kostet Energie, Mut, und vor allem: Zeit. Je länger man wartet, desto schwieriger ist es, desto verhärterter sind die dysfunktionalen Verhaltensmuster, die man entwickelt, desto mehr hat man die toxischen Gedanken, die man als psychisch kranker Mensch oft entwickelt (“Ich habe es nicht anders verdient”) verinnerlicht.

Wenn ihr also selbst den Verdacht habt, an einer psychischen Krankheit zu leiden: Wartet nicht auf einen Notfall. Es ist okay, nicht okay zu sein; es ist nicht nur okay, es ist cool, mutig, um Hilfe zu bitten. Wenn ihr glaubt, dass jemand in eurem Leben an einer psychischen Krankheit leidet – gebt ihm das Gefühl, dass ihr für ihn da seid, dass er sich euch öffnen kann, dass er keine Last für euch ist (auch, wenn er es manchmal ist).

Sucht euch die Hilfe, die ihr braucht – heute, nicht morgen – und hört zu, wenn andere euch um Hilfe bitten.

P.S: Ein Newsletter der Deutschen Post sagt mir soeben, dass gestern auch ein wichtiger Tag war, nämlich “Weltposttag”, was ich bezaubernd finde, denn dass dieser Newsletter heute kommt, zeigt, dass die Post selbst den Weltposttag vergessen hat. Also, ähh, schreibt mal wieder einen Brief oder so.

P.P.S: Die Nummer der Telefonseelsorge ist 0800 111 0 111.

Unterstütz mich auf Patreon und erhalte Zugang zu exklusiven Bonus-Inhalten!

    Ich bin Autor & Podcaster. Meine Texte sind unter anderem bei GIGA, moviepilot, ze.tt und Tor Online erschienen. Ich moderiere die Podcasts Per Anhalter Durchs Multiversum und Der Perser & die Schwedin.


    2 comments
    1. So wahre Worte und so wichtig, sie auszusprechen! Ich bin im Nachhinein unglaublich froh, dass ich gleich mit Aufkeimen meiner Angsterkrankung erst zum Hausarzt und dann gleich zu meiner Therapeutin marschiert bin (auch wenn es mir damals noch peinlich war, denn... Vorurteile eben). So schnell eingegriffen zu haben - das ist sicher auch einer der Gründe, weshalb ich heute so gut mit der Erkrankung zurechtkomme.

      • Sebastian

        Danke für deinen Kommentar und schön, dass du so schnell Hilfe gefunden hast :)

    Leave a comment

    Your email address will not be published. Required fields are marked *