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The Big Sick: Es gibt nichts Romantischeres als Figuren, die übereinander lachen

23rd November 2017

Ist euch schonmal aufgefallen, dass in Filmen nie etwas lustiges passiert? Also, viele Filme haben durchaus lustige Szenen, also Momente, die für den Zuschauer lustig sind; aber in-universe – diegetisch, wenn ihr es prätentiös mögt – ist in Filmen meist nichts lustig: Wenn eine Figur etwas Lustiges tut oder sagt, lachen die anderen Figuren nicht darüber. Jedenfalls nicht außerhalb einiger eng abgesteckter Parameter: die Frau in einer Rom-Com, ein kurzes, niedliches Kichern, und dann die Strähne hinters Ohr streichen, um zu zeigen, dass sie ihn attraktiv findet; die Sitcom-Familie am Ende der Episode, kurz vor dem Freezeframe, oder die Actionhelden, die sich nicht ausstehen konnten, aber zusammen durch die Hölle gegangen sind und so zu Brüdern wurden. Oft sagen Figuren auch nur, dass sie etwas lustig finden: That’s actually pretty funny.

Wir alle lieben Dead-Pan-Humor. Wir alle wissen, dass John Cleese der wahrscheinlich beste komische Schauspieler aller Zeiten ist, weil er nie Comedy spielt, sondern selbst lächerlichste Rollen und Situationen ernst nimmt. Viele Actionfilme, oder Komödien wie, sagen wir, Wet Hot American Summer oder Zoolander (nicht zufällig zwei meiner Lieblingsfilme) kreieren eine überhöhte Realität – eine, in der Helden für jede Situation einen coolen, offensichtlich geschriebenen One-Liner parat haben, oder in denen jede Dialogzeile eine eigene kleine, surreale Parallel-Welt erschafft; wenn irgendeine Figur in solchen entrückten Universen ein Verständnis des Konzepts “Humor” hätte, würde die ganze Realität des Films zusammenbrechen.

Aber dann sind da halt auch Filme, die wollen, nun, echt sein; grounded. Filme, in denen wir an den Beziehungen der Figuren interessiert sein sollen; in denen wir emotional involviert sein, die Figuren als unsere Freunde wahrnehmen sollen – mit ihnen lachen, statt über sie, um eine etwas überstrapazierte Line noch etwas weiter zu strapazieren. Und hier, in der echten Welt…nun, grundsätzlich machen die Rom-Com-Protagonistinnen und Actionhelden es schon richtig: Lachen ist mehr als ein Reflex, es ist ein essentielles Element zwischenmenschlicher Kommunikation – Lachen bedeutet etwas. Nur nutzen wir es im echten Leben viel öfter, subtiler, komplexer als es gewöhnlich im Film dargestellt wird. Lachen, im echten Leben, ist kein Plotpoint, nichts, was man zu besonderen Gelegenheiten rausholt, mehr ein unverzichtbares Element unserer (gesprochenen) Sprache, so wie die “Ähms” und “Mhmmms”, mit denen wir die Löcher in der Sprache kitten. Wann wir lachen, wie wir lachen, mit wem wir lachen, wann wir nicht lachen, all das verrät uns etwas über unsere Beziehungen und Gefühle. Wenn also eine Beziehung in einem Film fast gänzlich ohne Lachen auskommt, fällt es mir schwer, emotional in sie zu investieren.

The Big Sick ist unter vielen Gesichtspunkten ein besonderer Film – als Mainstream-Rom-Com mit einem pakistanisch-amerikanischen Star, und als eine, die ihrer weiblichen Hauptrolle ungewöhnlich viel agency gibt, obwohl diese für weite Teile des Films nicht einmal bei Bewusstsein ist; als ein Film, der a) auf einer wahren Geschichte basiert und dessen Hauptfigur b) eine lebensbedrohliche Krankheit hat, aber der kein based on a true story oder [Krankheit]-Film ist; als der Film, der uns die beste Performance von Holly Hunter seit Broadcast News schenkt (und fuck, habe ich diese Holly Hunter vermisst). Und The Big Sick ist auch etwas Besonderes als ein Film übers Lachen.

The Big Sick ist ein Film über einen Standup-Comedian (Kumail Nanjiani), geschrieben von einem Standup-Comedian und einer Comedy-Autorin (Nanjiani & seine Frau Emily V. Gordon). Kumails Standup-Performances, und die Reaktionen darauf, nehmen entsprechend, wie in jedem Standup-Film, jeder Standup-Serie, eine ähnliche Rolle ein wie die Songs in einem Musical: Die anfänglichen Nummern etablieren Kumail als Figur – ein ums Überleben kämpfender Standup-Comedian, talentiert, aber leidlich erfolgreich, sympathisch, aber ein Bisschen missverstanden; entsprechend gibt es wohlwollende, aber nicht frenetische Lacher. Dann, gegen Ende, kommt die Standup-Version eines I Want…-Songs – die Nummer, in der die Hauptfigur ihre tiefsten Emotionen, Wünsche und Ängste offenbart; hier lacht, natürlich, keiner. Und dann sind da Kumails Freunde, ebenfalls Comedians, ihre unterschiedlichen Stile und die unterschiedlichen Lacher, die sie hervorrufen – wie die Unterschiede im Flow der Founding Fathers in Hamilton1Hippe Referenz! Please like me!: Chris (Kurt Braunohler), mit seinen seltsam konzeptionellen Bits, hat nur die schüchternen Lacher der Nerds auf seiner Seite; CJ (Bo Burnham) sitzt in bester Marc-Maron-Tradition auf einem Barhocker und redet über seine Beziehung, aber mit pseudophilosophischem Anstrich – viel demonstratives Lachen also; bei Sam (Ed Herbstman), mit seinem populistischen Catchphrase-Humor, lachen alle, sogar die, die eigentlich kein Interesse an Comedy haben und nur mal sehen wollten, “wie das so ist”, in einem Comedy-Club.

Das ist alles Standard für einen Standup-Film in einer Post-Seinfeld-, Post-Louie-2Nein, ich will grad auch nicht an Louie denken, aber ist halt nicht unwichtig für dieses Sub-Genre., Post-Funny-People-Welt. Aber auch abseits der Bühne nutzt The Big Sick Lachen konsequent als Stilmittel, als wichtiges Signal, mit dem die Figuren dem Zuschauer und einander Informationen über ihre Beziehungen vermitteln und ihre Emotionen offenbaren.

Wenn Kumail abseits der Bühne mit Chris, CJ und Mary (Aidy Bryant) rumhängt, ist er nicht “der witzige”, sondern der, der sich zurücklehnt und lacht über die Sticheleien und Albernheiten seiner Freunde. Das sagt uns etwas über Kumail als Figur, und es macht die Beziehung zu seinen Freunden glaubhafter: Ich habe mich in Filmen im Standup-Milieu oft gefragt, warum diese Menschen Zeit miteinander verbringen, wenn sie sich die ganze Zeit nur beleidigen – hier aber wirkt das shit talking weniger gemein, weil deutlich ist, dass Kumail es witzig findet. Es ist ein überraschend seltenes Vergnügen, im Film Freunde zu sehen, die tatsächlich Spaß miteinander haben, die gerne Zeit miteinander verbringen.

Bald trifft Kumail auf Emily (Zoe Kazan), und alles, was man über diese zentrale Beziehung des Films wissen muss, erfährt man, wenn man sich anschaut, welche Rolle Humor und Lachen für die beiden spielt, und wie sich ihr Umgang damit im Laufe des Films entwickelt. Die beiden treffen aufeinander, als Emily Kumails Standup-Set mit einem irgendwie positiven, aber, wie Kumail es sich nach der Show nicht nehmen lässt, zu erklären, unangemessen Zwischenruf unterbricht. Kumail, speaking of “irgendwie positiv, aber unangemessen”, probiert dann eine semi-bewährte Pick-Up-Line an Emily aus. Aber erst, als Emily ihn zum Lachen bringt, hat er echtes Interesse an ihr als Person.

Humor und Lachen ist es also, was die beiden zusammenbringt, und im Laufe ihrer Beziehung spielt es eine große, sich verändernde Rolle: Zu Beginn kaschiert Kumail mit Humor seine Unsicherheit über die weniger vorzeigbaren Aspekte seines Lebens – seine ärmliche Wohnung, mit einer aufblasbaren Matratze als Bett, seinen Nebenjob als Uber-Fahrer: wenn Emily darüber lacht, kann sie nicht mehr entsetzt sein; später tut Emily dasselbe mit den Teilen ihrer Vergangenheit, die, so fürchtet sie, Dealbreaker für eine Beziehung sein könnten, vor allem die Tatsache, dass sie schon einmal verheiratet war. Und vom Anfang ihrer Beziehung bis zum abrupten Ende ist es einer der Gründe, warum Emily und Kumail einander attraktiv finden: weil sie einander zum Lachen bringen. Das ist ein noch selteneres Vergnügen im Film: ein Paar zu sehen, das Spaß miteinander hat – dabei gibt es eigentlich wenig Romantischeres, oder?

Wenn die beiden also mal nicht übereinander lachen, bedeutet das etwas: Als Emily herausfindet, dass Kumails Familie ihn mit einer pakistanischen Frau verheiraten will, funktioniert die übliche Strategie der beiden, Unsicherheiten und Hindernisse für ihre Beziehung mit Humor zu überwinden, nicht mehr – das hier ist ein echter Dealbreaker. Und dann, nachdem Emily ins Koma fällt, er realisiert, dass die Beziehung zu ihr ihm wichtiger ist, als die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen, und sie wieder aufwacht, will Kumail an die besten Zeiten ihrer Beziehung anschließen, indem er versucht, Emily zum Lachen zu bringen. Aber Emily hat Kumails Entwicklung nicht bewusst miterlebt, und kann die Beziehung nicht da fortsetzen, wo sie aufgehört hat. Und dass etwas zwischen den beiden kaputt gegangen ist, spüren wir, als Emily aufhört, über Kumails Witze zu lachen – sie sagt sogar, I don’t find you funny anymore, und erinnert damit, wahrscheinlich nicht ganz zufällig, an das angesprochene That’s actually pretty funny.

Umgekehrt entwickelt sich Kumails Beziehung zu Emilys Eltern, die er kennenlernt, als sie sich während Emilys Koma im Krankenhaus treffen. Emily teilt alles mit Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano), sodass die beiden ihn als jemanden sehen, der ihre Tochter hintergangen hat, als Eindringling in ihrem Leben; dass Kumail, nun, aussieht, wie er aussieht, macht es Beth und Terry nicht leichter, ihn zu akzeptieren. Diese anfänglichen Spannungen äußern sich nicht zuletzt darin, dass Beth und Terry Kumail nicht lustig finden, ihn auflaufen lassen, wenn er versucht, die auf mehreren Ebenen unangenehme Situation mit Humor zu entschärfen. Der Wendepunkt kommt, wenn die drei sich zusammen betrinken, und Kumail und Beth über Terrys auf sehr lustige Art unlustige Witze lachen, und viel deutlicher kann der Film nicht machen, als wie essentiell er Humor für eine erfolgreiche Beziehung sieht.

Ähnlich essentiell ist es in den Szenen, in denen Kumail seine eigene Familie besucht: Dass Kumail, seine Eltern (Anupam Kher und Zenobia Shroff) und Geschwister zusammen lachen, trägt entscheidend dazu bei, dass wir als (westlich sozialisierte) Zuschauer aufhören, sie als Eine Muslimische Familie und anfangen, sie als spezifische Figuren zu sehen.

Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber für mich ist ein gemeinsamer Humor ein entscheidendes, vielleicht das entscheidende Kriterium für jede Art von Beziehung in meinem Leben – bring mich zum Lachen (und lach über mich), und ich mag dich. Mehr als das, es ist eine der wichtigsten Arten für mich, mit den Menschen in meinem Leben zu kommunizieren: Ich nutze Humor, um Menschen aufzuheitern, um meine Unsicherheiten zu kaschieren, um meine Ängste und Sorgen in einer (halbwegs) sozial verträglichen Art offenzulegen. Denkt darüber nach, wie oft ihr am Tag lacht, und aus wie vielen unterschiedlichen Gründen – weil etwas wirklich Lustiges passiert; um jemandem zu zeigen, dass ihr ihn gern habt, oder ihn nicht zu verletzen; weil ihr nicht wisst, was ihr sonst sagen sollt -, und ihr erkennt, wie essentiell Lachen für unsere Kommunikation, unser Zusammenleben ist. Lachen entwaffnet unser Gegenüber, es humanisiert uns, bindet uns aneinander.

Eine romantische Komödie, um nochmal ein Bisschen prätentiös zu werden, ist immer ein Film über Kommunikation. Wenn das zentrale Paar sich am Ende des zweiten Akts trennt, ist es fast immer Ergebnis einer Fehlkommunikation, und was die Hauptfigur tun muss, um den Partner zurückzugewinnen, ist, all die Dinge, die bisher im Subtext mitschwangen, endlich auszusprechen. The Big Sick ist sich dieser thematischen Verbindung bewusst, und konzentriert sich mit dem Lachen auf einen Aspekt zwischenmenschlicher Kommunikation, der in Filmen oft unter- und fehlrepräsentiert ist.

Davon ab ist Figuren übereinander lachen zu lassen schlicht ein effektives erzählerisches Werkzeug, das zu viele Filme unbenutzt lassen. Wie Linda Holmes einmal über die britische Rom-Sitcom Catastrophe geschrieben hat: Die Figuren übereinander lachen zu lassen löst ein Problem vieler Beziehungskomödien, nämlich “ihre Tendenz, sich transaktional anzufühlen”. Ihre Figuren würden ihre Beziehung oft eher performen als zu leben, Szenen seien streng einem emotionalen Beat zugeordnet – das ist die spielerische, witzige Szene, das ist der Streit, das ist die Szene, in der die Figuren sich verlieben. In Catastrophe, und in The Big Sick, pendeln Szenen unvorhersehbar zwischen Stimmungen und Emotionen, und das hat viel damit zu tun, wie Film und Serie Humor einsetzen: Streitszenen werden aufgebrochen durch leichtere Momente, wenn eine Figur nicht anders kann, als über die andere zu lachen; oder wir spüren die Schwere eines Moments, gerade weil diesmal nicht gelacht wird.

Wenn Figuren über dieselben Dinge lachen wie wir als Zuschauer, gibt uns das das Gefühl, dass wir selbst Teil der Beziehungen der Figuren sind. Wir folgen den Figuren überall hin, wenn wir glauben, etwas mit ihnen zu teilen – einen gemeinsamen Humor. Filmemacher, die dieses Werkzeug zu nutzen wissen, können glaubhaftere Beziehungen kreieren, den Zuschauer stärker involvieren, und haben so die Chance, so manches ansonsten sperrige Thema in einen Film zu schmuggeln, ohne das Publikum vor den Kopf zu stoßen – wie eine Hauptfigur, die für weite Teile des Films im Koma liegt, oder eine Familie, deren Kultur dem anvisierten Publikum fremd ist.

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    Ich bin Autor & Podcaster. Meine Texte sind unter anderem bei GIGA, moviepilot, ze.tt und Tor Online erschienen. Ich moderiere die Podcasts Per Anhalter Durchs Multiversum und Der Perser & die Schwedin.


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