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I’m still here, but all is lost: Suizidgedanken…-gedanken (Triggerwarnung!)

29th November 2017

Triggerwarnung: Dieser Text beschreibt explizit – und enthält Witze über – Suizidgedanken sowie ein paar traumatische Situationen in meinem Leben und enthält die ein oder andere Formulierung, die ich in einem weniger persönlichen Text zum Thema eher vermeiden würde. 

Oh, und: Keine Sorge, ich bin okay. Dieser Text ist kein Hilferuf. Ich teile lediglich meine Erfahrungen, in der Hoffnung, dass der ein oder andere sich nachher vielleicht ein Bisschen weniger allein fühlt. 

And I’d never do it, but it’s not a joke/I can’t tell the difference when I’m all alone
Julien Baker

Als ich zum ersten Mal an Suizid denke, bin ich 6, 7, vielleicht 8 Jahre alt. Ich bin im Urlaub mit meiner Familie – das ist normal, zu der Zeit habe ich selten ohne meine Familie Urlaub gemacht. Ich habe mich mit meinem Bruder gestritten, und daraus wurde ein apokalyptischer Familienkrach – auch das ist normal: Die rationale Reaktion darauf, dass ihre 6, 7, 8jährigen Kinder sich streiten, war für meine Eltern, dass mein Vater drohte, die Familie zu verlassen, weil er mich “nie wieder sehen” wolle, und meine Mutter drohte, sich umzubringen, weil sie ohne meinen Vater nicht mit mir klarkomme1Manchmal kritzelte sie schnell ein paar Zeilen auf ein Post-It und hielt es hoch, als ihren “Abschiedsbrief”, und was soll ich sagen, ich bewundere ihr prop work und ihr commitment für die Rolle.. Wir sind also in der kleinen Küche unserer Ferienwohnung im Schwarzwald. Meine Mutter sitzt auf der Eckbank und hält meinen weinenden Bruder im Arm, mit all der Liebe, die nur eine Mutter für ihr Kind aufbringen kann. Ich – ebenfalls, you know, ihr Sohn, ebenfalls blutsverwandt – stehe in der Mitte der Küche und starre sie an. Und dann sagt meine Mutter, Dein Bruder leidet am meisten darunter, dass es dich gibt, und dann – wir erinnern uns: ein Streit mit meinem Bruder ist der (angebliche) Auslöser für die ganze Performance – überlege ich, ganz kühl und rational, wie ich das ändern könnte: dass es mich gibt. In manchen Dingen bin ich durch und durch Pragmatiker.

Letztens habe ich an Suizid gedacht, weil mir ein Glas Nutella aus der Hand gerutscht ist und den Küchenboden versaut hat. Anstatt zur Küchenrolle zu greifen, brach ich heulend auf dem Küchenboden zusammen, und überlegte, ob das Schmiermesser in meiner Hand reichen würde, um mir die Pulsadern aufzuschneiden. Der Gedanke daran, sich die Pulsadern langsam aufzusägen, wie man ein Brötchen aufschneidet, hat mich immerhin ein Bisschen aufgeheitert.

Meine Eltern haben diesen Nachbarn, dessen Lösung für alles “Styrodur” ist. Als ich ein Teenager war, war ich an der Organisation einer Dorf-Party beteiligt – wir hatten ja nichts! -, und dieser Nachbar wollte einfach sehr, sehr gerne in irgendeiner Form Styrodur benutzen2Styrodur ist etwas solideres Styropor. Die Deko machten wir aus Styrodur. Wenn etwas kaputt ging, konnten wir es reparieren – alles, was wir brauchten, war ein Prittstift und ein Bisschen Styrodur.

Ich bin genauso, nur mit Suizid. Wenn ich ein Problem habe, schlägt mein Hirn als erste Lösung Suizid vor. Wenn ich ein Glas fallen lasse, oder ein Bisschen Wein verschütte? Schätze, ich muss mich umbringen. Wenn ich etwas Dummes sage, etwas, das der Gesprächspartner wahrscheinlich 5 Sekunden später vergessen hat? Pulsadern aufschneiden, sofort3Aus irgendeinem Grund geht mein Hirn immer zu dieser spezifischen Methode, obwohl ich so schmerzempfindlich bin, dass ich bis heute am liebsten bei jeder Blutabnahme die Hand meiner Mutter halten würde. Eigentlich bin ich viel eher der Zwei Flaschen Rotwein und eine Familienpackung Schlaftabletten-Typ.! Ich habe heute Abend zu viel Spaß4Ich bin katholisch aufgewachsen und halte Spaß für unmoralisch.? Morgen früh nehme ich eine Pille für jedes Bier, das ich heute getrunken habe.

Suizid ist für mich immer griffbereit, fällt mir immer wieder in die Hände, wie diese Schrauben in IKEA-Packungen, bei denen man nicht weiß, wofür sie gut sind, aber die man 10x in die Hand nimmt auf der Suche nach denen, die man gerade braucht. Es war eine einfachere Lösung für meine Eltern, mit Suizid zu drohen, anstatt sich wirklich damit zu beschäftigen, was wirklich hinter unseren Familienstreits steckte, und so scheint es heute auch für mich wie die einfachste Lösung für so ziemlich jedes denkbare Problem. Es ist eine Fantasie, in die ich mich, das muss ich zugeben, hin und wieder ganz gerne flüchte – all die dummen Dinge, die ich tue, all meine Fehler, sind bedeutungslos, wenn ich mich morgen sowieso umbringe.

Das Ding mit Fantasie ist halt: Sie bleibt genau so lange Fantasie, bis sie es nicht mehr ist. Die besten Ideen der Welt, und die dümmsten, begannen mit wilden Fantasien. Den Unterschied zu erkennen zwischen einer Fantasie und einem ernsthaften Warnsignal ist eine der großen Herausforderungen in der Navigation meiner Depression. Wahrscheinlich gab es Abende, da hat meine Mutter ernsthaft wegen mir an Suizid gedacht – ob man das seinem 6, 7, 8jährigen Sohn dann auch so sagen muss, darüber kann man streiten.

Auf eine perverse Art, glaube ich manchmal, hat mir die saloppe Art, mit Suizid umzugehen, die meine Familie mir beigebracht hat, das ein oder andere Mal sogar geholfen. Der Nutella-Vorfall, wie wir es von jetzt an nennen wollen, war lächerlich, aber er war auch ehrlich furchteinflößend: Der Gedanke, dass ein simples Missgeschick mich so nah an den Abgrund bringen kann, wenn der Tag, an dem es passiert, nur grau und kalt genug ist, hätte eine ernsthafte Krise auslösen können, hätte ich Suizid nicht ohnehin seit meiner Kindheit als ein Damoklesschwert gesehen, dass über jedem Tag hängt, mit dem man sich halt irgendwie arrangieren muss.

Manchmal, allerdings, ist es auch einfach scheiße. Es ist schwer, das Menschen, die nicht mit Suizidgedanken leben, greifbar zu machen, aber versuchen wir es mal so: Ihr wisst doch, wie ihr, grundsätzlich, davon ausgeht, dass ihr überlebt, oder? Also, wenn ihr heute einfach so dasitzen würdet, und wartet, bis es morgen ist, würdet ihr unter der Prämisse arbeiten, dass es wirklich ein Morgen gibt. Nun, wenn man Suizidgedanken hat, heißt das nicht unbedingt, dass man nicht mehr leben will. Man hält nicht mehr leben nur für die viel einfachere, und viel wahrscheinlichere Option. Überleben scheint nicht mehr der Standard zu sein, sondern etwas, das man sich erarbeiten muss. Es fühlt sich so an, als müsste man, um bis morgen zu überleben, nicht einfach, naja, warten, sondern sich aktiv anstrengen, am Leben zu bleiben. Und dann fragt man sich halt, ob es die ganze Anstrengung wert ist.

Der Babadook meiner Suizidgedanken ist ein ständiger Mitbewohner im Keller meines Verstands – ich füttere ihn täglich, und hin und wieder muss ich ihn rauslassen. Manchmal, langsam ein Bisschen öfter, gelingt es mir, das auf gesunde, gesellschaftlich verträgliche Art zu tun, indem ich Freunden anvertraue, dass ich heute Abend nicht allein sein kann. Und manchmal lasse ich ihn doch noch zu lange eingesperrt, und dann kommt er von selbst raus, in nicht immer günstigen Momenten – beim Warten auf die Ubahn, mit neuen Bekanntschaften, reiße ich Witze darüber, wie einfach es wäre, sich vor den nächsten Zug zu werfen5Wusstet ihr, dass Zugführer die Anweisung haben, im Falle von Menschen auf den Schienen nicht zu bremsen, sondern die Jalousien runterzuziehen und wegzuschauen? Das Geräusch, das ihr gerade gehört habt, war die Ejakulation tausender Creative Writing- und Drehbuch-Studenten, die noch nach einer Metapher gesucht haben, mit deren Hilfe die freigeistige junge Frau den traurigen jungen Mann zurück ins Leben bringen kann.; ich schreibe einen selbstmitleidigen, leidlich lustigen Tweet und missbrauche meine 600 Follower als Hive-Mind-Therapeuten6Geschätzt sind 350 dieser Follower Bots, und irgendwie hat das was geil-dystopisches, seinen Therapeuten durch eine Horde von Robotern zu ersetzen.; ich trinke eine ganze Flasche Wein und fantasiere über meinen Abschiedsbrief: Ich bin Autor, das geilste an Suizid war für mich immer, dass man diesen einen Text schreiben darf, den alle deine Freunde und Familie lesen wollen werden, der ihnen allen irgendwie etwas bedeuten wird7Eins der Dinge, die mich in solch düsteren Momenten doch davon abhalten, meine Gedanken in die Tat umzusetzen, ist die Logistik der Sache: Ich habe eine furchtbare Handschrift, und den Gedanken daran, wie meine Familie die Köpfe zusammensteckt, um meinen Abschiedsbrief zu entziffern, finde ich furchtbar würdelos. Aber eine elektronische Variante ist ja jetzt auch nicht das wahre, oder? Welchen Dateinamen soll man dafür wählen, “abschied.txt”? “suizid.doc”? Was, wenn niemand die Datei auf meinem unaufgeräumten Desktop findet?. Einmal – nur einmal – habe ich den Babadook auch zu lange mit Gewalt zurück in den Keller geschoben, bis er irgendwann ausbrach und, blutdürstig, auf jemand Unschuldigen losging: Ich habe meine Gefühle zu lange vor mir und den Menschen in meinem Leben verheimlicht, und dann mit Suizid gedroht. Ich schäme mich aus vielen Gründen dafür: weil ich Menschen verletzt habe, weil ich eine unangenehme professionelle Situation zu ernst genommen (und mir dadurch die ein oder andere Chance verbaut) habe, und nicht zuletzt, weil es so vorhersehbar war – man will doch eigentlich derjenige sein, der aus dem cycle of abuse ausbricht.

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Text beenden soll. Texte über psychische Krankheiten enden normalerweise damit, dass der Autor seine Krankheit endlich in den Griff bekommen oder gar überwunden hat, und das hat seinen Wert – die meisten meiner Texte über dieses Thema enden so. Aber manchmal hat es auch seinen Wert, zu sagen: Die Dinge sind so, wie sie sind, und damit kann man entweder leben, oder halt nicht. Dieser Text hat also kein Ende. Eher einen Fade-Out, wie ein Song, der in drei Minuten passen muss, aber, das ist die Implikation, heimlich immer weiter geht. Das ist immer ein Bisschen unbefriedigend, aber alles in allem ist es die beste Version dieser Geschichte, die ich mir vorstellen kann.

Wenn ihr oder jemand, den ihr kennt, Suizidgedanken habt, bleibt damit nicht allein. Sucht euch Hilfe bei Freunden, Familie oder Therapeuten. Unter 0800 111 0 111 erreicht ihr die (kostenlose) Telefonseelsorge. Meine Twitter-DMs sind auch offen.

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    Ich bin Autor & Podcaster. Meine Texte sind unter anderem bei GIGA, moviepilot, ze.tt und Tor Online erschienen. Ich moderiere die Podcasts Per Anhalter Durchs Multiversum und Der Perser & die Schwedin.


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