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Saved For Later Januar 2018: Imposter Syndrome (Patreon-Kolumne)

Saved For Later Januar 2018: Imposter Syndrome (Patreon-Kolumne)

Saved for Later ist meine Kolumne exklusiv für Patreon-Unterstützer. Inspiriert von Todd VanDerWerffs Episodes-Newsletter und Nick Hornbys Kolumne Stuff I’ve Been Reading im Believer-Magazin, soll diese Kolumne Unterstützern einen Blick hinter die Kulissen geben, einen Eindruck davon, worüber ich im letzten Monat so nachgedacht habe, und was es (noch) nicht in einen Text oder ein Video geschafft hat. Idealerweise geht ihr aus der Nummer raus mit a) Hintergrundinfos zu meiner Arbeit und einem Vorgeschmack darauf, was euch in naher Zukunft so von mir erwartet, und b) der ein oder anderen Anschau-, Anspiel- oder Leseempfehlung.

Diesmal: Ein persönlicher Rückblick auf meine Arbeit 2017, meine Pläne für 2018 und zwei Stücke älterer Popkultur, die ich letztes Jahr für mich entdeckt habe und die mich nicht losgelassen haben.

Habt ihr schonmal vom imposter syndrome gehört? Bestimmt habt ihr euch schonmal so gefühlt: Ihr seid, sagen wir, auf einer Party, und plötzlich fangen die Menschen um euch herum, die, sagen wir, alle denselben Job haben, den ihr nicht habt, an, über ebendiesen Job zu reden, und ihr denkt, ich sollte jetzt gerade nicht hier sein; ich gehöre nicht dazu. Das ist erstmal ein normales, menschliches Gefühl; aber es kann pathologisch werden, und dann heißt es imposter syndrome – das konstante, hartnäckige Gefühl, ein Eindringling, ein Betrüger zu sein, sich seine Position, beruflich oder privat, nicht verdient zu haben.

Ich kann ich mich an keinen Moment in meinem Leben erinnern, in dem ich mich nicht so gefühlt hätte. Wenn ich mit Freunden rumhänge, habe ich Angst, dass ich ihnen auf die Nerven gehe; neue Leute kennenlernen fühlt sich an wie eine Prüfung; und, vor allem: Ich hinterfrage ständig, ob ich ein “Recht” habe, den Beruf durchzuführen, für den ich mich entschieden habe. Mit jedem neuen Text frage ich mich: Darf ich das – darf ich eine Meinung zu diesem Thema haben? Will das jemand lesen?

Damit habe ich so manche berufliche Chance verspielt. In meinem Berufsfeld ist es wichtig, seine Arbeit anzupreisen, sich zu verkaufen, wie meine Mutter sagt – wahrscheinlich ist es sogar wichtiger als tatsächlich, nun, schreiben zu können.

Mein imposter syndrome hat Gezeiten: Manchmal zieht es sich zurück, ist immer noch da, aber weiter weg, flacher, gibt mir noch Raum zum Stehen; manchmal überschwemmt es mich, und ich kriege kaum Luft unter all den Selbstzweifeln. Die letzten Monate waren so eine Flut-Zeit. Derzeit traue ich mich nichtmal, meine Texte (wenn ich sie denn überhaupt veröffentliche) auf meiner privaten Facebook-Seite zu posten, geschweige denn öffentlich, auf Twitter, geschweige denn, sie potentiellen Abnehmern anzubieten1Fun fact: Dieser Text ist seit, was, 10 Tagen fertig, aber ich habe mich noch nicht getraut, ihn zu veröffentlichen..

Ich muss ein Bisschen lernen, meine Arbeit wieder gut zu finden; gestattet mir also ein Bisschen (semi-)öffentliche Therapiearbeit.

Letztes Jahr habe ich nicht viel veröffentlicht; das liegt an den üblichen Faktoren – Prokrastination, Depression, Selbstzweifel -, aber auch daran, dass ich mit größeren Projekten zu tun hatte. Was ich aber veröffentlicht habe, und das ist mir erstmal wichtiger als ein hoher Output, gefällt mir noch immer gut – das war nicht immer so: Einen Großteil meiner veröffentlichten Texte habe ich schnell wieder gelöscht.

Auch mit der thematischen Bandbreite bin ich zufrieden. Ein paar Jahre lang habe ich mich darauf reduziert, (fast) ausschließlich über Filme zu schreiben, und war nie so richtig glücklich damit: Ich habe angefangen als Blogger, der über alles schrieb, was ihn interessierte, aber irgendwann setzte sich, siehe oben, der Gedanke fest, dass ich kein Recht hätte, über irgendetwas zu schreiben als das eine Gebiet, in dem ich (ein Bisschen) professionelle Anerkennung gefunden hatte. Dieses Jahr habe ich wieder über die Dinge geschrieben, die mich wirklich interessierten, und auch, wenn es das nicht leichter macht, meine personal brand2Ugh. zu etablieren, bin ich glücklich damit.

Mein grober Plan für 2018 lautet also: more of the same. Wer mir nur für Filmkram, oder nur für Videospielkram, oder nur für Mental-Illness-Kram folgt, den mag das enttäuschen, aber ich habe nicht vor, mich dieses Jahr mehr festzulegen – eher im Gegenteil. Dennoch freue ich mich natürlich über Kritik, Wünsche und Anregungen.

Und ein paar thematische Schwerpunkte habe ich doch im Kopf: Möglichst früh im neuen Jahr möchte ich eine Videoreihe starten, die ich schon seit langem im Kopf habe. Es geht um gutes Fernsehen vor dem sogenannten “Golden Age of TV”, und den Auftakt soll eine Folge über Cheers machen. Daneben möchte ich ein paar lose zusammenhängende Videos über Storytelling-Theorie machen, angefangen mit einem über Dan Harmons Storycircle. Lasst mich gerne wissen, welche Idee euch eher interessiert.

Was steht in näherer Zukunft3Haha. an? Als Breath of the Wild erschien, habe ich schon ein Bisschen an einem Essay über Nintendo Obsession mit Bewegung gearbeitet, war aber nicht so richtig zufrieden mit dem Endergebnis; nach Mario Odyssey allerdings habe ich Grund, das Thema nochmal anzugehen; und zu Getting Over It With Bennett Foddy wollte ich eigentlich auch noch was machen.

Oh, und die Tage habe ich, leicht angetrunken, ein erstes Outline für einen Essay über das Gesamtwerk der McElroy-Brüder geschrieben, und wenn ich für irgendetwas in diese Welt gebracht wurde, dann dafür, diesen Essay zu schreiben. Dauert aber noch was länger, genau wie mein Stranger-Things-Dings, dessen erster Entwurf absurd umfangreich geworden ist, da muss ich also nochmal ran.

Wie immer sind alle diese Angaben ohne Gewähr. Außer das McElroy-Ding, das kommt irgendwann, und wenn es das letzte ist, was ich tue.


Man soll ja nicht vorschnell ein Urteil fällen, aber manchmal sehe ich den Trailer für einen Film, oder lese eine Kritik zu einem Buch, und weiß, dass dieses Stück Kultur wie für mich gemacht ist: Dass mir Scott Pilgrim vs. the World gefallen würde, wusste ich schon bei den ersten veröffentlichten Stills. Und manchmal – und hier ist der Punkt, wo es vielleicht schwieriger wird, mir zu folgen – höre ich von einem Film oder Buch, und entscheide, dass dieses Stück Kultur so für mich gemacht ist, dass ich es eigentlich schon gar nicht mehr anschauen oder lesen muss. So ging es mir immer mit Philip Pullmans His Dark Materials-Trilogie: Alles, was ich über die Bücher wusste, war, dass sie eine Art Antwort auf die Narnia-Bücher sind, ohne die Jesus-Analogie, dafür mit einem guten Schuss Kirchen- und Religionskritik. Und das reichte mir, irgendwie – schön, dass es sowas gibt, dachte ich, das wäre eigentlich was für mich, aber im Grunde kann ich mir schon selbst ausmalen, wie es aussieht.

Natürlich ist dieser Gedankengang grober Unsinn, und ich bin mir sicher, dass mir so einige schöne Geschichten entgangen sind – zum Beispiel, wie sich herausstellt, Philip Pullmans His Dark Materials. Dank La Belle Sauvage, Pullmans neuem Sequel/Prequel/Sidequel, war die Reihe 2017 wieder im Gespräch, und da ich Weihnachten immer Lust auf ein Bisschen Eskapismus habe, machte ich mich endlich daran, diese popkulturelle Bildungslücke zu schließen – und fand alles, was ich suchte, und viel mehr: Ich bin noch nicht ganz durch, aber Northern Lights (auch bekannt als The Golden Compass), der Auftakt der Reihe, ist eine der unterhaltsamsten, witzigsten, klügsten Abenteuergeschichten, die ich je gelesen habe, und eines der ehrlichsten Porträts von Kindheit diesseits von Stephen King, eines, in dem Kinder nicht nur unschuldig und gewitzt, sondern auch grausam, hämisch und einfach dumm sein dürfen; und, ja, Pullman übt überraschend explizite Kritik an Kirche und organisierter Religion – aber mehr als das zelebriert er ein wissenschaftlich-humanistisches Weltbild, erinnert daran, dass diese Welt, dieses Leben, das einzige ist, das wir bekommen, und wir besser versuchen, im Diesseits Magie und Schönheit zu finden, anstatt auf ein diffuses Jenseits zu hoffen. Ich kann kaum abwarten, den Rest der Geschichte zu lesen.

Aber um nicht nur zum sprichwörtlichen Chor zu predigen, sei hier noch ein anderes, obskureres Stück Popkultur erwähnt, dass ich 2017 für mich entdeckt habe. Auf einen Tweet von Red Letter Medias Jay Baumann hin habe ich an Halloween The Spider Baby von Jack Hill (später bekannt durch Foxy Brown) gesehen. In dieser 1967er Mischung aus Proto-Texas-Chainsaw-Massacre, The Addams Family und obskurer Outsider Art spielt Lon Chaney Jr. (der originale Wolfman), in seiner letzten Performance, den Chauffeur/Haushalter der Merrye-Familie, deren Kinder das Produkt von Inzest sind und daher an einem pseudomedizinischen Syndrom leiden, dass sie, im Grunde, zu mörderischen, kannibalischen Psychopathen macht. Doch Chaneys Bruno hat dem sterbenden Vater der Kinder in die Hand versprochen, sie “nie zu hassen”, und so besteht der Film aus einer Reihe von halb-freiwillig komischen Morden und Chaneys tieftraurigen, verständnisvollen Reaktionen darauf. Der Film entwickelt seinen ganz eigenen, bizarren Charme, irgendwie gleichzeitig albern und tiefmelancholisch, auf eine perverse Weise ehrlich berührend. In einer gerechten Welt wäre dieser Film ein Kultklassiker, so ist es ein Geheimtipp für alle, die bereit sind, sich auf einen Film einzulassen, der zwischen allen Stühlen sitzt – zwischen Trash und Kunst, zwischen (freiwilliger und unfreiwilliger) Comedy und Drama, zwischen ernsthaft schockierendem Horror und billiger Exploitation.

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