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Punching Down: The Disaster Artist, und warum es einen Unterschied macht, wer eine Geschichte erzählt

Punching Down: The Disaster Artist, und warum es einen Unterschied macht, wer eine Geschichte erzählt

Es macht einen Unterschied, wer eine Geschichte erzählt. Theoriefetischisten, die irgendwo im Hinterkopf haben, dass der Autor tot ist, aber nicht wirklich verstanden haben, was das eigentlich heißt, mögen jetzt die Nase rümpfen; aber man braucht nur etwas gesunden Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Theorie, oder zumindest die verbreitete Interpretation davon, Quatsch ist: Als extremes Beispiel, schaut euch diesen Ausschnitt aus Louie an, und merkt, wie anders er sich anfühlt, jetzt, wo wir den Autoren der Geschichte, nun, besser kennen.

The Room ist ein Kultfilm unter Fans von schlechten Filmen – mehr als so schlecht, dass er schon wieder gut ist, fasziniert der Film auf eine sehr ähnliche Weise, auf die auch gutes Autorenkino fasziniert: Er gibt uns, wenn auch eher unfreiwillig, einen Einblick in die faszinierende, komplexe, abgründige Psyche seines Autoren, und trägt dessen unverwechselbare, unnachahmbare Handschrift. Tommy Wiseau, der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller des Films, ist ein Enigma: Bis heute weiß niemand, wie alt er ist, woher er kommt1…wobei er mittlerweile immerhin zugibt, dass er europäische Wurzeln hat, anstatt wie bisher zu behaupten, er und sein seltsamer Akzent stammten aus Louisiana., und woher er das Geld für The Room hatte, angeblich um die 6 Millionen Dollar; ganz zu schweigen von seinen wahren Intentionen hinter seinem bizarren Film: Verarbeitet der Film autobiographische Wunden, oder ist es wirklich nur Wiseaus Idee eines modernen Tennessee-Williams-Stoffes? Und, vor allem: Hat Wiseau überhaupt jemals einen Film gesehen?

Wie auch immer: The Room ist ein Film so bizarr, dass nur ein so bizarrer Auteur wie Wiseau ihn machen konnte – ob das ganze nun im klassischen Sinne “gut” ist, ist da eigentlich irrelevant.

Aber, und dieser Teil der Gleichung wird oft unterschlagen: Wenn man an den, nun, Auffälligkeiten des Films – den Schauspielern, die sich wie Außerirdische benehmen, der amateurhaften Inszenierung und Montage, dem auf eine schmuddelige, 70er-Jahre-Bahnhofskino-Art erotischen und absurd eingängigen2You are my rose/You are my rose/You are my roooooose Soundtrack, den vielen Bildern von Löffeln im Hintergrund jeder Einstellung -, wenn man an all dem vorbeischaut und sich tatsächlich ansieht, was der Film zu sagen hat, dann ist The Room ein ziemlich widerlicher Film: ein Film über einen Typen, der alles hat – einen guten Job, viele Freunde und eine heiße Verlobte -, bevor seine Frau es zerstört, indem sie Sex mit seinem attraktiveren, sympathischeren besten Freund hat, was der Film irgendwie als böswilligen moralischen Fehlschlag verkauft anstatt als natürliche Reaktion, wenn man mit Tommy Wiseau zusammen ist; ein Film, in dem eine Geschichte über häusliche Gewalt als amüsante Anekdote verkauft wird, und in dem die Anschuldigung häuslicher Gewalt eine perfide Waffe der Frau in ihrer Kampagne, den guten Ruf ihres Mannes zu zerstören, anstatt eine unangenehme Realität ist.

Über diesen Aspekt des Films reden wir für gewöhnlich nicht, weil, nun, weil wir wissen, wer die Geschichte erzählt: Tommy Wiseau mag Frauen verachten und nicht zur Selbstreflexion fähig sein, aber am Ende ist er ein einsamer, machtloser alter Mann, eher bemitleidenswert als wirklich gefährlich, und so fällt es leicht, über die unangenehmen Ideen seines Films hinwegzuschauen; es wäre eine andere Geschichte, hätte Wiseau echten Einfluss, wäre The Room ein Film, den irgendjemand ernst nehmen würde.

Greg Sestero, halbfreiwilliger Co-Star des Films und Wiseaus bester Freund, schrieb gemeinsam mit dem Journalisten Tom Bissell ein Buch über seine Erfahrungen am Set des Films, seine Freundschaft mit Wiseau und den Einfluss, den das Phänomen The Room auf sein Leben hatte. Das Buch liefert all die absurden Behind-the-Scenes-Geschichten und Beobachtungen über Wiseaus Exzentrizitäten, die Fans erwartet haben; aber es ist auch ein unerwartet zärtliches Porträt Wiseaus: Obwohl Sestero, anders als Wiseau selbst, früh erkannt – oder, nun, sich eingestanden – hat, dass The Room kein im eigentlichen Sinne guter Film ist, bewundert er seinen Freund für die schiere Willenskraft und das enorme Selbstbewusstsein, die es braucht, um einen Film zu realisieren, und ist dankbar für die Chance, die Wiseau ihm gegeben hat. The Disaster Artist, das Buch, ist Sesteros Versuch, sich seine Geschichte zurückzuholen, dem Narrativ des gescheiterten Schauspielers, der statt in Blockbustern im angeblich schlechtesten Film aller Zeiten landete, ein anderes entgegenzusetzen, nach dem Sestero und Wiseau doch irgendwie dort angekommen sind, wo sie hinwollten, nur eben durch die Hintertür.

Und nun ist da The Disaster Artist, der Film: James Franco adaptiert Sesteros Buch, mit sich selbst als Wiseau und seinem missglückten Klon Bruder Dave Franco als Sestero. Der Film ist eine kompetente, äußerst werkgetreue Adaption von Sesteros Buch – und genau das ist das Problem: Es macht eben einen Unterschied, wer eine Geschichte erzählt.

Was aus Sesteros Perspektive trotzig, hoffnungsvoll wirkte, wirkt aus Francos gönnerhaft: Wenn Sestero sich weigert, seine und Wiseaus Träume vom Hollywood-Stardom als gescheitert zu verbuchen, ist das inspirierend; wenn Franco und seine Autoren, die (500) Days of Summer-Autoren Scott Neustadter und Michael H. Weber, Figuren Dinge sagen lassen wie “selbst der schlimmste Tag an einem Filmset ist besser als der beste Tag irgendwo anders”, dann kommt man nicht umhin, zu denken, dass sowas natürlich leicht zu sagen (bzw. zu schreiben ist), wenn man einer der erfolgreichsten, wiederkennbarsten Hollywoodstars und -regisseure seiner Zeit ist, bzw. zu den erfolgreicheren Drehbuchautoren unserer Zeit gehört.

Schlimmer aber als dieser Beigeschmack ist, dass The Disaster Artist (der Film) die Chancen nicht nutzt, die die Verschiebung der Perspektive auf der anderen Seite bringen könnte. Wir bekommen einen flüchtigen Blick auf den Film, der The Disaster Artist sein könnte, hätte er diese Chancen genutzt, in der stärksten Szene des Films: Wiseau inszeniert eine der berüchtigten Sexszenen des Films; er ist nackt, da er, natürlich, selbst Teil der Szene ist; er verzichtet auf ein geschlossenes Set, das heißt, besteht darauf, dass die gesamte Crew anwesend bleibt, anstatt, wie in richtigen Filmen üblich, nur das für die Szene unverzichtbare Personal; er urteilt abfällig über den Körper seiner Hauptdarstellerin; und er rechtfertigt all das mit seiner Verehrung für Alfred Hitchcock und andere Regielegenden, die ihre Schauspieler ebenfalls wie Dreck behandelt haben – solange das Endprodukt stimmt, so sein perverser Gedankengang, ist sein Verhalten gerechtfertigt.

Es ist eine unangenehme Szene, gerade jetzt, wo wir solches Verhalten (endlich) auch bei wirklich guten Regisseuren hinterfragen. Aber vielleicht hätte The Disaster Artist weiter in diese Richtung gehen sollen: Ist die Chance einer solchen Verfilmung nicht, Wiseaus Geschichte aus der Perspektive eines Unbeteiligten zu erzählen, objektiver, ambivalenter? Man kann über die problematischen Aspekte von The Room und seiner Entstehung hinwegsehen, mit dem Argument, dass diesen Film ohnehin niemand ernst nimmt – aber The Room ist längst kein Kuriosum mehr, das nur eine kleine Gruppe von Insidern interessiert, sondern ein globales Phänomen, das nicht nur positive Züge hat: In Midnight Screenings und Einträgen auf Bad-Movie-Blogs machen Fans sich regelmäßig über den Körper von Hauptdarstellerin Juliette Danielle lustig, und bejubeln den Suizid der Hauptfigur – ganz unabhängig von den Konsequenzen, die der Film für seine Darsteller hatte, die nicht alle erfolgreiche Bücher über ihre Erfahrungen geschrieben haben.

Aber nach dieser Szene kehrt The Disaster Artist schnell zurück zu dem Narrativ von Wiseau als tragischer Held, als Kollateralschaden des Traumes, den Hollywood verkauft, und endet auf einer Feelgood-Note, zelebriert die unsterbliche Freundschaft seiner Hauptfiguren – und bestätigt damit genau die Art zu Denken, für die diese eine Szene Wiseau zu verurteilen scheint: Wenn das Endprodukt stimmt, wenn The Room so vielen Menschen Freude bringt, dann scheint Wiseaus Verhalten für Franco und Co. doch irgendwie okay zu sein. The Disaster Artist, das Buch, funktionierte auf ähnliche Weise, stellte ebenfalls Wiseaus problematisches Verhalten heraus, um dann doch auf einer positiven Note zu enden – aber das ist eben der Unterschied: Wenn Sestero seine Geschichte so anlegt, dann sieht er das Positive in seinem besten Freund, dann kommt das zärtliche Porträt von jemandem, der direkt von Wiseaus Verhalten berührt wurde; wenn Franco, ein Unbeteiligter, sich für die Feelgood-Route entscheidet, wirkt es eher wie eine Kapitulation vor Hollywood-Konventionen, oder zumindest, als wären Franco und Co. so verliebt in ihre Vorlage, dass sie sich nicht trauen, eine eigene Perspektive zu entwickeln, ein eigenes Urteil zu fällen.

Vielleicht sind meine Erwartungen an den Film unfair. The Disaster Artist liebt ganz offensichtlich The Room, seinen bizarren Auteur und das Publikum, das diesen Film zu mehr gemacht hat, als er nach allen Regeln der Vernunft sein sollte; er genügt sich darin, diesem Publikum genau das zu geben, was es erwartet: Franco imitiert Wiseaus lustigen Akzent, Seth Rogen als der Skriptsupervisor und heimliche Co-Regisseur des Films rezitiert all die lustigen Beobachtungen, die wir alle gemacht haben, als wir The Room zum ersten Mal gesehen haben – Haha, der fickt ihren Bauchnabel!3Wobei das auch wieder ein Bisschen rätselhaft ist: Die Buchvorlage ist voll von abstrusen Behind-the-Scenes-Geschichten, die nicht in jedem uninspirierten Blog-Eintrag zum Film wiederholt wurden – warum besteht Franco dann darauf, die offensichtlichsten, verbrauchtesten Witze zu wiederholen?. Der Film wird ganz wunderbar funktionieren als Double-Feature mit The Room: Nachdem man das Original gesehen hat, rezitiert Franco in hübscher Verpackung nochmal all die Witze und Gedanken, die man selbst beim Schauen hatte, und macht den unübersehbaren Subtext des Films – die tiefe Einsamkeit, die Wiseaus Hass auf Frauen zu verbergen scheint, die Homoerotik seiner Beziehung mit Sestero – zum Text; Es ist ein Film für Menschen, die von Filmkritik auch vor allem wollen, dass der Autor exakt dieselbe Meinung hat wie sie selbst. Aber hier und da – in der angesprochenen Szene, im brillanten Casting von Nathan Fielder als Wiseaus Psychologen-Freund im Film – bekommen wir einen Eindruck von einem viel besseren Film, der The Disaster Artist hätte sein können: einer, der seine unvermeidlich erhöhte Perspektive nicht nutzt, um sprichwörtlich nach unten auszuteilen, sondern um das Phänomen The Room mit einem gewissen Abstand, einer gewissen Skepsis zu betrachten.

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