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Sich selbst zerstören, um zu überleben: Ein persönlicher Essay über Alex Garlands Annihilation

Sich selbst zerstören, um zu überleben: Ein persönlicher Essay über Alex Garlands Annihilation

Ein sehr persönlicher (Video-)Essay über den großartigen Annihilation und unsere vielen verschiedenen Arten von Selbstzerstörung.


Natürlich finde ich schon wieder einiges am Video scheiße, der neue Greenscreen-Setup ist noch nicht ganz perfekt und der Sound auch nicht; aber alles in allem ist das, glaube ich, mein bisher bestes Video. Bitte beachtet, dass das Video und der Text recht explizite Beschreibungen und Bilder von Selbstverletzung und Suizid enthalten.

Oh, und: Mama, Papa, bitte guckt das Video nicht und lest den Text nicht! Ernsthaft. Unser aller Leben wird einfacher, wenn ihr darauf verzichtet.

Letztens habe ich versucht, mich selbst zu zerstören; ich tat es bewusst, und methodisch; ich ging von außen nach innen: Zuerst torpedierte ich meine beruflichen Beziehungen, dann meine privaten Freundschaften; zum Schluss attackierte ich meinen Körper, schnitt mit einem Messer in meinen Unterarm, immer wieder. Dieser letzte Teil war neu – oder, naja, als Kind habe ich manchmal, nach einem Streit mit meinen Eltern, in meinen Daumen gebissen, so hart ich konnte, und mein Leben lang habe ich meine Finger- und Zehennägel bewusst so weit eingerissen, dass es blutete; neu war die Drastik, das Methodische, die Zuhilfenahme eines Werkzeugs, das erklärte Ziel, bleibenden Schaden zu hinterlassen; aber wirklich überraschend war es nicht: Wenn man sich einmal in den Kopf gesetzt hat, sein Leben möglichst nachhaltig negativ zu beeinflussen, ist sich körperliche Schmerzen und bleibende, hässliche Narben zuzufügen nur logisch.

Und ich möchte hier unterstreichen: Genau das will ich in solchen Momenten, und es ist mir bewusst – nicht im Nachhinein, sondern währenddessen; ich denke dann wirklich, wie kann ich mein Leben schlechter machen, wie kann ich dafür sorgen, dass ich mich schlechter fühle. Als meine besten Freunde letztens mit Verständnis und Liebe auf meine Versuche reagierten, unsere Freundschaft zu zerstören, postete ich in unseren Facebook-Chat sowas wie “Leute, hört auf, so nett zu sein, ich versuche hier mein Leben zu zerstören!”, und ich glaube, das sagt einiges über den perversen Widerspruch von psychischen Krankheiten: man weiß sehr wohl, was man da tut – in meinem Fall gut genug, um selbstironische Witze darüber zu machen -, aber das hält einen nicht davon ab, es zu tun.

Ich fand es immer schwierig, meine Gedanken- und Gefühlsprozesse in solchen Phasen zu erklären, anderen begreifbar zu machen, warum ich mich dazu gezwungen fühle, mich selbst zu verletzen, mein Leben zu zerstören, und warum ich die Hilfsangebote von den Menschen, die mich lieben, nicht annehmen kann; Selbsthass ist die beste Beschreibung für meinen Gemütszustand in solchen Momenten, aber ich weiß nicht, ob andere das Wort so buchstäblich nehmen, wie ich es meine – I hate myself ist als selbstironischer Kommentar sarkastischer Fernsehfiguren und Twitter-User so verbreitet, dass es sich nicht mehr stark genug anfühlt, um zu beschreiben, was ich dann fühle.

In Alex Garlands Annihilation gibt es diese Szene, die vielleicht die furchteinflößendste ist, die ich je erlebt habe, weil sie all die Ängste, die ich in diesen, meinen düstersten Momenten habe, buchstäblich, greifbar, echt macht, ihnen ein groteskes, hässliches Gesicht gibt.

In Annihilation geht es um eine Gruppe von fünf Frauen, die beauftragt werden, die irgendwo an der Küste Floridas gelegene Area X zu erkunden. Area X wird umringt vom mysteriösen “Shimmer”, einer wabernden, glänzenden Barriere. Hier schlägt die Evolution seltsame, ungeahnte Richtungen ein, und nur ein Mensch ist jemals zurückgekehrt – und auch er ist nicht der, der er war, bevor er Area X betrat: Kane ist der Mann von Lena, gespielt von Natalie Portman, Biologin und eine der Frauen, die wir auf ihrer Reise in den Shimmer begleiten; die anderen sind Anya, eine Sanitäterin, Josie, eine Physikerin, Cass, eine Geologin, und Dr. Ventress, eine Psychologin.

Die angesprochene Szene passiert, nachdem Cass von einer bizarren, bärähnlichen Kreatur getötet wurde. Anya, paranoid, weil Lena ihr verschwiegen hat, dass ihr Mann Teil einer früheren Expedition war, fesselt die drei anderen Frauen und wirft ihnen vor, für Cass’ Tod verantwortlich zu sein. Doch das Impromptu-Verhör wird unterbrochen von, scheinbar, Cass, die um Hilfe schreit; Anya folgt den Schreien, aber findet nicht Cass, sondern das Bärenmonster, aus dessen Maul, grotesk verzerrt, Cass’ um Hilfe flehende letzte Worte klingen. Anya überlebt die Konfrontation mit dem Bären nicht; die anderen versuchen, so still und unbewegt wie möglich zu bleiben, und tatsächlich verschwindet der Bär, nachdem sie ihn lange genug ignoriert haben.

Das ist es, wovor ich Angst habe, wenn ich die Menschen, die mich lieben, von mir stoße: dass ich meine Menschlichkeit verliere, nur noch als meine Krankheit existiere; ein groteskes, hässliches Monster, das immerzu einen verzerrten, kläglichen Hilferuf wiederholt – so, glaube ich, nähmen andere mich wahr, würde ich sie um Hilfe bitten, und sie könnten nicht anders, als mich aus purem Selbsterhaltungstrieb zu ignorieren. Die perverse Ironie ist natürlich, dass es gerade meine Verweigerung ist, Hilfe anzunehmen, die mich zum Monster macht, dass ich gerade dann erst meine zerstörerische Kraft entfessele, wenn ich theatralisch versuche, meine Mitmenschen vor mir zu “schützen”; dass die Menschen, die mich kennen und lieben, gerade meine Versuche, unsere Beziehung zu zerstören, als verzerrten Hilferuf wahrnehmen. So oder so ist diese Szene eine eindringliche, furchteinflößende Analogie.

Die Szene, und weite Teile von Annihilation – von dem Moment, in dem die Charaktere eine buchstäbliche Borderline überschreiten, bis zu dem, in dem Lena und Kane sich in den Armen liegen, im Bewusstsein, dass keiner von beiden derselbe ist, der er am Anfang der Beziehung war – haben mich fundamental, nachhaltig verstört, ja getriggert; den Film zu schauen war für mich, wenn man so will, eine Art von Selbstverletzung – und hatte auch einen ähnlichen Reiz: Meine Selbstverletzung ist Ausdruck meines Selbsthasses, eine Art Selbstbestrafung, aber auch ein Weg, eine Krankheit, die nicht messbar und schwer zu erklären und greifen ist, physisch, objektiv, echt zu machen, ein inneres Leiden zu veräußerlichen; die Wunden auf meinem Arm sind eindeutig nicht nur in meinem Kopf. Auf ähnliche Art validierte Annihilation, so unangenehm er anzuschauen war, meine Gefühle, indem er meinen Ängsten eine physische Präsenz, ein Gesicht gab – wenn auch eines, von dem ich wohl noch lange träumen werde.

Ironischerweise versagt die Analogie genau dann, wenn es explizit um Selbstverletzung geht: Wenn aus den Ritznarben auf Jodies Arm Knospen sprießen und sie schließlich loslässt, sich der Natur in Area X übergibt, selbst ein Teil von ihr wird, dann verklärt und romantisiert das Selbstverletzung und Suizid eher, als dass es sie greifbar oder verständlich macht; die Idee, dass, wer Suizid begeht, sanft loslässt, der Natur ihren Lauf lässt und Teil des Kosmos wird, ist eine gefährliche – Selbstzerstörung, in all ihren Formen, ist ein Gewaltakt.

Aber an anderer Stelle ist der Film sich dessen dann doch bewusst. Besonders eindringlich ist da, neben der angesprochenen Szene, das tief bewegende Finale des Films: Lena, allein, dringt am Ende zum Leuchtturm im Herzen von Area X vor; dort findet sie ein Video von Kane, der über die Veränderungen spricht, die der Shimmer in ihm bewirkt hat, den ungesehenen Kameramann bittet, Lena zu finden, und sich dann mit einer Phosphor-Granate selbst tötet; sein Gesprächspartner stellt sich als Kanes Doppelgänger heraus – der Kane, der aus dem Shimmer zurückgekehrt ist, ist buchstäblich ein anderer als der, der ihn betreten hat. Später trifft Lena auf ihren eigenen Doppelgänger, der ihre Bewegungen spiegelt, und sie angreift, als sie versucht, zu fliehen; sie entkommt ihm, indem sie ihn selbst mit einer Phosphor-Granate zerstört. Und dann, am Ende, kehrt Lena zurück, und trifft auf den neuen Kane; sie fragt ihn, ob er der “echte” Kane sei, und er antwortet, “I don’t think so”, und fragt sie, ob sie die echte Lena sei; sie antwortet nicht, und die beiden umarmen sich.

Die Konversation im Internet über dieses Ende ist berechenbar in ihrem Versuch, den Film als ein Puzzle zu betrachten: Welche Lena ist zurückgekehrt – das “Original”, oder ebenfalls ihr Doppelgänger? Die Cineasten-Antwort darauf lautet natürlich, dass diese Ambiguität der Punkt ist, und natürlich lädt der Film mit seiner letzten Dialogzeile zu solcher Spekulation ein; und, ja, es ist wichtig, zu erkennen, dass es, auf einer Ebene, keine Rolle spielt, wer von beiden zurückgekehrt ist, da keine der beiden Lenas die ist, die sie mal war.

Aber ich habe mir diese Frage beim Schauen nicht gestellt. Denn wenn man den Film thematisch liest, ist, glaube ich, recht eindeutig, worum es ihm geht: um die verschiedenen Arten, wie wir uns selbst zerstören, darum, was wir tun müssen, um aus unserem persönlichen Shimmer zu entkommen, und wie uns das verändert. Kane muss ein völlig neues Selbst kreieren, und sein altes zerstören – muss buchstäblich zu einem neuen Menschen werden, egal, was und wen er dafür zurücklassen muss. Lenas Art der Selbstzerstörung ist subtiler, aber nicht weniger schmerzhaft: Sie muss die Konsequenzen für einen (selbst-)zerstörerischen Akt akzeptieren, der schon lange stattgefunden hat; das Selbst, das sie zerstört, ist das, was sie nie (wieder) sein kann, eines ohne ihre Wunden und Narben, ohne ihre Geschichte; sie wird für immer die Lena sein, die eine Affäre hatte, um die Entfremdung von Kane endgültig, die gefühlte Zerstörung ihrer Beziehung zu einer echten, objektiven, physischen zu machen.

Die andere, und vielleicht interessantere, Frage, die in der Diskussion des Films immer wieder auftaucht, lautet: Ist dieses Ende ein Happy End? Es hat die Struktur eines Happy Ends – die entfremdeten Partner liegen sich wieder in den Armen -, aber nicht die Textur; es fühlt sich nicht wie eines an.

Wenn ich die Narben auf meinem Arm ansehe, dann fühle ich Ansätze von Scham, ein erneutes Aufflammen von Selbsthass, und Angst, dass ich es wieder tun werde; aber am Ende fühle ich vor allem…nicht Stolz – ich wünsche mir doch, ich hätte es nicht getan -, aber Akzeptanz. Ein wiederkehrendes Motiv in Annihilation ist Krebs: Dr. Ventress leidet daran, und die Figuren vergleichen die unkontrollierbare Mutation innerhalb des Shimmer mit dem Wachstum eines Tumor. Eine der wirksamsten Behandlungen von Krebs, die wir haben, greift gesundes Zellgewebe genauso an wie krankes – es ist eine Form von Selbstzerstörung, um eine andere Art von Zerstörung zu verhindern. Ähnlich wählt auch, wer an psychischen Krankheiten leidet, manchmal eine Form von Selbstzerstörung über eine andere, endgültigere: Wir geben in einer Therapie ein Stück weit unser Selbst auf, nehmen Medikamente, die bleibenden Schaden an unserem Körper hinterlassen können, oder, ja, greifen zu Suchtmitteln oder Selbstverletzung, um unsere zerstörerische Kraft zu kanalisieren oder betäuben. Diese Arten von Selbstzerstörung sind unterschiedlich gefährlich, gesund und gesellschaftlich akzeptiert, aber sie alle sind am Ende zu bevorzugen gegenüber der anderen, finalen Art. Wenn ich also meine Narben betrachte, erinnern sie mich daran, wozu in meinen düstersten Momenten fähig bin, und das ist erschreckend; aber auf eine perverse Art stimmen sie mich auch hoffnungsvoll: Die Linie zwischen Selbstzerstörung und Selbstauslöschung ist dünn, und in einem Moment, in dem es für mich (gefühlt) hieß, zwischen beidem zu entscheiden, wählte ich ersteres.

Das Ende von Annihilation, so tragisch es sich anfühlt, stimmt mich ebenso hoffnungsvoll: Nein, Lena und Kane werden nie zu der Beziehung zurückkehren, die wir, in flüchtigen Momenten, am Anfang des Films gesehen haben; nein, keiner von beiden erkennt den anderen wieder als den Partner, den er in Erinnerung hat; aber die beiden erkennen einander als das, was sie sind: die Version ihrer selbst, die sie werden mussten, um zu überleben. Beide sind etwas kaputter, etwas vernarbter, beide mussten erfahren, wozu sie fähig sind, mussten ihre zerstörerische Kraft akzeptieren – und nun akzeptieren sie sie auch in einander, akzeptieren, dass der andere einen Teil von sich selbst, und damit einen Teil ihrer Beziehung, zerstören musste. Zweifelsohne ist das traurig, und furchteinflößend, und nicht das Ende, das sich irgendjemand wünschen würde; aber manchmal, für manche von uns, geht es nicht mehr darum, Selbstzerstörung zu vermeiden, sondern zwischen verschiedenen Arten von Selbstzerstörung zu wählen – und dann ist das beste, worauf wir hoffen können, dass wir und die Menschen, die wir lieben, uns sehen, wie wir sind, und uns samt unserer zerstörerischen Kraft akzeptieren können. Das ist nicht leicht, aber vielleicht ein Bisschen leichter, wenn man die Alternative kennt:

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