Wie Pixars Inside Out Depressionen erklärt

And for me, the movies are like a machine that generates empathy. It lets you understand a little bit more about different hopes, aspirations, dreams and fears. It helps us to identify with the people who are sharing this journey with us. – Roger Ebert

Inside Out ist ein Meisterwerk. Es ist fast überflüssig, das noch festzustellen, denn das haben schon genug andere getan. Der Film ist der einfallsreichste, witzigste, klügste Film, den Pixar je gemacht hat, und wir reden hier von den Machern der Toy Story-Filme. So, yeah: Meisterwerk.

Aber selbst das wird dem Film nicht ganz gerecht. Mad Max: Fury Road ist ein Meisterwerk. Inside Out ist ein Film, der die Welt ein kleines Stück besser macht. Ich glaube wirklich, dass jeder, der Inside Out gesehen – und verstanden – hat, die Chance hat, zu einem etwas besseren Menschen zu werden.

Inside Out ist die beste filmische Illustration von Depressionen, die ich je gesehen habe. Der Film lehrt, was „Depression“ bedeutet, wie Depressionen sich anfühlen, wie sie sich auf das Verhalten eines Menschen auswirken, und er tut das unter konsequenter Beachtung der „show, don’t tell“-Regel.

Vor einer Weile gab es auf Twitter den Hashtag „#notjustsad“, unter dem Depressive ihre Erfahrungen mit der Krankheit offenlegten, mit dem Ziel, über Depressionen, eine Krankheit, die noch immer von viel zu vielen Menschen nicht als solche gesehen wird, aufzuklären. Dass solche Aufklärung nötig ist, daran dürfte kein Zweifel bestehen, wie man zuletzt an der wirklich katastrophalen, diskriminierenden Berichterstattung über den Germanwings-Flugzeugabsturz sehen konnte. Aber „#notjustsad“, nicht nur traurig, trifft es nicht so ganz: Eine akkuratere Beschreibung von Depressionen wäre eher so etwas wie „beyond sad“. Traurigkeit ist (zumindest für mich, merke ich hier vorsichtshalber an) in tiefen depressiven Phasen nicht einmal Teil der Gleichung. Verzweiflung, Wut, Selbsthass wären (ansatzweise) passendere Begriffe. Traurigkeit ist eine „normale“, verhältnismäßige Reaktion auf tatsächliche Ereignisse, Traurigkeit kann ausgedrückt, geteilt und getröstet werden. Nichts davon funktioniert gewöhnlich mit Depressionen, aber zumindest den ersten Part, das Ausdrücken, macht Inside Out ein Bisschen leichter.

Die Prämisse von Inside Out wirkt täuschend simpel: Im Inneren jedes Menschen leben die anthropomorphen Emotionen Freude, Traurigkeit, Wut, Angst und Ekel, die – idealerweise – zusammenarbeiten, um die Gefühlslage des jeweiligen Menschen zu kontrollieren. Den Großteil des Films verbringen wir mit den Emotionen der 11jährigen Riley. Das Kommando hat Freude (Amy Poehler), die stolz darauf ist, dass der Großteil von Rileys Erinnerungen freudige sind. Ekel, Angst und Wut haben alle ihre Aufgaben – Angst beispielsweise warnt Riley vor Gefahren – , nur welche Rolle Traurigkeit (Phyllis Smith) spielt, ist niemandem so ganz klar. Als in Rileys Leben große, unangenehme Veränderungen (ein Umzug von Minnesota nach San Francisco) stattfinden, bricht auch im „Kontrollraum“ in Rileys Innerem Chaos aus, Freude fällt es immer schwerer, die Kontrolle zu behalten, und Traurigkeit trübt immer mehr von Rileys Erinnerungen. In einem besonders chaotischen Moment werden Freude und Traurigkeit aus dem Kontrollraum („Headquarter“) in die Tiefe von Rileys Psyche befördert und mussen nun irgendwie den Weg zurück finden, wobei Freude (und der Zuschauer) – Spoiler, I guess – lernt, was genau die Rolle von Traurigkeit in Rileys (und unserem) Leben ist. Im Headquarter bemühen sich derweil Ekel (Mindy Kaling), Angst (Bill Hader) und Wut (Lewis Black (duh)) die Kontrolle zu behalten, indem sie versuchen, die ansonsten von Freude gesteuerten Reaktionen zu simulieren.

Dies ist der Zustand, der in Rileys Innerem herrscht, als sie in eine Depression verfällt: Es ist nicht einfach so, dass Freude nicht mehr an den Reglern sitzt und stattdessen Traurigkeit die Kontrolle übernimmt – Riley hat gar keinen Zugang mehr zu Freude und Traurigkeit, sie sind in diesem Zustand der Depression nicht mehr Teil ihres emotionalen „Teams“. Sowohl ihre gewohnte Freude und der damit verbundene, freundliche Umgang mit ihren Mitmenschen, als auch Traurigkeit, eine zwar nicht positive, aber angemessene Reaktion auf die Veränderung ihrer Lebensumstände stehen Riley schlicht nicht mehr zur Verfügung.

Stattdessen übernehmen also Ekel, Angst und Wut die Kontrolle. Sie versuchen, genau so zu reagieren, wie Freude es tun würde – als Rileys Mutter mit ihr ein Gespräch über Rileys neues Hockeyteam anfängt, lassen Ekel, Angst und Wut sie einen Satz sagen, der inhaltlich Freude ausdrücken soll, aber, weil die echte Freude nunmal gerade nicht da ist, klingt wie Sarkasmus, wie eine Aggression Rileys gegenüber ihrer Mutter. Ich kann nicht genug unterstreichen, wie dankbar ich Regisseur Pete Docter und seinem Team für diese Szene bin: Wenn man depressiv ist, wenn man keine Freude aufbringen kann und den Punkt der Traurigkeit längst überschritten hat, und nicht in der Lage ist, seine Gefühlslage auszudrücken, dann falle zumindest ich leider viel zu oft auf genau solche „aggressiven“ Reaktionen gegen Menschen, die mir nahestehen und „es gut meinen“, zurück – nicht, weil ich so reagieren will, sondern weil es, zumindest gefühlt, die einzige Reaktion ist, die mir noch übrig bleibt. Es ist extrem schwer, dies anderen Menschen verständlich zu machen – oder zumindest war es das bisher, denn nun hat uns Inside Out eine perfekte Analogie für diesen emotionalen Zustand geschenkt.

Inside Out endet – nochmal Spoiler für Leute, die noch nie einen Film gesehen haben – natürlich damit, dass Freude und Traurigkeit den Weg zurück ins Headquarter finden. Aber es ist nicht Freude, sondern Traurigkeit, die nun die Regler übernimmt: Riley kann endlich ihrer Traurigkeit über die neue Lebenssitutation freien Lauf lassen, kann sie endlich ausdrücken, ihren Eltern zeigen, wie sie sich fühlt, ihre Traurigkeit teilen, Empathie zurückbekommen und sich trösten lassen. Dieser Moment macht noch einmal deutlich, was Riley in der Phase ihrer Depression fehlte: Traurigkeit und die Fähigkeit, sie auszudrücken, sind ein Weg, Empathie einzufordern, ein Weg, eine Verbindung zu anderen Menschen herzustellen. In der Depression fällt diese Fähigkeit weg, Depression isoliert, und letztlich ist es das – mehr noch als die Verzweiflung, der Selbsthass, die Hoffnungslosigkeit – was die Krankheit so schwer zu ertragen macht. Inside Out kann uns die Verzweiflung nicht nehmen, aber vielleicht kann er die Kommunikation erleichtern, kann es Depressiven ein kleines Bisschen leichter machen, ihre Gefühlslage verständlich zu machen – und es anderen vielleicht ein Bisschen leichter machen, Empathie für Betroffene und Verständnis für ihr Verhalten aufzubringen.

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