Ouija – Origin of Evil ist…gut?

OK, das wird jetzt kurz ein Bisschen seltsam, aber ich schwöre, ich bin nicht verrückt geworden: Ouija – Origin of Evil – das Prequel zum 2014er, sehr langweiligen Quija, basierend auf dem ebenfalls sehr langweiligen Brettspiel, produziert von Michael Bays Platinum Dunes – ist der smarteste, unterhaltsamste, beste Mainsteam-Horrorfilm, den ich seit langem gesehen habe. Ja, das macht mir auch Angst.

Hier ist der Moment, in dem ich mich in Origin of Evil verliebt habe: Die 9jährige Doris Zander (Lulu Wilson) glaubt, sie könne mit einem Ouija-Spiel mit Geistern kommunizieren. Ihre Mutter Alice (Elizabeth Reaser) und ihre ältere Schwester Lina (Annalise Basso) wollen den Beweis. Sie sitzen zu dritt um das Ouija-Spiel. Doris stellt ihrem verstorbenen Vater eine Frage, die nur er beantworten kann. Der verstorbene Vater beantwortet die Frage mit dem Ouija-Spiel (Doris berührt es nicht). Und dann passiert etwas seltsames: Ihre Mutter und Schwester glauben Doris. Sie haben einen Beweis gefordert; sie haben ihren Beweis bekommen; und lassen sich überzeugen.

In wie vielen Horrorfilmen, vor allem solchen in modernen Langweiler-Franchises, wäre diese Szene anders verlaufen: Obwohl der Zuschauer längst weiß, dass Doris tatsächlich mit den Toten kommuniziert, hätte Doris’ Geist sich vor Publikum nicht gezeigt – und für eine weitere halbe Stunde wäre der Zuschauer den Protagonisten des Films zwei Schritte voraus gewesen, sodass wir einen Großteil des Films damit verbracht hätten, darauf zu warten, dass sie Hauptfiguren intellektuell zu uns aufschließen. Oder der Geist hätte sich gezeigt, aber Doris’ Mutter und Schwester hätten ihr trotzdem nicht geglaubt – das „X-Files-Season-7-Syndrom“ nenne ich das, wenn Figuren trotz überwältigender Beweislage nicht glauben, dass etwas Übernatürliches passiert, sodass ihr Skeptizismus nicht mehr wie kritisches Nachfragen, sondern (für den Zuschauer ziemlich frustrierende) Sturheit wirkt.

Origin of Evil ist voll von solchen Momenten: Momenten, in denen der Film so kurz davor ist, Klischees zu wiederholen, aber sie dann doch elegant umschifft; in denen Szenen, die in anderen Horrorfilmen nur existieren, weil solche Szenen in Horrorfilmen vorkommen müssen, zu kleinen Kommentaren auf die Konventionen des Genres werden;1 und vor allem ist der Film voll von kleinen Character-Momenten, und am Ende ist es das, was ihn interessanter macht als die Insidious-Conjuring-Ouija-1-Brühe: Die drei Hauptfiguren sind sorgfältig ausgearbeitet, glaubhaft fehlerbehaftet, aber nicht dumm, liebenswert und grundsätzlich gut, aber durchaus moralisch ambivalent. Der Film springt zwischen ihren Perspektiven, oder besser, fließt von einer zur nächsten, fast unbemerkt. Ein besonders cleverer Kniff ist Alice’ Beruf, und wie der Film damit umgeht: Nach dem Tod ihres Mannes verdient sie ihr Geld mit falschen „Seancen“, in denen sie mit der Hilfe ihrer Kinder Kunden vorspielt, mit deren verstorbenen Freunden und Angehörigen zu kommunzieren. Allerdings macht der Films es sich nicht so einfach, die spätere Heimsuchung der Familie durch Geister als „Strafe“ für ihre okkulten Aktivitäten darzustellen: Alice spielt ihren Kunden etwas vor, aber genauso sehr aus einem ehrlichen Bedürfnis, ihnen bei der Bewältigung ihrer Trauer zu helfen, wie für ihren eigenen Verdienst. Und während Alice’ Versuch, mit einem Ouija-Spiel ihre Seancen glaubhafter/unterhaltsamer zu machen, die Tür für die Geister öffnet, schafft der Film es, dies nicht als verdiente Strafe, sondern eher menschliche Unachtsamkeit darzustellen. Auch spiegelt der Film die verschiedenen Arten der Trauerbewältigung der drei Zander-Frauen recht clever in ihrem jeweiligen Verhältnis zum Übernatürlichen. All das trägt dazu bei, dass man tatsächliches Interesse daran hat, ob die Figuren den Film überleben oder nicht.

Und damit hat Regisseur Mike Flanagan (Oculus, Hush) eine Menge Spaß: angeteaste Jumpscares, die nie kommen, Riffs auf die Horrorfilme der Zeit, in der der Film spielt (späte 60er/frühe 70er)2, diverse Szenen, in denen Alice und Lina im Vordergrund unschuldige Gespräche führend, während Doris (die natürlich das „Gefäß“ für den bösen Geist ist) im Hintergrund bizarre Dinge tut – überhaupt, dieses Mädchen: Lulu Wilson ist nicht weniger als eine Offenbarung, vielleicht eins der besten creepy Horrorkinder der Filmgeschichte. Natürlich ist das, wie jede Schauspielleistung eines Kindes, in erster Linie verdienst des Regisseurs, aber Wilson wirkt, als wüsste sie genau, was sie tut, als hätte sie
dämonischen3 Spaß daran, zwischen unschuldigem kleinen Mädchen und Full-Shining zu pendeln, und sie tut das mühelos, lässt Doris trotz allem wie eine einzige, kohärente Figur wirken.

Am Ende holt den Film sein Franchise-Stammbaum dann doch ein, mit dem ziemlich langweiligen Es-ist-alles-vorbei-nein-doch-nicht-Ende, mit dem die Insidiousse und Conjurings alle enden. Das ist schade, denn dieser Film scheint durchgehend auf das radikalste aller Horrorenden hinauszulaufen – ein Happy(ish) End -, und es hätte ihm gut gestanden und thematisch Sinn
gemacht4. Aber es ist dennoch eine positive Überraschung, zu sehen, dass auch im recht engen Korsett moderner Mainstream-Horrorfilme Platz für Kreativität und Witz ist.


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