THERE IS NOT CURRENTLY A PROBLEM: YOU’RE THE WORST IST PLÖTZLICH DIE BESTE SERIE ÜBER DEPRESSIONEN

Irgendwann letztes Jahr, nach den ersten zwei, drei Folgen, habe ich schon einmal über You’re The Worst geschrieben. Mein Urteil war in etwa: Die Serie ist nicht so edgy wie sie glaubt, im Grunde ist sie strukturell eine sehr klassische Rom(Sit-)Com, aber da ich klassische RomComs mag, habe ich daran großen Spaß als unterhaltsame, low-intensity Fluff-Serie. Das war meine Meinung bis zum Ende der ersten Staffel und während der ersten 5 ½ Folgen von Staffel 2. Mit nur einer Folge allerdings, „There Is Not Currently A Problem“, die 6. Folge der zweiten Staffel, hat die Serie den Sprung von „unterhaltsam, aber vergessenswert“ zu „essentiell“ gemacht (was rückblickend natürlich in den Folgen unmittelbar davor vorbereitet wurde).

„There Is Not Currently A Problem“ ist eine Bottle Episode: Sie spielt fast ausschließlich im Wohnzimmer des Hauses, in dem Jimmy und Gretchen, das Paar im Zentrum der Serie, seit kurzem zusammenleben. Der Plot der Folge ist wenig spektakulär: Jimmy jagt eine Maus, die er im Haus entdeckt hat, sein Mitbewohner stellt seine neue Freundin vor, Gretchens beste Freundin heult sich bei ihr über die Trennung von ihrem Ex-Mann aus. Dabei wird Gretchen zunehmend nervöser, tanzt ohne Grund (und Musik) im Wohnzimmer, trinkt bedenkliche Mengen an Alkohol (also, noch mehr als sonst) und beleidigt die anderen (also, noch öfter als sonst – Gretchen und Jimmy sind furchtbare Menschen, it’s in the title). Und am Ende vertraut Gretchen Jimmy an, dass sie klinisch depressiv ist, was auch der Grund dafür war, dass sie sich in den vorigen Folgen regelmäßig aus dem Haus geschlichen hat, um alleine in ihrem Auto zu weinen.

Wie die Folge eine klinische Depression darstellt und was sie dazu zu sagen hat, ist was sie so großartig und zu „must-see TV“ macht. Das ist dem klugen Drehbuch von Stephen Falk und Philippe Iujvidin genauso zu verdanken wie Darstellerin Aya Cash. Die spielt jeden Aspekt der Depression so lebensecht, dass man tatsächlich nur hoffen kann, dass sie einfach eine sehr gute Beobachtungsgabe hat und nicht selbst betroffen ist: Die Nervosität und die Angst, die man am Anfang einer neuen depressiven Episode spürt; die fast schon genervte Resignation über die aus irgendeinem Grund immer wieder aufs Neue überraschende Erkenntnis, dass man die Krankheit nach dem Überstehen der letzten Tiefphase keinesfalls endgültig besiegt hat; die beim kleinsten Reiz explodierende Wut, die man unfairerweise an den Mitmenschen auslässt; der Widerspruch, intellektuell genau zu wissen, dass man an einer Krankheit leidet, für die man nichts kann, aber emotional dennoch Scham zu empfinden, wenn man andere in seine Probleme einweiht.

Allerdings arbeitet sie eben auch mit brillantem Material: Falk und Iujvidins erkennen an, wie fundamental unfair es sich anfühlt, Depressionen zu haben, ohne zu entschuldigen, dass Depressive sich ihren Mitmenschen gegenüber oft ebenso unfair verhalten. Sie unterstreichen, dass die Depression ein Teil von Gretchen ist, untrennbar mit ihrer Persönlichkeit verbunden, tappen dabei aber nicht in die Falle, einer Depression irgendwelche positiven Begleiteffekte zu attestieren – eine Falle, in die selbst die besseren Film- und TV-Repräsentationen von Depressionen oft treten: Bojack Horseman z.B. wird oft dafür gelobt, wie realistisch es die Depression seiner Hauptfigur darstellt, und teilweise durchaus zurecht, allerdings zeigt die Serie Bojacks Depression als nicht nur nützlich, sondern essentiell für seine Arbeit als Schauspieler.

Es kann natürlich durchaus sein, dass auch You’re The Worst in den kommenden Folgen auf solche Klischees zurückgreifen wird. Aber vielleicht ist das der Vorteil daran, dass You’re The Worst formal doch sehr konservativ, sehr Sitcom-y ist: Jede Folge, kann im Grunde für sich stehen (obwohl es durchaus auch eine fortlaufende Handlung gibt), sodass „There Is Not Currently A Problem“ unabhängig davon, wie es weitergeht, einfach als eine in sich geschlossene Momentaufnahme, die uns eine depressive Figur vorstellt, gesehen werden kann.

Außerdem kommen die Klischees, die man in anderen Serien zu diesem Thema sieht, zumindest teilweise davon, dass eine Depression an sich den meisten Serien als Geschichte nicht reicht – es muss immer darum gehen, wie jemand seine Depression überwindet oder lernt, dass er sie eigentlich auch irgendwie braucht oder ähnlicher Quatsch. You’re The Worst allerdings genüg es in „There Is Not Currently A Problem“, zu offenbaren, dass Gretchen unter der Krankheit leidet und festzustellen, dass nicht nur sie, sondern auch ihr noch recht frischer Partner Jimmy von nun an damit leben müssen. Das macht zumindest Mut, dass die Serie auch weiterhin gut mit dem Thema umgehen wird, aber unabhängig davon, ist „There Is Not Currently A Problem“ eine der treffendsten Darstellungen von Depressionen die es bisher im Fernsehen zu sehen gab.

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