Bei Folge 6 musste ich weinen: Forever, & warum die besten Folgen von Binge-Serien oft Standalone sind

Serien wie Forever, Bojack Horseman oder Westworld sind Fortsetzungsgeschichten, in denen die erzählerische Einheit der “Episode” oft irrelevant scheint. Nur manchmal gibt es diese eine Folge: Standalone- oder Stuntepisoden, die in sich geschlossene, von der größeren Handlung mehr oder weniger unabhängige Geschichten erzählen, und in denen manchmal Rand- oder One-Off-Figuren zu Protagonisten werden. Warum solche Folgen sowohl ein direktes, erfreuliches Nebenprodukt des Binge-Fernsehens sind, als auch ein Hinweis auf seine künstlerischen Schwächen. 

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Succession & die Angst, Namen zu nennen

Succession ist eine gute Serie, die vielleicht nicht existieren sollte. Es überrascht mich immer wieder aufs Neue, wie gut der seltsame Mix aus formalen Ideen funktioniert, auch, wenn die Serie eine gewisse designed by committee-Note nie ganz loswird; aber ich komme auch nicht um das Gefühl herum, dass das bemerkenswerteste an der Serie ist, welche Geschichte sie nicht erzählt.

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TV’s New Sincerity: Michael Schur, David Foster Wallace & warum Brooklyn Nine-Nine eine der wichtigsten Serien im Fernsehen ist

The scariest possible thing that you can engage in is this very basic human connection where you say, “I feel this way,” or “I am scared,” and his worldview was: that’s what has to win; that’s how people should write; and that’s how people should connect with each other. The first time I read those words from him—and he said them a lot more eloquently than I just did—it was like someone had punched me in the face. I instantly realized so much of what was wrong with me as a writer was that I was trying to be cool and impress people and not seem like I cared about anything. It’s very hard to wear your heart on your sleeve as a writer, because we live in a world where your work is being instantly analyzed and picked apart by a lot of people, and a lot of those people are very cool, and they have a cool-guy agenda, and it’s a real fight to do it and not worry about what people are going to think of you. […] I don’t think [the creation of Leslie Knope] would have been possible without me reading David Foster Wallace.

(Michael Schur über David Foster Wallace)

Während der Berlinale vor ein paar Jahren stand ich, in einem der wenigen ruhigen Momente eines solchen Festivals, mit zwei Kritiker-Kollegen zusammen, und wir stellten fest, dass einer der beiden mit 30 Rock und Parks & Recreation zwei der bei hippen, jungen, werberelevanten Menschen wie uns zu diesem Zeitpunkt beliebtesten Comedyserien nicht kannte. Wir anderen beiden reagierten einstimmig entsetzt über seine Nichtkenntnis von 30 Rock, zuckten aber eher mit den Schultern bezüglich Parks & Rec: Parks & Rec, das war nett, das war sympathisch, das war witzig, das war sehenswert, aber 30 Rock, das war formal innovativ, das war wichtig; der Kollege möge in aller gebotenen Eile, koste es was es wolle, 30 Rock nachholen, aber Parks & Rec konnte er von uns aus erstmal liegen lassen, bis er mal ein paar Wochen krank war, oder es das Boxset mal sehr, sehr günstig auf dem Grabbeltisch bei Saturn gibt.

Ich weiß nicht, ob ihr in der kurzen Zeit zwischen der Absetzung und Wiederbelebung von Brooklyn Nine-Nine auf Twitter unterwegs wart. Brooklyn Nine-Nine, wie Parks & Rec, wurde co-kreiert von Michael Schur; wie in Parks & Rec geht es um eine Gruppe von Menschen im öffentlichen Dienst, diesmal in einer Polizeiwache in Brooklyn – Menschen, die durchaus etwas bewegen können, aber nun nicht unbedingt die Lenker der Welt sind; die Serie erzählt die Sorte Geschichten, die Workplace- oder Adopted-Family-Sitcoms nunmal erzählen: Die Figuren haben kleine Missverständnisse oder Meinungsverschiedenheiten, verlieben sich, helfen sich gegenseitig mit ihren Problemen; wie Parks & Rec ist Brooklyn Nine-Nine in dokumentarisch-anmutendem Stil inszeniert, mit viel Handkamera, Schwenks und Zooms anstatt Cuts, nur gibt es keine Talking Heads mehr und niemand guckt in die Kamera und macht dieses Gesicht, dass Adam Scott in Parks & Rec und vor ihm John Krasinski im ebenfalls unter Schurs Beteiligung entstandenen The Office immer gemacht haben.  Die Inszenierung soll hier vielleicht weniger suggerieren, dass die Kameras diegetisch existieren, als vielmehr durch die Begünstigung von langen, ungebrochenen Takes Improvisation fördern.

Kurz: Brooklyn Nine-Nine ist, wie Parks & Rec zuvor, oberflächlich wenig bemerkenswert; doch die bestürzten Reaktionen auf die Absetzung durch FOX und die ausgelassenen auf die Wiederbelebung durch NBC zeigten: Diese unscheinbare Show hat einen nicht von der Hand zuweisenden Einfluss auf ihr Publikum. Die Zuschauer empfinden eine starke, intensive, emotionale Bindung zu dieser Serie. Brooklyn Nine-Nine wird nicht geliebt, es wird gebraucht; Brooklyn Nine-Nine ist, unbestreitbar, wichtig. Aber es ist wichtig auf eine andere Art als Serien, die wir normalerweise als “wichtig” einstufen; eine Art, über die zu reden und schreiben deutlich schwieriger ist, weshalb Brooklyn Nine-Nine, obwohl stets wohlwollend besprochen, vor seiner Dann-Doch-Nicht-Absetzung vielleicht nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die es verdient hätte.

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Nicht lustig: Hannah Gadsbys Nanette

Warum schämen wir uns, Comedy zu mögen?

Get Out ist eine Komödie. Ich werd das jetzt nicht Blake-Snyder-mäßig nachprüfen, aber ich glaube, der Film hat einen Witz – einen echten, laut-drüber-lachen Witz – auf jeder Drehbuchseite. Seine vielleicht berühmteste Zeile, die, die in gewisser Weise die These des Films zusammenfasst – “I would have voted for Obama for a third time if I could” -, ist ein Running-Gag.

Die gesamte Handlung des Films ist als Witz strukturiert: Es gibt einen Setup, dann hält der Film für eine Weile die Spannung, und dann endet er auf einer Punchline, die die Spannung auf überraschende, absurde, komische Weise auflöst; die Comic-Relief-Figur wird plötzlich zum Helden des Films – das ist lustig, und soll es auch sein.

Woke Twitter – und weite Teile der Filmkritik-Landschaft, aber das ist ja weitestgehend synonym – sah das anders: Als Get Out bei den Golden Globes in der “Best Motion Picture – Musical or Comedy”-Kategorie nominiert wurde, sahen wir darin eine Reduktion dieses wichtigen Films auf bloße Unterhaltung – oder so.

Wir machen das oft: Wir mögen einen Film – oder ein anderes Werk – und finden ihn irgendwie wichtig, und verschwenden dann viel Zeit und Thinkpiece-Platz damit, zu debattieren, ob er wirklich dem Genre zugehört, dem er offensichtlich zugehört. Hereditary war zuletzt so ein Fall, wo wir uns nicht sicher waren, ob einem so (angeblich) schlauen Film wirklich mit so einer profanen Bezeichnung wie „Horror“ gedient sei.

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Die Menschheit unter intergalaktischer Quarantäne: Mike Bithells Quarantine Circular

Ein Science-Fiction-Trope, das mich schon lange verwirrt, ist die Tendenz, außerirdische Zivilisationen als der Menschheit überlegen darzustellen – technologisch, aber auch und vor allem moralisch: Wenn uns Außerirdische in der Science-Fiction besuchen, egal, ob sie gekommen sind, um uns auszurotten oder uns zu helfen, dann kommen sie fast immer von einer Zivilisation, die kleinliche, menschliche Probleme wie Hunger und Krieg (unter ihresgleichen) überwunden hat. Und nicht selten erfahren wir auch, dass dies, im Universum der Geschichte, der Normalfall zu sein scheint, dass von den vielen Zivilisationen des Universums nur die Menschheit nicht diesen Stand des technischen Fortschritts und der kollektiven Erleuchtung erreicht hat. Ich mein, ich verstehe schon, warum dieses Trope ein nützliches erzählerisches Werkzeug ist, warum es interessant sein kann, einen Kontrast, einen alternativen Entwurf zu unserer Zivilisation zu zeigen, ein Ideal auch, nach dem wir streben können – eine der wichtigsten Aufgaben der Science-Fiction ist eben, zu inspirieren, uns einen möglichen Weg für die Zukunft aufzuzeigen (und eine andere natürlich, zu hinterfragen, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind).

Aber was mich irritiert an diesem Trope ist der seltsame Pessimismus, der ihm zugrunde liegt, eine Art von Pessimismus, die mir über “vielleicht ist der Weg, den wir derzeit gehen, nicht der richtige” hinauszugehen scheint. Die Allgegenwart, die Selbstverständlichkeit, die das Trope mittlerweile erreicht hat, und die in solchen Geschichten oft explizit herausgestellte Einzigartigkeit der Menschheit und ihrer Rückwärtsgewandtheit, hat etwas geradezu fatalistisches: Lassen wir die Frage, ob die Menschheit denn wirklich auf einem so falschen Weg ist, mal dahingestellt – wenn dem so ist, dann doch, weil eine Masse an Individuen in die Sorte feste Strukturen und Systeme zu zwängen, die das Konzept “Zivilisation” nunmal erfordert, ganz natürlich mit gewissen Kompromissen, Problemen und Fallen verbunden ist. Diese offenzulegen, uns der Kreisläufe bewusst zu machen, denen wir oft unbewusst folgen, scheint mir das eigentliche Ziel, das Sci-Fi-Autoren mit der Verwendung dieses Tropes verfolgen; aber der tatsächliche Effekt, den sie zumindest bei mir oft erreichen, die Botschaft, die ankommt, ist eine andere: Es sind nicht die festgefahrenen Muster und Systeme, die die Menschheit zurückhalten, sondern etwas tieferliegenderes, fundamentaleres: Konflikt, Rückwärtsgewandtheit, Kleingeistigkeit scheinen in diesen Geschichten, öfter als nicht, hard-coded in unsere DNA – warum sonst würden nur wir in toxische Kreisläufe und Muster verfallen? Warum sonst scheint es für den Rest der Galaxis so einfach, so selbstverständlich zu sein, ihre internen Probleme zu überwinden? Und ich mein: Das ist durchaus eine Perspektive, die man vertreten kann, wenn man sehr pessimistisch veranlagt ist; aber mir scheint sie in Konflikt zu stehen mit der Idee des Sci-Fi-Genres an sich – hinter guter Sci-Fi, egal ob utopisch, dystopisch oder irgendwas dazwischen, stand für mich immer der Glaube, dass wir zur Veränderung fähig sind, dass eine bessere Zukunft möglich ist. Geschichten, die dieses Trope nutzen, scheinen mir oft weniger vor einer möglichen Zukunft der Menschheit zu warnen, als nahezulegen, dass die Menschheit keine Zukunft hat. (more…)

Can’t we just go to this? Ocean’s 8 & das seltene Vergnügen von Figuren, die einander mögen

Ich schreibe das hier am Tag, nachdem ich Ocean’s 8 gesehen habe, und ich finde es jetzt schon schwierig, mich daran zu erinnern, welche Aufgabe die einzelnen Teammitglieder hatten: Sandra Bullock ist die mit dem Plan, Mindy Kaling kann eine Diamantenkette auseinandernehmen und neu zusammenkleben – werden Schmuckstücke wirklich mit Kleber gemacht? -, Awkwafina ist eine dieser Film-Taschendiebinnen, die dir nur flüchtig von der anderen Seite des Raumes aus in die Augen gucken muss, um plötzlich deine Armbanduhr, deinen Geldbeutel und deinen Erstgeborenen in der Tasche zu haben, und Cate Blanchett…besitzt Abführmittel?

Ich übertreibe, aber der Punkt ist: Ocean’s 8 ist jetzt kein Film, über den du noch Wochen oder auch nur Stunden später nachdenken wirst. Das ist okay, die alten Ocean’s-Filme waren auch nicht anders und der Film genügt sich auch völlig in dem, was er ist. Aber was mir doch im Gedächtnis blieb, ist dass ich sehr, sehr oft denselben Gedanken hatte: Das sieht nach Spaß aus! Und nicht nur in den Heist-Sequenzen oder den Glamour-Shots auf der Met Gala, auch wenn ich, als Mindy Kaling sagt, Do we have to steal stuff? Can’t we just go to this? dachte, Wenn die anderen jetzt ja sagen und das der Rest des Films ist, wäre das völlig okay für mich. Aber genau darauf will ich hinaus: Ocean’s 8 ist beinahe mehr die Filmversion einer Hangout-Sitcom als ein Heist-Movie. Der eigentliche Heist ist leidlich spannend und kreativ, und niemand hat so richtig etwas zu verlieren; aber das ist okay, denn der Reiz des Films liegt eher in dem, was davor und danach passiert: den Szenen, in denen die Figuren zusammen in einem Raum sitzen und den Heist planen, und denen, in denen sie ihren Erfolg feiern; den Szenen, in denen Sandra Bullock und Cate Blanchett, nach Bullocks Entlassung aus dem Gefängnis, zum ersten Mal seit Jahren wieder miteinander rumhängen und nahtlos in ihren alten Rhythmus zurückfinden. So, wie man bei, keine Ahnung, How I Met Your Mother wünscht, mit der Gruppe im MacLaren’s trinken zu können, oder bei New Girl mit der Gang True American spielen will, wünscht man sich auch hier, mit den Figuren befreundet zu sein, selbst, wenn man nur mal zusammen irgendwohin geht und nichts stiehlt. (more…)

Empathie & Dickitude: Michael Chabons Pops – Fatherhood in Pieces

Ich versuche ja generell, mich aktiv für unterschiedliche Lebenserfahrungen zu interessieren, andere Perspektiven als meine kennenzulernen; ich glaube, das ist essentiell, um ein gutes, empathisches Leben zu führen, und die vielleicht wichtigste Aufgabe von Literatur – von Kunst jeder Art – ist, uns unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven auszusetzen, sie, ja, erfahrbar zu machen. Und ich glaube, ich bin in den letzten Jahren besser darin geworden, mich für Geschichten zu öffnen, die jetzt nicht direkt etwas mit meiner eigenen zu tun haben, und tendenziell ist mein Leben dadurch besser, und mein Spaß an Kunst größer geworden.

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Umgekehrt, wenn Menschen von der Erfahrung mit ihren Eltern erzählen, ist mein Interesse dagegen geradezu garantiert, und vielleicht liegt auch da mein Problem: Vielleicht bin ich noch so nah dran an der Perspektive des Sohnes, dass ich mich der der Eltern noch nicht öffnen kann, zumal ich, in meiner persönlichen Geschichte, diese beiden Perspektiven als oft nicht miteinander vereinbar kennengelernt habe.

Aber ich muss zugeben: Wenn es um Elternschaft geht, bekomme ich noch immer erstmal reflexhaft glasige Augen und in meinem Kopf läuft diese eine Szene mit den tanzenden Kühen aus den Simpsons. (more…)

On this I have arrived: Das Privileg, zu wissen, dass es gut ist, am Leben zu sein

Ich würde niemandem das Leben mit Depressionen empfehlen, aber da ist dieses Gefühl, das man hin und wieder fühlt, und es macht mich ein Bisschen traurig, dass die meisten psychisch gesunden Menschen es wohl niemals fühlen werden; es ist eine Art natürliches High – vergleichbar, vielleicht, mit dem, das Alkoholiker und andere Suchtkranke manchmal fühlen, wenn sie (zeitweise oder auf Dauer) aus dem Kreislauf ihrer Sucht ausbrechen. Gut, natürlich ist hier vielleicht nicht ganz richtig: Das erste Mal fühlte ich es, als, nach Jahren erfolgloser Psychotherapie und Behandlung mit dem Quasi-Placebo Citalopram (und natürlich vielen Jahren undiagnostizierter und -behandelter Depression), endlich die Wirkung der neuen, stärkeren, fantastischerweise “California Rocket Fuel” genannten Kombination von Antidepressiva einsetzte, die mir mein neuer Psychiater verschrieben hatte; aber natürlich stimmt insofern, als dass dieses High vor allem durch Abwesenheit definiert wird, das Entfernen eines Gewichts, das Lichten eines Schleiers – das Überwinden eines Hindernisses, welches man selbst als unnatürlich oder zumindest ungewöhnlich bezeichnen könnte. Im Ergebnis jedenfalls fühlt man sich leichter, man bewegt sich unbeschwerter durch die Welt, so, wie wenn man aus dem Meer an Land watet, und plötzlich nicht mehr gegen den Widerstand des Wassers kämpft und zu rennen anfängt, oder wenn sich eine Wolke vor die grelle Sonne schiebt und man nicht mehr die Augen zusammenkneifen muss. Es geht nicht darum, der Realität durch einen künstlich erzeugten Rausch zu entfliehen; es geht darum, sie endlich so zu erleben, wie man sie “normalerweise” erleben würde, wie sie jeder andere erlebt, mit ungetrübtem Blick, unbeschwertem Gang.

Ich fühle dieses Gefühl, in abgeschwächter Form, jedes Jahr, wenn der Winter zu Ende geht, die Tage wieder länger werden, die Bäume wieder grün. Ich bin eigentlich, theoretisch Fan des Winters, Befürworter des Konzepts “Jahreszeiten”; dass uns, zum Jahresende, die Natur daran erinnert, dass alles vergänglich ist, indem sie das Licht ausmacht, die Bäume sterben lässt und die Heizung runterdreht, finde ich auf so einer mythologischen Ebene ganz geil – und sei es nur, weil ich es mag, wie wir Menschen darauf reagieren: indem wir Lichterketten in den geschmacklosesten Farben aufhängen, die wir finden können, und unseren Wein warm machen, damit wir uns trotzdem auf der Straße besaufen können.

Aber wenn man eine chronische Depression hat, spürt man die Jahreszeiten anders, tiefer als psychisch gesunde Menschen. Das heißt: Der Winter tut ein Bisschen mehr weh, man ist sich ein Bisschen akuter bewusst, wie sehr man in dieser Zeit vom Tod umgeben ist, wie sehr das Sterben der Natur eine Vision des eigenen Todes ist. (more…)

Sich selbst zerstören, um zu überleben: Ein persönlicher Essay über Alex Garlands Annihilation

Natürlich finde ich schon wieder einiges am Video scheiße, der neue Greenscreen-Setup ist noch nicht ganz perfekt und der Sound auch nicht; aber alles in allem ist das, glaube ich, mein bisher bestes Video. Bitte beachtet, dass das Video und der Text recht explizite Beschreibungen und Bilder von Selbstverletzung und Suizid enthalten.

Oh, und: Mama, Papa, bitte guckt das Video nicht und lest den Text nicht! Ernsthaft. Unser aller Leben wird einfacher, wenn ihr darauf verzichtet.


Letztens habe ich versucht, mich selbst zu zerstören; ich tat es bewusst, und methodisch; ich ging von außen nach innen: Zuerst torpedierte ich meine beruflichen Beziehungen, dann meine privaten Freundschaften; zum Schluss attackierte ich meinen Körper, schnitt mit einem Messer in meinen Unterarm, immer wieder. Dieser letzte Teil war neu – oder, naja, als Kind habe ich manchmal, nach einem Streit mit meinen Eltern, in meinen Daumen gebissen, so hart ich konnte, und mein Leben lang habe ich meine Finger- und Zehennägel bewusst so weit eingerissen, dass es blutete; neu war die Drastik, das Methodische, die Zuhilfenahme eines Werkzeugs, das erklärte Ziel, bleibenden Schaden zu hinterlassen; aber wirklich überraschend war es nicht: Wenn man sich einmal in den Kopf gesetzt hat, sein Leben möglichst nachhaltig negativ zu beeinflussen, ist sich körperliche Schmerzen und bleibende, hässliche Narben zuzufügen nur logisch.

Und ich möchte hier unterstreichen: Genau das will ich in solchen Momenten, und es ist mir bewusst – nicht im Nachhinein, sondern währenddessen; ich denke dann wirklich, wie kann ich mein Leben schlechter machen, wie kann ich dafür sorgen, dass ich mich schlechter fühle. Als meine besten Freunde letztens mit Verständnis und Liebe auf meine Versuche reagierten, unsere Freundschaft zu zerstören, postete ich in unseren Facebook-Chat sowas wie “Leute, hört auf, so nett zu sein, ich versuche hier mein Leben zu zerstören!”, und ich glaube, das sagt einiges über den perversen Widerspruch von psychischen Krankheiten: man weiß sehr wohl, was man da tut – in meinem Fall gut genug, um selbstironische Witze darüber zu machen -, aber das hält einen nicht davon ab, es zu tun. (more…)