Subscribe

Menu & Search
Reigns: Her Majesty – The King is Dead, Long Live the Queen

Reigns: Her Majesty – The King is Dead, Long Live the Queen

Wenn Dating ein Spiel ist, spielen Frauen auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad: Wo die größte Gefahr für Männer lautet, keinen Partner zu finden oder beim Date enttäuscht zu werden, ist die für Frauen…nun:

Die Route, die die Entwickler von Reigns, einem Spiel, das, unter anderem, die Mechanismen modernen Datings parodiert und kommentiert, für das Sequel einschlagen, ist daher nur folgerichtig: Für Reigns: Her Majesty ersetzen sie den König, dessen Rolle Spieler bislang übernahmen, durch eine Königin – und schaffen so ein Sequel, das das ohnehin schon geniale Spielkonzept um faszinierende, neue Facetten erweitert, ambitionierter, spezifischer und relevanter ist als das Original.

In beiden Reigns-Spielen – erhältlich für iOS, Android und Steam, wobei die Smartphone-Versionen hier zu bevorzugen sind – übernehmen Spieler die Rolle eines Herrschers über ein undefiniertes, vage mittelalterlich anmutendes und märchenbeeinflusstes Königreich. Sie treffen Entscheidungen mittels der von Dating-Apps wie Tinder bekannten Swipe-Mechanik1…und die Referenz ist hier absolut beabsichtigt: Die Reigns-Spiele arbeiten die Gamifizierung modernen Datings heraus, indem sie, nun, ein tatsächliches *Spiel* aus seinen Mechaniken machen.: Berater, Bittsteller und Herrscher anderer Königreiche treten mit Vorschlägen, Bitten, Anschuldigungen vor den/die Spieler*in, und durch den Wisch nach links oder rechts wählt man zwischen zwei Optionen. Ziel ist, vier Mächte des Königreichs zufriedenzustellen und im Gleichgewicht zu halten: Kirche, Bevölkerung, Militär und Finanzen.

In Her Majesty übernimmt man nun also die Rolle der Königin statt der des Königs; anders als in vielen anderen Spielen ist dies aber kein bloßer Palette-Swap. Wo viele Spiele – wenn sie denn die Möglichkeit bieten, eine Figur zu spielen, die nicht hetero, männlich und weiß ist – eine Utopie entwerfen (oft aus purer technischer Notwendigkeit), in der Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität identisch behandelt werden, basiert Reigns: Her Majesty auf der gegenteiligen Prämisse2Her Majesty funktioniert daher am besten, wenn man das Original gespielt hat.: Als Frau (je nachdem, wie man bestimmte Story-Inhalte deutet, auch als nicht-weiße Frau) macht man andere Erfahrungen als als (weißer) Mann, muss anderem Druck standhalten, muss, wenn man in einer Machtposition ist, anderen Maßstäben genügen3Die Schlüsse, warum diese Prämisse 2017 besonders relevant ist, möge jeder selbst ziehen..

Im Klartext heißt das: Wer Reigns schon schwierig fand (und das Spiel konnte ziemlich frustrierend sein), darf sich in Her Majesty darauf freuen, das ganze nochmal zu leisten, nur rückwärts und in High-Heels – und umgeben von Männern, die einem sagen, wie viel einfacher das alles wäre, würde man sich nicht so freizügig anziehen, oder mehr lächeln. Alles ist irgendwie persönlicher als im Originalspiel: Wenn das eigene Militär nicht stark genug ist, verliert man nicht nur, indem feindliche Truppen das Königreich überfallen, man verliert, indem feindliche Truppen das Königreich überfallen und man an einen feindlichen Herrscher zwangsverheiratet wird, der, Zitat, “euch nie verstehen wird”; wenn man das Königreich herunterwirtschaftet, wundern sich die Berater laut, ob es so eine gute Idee des Königs war, eine “Fremde” zur Königin zu nehmen; am Anfang des nächsten Spiels wird man daran erinnert, dass die Untertanen von ihrer neuen Königin fordern, dass sie ein “Ideal von Mutterschaft” abgebe. Oh, und das mit der Macht ist auch nicht mehr so einfach wie damals, für den männlichen Kollegen: Erst nach und nach erarbeiten wir uns Beraterpositionen beim obersten Richter und natürlich unserem Mann, dem König, der wirklich das Sagen hat; vorher müssen wir ihm Geburtstagsfeiern organisieren, uns mit feinem Parfüm zurechtmachen und die Bewegungsabläufe komplizierter, archaischer Rituale auswendig lernen.

Verständlich also, dass wir nach Erfüllung außerhalb der etablierten Strukturen des Königreichs suchen: Wir knüpfen eine Freundschaft mit der Leiterin eines Kultes, der im Wald, abseits der Zivilisation, lebt und Mutter Natur als Göttin verehrt; wir entwickeln ein Interesse an Astrologie; wir vereinbaren ein geheimes Signal, um unsere Magd über unsere Affäre mit der Anführerin eines kriegerischen Stammes auf dem Laufen zu halten. So wird jede Entscheidung noch ein Bisschen komplizierter als im Vorgänger: In Reigns wägte man ab zwischen den eigenen Ideen darüber, wie ein guter, gerechter Herrscher handeln sollte, und den akuten, realen Anforderungen und Ansprüchen der Situation und der Berater – natürlich wollen wir nach einer schlechten Ernte den Bürgern aushelfen, aber können wir uns das leisten? In Her Majesty hängt über allem zusätzlich die Frage, ob wir überhaupt wollen, dass unser Königreich aufblüht, ob unsere Bürger und Berater es verdienen, zu bekommen, was sie wollen. So werden selbst die wenigen Momente persönlicher Verbindung – unser Mann, der König, bittet uns um Rat, wie er den Herrscher eines anderen Königreichs beeindrucken kann, wir raten ihm, einfach er selbst zu sein – überschattet von einer gewissen Traurigkeit, dem Gefühl, dass solche Momente nur unter bestimmten, engen Bedingungen außerhalb unserer Kontrolle möglich sind.

Reigns: Her Majesty beweist so auch das Potential von Spielen über andere Protagonisten als den typischen weißen Mann mit Dreitagebart. Her Majesty fügt dem Original, von ein paar Items abgesehen, kaum neue Mechaniken hinzu; aber es ist eine neue Erfahrung, weil der Fokus auf eine Figur mit, nun, einer anderen Lebenserfahrung die gewohnten Mechaniken in neuen Kontext setzt, ihnen neue Bedeutung gibt. Ein Stück weit setzt es sogar den Vorgänger selbst in einen neuen Kontext: Wer Her Majesty gespielt hat und zum Original zurückkehrt, erlebt das Spiel ein Bisschen anders, die Hauptfigur weniger als Platzhalter, als Default, denn als einen spezifischen Gegenpart zur Hauptfigur von Her Majesty. Reigns: Her Majesty demonstriert die emotionale Kraft von Spezifität, von Geschichten, die sich trauen, sich festzulegen, anstatt auf nebulöse “Defaults” zurückzugreifen.

0 Comments
Leave a Comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.