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Schützen, was man liebt: Heldentum & Versagen in The Last Jedi

Schützen, was man liebt: Heldentum & Versagen in The Last Jedi

…oder: Warum Rogue One irgendwie Bullshit ist.

Hier ein kleines Video über The Last Jedi, Rogue One & die Idee von Heldentum beider Filme. Spoiler für beides. Textversion weiter unten.

Das Ding ist deutlich simpler, vloggiger geworden als meine letzten Videos – nicht zuletzt natürlich aus purer Notwendigkeit: Es gibt einfach noch nicht sehr viel Material zu The Last Jedi, also musste ich auf Standbilder und, ähhh, mich beim Reden zurückgreifen. Ich muss aber sagen: Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe mich ein Bisschen herausgefordert, möglichst schnell von der Idee zum Text zum fertigen Video zu kommen, denn normalerweise bergen Video-Projekte für mich immer die Gefahr, dass es sehr, sehr viel Gelegenheit gibt, an seiner Arbeit zu zweifeln, einfach, weil man soviel Zeit damit verbringt. Diverse Videos, an denen ich eine ganze Weile gearbeitet habe, haben so nie das Licht der Welt erblickt.

Das Ergebnis ist daher etwas roher als sonst und es widerspricht diversen albernen Regeln, die ich mir für meine Videos mal aufgestellt habe (keine Jumpcuts etc.) – aber, keine Ahnung, mir macht es so mehr Spaß, zuzugucken, es ist direkter, ich habe noch nicht jede Beziehung dazu verloren, und es ist ein Bisschen weniger busy. Ich denke, ich werde das jetzt öfter so machen, dann kann ich meinen Output auch etwas erhöhen.

Ein neues Lavaliermikrofon brauche ich trotzdem, der Sound ist…problematisch. Naja.

Am Ende von The Last Jedi werden die Überleben der Resistance vom First Order belagert. Der First Order fährt irgendeine, große Kanone hoch, die die Resistance, mehr oder weniger, zerstören würde. Finn, der abtrünnige Stormtrooper aus The Force Awakens, fährt mit einem Speeder direkt auf die Kanone zu, in der Absicht, sie in einer Kamikaze-Aktion zu zerstören. Aber kurz vor dem Aufprall wird er seitlich von Rose, einer neuen Figur gerammt. Rose’ Aktion ist ein Bisschen, nun, dumm. Sie geht dabei selbst fast drauf, und sie verspielt damit Finns letzte Chance, irgendetwas für die Resistance zu leisten – Finn und Rose haben über den gesamten Film nichts zur Lösung irgendeines Problems beigetragen, man könnte ihre gesamte Storyline aus dem Film schneiden, und es hätte keinen nennenswerten Einfluss auf den Plot des Films. Ich glaube, diese Storyline, und dieses Ende, werden im Zentrum der Debatte über den Film stehen, und Nerds werden sich sehr schlau fühlen, wenn sie auseinandernehmen, wie wenig Auswirkungen Finn und Rose auf Erfolg oder Misserfolg der Resistance hatten. Meine erste Reaktion auf die Storyline war auch: Häh?

Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass das, dieser Moment, wenn Rose Finn von seiner Heldentat abhält, und alles, was zu ihm geführt hat, das Herz des Films ist, die wichtigste Storyline, die das Theme, das die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhält, am deutlichsten macht.

The Last Jedi hat…Probleme. Der Film hat Pacing-Issues, die Hälfte seiner Szenen sind zu lang und die andere Hälfte zu kurz, und er macht BB-8 zu einer nervigeren Figur als Jar Jar Binks. Aber ich liebe diesen Film, mit all seinen Schwächen, dafür, dass er, unter anderem, herausarbeitet, warum Rogue One irgendwie…Bullshit war.

Rogue One ist kein schlechter Film. Der Film bewegt sich unaufhaltsam vorwärts, er hat starke Actionszenen und sieht fantastisch aus, nicht zuletzt dank Gareth Edwards’ Talent, große Dinge groß aussehen zu lassen; und er hat einen großartigen, charismatischen Cast, der fast vergessen lässt, dass keine dieser Figuren wirklich interessant ist – fast.

Der Film ist erfolgreich in so ziemlich allem, was er sich vornimmt. Und das ist Bullshit.

Viele unoriginelle Menschen fanden das Ende des Films irgendwie gewagt: Alle sterben! In einem Disney-Film! Das ist düster und düstere Dinge sind immer wichtig!

Und, versteht mich nicht falsch: Ihr könnt das Ende gerne super finden, wenn das euer Ding ist. Aber die Idee, dass es irgendwie ballsy war, ist Unsinn. Natürlich war es absolut im Sinn von Disney und Kathleen Kennedy und allen beteiligten powers that be, dass dieses Spinoff hermetisch abgeriegelt ist, dass sich niemand darüber Gedanken machen muss, was nach dem Film mit den diversen neuen Charakteren zu machen ist. Ich mein, Disney hat gerade erst das gesamte EU gekillt, da brauchen sie jetzt nicht einen Haufen neuer Figuren, die sie irgendwie in ihre Pläne für die Hauptreihe einflechten müssen. Nochmal, ich sage nicht, dass das Ende unbedingt schlecht ist, aber es ist ohne Frage eine einfache Lösung für die praktischen Probleme, die ein Spinoff eines etablierten Franchise aufwirft.

Und, vielleicht findet ihr, dass die äußeren Umstände irrelevant für die Bewertung und Analyse der Geschichte von Rogue One sind. Aber, was soll ich sagen: Ich habe Marshall McLuhan gelesen, und mit “gelesen” meine ich, ich habe diesen einen Satz von ihm gehört, den jeder gehört hat, und mir dann selbst zusammengereimt, was das bedeuten könnte. Jedenfalls: Ich kann Form und Funktion in diesem Fall schwer auseinanderhalten, und finde es sehr wohl relevant, dass all diese Figuren erschaffen wurden, um zu sterben.

Denn es ist nicht so, als würde der Film große Anstalten machen, uns von diesem Fakt abzulenken. Keine Figur von Rogue One existiert außerhalb ihrer Funktion – ich habe keine Ahnung, wer diese Charaktere sind, als Menschen. Jynn Ursa, die Hauptfigur, wird ausschließlich darüber definiert, was ihr passiert ist – sie ist traumatisiert durch ihre Herkunft als Tochter eines imperialen Ingenieurs, und durch den frühen Verlust ihrer Eltern; und die einzige Möglichkeit, ihr Trauma zu transzendieren, ist, sich am Ende für eine Sache zu opfern, die nie wirklich ihre war: Die Rebellen lesen sie einfach irgendwo auf, und sagen ihr, was sie zu tun hat, und sie wird eine von ihnen, weil ihr Vater sich auch als einer von ihnen herausstellt, weil es durch ihre Herkunft so bestimmt ist, und das, obwohl, wie sie selbst sagt, die Sache ihr bisher “nur Schmerzen zugefügt hat”.

Rey in The Force Awakens war auch von Trauma und dem Verlust ihrer Eltern gezeichnet, aber sie hatte auch Träume, Sehnsüchte, Dinge, die sie als Person auszeichneten. Sie ist mehr als jemandes Tochter, sie ist ein vollständig realisierter Charakter, mit Wünschen und Ideen und einer eigenen, persönlichen Motivation. Sie treibt ihre Geschichte selbst an, während Jynns Geschichte ihr einfach passiert. Und bei den anderen Figuren von Rogue One, mit der eventuellen Ausnahme von Donnie Yens Figur, ist das nicht anders: Ich weiß absolut nichts über sie. Bevor ich Rogue One für diesen Text noch einmal geschaut habe, hatte ich vergessen, dass Diegos Lunas Figur überhaupt existiert – in meinem Kopf waren sie und Riz Ahmeds Figur ein und dieselbe, weil sie sowieso keine Eigenschaften haben und Diego Luna ein langweiliger Null-Schauspieler ist, während Riz Ahmed…Dinge in mir erweckt.

Was ich hier anmerken muss: Ich glaube, das soll alles so. Rogue One ist, erklärterweise, ein Kriegsfilm, und wie in jedem Kriegsfilm ist unwichtig, wer die Figuren sind, was zählt ist, wofür sie kämpfen, und wie sie sich dafür verbrüdern. Aber, nun, jeder Cineast weiß, dass alle Kriegsfilme irgendwie Bullshit sind, und Rogue One ist da halt nicht anders. Es ist ein guter, sehenswerter Film, einer, der den Zuschauer fast körperlich mitnimmt, der sich direkter, dringlicher anfühlt als alle anderen Star-Wars-Filme. Aber es ist auch ein furchtbar deprimierender Film, einer, in dessen Universum manche Figuren einfach zu abgefuckt, zu traumatisiert sind, um einen Platz in der Welt zu haben, die die Rebellen erschaffen wollen, und sich daher opfern müssen für andere, wichtigere Figuren.

Am Anfang von The Last Jedi leitet Poe Dameron, gegen die Anweisung von General Leia, einen Angriff auf ein imperiales Schiff. Das Schiff wird zerstört, aber dabei müssen viele Resistance-Piloten ihr Leben lassen – unter anderem Paige Tico. Deren Schwester, Rose, arbeitet auf einem Resistance-Schiff als, ähhh, Hausmeisterin oder Mechanikerin oder so.

Was ihr über Rose wissen müsst, ist, dass sie niemals etwas falsch machen wird, und dass sie mein bester Freund auf der Welt ist, und dass eure Mutter euch nicht mehr lieb hat, wenn ihr etwas schlechtes über sie sagt. Rose ist zunächst sozusagen ein Fangirl, sie trifft Finn, während der heimlich die Resistance-Flotte verlassen will, weil er einen Tracker trägt, mit dessen Signal Rey die Flotte finden soll – aber da die Flotte vom First Order bedroht wird, will Finn verhindern, dass Rey in diese unsichere Situation zurückkehrt. Rose ist aufgeregt, weil sie einen Helden der Resistance trifft, was Finn in Verlegenheit bringt, denn er glaubt, dass er noch nicht viel für die Resistance erreicht hat. Die beiden schmieden den Plan, sich auf ein Schiff des First Order zu schleichen, um dort einen, ähhm, Dings zu deaktivieren, der dem First Order ermöglicht, die Resistance zu tracken. Poe Dameron unterstützt sie dabei, gegen die Befehle von…Hodor? Wie auch immer Laura Derns Figur heißt, die die Kontrolle übernommen hat, während Leia im Koma liegt. Hodor möchte die Rebellen über kleine Transporter evakuieren, was Poe für ein Suizidkommando hält.

Man hofft also für den ganzen Film, dass Finn und Rose den Tracker deaktivieren können, und das Hodor nicht vorher ihren Plan umsetzt und die Resistance ihrem sicheren Tod ausliefert; und man macht die Becker-Faust, als Poe gewaltsam das Kommando übernimmt, um Hodors Plan zu verhindern. Und dann wird Poe das Kommando wieder entzogen – allerdings nicht von Hodor, sondern von Leia. Denn wie sich herausstellt, war Hodors Plan genau nach Leias Wunsch; und Finn und Rose scheitern nicht nur bei ihrem Vorhaben, sie alarmieren den First Order erst über Hodors Transporter-Plan, und nur deshalb belagert der First Order die Resistance am Ende auf, ähhh, Ganz-Sicher-Nicht-Hoth.

Wenn Finn sich am Ende also opfern will, um die Kanone zu zerstören, ist das Ausdruck seines Schuldgefühls, dass er die Resistance in diese gefährliche Lage gebracht hat, und seines Bedürfnis, endlich zu dem Helden für die Resistance zu werden, für den Menschen wie Rose ihn schon lange halten. Und dann verhindert Rose, dass er seinen Heldentod bekommt. Und das ist, ohne Frage, unbefriedigend, für Finn, aber auch, erstmal, für den Zuschauer.

Aber bevor Rose selbst das Bewusstsein verliert, sagt sie zu Finn, dass man die Welt nicht verbessert, indem man zerstört, was man hasst, sondern indem man schützt, was man liebt, und dann küsst sie Finn – kein leidenschaftlicher Filmkuss, mit anschwellenden Geigen, sondern ein schüchterner, vorsichtiger Kuss, der nicht mehr sagt als, ich mag dich, irgendwie. Und ist das nicht großartig? Was Rose hier sagt, ist: Ja, wir haben hier ziemlich viel Scheiße gebaut. Aber wir sind ein Bisschen klüger, und ein Bisschen stärker, und wir sind noch am Leben. Und vielleicht ist das genug.

Und dieser Moment, diese Idee, hallt nach in den anderen Handlungssträngen. Denn wenn man genau darüber nachdenkt, ist The Last Jedi ein Film übers Scheitern. Keine der Hauptfiguren leistet wirklich das, was sie sich vorgenommen hat – im Gegenteil, sie richten alle Schaden an. Poes Missachtung von Leias Befehlen führt zum Tod vieler Resistance-Piloten, inklusive Rose’ Schwester; Reys Versuche, Kylo Ren auf die gute Seite der Macht zu ziehen, haben den gegenteiligen Effekt, und Kylo ist am Ende zerstörerischer, brutaler, skrupelloser als je zuvor; Luke hat schon vor langer, langer Zeit versagt beim Versuch, Kylo zu einem Jedi, einem Kämpfer für die gute Seite, zu erziehen; Leia kann Poes Hitzköpfigkeit nicht in Zaum halten, und sie verliert den Großteil der Resistance, Menschen, für die sie verantwortlich ist. Aber das alles ist nicht, worum es geht. Was zählt ist nicht, wer stirbt, was die Resistance verliert, sondern wer überlebt; was zählt ist nicht, dass Luke bei Kylos Ausbildung versagt hat, sondern dass er bei Reys Ausbildung nicht dieselben Fehler macht, obwohl er in ihr dieselbe gefährliche Macht sieht; was zählt ist nicht, dass Rey Kylo nicht auf die gute Seite ziehen kann, sondern dass sie selbst der dunklen Seite, die nie so verführerisch wirkte wie hier, widersteht; was zählt ist nicht, dass Finn und Rose keine Heldentat für die Resistance leisten; was zählt, ist, dass sie einander finden, einander Trost spenden, einander beschützen.

Und Rose’ Botschaft hallt auch nach in der Auflösung von JJs Mystery Box aus The Force Awakens: Reys Eltern waren niemand, irgendwelche Arschlöcher, die sie als Kind auf einem Wüstenplaneten ausgesetzt und dann vergessen haben. Was zählt, ist nicht, wer deine Eltern sind, oder wo du herkommst – niemand ist wichtiger als andere; was zählt, ist noch nichtmal, was du leistest – das heldenhafte an Rey ist nicht, mit welchem Können sie die Macht kontrolliert, oder wie gut sie mit einem Lichtschwert kämpft, sondern, dass sie optimistisch bleibt im Angesicht von unendlicher Düsternis, von Chaos, von Bedeutungslosigkeit; was zählt, ist, dass du offen bist, und dass du die Welt mit ein Bisschen mehr Liebe, ein Bisschen mehr Optimismus füllst.

Und, ja: Hodor opfert sich für die Resistance, wie Jynn und Co. für die Allianz. Aber es ist nicht inszeniert als dieser Moment von Transzendenz, von ultimativer Freiheit von den eigenen Fehlern für jemanden, der, ohne diesen Heldentod, bedeutungslos wäre; es ist inszeniert als eine tragische Notwendigkeit für eine Figur, die in einer Machtposition ist, die Verantwortung über viele Menschen hat; Hodor opfert sich nicht, um das Böse zu zerstören, sondern um das Gute zu schützen.

Die Botschaft von The Last Jedi ist eine, die wir, glaube ich, alle gebrauchen können am Ende eines Jahres, in dem jeder gute Mensch sich gefragt hat, ob wir genug tun, ob wir Teil der Lösung oder des Problems sind. Wichtig ist nicht, was wir leisten, sondern, dass wir nie aufhören, zu wachsen, dass wir uns und einander erlauben, Fehler zu machen, und von ihnen zu lernen, und andere von ihnen lernen zu lassen. Das größte, inspirierendste, heroischste, was wir tun können, ist, der Dunkelheit, dem Chaos um uns herum zu widerstehen; das größte, inspirierendste, heroischste, was wir tun können, ist, einfach nur am Leben zu bleiben, lange genug, um Scheiße zu bauen, und dann daraus zu lernen.

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  1. […] wie zuletzt Inside Out. Ich habe das wichtigste, was ich zum Film zu sagen habe, bereits in einem Video zusammengefasst, und plane noch ein weiteres; hier habe ich daher nur hinzuzufügen: The Last Jedi […]