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On this I have arrived: Das Privileg, zu wissen, dass es gut ist, am Leben zu sein

On this I have arrived: Das Privileg, zu wissen, dass es gut ist, am Leben zu sein

Ich würde niemandem das Leben mit Depressionen empfehlen, aber da ist dieses Gefühl, das man hin und wieder fühlt, und es macht mich ein Bisschen traurig, dass die meisten psychisch gesunden Menschen es wohl niemals fühlen werden; es ist eine Art natürliches High – vergleichbar, vielleicht, mit dem, das Alkoholiker und andere Suchtkranke manchmal fühlen, wenn sie (zeitweise oder auf Dauer) aus dem Kreislauf ihrer Sucht ausbrechen. Gut, natürlich ist hier vielleicht nicht ganz richtig: Das erste Mal fühlte ich es, als, nach Jahren erfolgloser Psychotherapie und Behandlung mit dem Quasi-Placebo Citalopram (und natürlich vielen Jahren undiagnostizierter und -behandelter Depression), endlich die Wirkung der neuen, stärkeren, fantastischerweise “California Rocket Fuel” genannten Kombination von Antidepressiva einsetzte, die mir mein neuer Psychiater verschrieben hatte; aber natürlich stimmt insofern, als dass dieses High vor allem durch Abwesenheit definiert wird, das Entfernen eines Gewichts, das Lichten eines Schleiers – das Überwinden eines Hindernisses, welches man selbst als unnatürlich oder zumindest ungewöhnlich bezeichnen könnte. Im Ergebnis jedenfalls fühlt man sich leichter, man bewegt sich unbeschwerter durch die Welt, so, wie wenn man aus dem Meer an Land watet, und plötzlich nicht mehr gegen den Widerstand des Wassers kämpft und zu rennen anfängt, oder wenn sich eine Wolke vor die grelle Sonne schiebt und man nicht mehr die Augen zusammenkneifen muss. Es geht nicht darum, der Realität durch einen künstlich erzeugten Rausch zu entfliehen; es geht darum, sie endlich so zu erleben, wie man sie “normalerweise” erleben würde, wie sie jeder andere erlebt, mit ungetrübtem Blick, unbeschwertem Gang.

Ich fühle dieses Gefühl, in abgeschwächter Form, jedes Jahr, wenn der Winter zu Ende geht, die Tage wieder länger werden, die Bäume wieder grün. Ich bin eigentlich, theoretisch Fan des Winters, Befürworter des Konzepts “Jahreszeiten”; dass uns, zum Jahresende, die Natur daran erinnert, dass alles vergänglich ist, indem sie das Licht ausmacht, die Bäume sterben lässt und die Heizung runterdreht, finde ich auf so einer mythologischen Ebene ganz geil – und sei es nur, weil ich es mag, wie wir Menschen darauf reagieren: indem wir Lichterketten in den geschmacklosesten Farben aufhängen, die wir finden können, und unseren Wein warm machen, damit wir uns trotzdem auf der Straße besaufen können.

Aber wenn man eine chronische Depression hat, spürt man die Jahreszeiten anders, tiefer als psychisch gesunde Menschen. Das heißt: Der Winter tut ein Bisschen mehr weh, man ist sich ein Bisschen akuter bewusst, wie sehr man in dieser Zeit vom Tod umgeben ist, wie sehr das Sterben der Natur eine Vision des eigenen Todes ist.

Findet ihr eigentlich auch, dass das Wort “Übergangsjacke” eines der großen Vergnügen der deutschen Sprache ist?

Aber es heißt eben auch: Man spürt auch diesen Moment des Neugeborenwerdens anders, der dem Wintersterben folgt; für euch heißt Frühling, dass ihr die Übergangsjacke ausziehen könnt – für uns heißt es, dass wir so gerade davongekommen sind, dass wir leben, obwohl wir, wie die Natur uns überdeutlich gemacht hat, hätten sterben sollen, und das ist schon immer ein Bisschen geil.


Aber dieses Jahr (Jahr in diesem Fall nicht basierend auf Kalender, sondern auf dem Kreislauf der Jahreszeiten) war irgendwas anders. Vielleicht war es – ich hatte an sich ein ziemlich gutes 2017 – eins dieser je höher du fliegst, desto tiefer fällst du-Dinger; vielleicht lag es einfach am Älterwerden: 2017 wurde ich 27, was ich, aus Rockstar-Verehrungsgründen, immer als so eine Grenze wahrgenommen habe, bis zu der man was geschafft haben muss, was auch immer das heißt. Jedenfalls: Die Winterdepression dieses Jahr war meine tiefste depressive Phase, seit ich Antidepressiva nehme. Es war nicht ganz so schlimm wie vorher, als ich, streckenweise, nicht einmal in der Lage war, mich zu waschen, zu essen, auf einem ganz basalen, elementaren Level zu funktionieren; als ich ganze Wochen im Bett verbrachte, britische Panelshows auf meinem alten MacBook aus weißem Plastik guckte, weil ich es nichtmal schaffte, mich so hinzulegen, dass ich freien Blick auf den Fernseher hatte. Aber es war, nun, schlimm genug: Nicht mehr am Leben zu sein war nicht nur eine realistische, akute Möglichkeit, immer präsent in meinem Hinterkopf, es schien, in meinen dunkelsten Momenten, wenn nicht wie die bessere Option, dann zumindest wie die leichtere – die, wenn man so will, natürlichere.

Also verschrieb mein Psychiater mir – wo wir gerade von 27jährigen Rockstars sprechen – eine Dosis Lithium, was die Wirkung meiner Antidepressiva verstärken und mich emotional stabilisieren soll. Es ist wohl eine Kombination der einsetzenden Wirkung des Medikaments und dem Ende des langen Winters – jedenfalls: Dieses Jahr spüre ich auch dieses besondere High so intensiv wie lange nicht mehr. Oh, ich bin nicht glücklich oder so; aber das ist halt der Punkt: Nach Monaten, in denen einfach nur bei Bewusstsein, am Leben zu bleiben sich wie ein nahezu übermenschlicher Kraftakt anfühlte, fühle ich mich nun als hätte ich Superkräfte, weil ich diese Kraft nicht mehr aufwenden muss. Mir stehen im Grunde nur die Energiereserven zur Verfügung, die geistig gesunden Menschen eigentlich immer zur Verfügung stehen, aber wenn man diese Energiereserven so lange für so banale Dinge wie, nun, atmen oder essen oder sich waschen verschwenden musste, weiß man vielleicht ein Bisschen besser zu schätzen, was für ein Luxus das ist. Autor Matt Haig hat mal getwittert, dass in der Diskussion um Privilegien oft eine Art von Privileg vergessen wird: das Privileg, geistig gesund zu sein. Den Tag bei Plus/Minus-Null anzufangen anstatt tief im Negativbereich, sich nicht erst mühsam auf den Nullpunkt hocharbeiten zu müssen – “allein in die Stadt gehen” zu können und es für “kein großes Ding” zu halten, schreibt Haig – das ist ein Privileg, und wie bei allen Privilegien macht es hin und wieder Sinn, das mal auszusprechen, sich vor Augen zu führen. Ich bin nicht aktiv glücklich gerade, ich beginne nicht jeden Tag mit einem breiten Grinsen, Cartoonvögel helfen mir nicht dabei, mich anzuziehen, aber ich muss auf dem Weg in die Dusche auch nicht durch Treibsand waten, und mir ist sehr, sehr akut bewusst, wie wenig selbstverständlich das ist. Als Kontrast zu den, nun, weniger positiven Texten, die ich sonst so über meine Krankheit schreibe, ist es mir wichtig, auch das einmal festzuhalten.

Mein Lieblingssong der tollen Band They Might Be Giants handelt genau von diesem Gefühl. Gut, laut Songwriter John Flansburgh handelt er davon, sich von einer physischen Krankheit oder Verletzung zu erholen, und laut dem Video handelt er davon, einen Yeti-Angriff zu überleben oder so; aber dass er sich auch wunderbar auf das hier anwenden lässt, illustriert nur mal wieder, dass eine psychische Krankheit letztlich gar nichts anderes, nicht weniger echt ist als eine physische.

Der Song heißt Good to Be Alive, und das klingt banal, und ist es auch, und das ist der Punkt: I’m not a motivational speaker/But on this I have arrived/It’s good to be alive singt Flansy. Manche von uns, aus welchen Gründen auch immer, vergessen diese einfache Wahrheit manchmal; wenn sie uns einfällt, lohnt es sich, sie auszusprechen, für uns, für die, die sich gerade nicht an sie erinnern können, und für die, denen sie so banal erscheint, dass sie sich ihrer gar nicht mehr bewusst sind: Am Leben zu sein ist, alles in allem, besser als nicht. Das zu wissen, es wirklich zu wissen, ist ein High, es für selbstverständlich zu halten ein Luxus, ein Privileg.

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