Can’t we just go to this? Ocean’s 8 & das seltene Vergnügen von Figuren, die einander mögen

Can’t we just go to this? Ocean’s 8 & das seltene Vergnügen von Figuren, die einander mögen

Ich schreibe das hier am Tag, nachdem ich Ocean’s 8 gesehen habe, und ich finde es jetzt schon schwierig, mich daran zu erinnern, welche Aufgabe die einzelnen Teammitglieder hatten: Sandra Bullock ist die mit dem Plan, Mindy Kaling kann eine Diamantenkette auseinandernehmen und neu zusammenkleben – werden Schmuckstücke wirklich mit Kleber gemacht? -, Awkwafina ist eine dieser Film-Taschendiebinnen, die dir nur flüchtig von der anderen Seite des Raumes aus in die Augen gucken muss, um plötzlich deine Armbanduhr, deinen Geldbeutel und deinen Erstgeborenen in der Tasche zu haben, und Cate Blanchett…besitzt Abführmittel?

Ich übertreibe, aber der Punkt ist: Ocean’s 8 ist jetzt kein Film, über den du noch Wochen oder auch nur Stunden später nachdenken wirst. Das ist okay, die alten Ocean’s-Filme waren auch nicht anders und der Film genügt sich auch völlig in dem, was er ist. Aber was mir doch im Gedächtnis blieb, ist dass ich sehr, sehr oft denselben Gedanken hatte: Das sieht nach Spaß aus! Und nicht nur in den Heist-Sequenzen oder den Glamour-Shots auf der Met Gala, auch wenn ich, als Mindy Kaling sagt, Do we have to steal stuff? Can’t we just go to this? dachte, Wenn die anderen jetzt ja sagen und das der Rest des Films ist, wäre das völlig okay für mich. Aber genau darauf will ich hinaus: Ocean’s 8 ist beinahe mehr die Filmversion einer Hangout-Sitcom als ein Heist-Movie. Der eigentliche Heist ist leidlich spannend und kreativ, und niemand hat so richtig etwas zu verlieren; aber das ist okay, denn der Reiz des Films liegt eher in dem, was davor und danach passiert: den Szenen, in denen die Figuren zusammen in einem Raum sitzen und den Heist planen, und denen, in denen sie ihren Erfolg feiern; den Szenen, in denen Sandra Bullock und Cate Blanchett, nach Bullocks Entlassung aus dem Gefängnis, zum ersten Mal seit Jahren wieder miteinander rumhängen und nahtlos in ihren alten Rhythmus zurückfinden. So, wie man bei, keine Ahnung, How I Met Your Mother wünscht, mit der Gruppe im MacLaren’s trinken zu können, oder bei New Girl mit der Gang True American spielen will, wünscht man sich auch hier, mit den Figuren befreundet zu sein, selbst, wenn man nur mal zusammen irgendwohin geht und nichts stiehlt.

Okay: Das ist jetzt nicht unbedingt eine Neuerfindung des Kinos, gleichwertig mit dem Tonfilm oder Peter Jacksons Entscheidung, den Hobbit in 48 Frames pro Sekunde zu drehen (zwei gleichermaßen einflussreiche Beispiele). Es war immer ein Merkmal der Ocean’s-Filme: Danny Ocean, wie nun seine Schwester Debbie, war ein Dieb und Trickbetrüger nicht, weil ihn eine dunkle Vergangenheit in dieses Leben gezwungen hat, sondern weil er sehr, sehr gerne Dinge stahl und sehr, sehr gut darin war, und er umgab sich mit Partnern, die nicht nur ebenfalls sehr, sehr gut in dem waren, was sie taten, sondern mit denen er auch merklich gerne Zeit verbrachte. Aber genau das ist ein ziemlich seltenes Vergnügen im Kino geworden: Figuren zu sehen, die einander mögen, die gerne Zeit miteinander verbringen. Von den dysfunktionalen Familien in Superheldenfilmen über das Paar-Wider-Willen in Actionfilmen bis zu den Slacker-Buddies in Judd-Apatow-Filmen (und diese Filme sind buchstäblich filmgewordene Hangout-Sitcoms) verbringen Figuren, die einander angeblich mögen sollen, ihre Filme heute größtenteils damit, einander zu beleidigen. Ja, ich weiß auch, dass Konflikt wichtig ist beim Geschichtenerzählen, und ja, es steckt auch eine gewisse Wahrheit in diesen Beziehungen – hatte nicht jeder von uns schonmal einen Menschen in seinem Leben, bei dem man sich fragt, warum man überhaupt noch Zeit miteinander verbringt? Und stimmt es nicht, dass die Menschen, die uns am nächsten sind, auch die sind, die uns am meisten auf den Sack gehen können

Dennoch glaube ich, dass uns etwas verloren gegangen ist: Ich hab das schonmal irgendwo geschrieben, aber ich glaube, dass, wenn Menschen darüber reden, dass Filme “früher”, in den 80ern vielleicht, irgendwie warmherziger waren, dann meinen sie genau das. Ich weiß nicht, wann ihr das letzte Mal den originalen Ghostbusters gesehen habt, aber der Film ist deutlich ungeschliffener, unkonzentrierter als viele von uns ihn wohl in Erinnerung haben – ja, ich glaube, dass der Film kaum weniger messy ist als das Remake. Der Unterschied ist die glaubhafte Freundschaft der Figuren: Einfach nur mit dem Team rumzuhängen, machte damals so viel Spaß, dass man dem Film seine abrupten Tonartwechsel und seine eher an eine Reihe von Sketch denn eine stringente Geschichte erinnernde Struktur verzieh. Das neue Team schien eher aus purer Notwendigkeit denn aus echter Zuneigung Zeit miteinander verbringen; die gemeinsame Vergangenheit von Kristen Wiigs und Melissa McCarthys Figuren war ein Plot-Point, nicht, wie in den alten Filmen, Basis für Referenzen und Insider-Witze, die die beiden glaubhaft als alte Freunde etablieren würden.

Dass Ernie Hudsons Figur sich immer wie ein Fremdkörper anfühlt, liegt nicht nur daran, dass die Autoren nichts mit seiner Figur anzufangen wussten, sondern auch daran, dass Hudson als einziger Darsteller auch im wahren Leben nicht mit den anderen befreundet war.

Aber es geht nicht nur darum, dass Ocean’s 8 manchen von uns ein Gefühl zurückbringt, das wir vielleicht lange nicht mehr im Kino gefühlt haben, dieses Gefühl, mit einer Gruppe von idiosynkratischen, seltsamen, liebenswerten Charakteren befreundet zu sein, mit ihnen rumzuhängen, dazuzugehören, Referenzen und Insider-Witze mit ihnen zu teilen; es geht auch darum, dass Ocean’s 8 dieses Gefühl vielleicht dem ein oder anderen Zuschauer erschließt, der es noch nie im Kino gefühlt hat. Vor der Vorführung witzelte ich mit einem Freund darüber, wie sehr wir uns für Mindy Kaling freuen, dass sie mit Sandra Bullock, Cate Blanchett und Rihanna rumhängen durfte, aber das Ding ist halt, dass das nicht wirklich ein Witz ist: Es kommt gar nicht so oft vor, dass jemand, der aussieht wie Mindy Kaling, jemand, der aussieht wie Rihanna und jemand, der aussieht wie Sandra Bullock gemeinsam in einem Film zu sehen sind, und dass selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass ihre Figuren sich miteinander verstehen und Spaß zusammen haben, sich gegenseitig respektieren und für ihre Fähigkeiten bewundern können, ohne dass vorher ein Culture-Clash-Subplot durchexerziert werden muss.

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An dieser Stelle will ich kurz die Brillanz anerkennen, Rihanna zu besetzen und sie dann eine so (konventionell) unattraktive Figur spielen zu lassen.

Gut geschriebene Konflikte verdienen Anerkennung, aber es kann auch beeindruckend sein, wenn ein Film, wie Ocean’s 8, bewusst offensichtliche, einfache Konflikte auslässt, ohne dadurch langweilig zu werden.

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Irgendwo in einem Paralleluniversum gibt es eine Version des Films, in der Sarah Paulsons Soccer-Mom-Figur demonstrativ die Nase über Awkwafinas und Rihannas Figuren rümpft – hier wird einfach davon ausgegangen, dass sie, überzeugte Kriminelle und Trickbetrüger, die sie alle sind, mehr gemeinsam haben als nicht.


Und dann ist da die Beziehung im Kern des Films, die Freundschaft zwischen Bullock und Blanchett – eine Freundschaft zwischen zwei Frauenfiguren jenseits der 40, die nicht auf, sagen wir, einem gemeinsamen Racheplan gegen einen Ex basiert, der die eine mit der anderen betrogen hat, die nicht von heimlicher Missgunst und passiv-aggressiven Sticheleien geprägt ist und die nicht erst im Laufe des Films erarbeitet werden muss; eine Freundschaft, die zu Beginn des Films schon lange existiert, zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt wird und nicht tragisch endet, und die nicht gerechtfertigt werden muss, sondern schlicht auf gegenseitigem Respekt und echter Zuneigung basiert; eine Freundschaft, von der die beiden nicht nur durch die gemeinsamen Ziele profitieren, sondern an der sie auch offensichtlich Spaß haben: Ich bin mir nicht sicher, ob ich so eine Beziehung, mit solchen Figuren, jemals im Kino gesehen habe.

Die Diskussion um Ocean’s 8 war überraschend hot-takey für einen so bescheidenen, harmlosen Film – eines Tages werden wir Filmkritiker erwachsen genug sein, uns durch lapidare, mittelgut durchdachte Filmstar-Soundbites nicht triggern zu lassen -, und zweifelsohne gibt es berechtigte Kritik über diesen Film zu äußern, von der uninspirierten Inszenierung von Gary Ross bis zu der grundsätzlichen Frage, ob nicht langsam der Zeitpunkt gekommen ist, an dem weibliche Figuren ihre eigenen Geschichten tragen dürfen; und am Ende bleibt Ocean’s 8 doch ein eher, sagen wir, leichtgewichtiger Film, einer, den man schnell wieder vergessen hat und dessen elaboriert konstruierter Plot nach kurzem Nachdenken in sich zusammenfällt; es geht, eigentlich, um gar nichts, höchstens darum, dass es nicht immer um was gehen muss, solange man Spaß dabei hat, miteinander (oder den Figuren eines Films) rumzuhängen. Aber man darf die bescheidene Ambition des Films nicht mit Faulheit verwechseln, oder mit mangelnder Kreativität: Diese Art von Beziehung, die ohne einschneidende Konflikte auskommt, ohne Subtext, ist, so unkompliziert sie wirkt, ziemlich schwer zu schreiben – zumindest auf eine Art, die für den Zuschauer unterhaltsam bleibt -, und noch schwerer zu spielen; es hat seine Gründe, dass man sie, wenn überhaupt, eben in Filmen wie Ghostbusters, dessen Cast aus echten Freunden besteht, oder in Serien findet, deren Cast viel Zeit hat, eine Chemie, einen gemeinsamen Rhythmus zu entwickeln. Chuck Klosterman hat seinem Buch Sex, Drugs & Cocoa Puffs dieses Zitat vorangestellt:

“I remember saying things, but I have no idea what was said. It was generally a friendly conversation.” —Associated Press reporter Jack Sullivan, attempting to recount a 3 A.M. exchange we had at a dinner party and inadvertently describing the past ten years of my life.

Das ist jetzt keine profunde, lebensverändernde Wahrheit, aber es ist wahr genug: Wir verbringen einen nicht unwesentlichen Teil unseres Lebens in wenig erinnerungswürdiger, aber generell freundlicher Konversation. Aber das Kino, habe ich das Gefühl, nimmt sich selten Zeit für solch freundliche Konversation, und vielleicht gibt es uns so das Gefühl, dass die Welt ein Bisschen weniger freundlich wäre als sie ist. Ocean’s 8 ist wenig erinnerungswürdig, und er offenbart uns keine profunde, lebensverändernde Wahrheit; aber er führt eine generell freundliche Konversation mit uns, und bezieht dabei auch diejenigen mit ein, die bisher selten an dieser Art von freundlicher Konversation teilhaben durften.

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