Nicht lustig: Hannah Gadsbys Nanette

Nicht lustig: Hannah Gadsbys Nanette

Warum schämen wir uns, Comedy zu mögen?

Get Out ist eine Komödie. Ich werd das jetzt nicht Blake-Snyder-mäßig nachprüfen, aber ich glaube, der Film hat einen Witz – einen echten, laut-drüber-lachen Witz – auf jeder Drehbuchseite. Seine vielleicht berühmteste Zeile, die, die in gewisser Weise die These des Films zusammenfasst – “I would have voted for Obama for a third time if I could” -, ist ein Running-Gag.

Die gesamte Handlung des Films ist als Witz strukturiert: Es gibt einen Setup, dann hält der Film für eine Weile die Spannung, und dann endet er auf einer Punchline, die die Spannung auf überraschende, absurde, komische Weise auflöst; die Comic-Relief-Figur wird plötzlich zum Helden des Films – das ist lustig, und soll es auch sein.

Woke Twitter – und weite Teile der Filmkritik-Landschaft, aber das ist ja weitestgehend synonym – sah das anders: Als Get Out bei den Golden Globes in der “Best Motion Picture – Musical or Comedy”-Kategorie nominiert wurde, sahen wir darin eine Reduktion dieses wichtigen Films auf bloße Unterhaltung – oder so.

Wir machen das oft: Wir mögen einen Film – oder ein anderes Werk – und finden ihn irgendwie wichtig, und verschwenden dann viel Zeit und Thinkpiece-Platz damit, zu debattieren, ob er wirklich dem Genre zugehört, dem er offensichtlich zugehört. Hereditary war zuletzt so ein Fall, wo wir uns nicht sicher waren, ob einem so (angeblich) schlauen Film wirklich mit so einer profanen Bezeichnung wie „Horror“ gedient sei.

Der Fehler, den wir hier machen, ist, eine formale Einordnung mit einem qualitativen Urteil zu verwechseln. Wir glauben, dass eine Komödie automatisch weniger wichtig, weniger, nun, ernstzunehmen ist als ein Drama; dass Horror- und andere Genre-Filme primitive, irgendwie unziemliche Impulse bedienen, während Was-auch-immer-das-Gegenteil-von-Genre-ist-Filme den Verstand stimulieren (was selbstverständlich besser, wichtiger ist).

Das wisst ihr längst alles, aber das ist der interessante Punkt, auf den ich hier hinaus will: Jeder weiß das, oder zumindest jeder, der ernsthaft über Kunst nachdenkt; niemand, dessen Meinung irgendwie ernstzunehmen ist, würde sagen, dass Genre und Comedy nicht genauso gut und wichtig sein können wie Drama; niemand denkt so, oder, nun, niemand glaubt, dass er so denkt. Dennoch fühlten wir uns berufen, Get Out gegen den “Vorwurf”, es handele sich um eine Komödie, zu verteidigen, dennoch verbrachten wir unsere Zeit damit, ausgiebig das Genre von Hereditary zu verhandeln.

Wenn es um die Diskussion von Genre und Comedy geht, lassen wir uns immer wieder von internalisierten Vorurteilen leiten, obwohl wir es eigentlich besser wissen. Auf einer rationalen Ebene wissen wir, dass ein Werk sehr wohl lustig und wichtig, und furchteinflößend, und, keine Ahnung, sozialkritisch sein kann (oder was auch immer wir von Get Out erwartet haben); aber die alten Vorurteile, die alten Unterteilungen zwischen High- und Lowbrow, Unterhaltung und Kunst, sind tief in uns verwurzelt und äußern sich in einer diffusen Scham darüber, dass uns bestimmte Arten von Kunst gefallen, und wenn dann, zum Beispiel, die Hollywood Foreign Press Get Out als “Komödie” bezeichnet, werden wir ein Bisschen misstrauisch: Wir wissen, dass Komödien nicht weniger wichtig sind als Drama, aber was meinen die jetzt damit, fragen wir uns, und was sagt das dann über uns, dass wir sowas gut finden, und wir schämen uns entgegen unseres besseren Wissens und fühlen uns angegriffen und empören uns dann darüber, dass einer der lustigsten Filme des letzten Jahres in der Kategorie “Beste Komödie” nominiert ist.

Hannah Gadsbys gefeiertes und viel diskutiertes Special Nanette führt uns diese internalisierten Vorurteile, diese seltsame Scham, auf gleich mehreren Ebenen vor. Da ist die Diskussion um das Special: Auf der einen Seite rechtfertigen Menschen, die offensichtlich nicht viel Comedy gucken – und denen es sehr wichtig zu sein scheint, dass sie nicht viel Comedy gucken -, ihre Begeisterung für dieses Special damit, dass es irgendwie neu definiere, was Comedy sein kann (tut es nicht); auf der anderen Seite wollen Comedy-Snobs, die sich von Gadsbys Kritik an Standup-Comedy als Form angegriffen fühlen und/oder das Special einfach nicht besonders lustig finden, abstreiten, dass Nanette überhaupt Comedy ist (ist es).

Noch interessanter aber ist die Genrescham, die Gadsby selbst offenbart: Die Unzulänglichkeiten, die Gadsby der Form vorwirft, die Dinge, die Comedy angeblich nicht leisten kann, sind zu großen Teilen nicht natürliche Mängel der Form, sondern internalisierte Vorurteile und Tabus. Das macht Nanette nicht schlecht und was Gadsby zu sagen hat nicht wertlos, aber ich glaube, es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen als es die ekstatischen Kritiken tun, die Gadsbys Formkritik oft enttäuschend unhinterfragt lassen.

Nanette beginnt mit einer Reihe von selbstironischen Witzen über Gadsbys Erscheinungsbild und ihre Sexualität, unter anderem einer Anekdote über einen Mann, der Gadsby verprügeln wollte, weil sie angeblich mit seiner Freundin geflirtet habe, bis er realisierte, dass Gadsby eine Frau ist, und Frauen schlage er nicht. Bald allerdings kommt Gadsby auf das zentrale Thema ihres Specials zu sprechen: I do think I have to quit Comedy, though, sagt sie, und fügt in einem etwas halbherzigen Versuch, das Ganze als Witz zu verpacken, hinzu, dass eine Comedy-Performance ein denkbar ungeeigneter Rahmen sei, so etwas anzukündigen. Darauf folgt eine weit ausholende Kritik an Comedy als Kunstform, und schließlich, im fast vollständig ohne Pointen auskommenden letzten Drittel, erzählt Gadsby von ihrem Coming Out, von ihrem Leben als queere Frau in der Comedy-Branche und als marginalisierte Person, samt der Teile der Geschichte, die, sagt sie, in einer Comedy-Routine keinen Platz hätten.

Dieser letzte Teil ist, was so viele Zuschauer an Nanette beeindruckt, und man versteht durchaus, warum: Gadsby performt diesen Part mit einer rohen, ungezügelten Wut, der Sorte Wut, die Frauen und queere Menschen in der Öffentlichkeit oft unterdrücken, aus Angst, als hysterisch oder irrational oder angry feminazi oder was auch immer abgestempelt zu werden; sie verweigert dem Publikum einfache Auflösungen, versöhnliche Enden – sie erzählt nicht von Ungerechtigkeiten und Brutalitäten, die sie überwunden hat, sondern solchen, denen sie immer noch und immer wieder ausgesetzt ist; und sie scheut sich nicht vor Schuldzuweisungen, hat keine Angst, heterosexuelle, weiße Männer vor den Kopf zu stoßen. Das ist sehr, sehr unangenehm anzuschauen, aber doch seltsam lebensbejahend: Gadsby erlaubt sich und dem Publikum, genau das zu fühlen, was sie fühlen, egal, ob diese Gefühle gemeinhin als gesellschaftlich akzeptabel oder vorzeigbar gelten. Für viele Zuschauer, ausgehend nicht nur von den Kritiken, sondern auch von den Reaktionen des Live-Publikums – spontane Standing Ovations, Jubelschreie -, ist das wohl ein lange ersehnter Befreiungsschlag, und offensichtlich hat Gadsby ihr erklärtes Ziel erreicht: Sie erzähle ihre Geschichte, in dieser Form, weil sie sich als Heranwachsende gewünscht hätte, eine solche Geschichte zu hören, und wenn so viele Zuschauer sich dank Nanette ein Bisschen weniger allein fühlen in ihrer Wut, ihrer Ohnmacht, dann muss man das Special grundsätzlich erstmal super finden.

Dieser Part ist es aber auch, was manche Comedy-Snobs dazu verleitet, Nanette den Status als “Comedy-Special” abzuerkennen, und auch das kann man erstmal verstehen: Ein gutes Drittel dieser angeblichen Comedy-Show ist dezidiert nicht lustig, und man kann ein stichhaltiges Argument dafür formen, dass das Publikum zum Lachen zu bringen ungewöhnlich weit unten auf Gadsbys To-Do-Liste für ihren Auftritt stand. Auch ist etwas dran an der Warnung von Comedian Kath Barbadoro, dass der Erfolg von Nanette als Standup-Comedy zu einer Flut von langweiligen, “punchlinelosen” Nachwuchs-Comedians führen könnte.

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Dennoch finde ich dieses Argument auf ähnliche Weise problematisch wie das, Nanette würde Comedy völlig neuerfinden: Es verwechselt ein Qualitäts- oder Geschmacksurteil mit einer formalen Einteilung, und das Ergebnis ist eine Form von Snobismus, eine Gatekeeper-Mentalität; den einen, denjenigen, die sonst auf Comedy herabblicken, geht es darum, Nanette gut finden zu dürfen, ohne gleich Comedy als Ganzes ernstnehmen zu müssen, und den anderen, den Comedy-Snobs, geht es darum, basierend auf ziemlich willkürlichen Kriterien die “Reinheit” ihrer Kunstform zu wahren, das Genre vor Eindringlingen zu beschützen. Die Idee, Comedy durch die Zahl der Pointen zu definieren, führt zu unangenehmen Überlegungen – wenn man Nanette den Status “Comedy” aberkennt, muss man das eigentlich auch mit einigen der besten Comedy-Specials jüngster Vergangenheit und vielleicht sogar mit dem ein oder anderen Klassiker tun, die sich ebenfalls dadurch auszeichneten, in entscheidenden Momenten auf Pointen zu verzichten: Neal Brennan zerlegte in 3 Mics Comedy in ihre Einzelteile, indem er drei Mikrophone auf der Bühne platzierte, die jeweils einem der Elemente vieler moderner Comedy-Specials zugeordnet waren – klassischen Witzen, lustigen Anekdoten und emotionalen Geschichten mit minimalen Pointen; Mike Birbiglias Specials enthalten oft minutenlange Passagen ohne eine einzige Pointe; Tig Notaros Live, das bei Erscheinen einen ähnlich explosiven Effekt hatte wie Nanette, lebt wie Nanette von der Spannung zwischen klassischen Witzen und rohen, fast schon unangenehm direkten Emotionen (und macht das sogar ähnlich explizit wie Nanette); und nicht zuletzt finden sich auch in den Karrieren von Standup-Legenden wie Richard Pryor oder George Carlin diese Momente, in denen sie bewusst auf Pointen verzichteten. Dass Nanette, anders als die genannten, seine ernsten Elemente als geschlossenen Block am Ende des Sets präsentiert, finde ich als formales Unterscheidungsmerkmal etwas schwach.


Auch folgt die Wirkung des letzten Drittels von Nanette, so wenig lustig es für sich genommen sein mag, direkt aus seiner Platzierung am anderen Ende einer Show, die als klassisches Comedy-Set beginnt, und die Wirkung von Nanette als ganzes folgt direkt aus seiner Positionierung als Comedy-Special: Gadsby kreiert hier sehr bewusst Spannung zwischen den selbstironischen, queer gefärbten, aber letztlich harmlosen Witzen aus den ersten zwei Dritteln und den wütenden, ungeschönten Passagen über Gay-Bashing und Selbsthass aus dem letzten Drittel, und sie tut das sehr bewusst vor einem Publikum, das denkt, es würde eine Comedy- und keine One-Man-Show sehen. Nanette, auch, wenn es angeblich darum geht, dass Gadsby Comedy aufgeben will, ist eindeutig als Comedy-Special konzipiert und kann nur in diesem Rahmen seine volle Wirkung und Bedeutung entfalten.

Oh, und: Ein Publikum 20 Minuten lang in unbequeme Spannung zu versetzen, in Erwartung einer Pointe, die nie kommt, ist auf einer Ebene auch ziemlich lustig, oder? So anders als Tig Notaros Bit in ihrem neuen Special Happy to Be Here ist das jetzt nicht – wenn sie 10 Minuten lang wieder und wieder einen Gastauftritt der Indigo Girls ansagt, nur um das Publikum wieder und wieder zu enttäuschen?

Gut, haben wir die formale Einordnung also durch; reden wir über Qualität: Nanette, ein Comedy-Special von Hannah Gadsby, ist so mittel.

Nanette ist fantastisch performt, was wohl der Grund ist, warum weite Teile des Publikums nicht merken – oder ignorieren -, dass es über weite Strecken nicht besonders gut geschrieben ist: Gadsbys Performance im letzten Drittel ist so roh und emotional und echt, dass es irgendwie egal ist, dass das Setting, das sie sich zuvor selbst geschaffen hat, unnötig elaboriert, steril und künstlich ist; in den klassischeren Comedy-Passagen beweist sie ein solch präzises Gespür für Rhythmus und Timing, dass das Publikum gar nicht merkt, wie halbgar viele von Gadsbys Witzen sind – oder dass manche Passagen, die eindeutig lustig gemeint sind und auch viele Lacher ernten, gar keine Witze enthalten. Man folgt Gadsby irgendwie überall hin, über all die abseitigen Abzweigungen ihrer Argumentation, und gibt sich alle Mühe, auszuklammern, dass es einen viel direkteren, effizienteren Weg ans Ziel gegeben hätte.

Nanette ist nicht lustig; auch nicht in den Passagen, die lustig sein sollen. Das ist natürlich subjektiv – ich mein, jede Form von Kunst ist subjektiv, aber es ist besonders schwierig, jemanden durch kritische Argumente davon zu überzeugen, dass etwas, worüber er gelacht hat, nicht lustig war (oder umgekehrt) -, aber ich sah die Punchline jedes Witzes meilenweit kommen, und viele Witze habe ich fast wortgleich bei anderen Comedians gesehen, wenn nicht selbst gemacht, in diesem Ich weiß selbst, dass das nicht lustig ist-Ton, in dem ich auch sehr schlechte Wortspiele präsentiere: Gadsbys Beobachtung, dass eigentlich gar nicht Lachen, sondern Penicillin die beste Medizin sei, ist die Sorte Witz, die ich als Kind gemacht habe, als nicht nur das Konzept Humor, sondern das Konzept Sprache an sich noch relativ unerschlossenes Gebiet für mich war. Ein langes Riff über die Widersprüche der Farbe Blau – Blau gilt als kalte Farbe, aber der wärmste Teil der Flamme ist blau! – kommt gleich ganz ohne Witze aus, es ist einfach sehr basale Farbtheorie, vorgetragen in comedytypischer Can you believe this?-Kadenz.

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Dass das funktioniert, Gadsby mit diesem Bit laute Lacher erntet, zeigt, wie sicher Gadsby als Performerin ist, und wie viel wichtiger Performance in Relation zu Material für ein erfolgreiches Standup-Set (leider?) ist.


Ein Prinzip aus der Improv-Comedy, das ich bei der Diskussion jeder Art von Humor hilfreich finde, heißt “A nach C”: Ein guter Improv-Künstler, so die Idee, überspringt oft einen Schritt in der Assoziation, um das Publikum zu überraschen; wenn A die Ausgangsidee ist – ein Stichwort aus dem Publikum vielleicht -, wäre B eine erste, logische Assoziation basierend auf dieser Idee; C ist eine Assoziation basierend auf der ersten Assoziation. Wenn man nun den Schritt von A nach B nur im Kopf geht, dem Publikum also gleich C präsentiert, überrascht man es, und bringt es, wenn man es richtig macht, zum Lachen, auf diese leicht verzögerte, aber sehr befriedigende Art, wie es sehr clevere Witze tun, die vom Zuhörer ein gedankliches Mitwirken erfordern. Hier ein Beispiel aus dem Improv Research Center Wiki:

The suggestion “Range Rover” is taken. An A to C could look like Range Rover –> Safari –> Africa

A Idea: A scene sitting in a Range Rover, driving down a highway.

B Idea: A scene during a safari exploration.

C Idea: A group of musicians recording a tribute song for impoverished children in Africa.

Sagen wir, im Standup ist die Wahl des Materials – worüber man einen Witz macht – A; B ist eine vielleicht etwas abseitige und dadurch idealerweise komische, aber simple, nachvollziehbare Beobachtung: das absolute Minimum, um etwas einen “Witz” nennen zu können. A-nach-B-Witze sind meist milde unterhaltsam, aber, wenn man auch nur ein Bisschen von Comedy versteht, selten laugh-out-loud funny – es sind It’s funny because it’s true-Witze, in denen der Zuschauer Beobachtungen und Gedankengänge wiedererkennt, die er vielleicht selbst schon gemacht hat, oder zumindest machen könnte; solche Witze sind wichtig für ein funktionierendes Standup-Set, denn sie holen das Publikum ab, geben ihm das Gefühl, auf derselben Seite wie der Performer zu stehen, ihm intellektuell ebenbürtig zu sein.

…und das ist alles grob vereinfachend.

Aber für ein wirklich großartiges Set braucht es zumindest eine Handvoll A-nach-C-Witze: die, die einen Schritt weitergehen als eine Beobachtung, die mindestens jeder andere Comedian, wenn nicht jeder Zuschauer mit ein Bisschen Nachdenken selbst machen könnte; die, die wirklich überraschen, die sogar Comedy-Kenner zum Lachen bringen; die, über die man noch auf dem Nachhauseweg lacht, die man später seinen Freunden nacherzählt. Gadsbys Special hat keine A-nach-C-Witze, und manchmal schafft sie es nichtmal bis zu B.

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Die unerreichten Meister dieser Disziplin sind die Autoren von The Onion. Das nächste Mal, wenn ihr einen besonders lustigen Onion-Artikel seht, haltet einen Moment inne und denkt darüber nach, welche Witze die Autoren nicht gemacht haben – welche naheliegenden politischen Kommentare oder leicht wiedererkennbare Alltagsbeobachtungen, die so vielen anderen Comedians und Satirikern genug wären, die Autoren bewusst übersprungen haben, um einen wirklich überraschenden, einzigartigen Witz zu machen.

Damit wir uns richtig verstehen: Es braucht durchaus eine gewisse Kunstfertigkeit dafür, auf möglichst effizientem Weg B zu erreichen (i.e. das perfekte Wording zu finden). Auch Material A zu finden, das noch nicht verbraucht, auserzählt, aber dennoch universell interessant ist, erfordert seine eigene Kreativität, ein scharfes Auge und nicht selten einen gewissen Mut. Gadsby findet eine Menge solches Material – der angesprochene Exkurs über Farbtheorie ist ein gutes Beispiel -, und je mehr man von solchem Material hat, desto weniger wichtig scheint es dem Publikum zu sein, in welche Richtung man von diesem Ausgangspunkt geht; ein Großteil des Publikums hat vielleicht noch nie über Gadsbys Themen nachgedacht, sich zumindest nicht gefragt, was an diesen Themen lustig sein soll, und so fällt fast nicht auf, dass Gadsbys Gedanken und Kommentare zu diesen Themen selten besonders überraschend oder originell sind. Viele Passagen des Specials wirken wie erste Entwürfe, Skizzen für Bits und Routinen, bevor sie durch regelmäßiges Ausprobieren in kleinen Comedy-Clubs ausgefeilt werden; die Witze erfüllen irgendwie ihren Zweck, aber, sagen wir so: Jeder Writer’s Room, in dem nicht die Frage Can we beat that? aufkommen würde, würde seinen Job nicht machen.


Ähnlich unausgereift ist leider Gadsbys Argumentation, die Kritik, die sie an Comedy als Kunstform formuliert. Ihre zentrale These lautet: Während eine Geschichte drei Teile habe – Anfang, Mittelteil und Ende -, habe ein Witz nur zwei – Setup und Pointe – was effektiv bedeute, dass der Witz nach dem Mittelteil abbreche; im Bestreben, auf einem Lacher, dem Auflösen von Spannung zu enden, lasse ein Witz das Ende der Geschichte aus, den Teil, der ansonsten die komplizierte, unordentliche, unangenehme Realität hinter der Punchline offenbaren würde.

Das klingt klug, aber es bedeutet absolut nichts. “Anfang”, “Ende” und vor allem “Mittelteil”, in der Form, wie Gadsby sie verwendet, sind nicht gerade präzise literarische Kategorien, und die Argumentation, dass Geschichten eine Art “natürliches” Ende hätten, das Witze einfach so nonchalant wegließen, ist nicht stichhaltig. Natürlich hat ein Witz ein Ende – man nennt es die Pointe; wenn überhaupt fehlt dem Witz also der Mittelteil, aber, wie gesagt, dessen Funktion bleibt in Gadsbys Argumentation undefiniert.

Ich verstehe natürlich, was sie meint: Der Comedian entscheidet, den Witz – der übrigens kein Gegensatz zu einer Geschichte, sondern eine Art Geschichte ist – mit einer Punchline zu beenden, das Publikum mit dem angenehmen Auflösen von Spannung zu entlassen, was, vielleicht, die emotionale Realität, die die Geschichte für den Comedian hat, nicht richtig abbildet. Aber der Gegensatz zwischen Witz und Geschichte, den Gadsby hier aufzeigen will, bleibt behauptet: Geschichten haben kein “natürliches” Ende; der Erzähler jeder Geschichte, egal, ob er einen Witz in einem Standup-Set performt, ein Drehbuch oder einen Roman schreibt oder einfach seine Freunde mit einer amüsanten Anekdote unterhält, muss entscheiden, wo er seine Geschichte anfängt und wo er sie beendet; unser Leben unterteilt sich nicht sauber in Geschichten – erzählen bedeutet immer auch entscheiden, was man weglässt, an welchem Punkt man aufhört, zu erzählen.

Die Frage bleibt, ob ein Witz tatsächlich nur eine Art von Ende zulässt: Ist dieses Auflösen von Spannung wirklich der einzig akzeptable Akkord, auf dem ein Witz enden kann? Nehmen wir Gadsbys eigenes Beispiel: Die Geschichte mit dem Mann, der in Gadsby einen Typen sah, der seine Freundin belästigt, aber davon absah, sie zu verprügeln, als er sie als Frau erkannte. In Wirklichkeit, so Gadsby, endete die Begegnung nicht auf dieser (milde) amüsanten Note, und Gadsbys hochoriginellem Gedanken, dass es besser wäre, würde der Typ niemanden schlagen anstatt ausschließlich Frauen zu verschonen; in Wirklichkeit endete sie damit, dass der Typ sich selbst überzeugte, dass es doch okay ist, “lady faggots” zu schlagen, und Gadsby verprügelte. Gadsbys Offenbarung dieser Coda im letzten Drittel ist schockierend und schmerzhaft und zweifelsohne effektiver durch den Abstand, den Gadsby zwischen der amüsanten “Comedy”-Version und der Realität lässt. Ihre Argumentation, dass sie diese Geschichte, mit diesem Ende, im Rahmen einer Comedy-Routine so nicht erzählen könnte, fühlt sich intuitiv richtig an. Aber stimmt das so?

Ich will hier eigentlich nicht zu snarky sein, aber das ist doch nun wirklich der Gedanke, den 100% aller passabel rational denkenden Menschen haben, wenn jemand sagt, er würde keine Frauen schlagen, oder?

Ich bin nicht überzeugt. Die Struktur so viel aktueller Comedy ist eben nicht bloß Setup – Punchline, sondern Setup – Punchline – Unangenehme Wahrheit; der durchschnittliche Late-Night-Monolog in einer Post-Jon-Stewart-Welt entlässt den Zuschauer oft nicht mit dem angenehmen Lösen von Spannung, sondern dem dezidiert unangenehmen Gefühl, eine Teilschuld an einem gesellschaftlichen Problem zu tragen und gleichzeitig ohnmächtig in der Lösung dieses Problems zu sein: genau das Gefühl, das Gadsbys Schlussmonolog hervorrufen will, wenn auch nicht unbedingt in derselben Intensität. Und, um kurz so richtig nitpicky zu sein: Beweist Nanette nicht, dass in der Comedy sehr wohl Raum für die Sorte Geschichten ist, die Gadsby erzählen will? Wir können endlos darüber diskutieren, ob das, was Gadsby da macht, noch Comedy ist, aber eigentlich ist die strenge formale Einordnung irrelevant: Für das anwesende Live-Publikum ist Nanette Comedy; die Zuschauer haben Tickets gekauft in dem Glauben, eine Comedy-Show zu sehen, haben sich in der Erwartung, etwas zu lachen zu haben, auf ihre Plätze gesetzt. Zwar ist es diesem Publikum spürbar nicht angenehm, Gadsbys Erinnerungen an die Gewalt und Demütigungen, die sie erfahren hat, zuzuhören, und ihrer wütenden Anklage der Rape Culture, die diese Gewalt und Demütigungen ermöglicht und legitimiert; aber man hat auch nicht gerade das Gefühl, Gadsby hätte den Zuschauern den Abend ruiniert – im Gegenteil: Die Reaktionen des Publikums scheinen durchweg positiv, und das beweist doch ein Stück weit, dass man einem Comedy-Publikum doch eine ganze Menge zumuten kann, oder?


Das heißt nicht, dass Gadsbys Ideen keinen Wert haben, nicht doch eine gewisse Wahrheit enthalten. Fast jeder Geschichtenerzähler, oder zumindest jeder, der Geschichten basierend auf seinem Leben oder dem Leben anderer erzählt, muss früher oder später konfrontieren, was Gadsby hier zu konfrontieren versucht: Wenn wir eine Geschichte erzählen, dann tun wir das immer rückblickend. Das Aufbereiten einer Erinnerung in eine Geschichte ist ein kreativer Akt, und es kann empowering sein, ein Weg, die Deutungshoheit über einen Abschnitt unseres Lebens einzufordern; aber es suggeriert auch eine Ordnung, eine Geschlossenheit, die es im Leben so nicht gibt. Ich stehe öfter vor dieser Frage, wenn ich über meine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten schreibe: Da es mir in Tiefphasen selten möglich ist, zu arbeiten, schreibe ich immer erstmal über etwas, das ich hinter mir habe – auch, wenn ich natürlich weiß, dass ich noch viele Tiefphasen erleben werde. Und grundsätzlich ist das auch die Position, aus der ich schreiben will: Die Botschaft, die ich senden möchte, ist dass es möglich ist, solche Phasen zu überwinden, dass es immer irgendwie weitergeht; ich glaube, dass Texte mit diesem Grundtenor helfen und inspirieren können, sonst würde ich sie nicht schreiben. Aber manchmal frage ich mich, ob zu viele solcher Texte beim Leser nicht den Eindruck erwecken könnten, dass es nur in dieser Tonart akzeptabel wäre, über geistige Gesundheit zu sprechen – dass es sich irgendwie “nicht gehört”, über Probleme zu sprechen, die man noch nicht gelöst, Emotionen auszudrücken, die man nicht überwunden hat. Das ist durchaus eine gefährliche Idee, wenn es um geistige Gesundheit geht.

Und natürlich auch, wenn es um Rape Culture, Diskriminierung und toxische Rollenbilder geht. Bei allen Einwänden, die ich gegen Gadsbys Analyse von Comedy als Kunstform habe, so sehr ich mich weigere, ihr Special als irgendeine Art von Neuerfindung der Comedy zu sehen: Ihre Verweigerung, ihre Traumata als überwunden zu präsentieren, in einer Variante des What doesn’t kill you makes you stronger-Narrativ, ist am Ende doch durchaus gewagt; das kann triggernd wirken, aber vielleicht gibt es Teilen des Publikums die “Erlaubnis”, ebenfalls ihre Geschichte zu erzählen, ihre Gefühle auszudrücken, in einer Form, die sie zuvor nicht als gesellschaftlich akzeptabel gesehen haben.

Gadsbys Geschichte, in genau dieser Tonart, die sie wählt, hat einen Wert, und einen Platz in der Standup-Comedy. Es ist bedauerlich, dass sie glaubt, diese Geschichte nur im Kontext einer Ablehnung dieser Kunstform ausdrücken zu können: Die Geschichte verdient, gehört zu werden, und der Grund, dass sie gehört wird, ist dass sie in Form eines Standup-Sets präsentiert wird; eine der Funktionen von Comedy ist als genau diese Art Trojanisches Pferd – darum empfiehlt man Menschen, die eine Rede oder einen Vortrag halten müssen, mit einem Witz zu eröffnen: Bring das Publikum einmal zum Lachen, und es ist auf deiner Seite; ein talentierter Performer wie Gadsby kann das Publikum dann an so manch düsteren, unbequemen Ort führen, den sie sonst nicht hätten besuchen wollen. Als One-Man-Show hätte Nanette nie diesen Erfolg, diese Wirkung gehabt, nie dieses Publikum, diese Aufmerksamkeit angezogen.

Warum, also, glaubt Gadsby, ihre Geschichte nur in diesem Framing erzählen zu können? Nun, aus demselben Grund, aus dem wir meinen, rechtfertigen zu müssen, warum wir ein Comedy-Special gut finden, indem wir es als völlige Neuerfindung der Form positionieren, obwohl es in einer langen Tradition steht; dem Grund, warum wir einem Special, das wir nicht mögen, den Status “Comedy” aberkennen: Wir haben diese internalisierten Vorurteile über Genres und Kunstformen, und je nachdem, ob diese Vorurteile positiv oder negativ sind, wollen wir selbst nicht mit diesem Genre, dieser Form assoziiert werden, oder wollen sie vor Eindringlingen schützen. Oder, wie vielleicht in Gadsbys Fall: Wir haben Angst, selbst als Eindringling wahrgenommen zu werden, oder nicht ernstgenommen zu werden, wenn wir in einem Genre agieren, dass nicht ernstgenommen wird, und nehmen daher schonmal die mögliche Kritik vorweg, distanzieren uns von unserer eigenen Form, unserem eigenen Genre.

Nanette ist ein Comedy-Special, und wir sollten uns als Comedy-Special mit ihm beschäftigen. Es ist nichts revolutionär neues, und es ist kein Eindringling. Es ist ambitioniert in seinem Themenspektrum und seiner Tonart, und es nimmt sein Publikum ernst, traut ihm zu, ihm intellektuell und emotional an manch unbequemen Ort zu folgen; aber seine formale Kritik, so effektiv sie ist, so erfolgreich im zweifelsohne von Gadsby kalkulierten Vorhaben, Aufmerksamkeit und Diskussion zu erregen, ist nicht zu Ende gedacht, und seine Witze, so kompetent performt und solide konstruiert, sind überraschungsarm und unkreativ. Es wirkt alles ein Bisschen first draft-y, und angesichts Gadsbys offensichtlichem Talent fragt man sich, was für ein Special sie hätte schreiben können, hätte sie weniger Energie in ihre halbgare Dekonstruktion von Comedy, die Rechtfertigung der emotionalen Extreme ihrer Geschichte gesteckt, und mehr in die Witze – wäre sie selbstbewusster davon ausgegangen, dass ihre Geschichte sehr wohl einen Platz in dieser Kunstform hat. Hoffen wir, dass Gadsby nicht wirklich vorhat, Comedy aufzugeben, denn Nanette präsentiert uns eine Stimme, der zuzuhören sich lohnt – auch, wenn man ihr vielleicht nicht das letzte Wort über den Wert und die Funktion von Comedy überlassen sollte.


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