TV’s New Sincerity: Michael Schur, David Foster Wallace & warum Brooklyn Nine-Nine eine der wichtigsten Serien im Fernsehen ist

The scariest possible thing that you can engage in is this very basic human connection where you say, “I feel this way,” or “I am scared,” and his worldview was: that’s what has to win; that’s how people should write; and that’s how people should connect with each other. The first time I read those words from him—and he said them a lot more eloquently than I just did—it was like someone had punched me in the face. I instantly realized so much of what was wrong with me as a writer was that I was trying to be cool and impress people and not seem like I cared about anything. It’s very hard to wear your heart on your sleeve as a writer, because we live in a world where your work is being instantly analyzed and picked apart by a lot of people, and a lot of those people are very cool, and they have a cool-guy agenda, and it’s a real fight to do it and not worry about what people are going to think of you. […] I don’t think [the creation of Leslie Knope] would have been possible without me reading David Foster Wallace.

(Michael Schur über David Foster Wallace)

Während der Berlinale vor ein paar Jahren stand ich, in einem der wenigen ruhigen Momente eines solchen Festivals, mit zwei Kritiker-Kollegen zusammen, und wir stellten fest, dass einer der beiden mit 30 Rock und Parks & Recreation zwei der bei hippen, jungen, werberelevanten Menschen wie uns zu diesem Zeitpunkt beliebtesten Comedyserien nicht kannte. Wir anderen beiden reagierten einstimmig entsetzt über seine Nichtkenntnis von 30 Rock, zuckten aber eher mit den Schultern bezüglich Parks & Rec: Parks & Rec, das war nett, das war sympathisch, das war witzig, das war sehenswert, aber 30 Rock, das war formal innovativ, das war wichtig; der Kollege möge in aller gebotenen Eile, koste es was es wolle, 30 Rock nachholen, aber Parks & Rec konnte er von uns aus erstmal liegen lassen, bis er mal ein paar Wochen krank war, oder es das Boxset mal sehr, sehr günstig auf dem Grabbeltisch bei Saturn gibt.

Ich weiß nicht, ob ihr in der kurzen Zeit zwischen der Absetzung und Wiederbelebung von Brooklyn Nine-Nine auf Twitter unterwegs wart. Brooklyn Nine-Nine, wie Parks & Rec, wurde co-kreiert von Michael Schur; wie in Parks & Rec geht es um eine Gruppe von Menschen im öffentlichen Dienst, diesmal in einer Polizeiwache in Brooklyn – Menschen, die durchaus etwas bewegen können, aber nun nicht unbedingt die Lenker der Welt sind; die Serie erzählt die Sorte Geschichten, die Workplace- oder Adopted-Family-Sitcoms nunmal erzählen: Die Figuren haben kleine Missverständnisse oder Meinungsverschiedenheiten, verlieben sich, helfen sich gegenseitig mit ihren Problemen; wie Parks & Rec ist Brooklyn Nine-Nine in dokumentarisch-anmutendem Stil inszeniert, mit viel Handkamera, Schwenks und Zooms anstatt Cuts, nur gibt es keine Talking Heads mehr und niemand guckt in die Kamera und macht dieses Gesicht, dass Adam Scott in Parks & Rec und vor ihm John Krasinski im ebenfalls unter Schurs Beteiligung entstandenen The Office immer gemacht haben.  Die Inszenierung soll hier vielleicht weniger suggerieren, dass die Kameras diegetisch existieren, als vielmehr durch die Begünstigung von langen, ungebrochenen Takes Improvisation fördern.

Kurz: Brooklyn Nine-Nine ist, wie Parks & Rec zuvor, oberflächlich wenig bemerkenswert; doch die bestürzten Reaktionen auf die Absetzung durch FOX und die ausgelassenen auf die Wiederbelebung durch NBC zeigten: Diese unscheinbare Show hat einen nicht von der Hand zuweisenden Einfluss auf ihr Publikum. Die Zuschauer empfinden eine starke, intensive, emotionale Bindung zu dieser Serie. Brooklyn Nine-Nine wird nicht geliebt, es wird gebraucht; Brooklyn Nine-Nine ist, unbestreitbar, wichtig. Aber es ist wichtig auf eine andere Art als Serien, die wir normalerweise als “wichtig” einstufen; eine Art, über die zu reden und schreiben deutlich schwieriger ist, weshalb Brooklyn Nine-Nine, obwohl stets wohlwollend besprochen, vor seiner Dann-Doch-Nicht-Absetzung vielleicht nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die es verdient hätte.

Ich selbst habe über die Jahre viele Male versucht, über Brooklyn Nine-Nine zu schreiben. Die Serie gehört seit nunmehr 5 Jahren zu meinen liebsten im Fernsehen – schon gemessen an der Zeit, die ich mit ihr verbringe: Letztes Jahr allein sah ich die ersten drei Staffeln der Serie vier Mal, plus die zweite Hälfte der vierten und die erste der fünften Staffel zum ersten Mal. Aber wann immer ich versuchte, meine Gefühle über die Serie in Worte zu fassen, kam dabei ein unangenehm, nun, gefühliger Text heraus, der, dachte ich, wenig wirklich zu sagen hatte; es gibt nichts zu analysieren an Brooklyn Nine-Nine, und, ganz ehrlich, es ist noch nichtmal so, als wäre irgendwas an der Serie wirklich beeindruckend. Alles ist irgendwie solide: Die Witze sind gut und entstehen stets organisch aus der etablierten Persönlichkeit der Charaktere, aber verglichen mit, sagen wir, den Witz-in-Witz-in-Witz-in-Witz-in-Witz-Konstruktionen eines Arrested Development, oder den Witzen über Witze von Community, oder dem schieren Tempo, in dem 30 Rock seine Punchlines lieferte, hat man hier nicht gerade dieses schwindelerregende “Wow, wie haben die das gemacht?”-Gefühl – die haben sich halt mit ein paar professionellen, soliden Comedy-Autoren, aber ohne Hurwitz-Harmon-Fey-Level-Auteur, in einen Raum gesetzt und haben die besten Witze, die ihnen eingefallen sind, in einen Laptop getippt, so haben die das gemacht. Die Geschichten, die Brooklyn Nine-Nine erzählt, sind, auch in der 5. Staffel, noch interessant und abwechslungsreich, und sie verraten ihre Charaktere nicht, aber nach den ersten zwei Szenen kann sich für gewöhnlich auch der am wenigsten sitcomversierte Zuschauer alle folgenden Storybeats zusammenreimen, selbst, wenn die Serie immerhin thematisch einmal ambitionierter wird, wie in einer vergleichsweise vielbeachteten Season-4-Episode über Racial Profiling. Alles an Brooklyn Nine-Nine ist gut, aber nichts ist brillant, nichts ist mind-blowing, und definitiv ist nichts kontrovers oder ambivalent oder gewagt.

Aber es ist eben wichtig, im Sinne von: Es macht einen Unterschied im Leben seiner Zuschauer. Und während der Geschmack des Publikums nun bekanntermaßen nicht immer der Weisheit allerletzter Schuss ist, existiert Kunst auch nicht in einem Vakuum, und manchmal kann es durchaus erhellend sein, die Wirkung in der Beurteilung und Analyse eines Stücks Kultur mit einzubeziehen – wie war das nochmal mit dem Gegenteil von gut?

So bereue ich beispielsweise diesen Essay über die dritte Staffel von Rick & Morty – obwohl ich inhaltlich wenig daran auszusetzen habe: Rick & Morty ist brillant, ist gewagt, ist all das, was Brooklyn Nine-Nine nicht ist, und natürlich ist meine Analyse scharfsinnig und stichhaltig; aber das Verhalten seiner Fans zeigt deutlich: Rick & Morty, so “gut” es technisch gesehen ist, scheitert letztlich doch daran, dem Publikum zu vermitteln, dass Rick nicht als Vorbild gedacht ist, und was nutzen die besten Lines, die kreativste Animation, die charliekaufmansten Plots und die deprimierendsten Denouements, wenn das alles effektiv Nihilismus und Solipsismus vermittelt? Rick & Morty macht die Welt ein kleines Bisschen schlechter, und ich möchte keinen auch noch so kleinen Teil in der Verbreitung dieser Serie haben, auch, wenn der Essay, der dabei herauskam, eigentlich ganz schön geworden ist.

Umgekehrt hätte ich sehr gerne längst einen Teil in der Verbreitung von Brooklyn Nine-Nine gehabt, denn, ja, ich glaube, diese Serie macht die Welt ein Bisschen besser; nur fehlt mir – offensichtlich – das Talent, dazu einen ähnlich schönen Essay zu schreiben. Lasst mich also tun, was mittelmäßige weiße Jungs, die klüger scheinen wollen als sie sind, eben tun: David Foster Wallace zitieren.

In E Unibus Pluram1…zu finden in A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again. schreibt Wallace über das Verhältnis von Fernsehen und literarischer Fiktion, und den generellen Einfluss des Fernsehens auf die amerikanische Kultur. Der Text ist von 1993 und ist entsprechend, in manchen Punkten, ziemlich dated, aber er ist von David Foster Wallace und ist entsprechend, in vielen anderen Punkten, geradezu prophetisch. So zum Beispiel in einer berühmten Passage über zukünftige “literarische Rebellen”, die, so mutmaßt Wallace, sich vor allem in Abgrenzung zur vorherrschenden Kultur von Ironie definieren könnten:

The next real literary “rebels” in this country might well emerge as some weird bunch of anti-rebels, born oglers who dare somehow to back away from ironic watching, who have the childish gall actually to endorse and instantiate single-entendre principles. Who treat of plain old untrendy human troubles and emotions in U.S. life with reverence and conviction. Who eschew self-consciousness and hip fatigue. These anti-rebels would be outdated, of course, before they even started. Dead on the page. Too sincere. Clearly repressed. Backward, quaint, naive, anachronistic. Maybe that’ll be the point. Maybe that’s why they’ll be the next real rebels.

In einer Kultur der Dekonstruktion, des Auseinandernehmens, des Abwägens, des Über-Allem-Stehens, des Nichts-Ernst-Nehmens ist es rebellisch, zu sagen, was man meint, zu fühlen, was man fühlt, ohne sich zu schämen; sich angreifbar zu machen, zu riskieren, selbst dekonstruiert, auseinandergenommen, nicht ernstgenommen zu werden; aufrichtig zu sein. Dieses Gegenüberstellen von Ironie und Zynismus vs. sincerity findet sich in Wallace’ Werk und seinen Interviews immer wieder; stilistisch zweifelsohne der Postmoderne verschuldet, war Wallace skeptisch, ob die Ideen dahinter noch zeitgemäß waren. Dekonstruktion des Alten ist schön und gut, aber irgendwann muss man doch anfangen, etwas Neues zu errichten:

All we seem to want to do is keep ridiculing the stuff. Postmodern irony and cynicism’s become an end in itself, a measure of hip sophistication and literary savvy. Few artists dare to try to talk about ways of working toward redeeming what’s wrong, because they’ll look sentimental and naive to all the weary ironists.

Tatsächlich sahen manche Kritiker im Werk von Autoren wie Wallace selbst, Michael Chabon, Zadie Smith, Jonathan Safran Foer oder Jonathan Franzen eine Realisierung von Wallace’ Prognose, eine literarische Strömung, die sie New Sincerity nannten.

Und auch im Fernsehen, dem Medium, dem Wallace eine Teilschuld an der Kultur von Ironie und Zynismus zuschrieb, kann man eine Version dieser Strömung ausfindig machen, in Aaron Sorkins Werk vielleicht, oder Jason Katims’, oder – in seinem Nutzen postmoderner Stilmittel bei gleichzeitiger Ablehnung von Zynismus und Ironie vielleicht das beste Äquivalent zu Wallace’ Werk, das das Fernsehen zu bieten hat – in Dan Harmons Community. Aber Michael Schurs Werk scheint wie der bewussteste Versuch, Wallace’ Ideen auf das Medium Fernsehen anzuwenden, und Brooklyn Nine-Nine ist der konsequenteste Ausdruck dieses Bestrebens, der logische Endpunkt einer Entwicklung.

Das amerikanische The Office, an dessen späteren Staffeln Schur entscheidend mitwirkte, wendete sich bewusst ab vom Zynismus des britischen Originals, trug aber in seinem Setup noch viel von dessen DNA mit sich, war besonders in seiner aktiven Integrierung der fiktiven Dokumentarfilm-Crew in die Handlung stilistisch unbestreitbar postmodern, und nutzte als audience surrogate mit Jim Halpert eine zutiefst ironische Figur – die postmoderne Idee, dass es irgendwie uncool ist, sich mit einer Sache gemein zu machen, war trotz Momenten der Aufrichtigkeit noch da; Parks & Recreation machte sich in seiner zurecht unbeliebten ersten Staffel noch lustig über Leslie Knope und ihre extreme Leidenschaft für ihre verhältnismäßig irrelevante Position in der Lokalregierung einer Kleinstadt, sah sie als bemitleidens-, nicht bewundernswert. Doch im Laufe der Serie wurde Knope zu einer geradezu heldenhaften Figur, und auch, wenn in den postmodernen Stilmittel – Talking Heads, Camera-Takes, you know the deal – immer wieder die alte Ironie aufblitzte, wurde Schurs zentrale Botschaft doch überdeutlich: Es ist cool, einen Fick zu geben, leidenschaftlich zu sein, zu sagen, wofür man ist, statt wogegen.

Wenn in The Office Ironie und Aufrichtigkeit als zwei beinahe gleichstarke Kräfte auf die Figuren einwirkten, sie mal in die eine, mal in die andere Richtung zerrten, geht es in Parks & Recreation darum, wie die Figuren sich bewusst, wenn auch nicht immer selbstverständlich oder schmerzfrei, Ironie und Zynismus verweigern. Und schließlich zeigt uns Brooklyn Nine-Nine eine Welt, oder besser, einen kleinen Teil einer Welt, in dem Aufrichtigkeit längst gewonnen hat: Hier muss niemand Aufrichtigkeit lernen, zum Beispiel, indem er, wie Jim Halpert, eine Familie gründet und gezwungen ist, einen Fick auf etwas zu geben; hier muss nicht eine idealistische Figur die anderen überzeugen, wie es Leslie Knope tun musste, und, um noch einmal darauf zurückzukommen, die Figuren müssen nicht erst zu einer Community werden. Es gibt Konflikte, keine Frage, sagen wir in Jake Peraltas kindischer Albernheit gegen Amy Santiagos Type-A-Streberhaftigkeit; aber von Anfang an besteht kein Zweifel, dass alle Hauptfiguren dasselbe wollen, dass sie alle, auf ihre Art, sehr gut in ihren Jobs sind, dass sie einander lieben und unterstützen. All das, was Community und Parks & Rec über ihre ersten paar Staffeln erzählt haben, ist in Brooklyn Nine-Nine lange vor der ersten Folge, off-camera passiert; um so bemerkenswerter, und wichtiger, ist, dass die Serie nach 5 Staffeln noch immer frisch und interessant ist. Und natürlich ist der Verzicht auf auch die letzten postmodernen Stilmittel in Schurs Repertoire – die diegetischen Kameras – aus dieser Perspektive auch nur konsequent.

Man mag sich fragen: Wenn diese New Sincerity jetzt auch seit 20 Jahren existiert, ist es dann wirklich noch bemerkenswert, was Brooklyn Nine-Nine da tut? Aber ich würde behaupten, dass, bei allen Versuchen einiger weniger Autoren, eine neue Aufrichtigkeit im Fernsehen zu etablieren, postmoderne Ironie nie aus dem Medium verschwunden, ja noch immer die dominante Haltung ist – oder zumindest der Teile des Mediums, denen wir die größte Aufmerksamkeit schenken. Auf Seinfelds show about nothing in den 90ern folgte South Park mit seiner Botschaft, dass jeder, der irgendeine Meinung zu irgendwas hat, ein Loser ist; hippe Comedies, von Arrested Development zu Silicon Valley, Veep und Rick & Morty, feiern ihre zynischen Charaktere zwar nicht wie es Seinfeld und South Park tun, nehmen aber doch diese gewisse Kannste-Nichts-Machen-Haltung ein, die Wallace wohl meinte, als er Ironie als “the song of the prisoner who’s come to love his cage” beschrieb; und dann sind da natürlich die sogenannten Prestige-Serien, die, öfter als nicht, den sprichwörtlichen Kuchen behalten und essen, große Gesten Richtung, sagen wir, einer Anklage von rape culture und Sexismus machen, aber keine Gelegenheit auslassen, ein paar Titten in die Kamera zu halten, oder ihre toxischen, männlichen Arschlochfiguren dann irgendwie doch zu cool finden, um sie wirklich zu demontieren; Serien, die es lieben, große, aktuelle Themen anzuschneiden, aber oft wenig dazu zu sagen haben außer “die einen sehen das so, die anderen so” – die alte, postmoderne Idee, dass es keine Wahrheit gibt, und dass, wer versucht, bei einer solchen anzukommen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Und, klar, es gibt immer ein paar Heile-Welt-Sitcoms, die gerne ein paar der alten Wahrheiten und Werte heraufbeschwören, irgendwas mit “Familie” meistens, aber deren Welt nichts mit der unseren zu tun hat, und letztlich gibt es doch wenig zynischeres als das: Wenn du Wahrheit und Aufrichtigkeit willst, musst du den Zuschauer belügen, so die Idee, musst du so tun, als wäre die Welt eine andere.

Nein: Andere Serien haben darauf hingearbeitet, aber gerade weil Brooklyn Nine-Nine so simpel, so direkt ist, gerade weil es außer seiner konsequenten, trotzigen sincerity wenig zu bieten hat, ist die Serie so einzigartig, so wichtig, so, ja, gewagt. Wie keine andere Serie traut sie sich, gewisse Dinge als selbstverständlich, als wahr anzunehmen, und diese immer wieder zu bestätigen, als Basis anzunehmen für die Frage, wie man entsprechend dieser Wahrheiten handeln sollte, anstatt sie immer wieder zu hinterfragen und dann aufs Neue zu etablieren.

Anders als Prestige-Serien, die irgendwie an gar nichts glauben, und anders als Community und Co., die jede Woche erneut erarbeiten müssen, woran sie glauben, weiß Brooklyn Nine-Nine, woran es glaubt, und spricht es aus: Unsere Gemeinsamkeiten sind größer und mehr als unsere Unterschiede, und wir sind besser, wenn wir versuchen, einander zu verstehen, anstatt uns voneinander abzugrenzen, die Gemeinsamkeiten erkennen und die Unterschiede feiern; andere Menschen, ihre Erfahrungen, ihre Kultur, ihre Perspektive, sind so nicht weniger wichtig und wertvoll als wir.

Aber auch: Die Welt ist voll von schlimmen Dingen und schlechten Menschen – in der Welt von Brooklyn Nine-Nine gibt es Rassismus, Homophobie, Gewalt, Trauma – und nicht immer können wir unmittelbar etwas dagegen unternehmen, aber es ist nicht genug, es ist nicht cool, sich diese Dinge vom Rand aus anzuschauen, sie ironisch zu kommentieren und dann resigniert in die Kamera zu blicken: Irgendwann muss man sich doch überlegen, wofür man ist, mit welcher Sache, und welchen Menschen, man sich gemein machen will; wir können uns unsere eigene, kleine Nische aushöhlen, und so vielleicht nicht die Welt als solche, aber einen kleinen Teil von ihr jeden Tag ein kleines Bisschen besser machen.

Wie Amy Santiago es im Finale der gerade beendeten fünften Staffel auf den Punkt bringt:

Life is unpredictable. Not everything is in our control. But as long as we’re with the right people, we can handle anything.

Ist das cheesy? Keine Frage – backward, quaint, naive, anachronistic, um es mit Wallace zu sagen. Aber in einer Zeit, in der die bloße Idee von Wahrheit manchmal antiquiert scheint, in der Moral oft relativ scheint, einer Zeit von alternative facts, hilft uns eine solche Affirmation einfacher Wahrheiten, nicht wahnsinnig zu werden – und man vergleiche hier gerne diesen anderen berühmten David-Foster-Wallace-Text:

[T]he most obvious, ubiquitous, important realities are often the ones that are the hardest to see and talk about. Stated as an English sentence, of course, this is just a banal platitude – but the fact is that, in the day-to-day trenches of adult existence, banal platitudes can have life-or-death importance.[…] In the day-to-day trenches of adult life, there is actually no such thing as atheism. There is no such thing as not worshipping. Everybody worships. The only choice we get is what to worship.

In einer Zeit, in der wir uns – nicht ganz unberechtigt – schlecht fühlen sollen, weil wir in einer Bubble leben, macht es auch wieder Sinn, uns daran zu erinnern, dass es durchaus möglich und wertvoll ist, Halt in einer kleinen Gemeinschaft aus Unterstützern und Gleichgesinnten zu finden, ohne dabei die Augen vor der Welt zu verschließen, ohne sich abzuschotten. Die Welt von Brooklyn Nine-Nine ist keine Utopie, sie ist erreichbar, ja, viele von uns haben sie bereits erreicht, und das ist schon eine ganze Menge, und auf dieser Basis kann man noch einiges mehr erreichen, und das zu erkennen ist genauso wichtig wie zu erkennen, dass es außerhalb unserer kleinen Welt eine größere, kompliziertere Welt gibt, mit objektiven, wahren Problemen, aber auch mit Graustufen und Relativitäten und Kann-Man-So-Oder-So-Sehen-Komplexitäten.

Ich weiß nicht, ob Brooklyn Nine-Nine jetzt unbedingt ein Klassiker in der Mache ist: Community werden wir in 20 Jahren noch gucken, aber B99 könnte formal dann doch zu konventionell sein, um losgelöst von diesem Moment in der Geschichte Relevanz zu haben.

Aber ich weiß, dass Brooklyn Nine-Nine genau die Serie ist, die ich, die wir, jetzt, in diesem Moment unserer gemeinsamen Geschichte, gerade brauchen. Wenn ich zurückdenke an mein Berlinale-Gespräch, dann ist nichts von dem, was wir unserem Kollegen gesagt haben, im eigentlichen Sinne falsch; aber Kunst entsteht nicht in einem Vakuum, und jetzt gerade würde ich doch lieber mehr Leslie Knopes und Amy Santiagos als mehr Liz Lemons im Fernsehen sehen: mehr Figuren, die uns zeigen, dass es cool ist, Leidenschaft zu zeigen, an etwas zu glauben und dafür zu kämpfen; dass es auf Dauer vielleicht doch nicht reicht, zu dekonstruieren, zu hinterfragen, auseinanderzunehmen – dass man sich irgendwann auch mal mit einer Sache gemein machen muss; dass man nicht auf Dauer Atheist bleiben kann, früher oder später entscheiden muss, woran man glaubt, und was das für das eigene Handeln bedeutet; dass manches nicht relativ ist, sondern einfach wahr, einfach richtig oder falsch, oder wir das zumindest manchmal annehmen müssen, wenn wir wirklich etwas ändern wollen.


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