Succession & die Angst, Namen zu nennen

Succession & die Angst, Namen zu nennen

Succession ist eine gute Serie, die vielleicht nicht existieren sollte. Es überrascht mich immer wieder aufs Neue, wie gut der seltsame Mix aus formalen Ideen funktioniert, auch, wenn die Serie eine gewisse designed by committee-Note nie ganz loswird; aber ich komme auch nicht um das Gefühl herum, dass das bemerkenswerteste an der Serie ist, welche Geschichte sie nicht erzählt.

Kreiert von Armando-Iannucci-Schützling, The Thick of It-, In the Loop- und Veep-Autor Jesse Armstrong, übernimmt Succession bis zu einem Grad deren pseudodokumentarischen Fly-on-the-Wall-Stil: Handkamera, schnelle Schwenks und Zooms, die nur so gerade den überhöhten, mit offensichtlich geschriebenen (manchmal überschriebenen) One-Linern gespickten Dialogen folgen können. Doch Succession übernimmt auch stilistische Merkmale von HBO-Prestige-Dramen: So oft, wie Figuren sich in Walk-and-Talks schnelle One-Liner entgegenwerfen, stehen sie auch grimmig dreinschauend in gläsernen Räumen und sagen diese bedeutungsschwangeren, freud’schen Thesen-Sätze, in denen Figuren in Westworld sich ausschließlich unterhalten, oder aber sie kommunizieren in naturalistischem Gemurmel1Brian Cox’ Performance in Succession gehört in die Naturalistisches Gemurmel-Hall-of-Fame.; die Bilder, die die schwenkenden und zoomenden Kameras einfangen, sind in diesem ungesättigten, sophisticated GQ-Fotostrecken-Colorgrading gehalten und Szenen sind oft untermalt von getragener, unheilvoller Klaviermusik. Und, natürlich, alles dauert doppelt so lange: Succession ist ein einstündiges2…was, übersetzt von HBO-Sprache, mittlerweile bedeutet: mindestens einstündiges. Drama.

Das ist zunächst eine etwas sperrige Kombination formaler Einflüsse und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob es HBO-Marketing-Direktive war: Succession ließ sich so als outrageous Comedy für die Veep-Crowd bewerben und erfüllt gleichzeitig alle Voraussetzungen, um von der Kritik und diesen langweiligen Menschen, die keine Comedy schauen, ernstgenommen zu werden. Gelegentlich entsteht ein regelrechtes Schleudertrauma für den Zuschauer, denn es sind nicht nur unterschiedliche stilistische Merkmale, die hier aufeinandertreffen, sondern unterschiedliche Realitätsebenen, unterschiedliche Grade an Überhöhung: Manche Szenen sind so cartoony in ihrer Boshaftigkeit wie die absurdesten Auftritte von Jonah in Veep, in anderen offenbaren die Charaktere sich plötzlich als echte, verwundbare menschliche Wesen. Aber es funktioniert, denn genau dieser Effekt ist beabsichtigt: Veep und The Thick of It zeigten ein System, dass von denen, die sich in ihm bewegen, verlangte, jede Menschlichkeit zu unterdrücken und ihr Gegenüber nicht mehr als menschlich zu erleben, ein System, das Kommunikation nur in einer Sprache aus Beleidigungen und Passiv-Aggressivität ermöglichte, in dem jedem Satz eine Cost-Benefit-Analyse vorherging, und das nur ganz, ganz selten Momente von Verwundbarkeit zuließ; in Succession verzahnt sich ein ähnliches System mit dem zwischenmenschlichen System, das am meisten Verwundbarkeit von uns verlangt – Familie -, und obwohl seine Figuren gerne wären wie die in Veep und The Thick of It, gerne vorgeben, dass ihnen all das Backstabbing, all die Angriffe auf die eigene Person und der Zwang, jedes Gespräch als Verhandlung anzugehen, nichts ausmachten, bricht diese Fassade regelmäßiger und schmerzhafter als in den früheren Serien. Die Figuren, die sich hier gegenseitig in den Rücken fallen, bedeuten einander tatsächlich etwas und kennen sich auf einer sehr intimen Ebene, und natürlich können sie einander daher auch besonders brutal verletzen.

Das ist eine Verbesserung gegenüber The Thick of It und Veep, die, so gern sie auf einer deprimierenden Schlusspointe endeten, das unverfroren zynische, unmoralische Handeln ihrer Figuren immer ein Bisschen zu sehr nach Spaß aussehen ließen; mir fiel das irgendwann während der letzten Staffel von Veep auf – die, aber dazu gleich mehr, ohnehin schwieriger zu genießen war als die vorherigen -, als ich mal wieder ein Interview las, in dem der Cast seine liebsten Beleidigungen gegen die Figur Jonah auflistete: Dass die Serie seine verachtenswerten Figuren mit einer noch verachtenswerteren Figur kontrastiert, damit wir ihre kreativen Beleidigungen und ihr Bully-Verhalten dann doch irgendwie feiern können, weil es ja den richtigen trifft, ist einer von diversen have your cake and eat it, too-Kniffen, mit denen die Serie sich trotz ihrer augenscheinlichen Wut auf das System doch ziemlich gut ins haltungsarme HBO-Programm einreiht. Zwei Charaktere in Succession, Tom (Matthew Macfadyen) und Greg (Nicholas Braun), haben eine ähnliche Beziehung wie die der Veep-Hauptfiguren zu Jonah, aber gerade darin sieht man die Verschiebung, die zwischen den Serien stattgefunden hat: Bei Veep waren wir auf der Seite der Bullys, hier sind wir stets auf der des Opfers. Wo Jonah als so widerlich, so schleimig, so verachtenswert positioniert wurde, dass gegen ihn die moralisch verkommenen Hauptfiguren nahezu sympathisch wirkten, ist Greg positioniert als Außenseiter, der mehr oder weniger gegen seinen Willen in den Sogkreis der mächtigen Familie im Zentrum der Geschichte gerät und heillos überfordert ist mit der Welt, in der die sich bewegen.

Aber gerade angesichts dieser Weiterentwicklung ist es enttäuschend, dass Succession ein anderes Merkmal vom Werk Iannuccis übernimmt, das irgendwann vielleicht mal eine clevere Entscheidung war, dann ein etwas nerviger Quirk wurde und mittlerweile eigentlich als pathologisch bezeichnet werden muss3Veep kann ich mir deshalb kaum noch ansehen.: Wie Iannuccis Serien spielt auch Succession irgendwie in unserer Welt, zu unserer Zeit, aber irgendwie auch nicht, und weigert sich unter schmerzhaften Verrenkungen, sich für eine Richtung zu entscheiden. Damit wir uns verstehen: Keine Serie hat die Pflicht, die Sorte ripped from the headlines-Stories zu erzählen, die früher allgegenwärtig waren und heute eigentlich nur noch in Robert und Michelle Kings Serien (zur Zeit The Good Fight) zu finden sind; aber eine Serie, die in den thematischen Gewässern von Succession fischt, die auch ganz bewusst reale Assoziation hervorrufen will, sollte auf bestimmte Fragen schon eine Antwort haben.

In Succession geht es um Medienmogul Logan Roy (Brian Cox) und seine erwachsenen Kinder Kendall (Jeremy Strong), Roman (Kieran Culkin), Siobhan aka “Shiv” (Sarah Snook) und Connor (Alan Ruck4Film & Fernsehen sind ja generell recht, ähem, flexibel mit dem Alter ihrer Schauspieler vis à vis dem ihrer Figuren (zumindest bei Männern), aber Alan Ruck als Sohn von Brian Cox und Bruder von Kieran Culkin verlangt schon größere Anstrengungen in Sachen suspension of disbelief.), die zu unterschiedlichen Graden in das Familien-Business involviert sind und zu jeweils unterschiedlichen Graden streben, die Anerkennung ihres Vaters zu gewinnen und hoffen, dass er möglichst bald krepiert und Platz für ihre Machtergreifung macht. Als Geschichte über eine Familie, die einander irgendwie doch spürbar brauchen und lieben, aber nicht anders können, als sich gegenseitig zu zerfleischen, wenn das auch nur einen kleinen Machtgewinn verspricht, darüber, wie, um diese Phrase zu bemühen, absolute Macht – in diesem Fall gewonnen durch absoluten Reichtumabsolut korrumpiert, ist Succession äußerst effektiv: Wenn die geschäftlichen Ambitionen der Figuren mit den etablierten Dynamiken der Familie kollidieren, entsteht, bei aller Verachtung für die Figuren, eine nicht zu verleugnende Tragik. In der zurecht viel gelobten Klimax der sechsten Folge steckt Kendall im Stau fest, während im Büro das entscheidende Board Meeting stattfindet, in dessen Rahmen die Abstimmung darüber stattfinden soll, Logan von seiner Rolle als CEO zu entlassen; Kendall kann nur telefonisch am Meeting teilnehmen, und in seiner Abwesenheit zerbrechen seine eben noch so überzeugten Verbündeten unter dem Druck seines Vaters; am Ende muss Roman die entscheidende Stimme abgeben: Kendalls Verbindung bricht ab, während er den Aufzug in den Konferenzraum nimmt, und als er endlich ankommt, wird er vor die vollendete Tatsache gestellt, dass sein sonst so arroganter Bruder, als es darauf ankam, reduziert wurde auf den kleinen Jungen, der nichts weiter will, als seinem Vater zu gefallen. Die Sequenz ist niederschmetternd, aber dann fragt man sich, was man denn eigentlich wollte, das passiert, wünscht man doch keiner dieser Figuren wirklich, dass sie kriegt, was sie will; aber die Figuren sind eben doch menschlich genug, dass man nicht aufhören kann, zu hoffen, dass einer von ihnen eines Tages erkennt, dass sie sich das nicht antun müssen, dass, um noch ein Klischee zu bemühen, die einzige Chance, dieses Spiel zu gewinnen, darin liegt, es gar nicht erst zu spielen. Die Verzahnung von Familie und Geschäft ist toxisch, für beide Seiten, und sie alle scheinen das zu wissen, aber sie sehen es als gegeben an, kennen es nicht anders, glauben nicht, dass es anders geht.

Aber Succession ist nicht nur eine Serie über eine sehr reiche, sehr mächtige Familie, es ist auch eine über eine Familie, die auf eine sehr spezifische Art reich und mächtig geworden ist: Die Roys sind inspiriert von Rupert Murdoch und seiner Familie5Jesse Armstrong schrieb vor Succession bereits ein unproduziertes Filmdrehbuch mit dem Titel “Murdoch”. und die Serie gestikuliert oft genug in Richtung dieser Inspiration – Logan und die Inhalte seiner Medien werden immer wieder als “rassistisch” bezeichnet -, dass sie beim Zuschauer stets präsent ist; das aber hat bestimmte Implikationen, wirft bestimmte Fragen auf, denen Succession auf frustrierende Weise ausweicht. Die wichtigste: Ist Donald Trump, in der Welt der Serie, US-Präsident?

Macht das nicht einen wesentlichen Unterschied für die Geschichte, die Succession erzählen will? Einen so großen, dass man diese Frage 2018 eigentlich nicht ignorieren kann? Am deutlichsten wird das in Logans Beziehung zu Siobhan: Seine Tochter hat das Familiengeschäft – sagt sie sich zumindest – verlassen, um in die Politik zu gehen, und die Kandidaten, für die sie arbeitet, werden als vage liberal etabliert; potentiell ist das ein interessanter Konflikt, aber wäre es nicht wichtig, zu wissen, was hier auf dem Spiel steht? Existiert auch in dieser Welt ein rassistischer, inkompetenter Präsident, dessen Wahlsieg zu nicht unerheblichen Teilen Medien wie denen, die die Roys kontrollieren, zu verdanken ist? Wenn nicht, wäre dieser (ohnehin eher an- als auserzählte) Subplot, wenn nicht irrelevant, dann zumindest seltsam anachronistisch; wenn ja, hätte die Art, wie Armstrong ihn auflöst, manch unangenehme Implikation – die Idee, dass Siobhan lediglich wie ein pubertäres Mädchen gegen ihren Vater rebelliert und nicht wirklich an ihre Kandidaten glaubt, wirkte dann besonders zynisch -, aber immerhin hätte dieser Subplot dann irgendwas zu sagen, anstatt wie jetzt mit politischer Relevanz zu flirten, aber dann immer zurückzuziehen, kurz bevor offenbart würde, wofür die Charaktere wirklich stehen.

In den anderen Handlungssträngen ist diese Frage, in welcher Realität wir uns bewegen, weniger prominent, weniger aufdringlich, aber wirklich vergessen kann man sie nie. Die Serie macht ein paar Lippenbekenntnisse in Richtung der Sorte Inhalte, mit denen die Roys ihre Macht gewonnen haben und halten, aber immer nur secondhand – Figuren erzählen es, aber wir erleben es nicht. Im Grunde könnte man dieselbe Geschichte, mit nur ganz kleinen Änderungen, auch über eine Familie erzählen, deren Konzern Chicken Nuggets herstellt.

In The Thick of It und Veep weigern sich Iannucci und seine Autoren ähnlich, Namen zu nennen: Nie wird ausgesprochen, welchen Parteien die Figuren angehören, oder auch nur, ob in der Serienrealität dieselben Parteien existieren wie in unserer; es gibt Andeutungen, Parallelen zur Realität, aber die Serien lassen sich immer ein paar Hintertüren offen, und ohnehin werden Vertreter aller Parteien als gleichermaßen korrupt und moralisch verkommen positioniert, niemand steht wirklich für irgendwas. Und ich gebe zu, am Anfang fand ich genau das spannend, die Darstellung von politischen Systemen als Räderwerk, in dem, wer nicht zerquetscht werden will, seine Menschlichkeit und seine Moral aufgeben muss, egal, wie rein vielleicht einst seine Absichten; aber nach Trump, nach Brexit, fällt es mir schwer, diese Serien noch als irgendetwas anderes zu sehen als die Sorte vage Rants gegen das System an sich, die eigentlich nur von sehr privilegierten Menschen kommen können, Menschen, die so oder so nicht viel zu befürchten haben. Die da oben sind eben nicht eh alle gleich: Manche von denen sind Nazis.

Und so ist auch ein Medienimperium nicht dasselbe wie ein Fastfoodimperium. Eine Geschichte im Jahr 2018, die eindeutig von Murdoch und Fox News inspiriert ist – und, seien wir ehrlich, auch Assoziationen dieser anderen mächtigen Familie weckt6Im Finale entscheidet Connor, Präsident der USA werden zu wollen, und es ist positioniert als ein Moment von absurder Hybris des bis dahin egalsten Roy-Sohns. Nur ist das halt, wie wir mittlerweile alle wissen, gar kein so abwegiger Gedanke. Selbst, wenn Armstrong es nicht als Throwaway-Gag, sondern als unheilvollen Cliffhanger intendiert, bezweifle ich angesichts seinem bisherigen Desinteresse, die konkreten politischen Dimensionen seines Setups zu erkunden, dass er der Richtige dafür wäre, die daraus folgende Geschichte zu erzählen. -, muss eine Entscheidung darüber treffen, wie sie mit Trump umgehen will. Succession spielt bisher weder in Trumps Amerika, noch in einem, das sich konkret davon unterscheidet – wenn man nach Trump fragt, steckt die Serie einfach die Finger in die Ohren, singt laut LALALALALA! und lässt eine ihrer Figuren einen geil-arroganten One-Liner raushauen, um uns abzulenken. Jesse Armstrong würde vielleicht sagen, dass das seine Serie universell oder zeitlos macht; ein passenderes Wort wäre feige.

Die Geschichte, die Succession erzählt, funktioniert. Die Serie ist sehr gut darin, immer perversere Wege zu finden, Familie und Geschäft aufeinanderprallen zu lassen – wenn Logan eine Therapiesitzung mit der ganzen Familie organisiert, die sich als PR-Stunt entpuppt, oder wenn er, im Finale der ersten Staffel, ein traumatisches Ereignis ausnutzt, Kendall erst zu erpressen und seinen Sohn dann endlich, wenn er Logan nicht mehr gefährlich werden kann, unter Tränen in die Arme zu schließen. Aber Succession deutet immer wieder auf eine größere, gewagtere, relevantere Geschichte hin, in der Hoffnung, dass der Zuschauer selbst die Lücken füllt und sich einredet, dass die Serie mehr zu sagen hätte, als wirklich da ist; die Serie gibt dem Zuschauer ein paar vage Hinweise, in welche Richtung die Geschichte auch gehen könnte, und sagt dann, Hey, wenn du dich damit beschäftigen willst, sei mein Gast, aber ich lass da lieber die Finger von. Aber so funktioniert es nicht: Man kann es nicht vollständig dem Zuschauer überlassen, sich mit den komplexeren, unangenehmeren Implikationen seines Setups zu beschäftigen, denen mit der größeren Fallhöhe. Man erzählt eine Geschichte, oder man erzählt sie nicht. Die Geschichte, für die sich Succession entscheidet, ist effektiv, sie ist tragisch, sie ist unterhaltsam, aber sie ist auch safe, risikoarm und am Ende ein Bisschen beliebig. Die Geschichte, die Succession sich entscheidet, nicht zu erzählen, birgt größere Gefahren, und es ist gut vorstellbar, dass Armstrong und seine Autoren an ihr scheitern würden. Aber es ist die Geschichte, die sich aufdrängt, die dringlich ist, und so darf man sich fragen, ob Succession, bei all seinen Qualitäten, nicht eine Art von Geschichte ist, die, wie Logan Roy, bewährt ist, aber eigentlich ausgedient hat; für die es vielleicht an der Zeit wäre, Platz zu machen für die Art von Geschichte, die jetzt und hier wirklich erzählt werden muss.


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