1482 Wörter über das Sexleben von Muppets

1482 Wörter über das Sexleben von Muppets

Wenn ihr wie ich seid, habt ihr eine große Portion eurer begrenzten Zeit auf diesem Planeten damit verbracht, über das Sexleben von Muppets nachzudenken.

Ich schätze, ihr seid nicht wie ich, also lasst mich erklären: Das Muppet-Universum hat eine lange Tradition, in beiläufigen Gags und Anspielungen mit dem Liebesleben seiner Figuren zu kokettieren und dabei — willentlich oder nicht — Welten sexueller Verwirrung aufzutun. In The Muppets, der gescheiterten 2015er ABC-Sitcom, hatte sich Kermit beispielsweise von Miss Piggy getrennt und eine Beziehung mit einem anderen Schwein begonnen. Das zwang mich nicht nur dazu, Kermits Beziehung zu Miss Piggy nicht mehr als eine dieser gottgegebenen Realitäten des cartoonähnlichen Muppets-Universums zu sehen, etwas, das einfach so ist und nicht hinterfragt werden muss, sondern als, nun, Beziehung zwischen zwei erwachsenen Muppets, was bedeutete, dass Kermits sarkastische Sticheleien über Piggy, sein Ablehnen ihrer öffentlichen Zuneigung und die generelle Darstellung Piggys als nagging girlfriend unangenehm…misogyn wirkten; es legte auch nahe, dass Kermits Beziehung zu Miss Piggy weniger mit ihr als Person zu tun hatte und mehr damit, dass Kermit, der Frosch, auf Schweine stehtlet that sink in for a minute. Ebenso gab es in der Geschichte der Muppets immer wieder Anspielungen auf die wilde Rockstar-Vergangenheit von Dr. Teeth & the Electric Mayhem, inklusive Erwähnungen von “Groupies”; das ließ mich unweigerlich über die Erfahrungen mit Groupies von Electric-Mayhem-Drummer Animal nachdenken: Glauben wir wirklich, dass Animal, eine Figur, die als pures Freud’sches Es charakterisiert ist, sich um sowas wie Consent scheren würde? Und, umgekehrt: Ist Animal, der nun nicht unbedingt auf dem kognitiven Level der anderen, vernunftbegabten Muppets ist, selbst in der Lage, seinen Consent zu geben?

Wenig nachgedacht habe ich stets über das Wesen der Beziehung von Ernie und Bert: Es scheint mir einfach offensichtlich, dass die beiden vielleicht nicht viel auf Labels geben, aber ihre Beziehung definitiv irgendeine sexuelle Komponente hat, weil, nun, irgendwas muss diese grundverschiedenen Muppets ja zusammenhalten, oder?

Offenbar scheinen andere weniger tolerant gegenüber Ernie und Berts Art zu leben als ich, jedenfalls gab es kürzlich ein kleines, auf den ersten Blick etwas albernes Hin-und-Her über die Sexualität dieser Filzpuppen: Mark Saltzman, Ex-Autor bei der amerikanischen Sesame Street, gab dem queeren Magazin Queerty ein Interview, in dem die Frage zu Ernie und Berts Sexualität aufkam:

I always felt that without a huge agenda, when I was writing Bert & Ernie, they were. I didn’t have any other way to contextualize them.[…] I don’t think I’d know how else to write them, but as a loving couple.

Saltzman erklärt, dass seine Interpretation der Beziehung der Figuren inspiriert war von seiner Beziehung zu seinem langjährigen, mittlerweile verstorbenen Partner, Cutter Arnold Glassman1Glassman schnitt unter anderem die Landmark-Doku The Celluloid Closet.. Es ist alles sehr niedlich, unschuldig und harmlos – Saltzman sagt nichts weiter, als dass seine Interpretation dieser Figuren näher an einer romantischen Partnerschaft als einer engen Freundschaft war, und dass man jetzt nicht gerade Sesame-Street-Episoden aus Saltzmans aktiver Zeit anschauen und sagen kann, Ah, ja, das war die Phase, in der Ernie und Bert viel in Fetisch-Clubs unterwegs waren2cue The Rolling Stones – You can’t always get what you want zeigt, dass es für die Darstellung der Figuren letztlich wenig Unterschied macht, wie Autoren und potentiell Zuschauer ihre Beziehung definieren.

Dennoch hielt der Sesame Workshop es für nötig, Saltzmans Interpretation auf ihrem offiziellen Twitter-Account als nicht-kanonisch zu dementieren. In einem mittlerweile gelöschten Tweet schrieben sie:

Bert and Ernie are best friends. They were created to teach preschoolers that people can be friends with those who are very different from themselves. Even though they are identified as male and possess many human traits and characteristics, they remain puppets, and do not have a sexual orientation.

Mittlerweile hat der Sesame Workshop ein zweites, weniger weit ausholendes Statement veröffentlicht, aber die erste Reaktion wurde längst im Netz und Fernsehen verbreitet, und sie sagt viel darüber, wie homosexuelle Repräsentation oft eingeordnet wird.

Der Sesame Workshop hatte eine Reihe von Optionen, auf Saltzmans Aussagen zu reagieren, ohne sagen zu müssen, Ja, Ernie und Bert sind schwul und hier ist ein privates Sextape der beiden. Eine souveräne Art zu reagieren wäre zum Beispiel gewesen, nicht zu reagieren; eine andere wäre, zu sagen, dass alle Interpretationen von Ernie und Berts Beziehung Berechtigung haben; eine ein Bisschen langweilige, aber noch immer legitime, wäre, den ersten Teil des Statements – “Ernie und Bert sind nur gute Freunde” – für sich stehen zu lassen, oder vielleicht anzufügen, dass es durchaus möglich ist, dass irgendwann andere queere Muppets in die Sesamstraße einziehen. Keine dieser Optionen war dem Workshop genug.

Zum Vergleich hier der Tweet des offiziellen Accounts von Kermit, in dem er seine “Trennung” von Miss Piggy vor der kurzlebigen ABC-Sitcom ankündigte, und nur einen Schritt haltmacht vor “Hi-ho, Kermit der Frosch hier, und ich vögle alles, was sich bewegt”:

Ich weiß, dass die Muppet Show historisch ein erwachseneres Publikum ansprach als die Sesamstraße, doch es gibt genug Crossover und Crosspromotion zwischen beiden, um davon auszugehen, dass Kinder, die mit der Sesamstraße aufwachsen, früher oder später auch mit dem Rest des Muppet-Universums in Berührung kommen – Kermit, der alte Schweineficker, besucht die Sesamstraße regelmäßig. Und auch unter den regulären Figuren der Sesamstraße gibt es solche, die in heterosexuellen Beziehungen leben, wie Snuffleupagus’ Eltern, die im Laufe der Show sogar ein weiteres Kind hatten.

Heterosexualität, also, ist in der Welt der Muppets und der Sesamstraße ganz selbstverständlich präsent; aber schlage vor, dass zwei männliche Muppets, die länger glücklich zusammenleben als meine Eltern, in einer romantischen Beziehung sind, und es heißt nicht nur, Ernie und Bert sind nur gute Freunde, sondern Ernie und Bert sind PUPPEN, Puppen haben keine [hier stelle ich mir einen ominösen Echo-Effekt vor] sexuelle Orientierung, ihr Perversen! Das ist eine leider weit verbreitete Doppelmoral: Heterosexualität ist ein normaler, familientauglicher Teil der Charakterzeichnung, Homosexualität ist schmutzig, wird reduziert auf sexuelle Praktiken anstatt einen Teil der Identität und des Selbstbildes eines Menschen.

Man mag das alles ein Bisschen albern finden, aber lasst mich eine Geschichte über Repräsentation in der Sesamstraße erzählen. 2015 wurde, als Teil der Initiative “Sesame Street and Autism: See Amazing in All Children”, in einem digitalen Storybook der neue Muppet Julia eingeführt, ein 4jähriges, autistisches Mädchen. Es gab damals durchaus Kritik an Darstellung der Figur und Umgang mit dem Thema, beispielsweise an der Sprache, die die Autoren gewählt hatten: Julia hat Autismus, hieß es, als hätte Julia eine Krankheit, anstelle des von vielen Autisten bevorzugten Julia ist autistisch; doch im Ganzen fiel die Reaktion positiv genug aus, dass Julia knapp zwei Jahre später auch in der TV-Serie Sesame Street selbst auftauchte. Ich hatte mich immer mit autistischen oder autistisch gecodeten Charakteren identifiziert3Obwohl ich damals noch nicht offiziell mit Asperger diagnostiziert war., aber zum ersten Mal einen Clip mit Julia auf YouTube zu sehen, war etwas anderes, überwältigend zu einem Grad, den, sagen wir, Abed aus Community oder andere Figuren, die die mir viel bedeuteten, nie erreicht haben – ich glaube, ich brauchte gute zehn Minuten, bis ich durch die Tränen wieder sehen konnte. Ich sah, wie Elmo und Abby Cadabby Big Bird erklärten, dass Julia manchmal keinen Augenkontakt macht und nicht auf Ansprachen reagiert, oder dass es ihr manchmal einfach zu viel wird und sie allein sein muss, und ich wusste – wusste -, dass eine solche Figur, in einer solchen Serie, mein Leben massiv verändert hätte, hätte es sie in meiner Kindheit gegeben; meine Eltern hätten mich besser verstanden, hätten sie die Sesamstraße mit mir geschaut, meine Freunde und Mitschüler wären toleranter gewesen. Die Reaktionen im Internet von anderen Autoren auf dem Autismus-Spektrum schlugen damals einen ähnlichen Ton an.

Das ist die Macht einer Show mit der kulturellen Reichweite und dem Publikum der Sesame Street. Wichtig ist Repräsentation in jeder Art von Geschichte, aber eine Show wie die Sesamstraße, die Kinder in beeindruckbarem Alter abholt, aber durch ihre lange Tradition auch bei ihren Eltern Einfluss hat, die eines der letzten Überbleibsel der alten Monokultur ist, eine der letzten kulturellen Referenzen, die wir (fast) alle teilen, so eine Show kann mit sehr wenig sehr viel bewirken.

Natürlich auch zum negativen.

Ernie und Bert müssen nicht schwul sein. Sie können für immer gute Freunde bleiben, die gelegentlich sexuell miteinander experimentieren glücklich zusammenleben. Aber der erste Tweet des Sesame Workshops sagte mehr als das: Er erklärt nicht nur, dass diese zwei spezifischen Charaktere nicht homosexuell sind, er impliziert, dass Homosexualität in der Sesamstraße nicht existieren kann. Und auch das zweite Statement, wenn es auch ein Lippenkenntnis Richtung inclusion and acceptance macht, verpasst eine Chance, expliziter herauszustellen, dass Homosexualität in der Welt der Sesamstraße ihren Platz hat. Ich bin jemand, der erst spät zum ersten Mal das Gefühl hatte, einen Platz in der Sesamstraße zu haben, und der sich sehr lebhaft daran erinnern kann, welche heilende Kraft dieses Gefühl hatte. Es macht mich also traurig, dass der Sesame Workshop in einem schnellen Versuch, reaktionäre Zuschauer zu beschwichtigen, implizit so manchem Kind einen solchen Platz versagt haben könnte.


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