Als wäre Sprechen eine unzumutbare Anstrengung: Über Debra Graniks Leave No Trace

Als wäre Sprechen eine unzumutbare Anstrengung: Über Debra Graniks Leave No Trace

Debra Granik vertraut Bildern mehr als Worten. Laut der imdb-Trivia – und gibt es eine verlässlichere Quelle? Ähem… – hat Granik, gemeinsam mit Hauptdarsteller Ben Foster, 40% des Dialogs aus ihrem ursprünglichen, gemeinsam mit Anne Rosellini verfassten Drehbuch zu Leave No Trace entfernt. Angeblich, damit der Film „weniger Exposition“ habe, und um ihn „realistischer“ zu machen. Wie in Graniks letztem Film Winter’s Bone, der vor 9 Jahren oscarnominiert war und Jennifer Lawrence zum Star machte, wird in Leave No Trace viel geschwiegen, und wenn doch gesprochen wird dann oft in kurzen Sätzen, in diesem nuschlig-müden Ton, den Teenager haben, wenn man sie beim Lesen ihrer Bücher1Ich weigere mich, Smartphones die Schuld für die schon immer da gewesene Bitchiness des Durchschnittsteenagers zu geben. stört, als wäre der Akt des Sprechens eine fast unzumutbare Anstrengung. Ob das „realistischer“ ist, darüber kann man streiten, stimmig ist es jedenfalls, geht es hier doch um zwei Figuren, die einander ohne Worte verstehen, oder die das glauben und deswegen so manches, was anzusprechen wichtig wäre, ungesagt lassen. Doch ein Bisschen wird es dem Film auch zum Verhängnis: Graniks Streben, Bilder lauter sprechen zu lassen als Worte, ihr Unwille, zu erklären und zu definieren, lässt Raum für Assoziationen, aber, in seiner Vagheit, auch für zynische interpretatorische Rundumschläge.

Ebenfalls ähnlich wie in Winter’s Bone geht es in Leave No Trace um ein Mädchen im Teenager-Alter, die gelernt hat, mit und von der Natur zu leben, für sich selbst zu sorgen, aber die doch abhängig ist von einer Vaterfigur, von der sie sich im Laufe des Films loszulösen sucht; doch litt Ree in Winter’s Bone unter der Abwesenheit des Vaters, ist Toms (Thomasin McKenzie) Vater Will (Ben Foster) nur zu anwesend – im Grunde ist er Toms ganze Welt: Die beiden leben in einem weitläufigen, öffentlichen Park in Portland, Oregon, bleiben selten lange an einem Ort, haben nur selten Kontakt zur „Zivilisation“ – eigentlich nur, wenn Kriegsveteran Will seine Medikamente abholt, die er weiterverkauft, um vom Erlös Vorräte zu kaufen. Will hat seiner Tochter beigebracht, wie man in der Wildnis überlebt und unentdeckt bleibt, aber auch Lesen und Schreiben: Vielleicht, überlegt man später, war ihm immer klar, dass zumindest Toms Lebens- und Wohnsituation nicht für immer so bleiben kann – ein Gedanke, der einen durchaus ein Stück weit mit Will (und dem Film) versöhnen kann.

Früh im Film werden die beiden von Sicherheitskräften aufgespürt und von einer freundlichen Sozialarbeiterin zu ihrem jeweiligen geistigen Zustand befragt. Wie später noch andere Figuren im Film, will die Sozialarbeiterin zunächst nicht glauben, dass Tom nicht körperlich von ihrem Vater missbraucht wird: „You two share a tent?“, fragt sie, und Tom antwortet nur, „Yes, it’s warmer with two people.“

Es braucht einiges Überreden und die Drohung, dass Campen in öffentlichen Parks illegal sei, doch nach der Untersuchung kommen Tom und Will in einem kleinen Häuschen unter, dass ein freundlicher Farmer, wohl aus dem Bedürfnis, einem Veteranen zu helfen, zur Verfügung stellt. Zunächst ist es Tom, die sich eingeengt fühlt, während Will resigniert scheint, aber das beste aus der neuen Situation machen will: „We can still think our own thoughts“, verspricht er seiner Tochter. Im Laufe des Films jedoch fällt es Tom leichter und leichter, sich ihrem neuen, konventionell-zivilisierten Umfeld anzupassen, während Will, mehr und mehr gegen Toms Willen, Fluchtversuche leitet. Am Ende muss Will sich von ihrem Vater trennen, ihn wieder in die Wildnis entlassen, während sie zurückbleibt: „Same thing that’s wrong with you isn’t wrong with me“, sagt sie an einer Stelle; sie wisse, wenn er könnte, würde Will bleiben.

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Es steckt eine Menge Schönheit und emotionale Wucht in dieser Geschichte und der Art, wie Granik und ihr Team sie erzählen. Die Natur, die Graniks Bilder hier zeigen, ist weniger harsch als die in Winter’s Bone, doch Granik vermeidet zum Glück jeden Aussteiger-Kitsch – die Abendsonne blitzt nicht durch die Äste eines Baumes in die Kamera, das hier ist nicht Into the Wild. Ben Fosters Darstellung eines traumatisierten, suizidgefährdeten Menschen, der seine enge Komfortzone gefunden hat, die spezifischen Bedingungen, unter denen er funktionieren kann, ist eindringlich und einfühlsam; Wills Handeln liegt irgendwo zwischen dem Schaffen einer kleinen, in manchen Aspekten vielleicht besseren Welt, einem unkonventionellen Zuhause für sich und seine Tochter, und, nun, Kindesmissbrauch: Empathie für eine solche Figur zu schaffen, ohne zu verklären, zu romantisieren, braucht schon ein besonderes Fingerspitzengefühl. Und mit Thomasin McKenzie beweist Granik erneut ihr Auge für rohes Talent (und ihr Gespür für Schauspielführung). Auch Tom ist eine Figur, die in eng gesteckten Parametern funktioniert: Einerseits ungewöhnlich erwachsen, wise beyond her years, wenn es um das pragmatische Überleben geht, andererseits teils rührend kindlich – in einer Szene trifft Tom auf zwei Gleichaltrige, die eine Vision Board mit Wünschen für ihre Zukunft erstellen, und in McKenzies Gesicht sieht man, dass das vielleicht das erste Mal in Toms Leben ist, dass sie sich über das Konzept „Zukunft“ Gedanken gemacht hat; Tom ist klar gezeichnet, auch sekundär traumatisiert von der unkonventionellen Erziehung ihres Vaters, aber nicht so gezeichnet und traumatisiert, wie wir und die anderen Figuren des Films es im ersten Moment erwarten, und auch das ist eine Gratwanderung, auch hier vermeiden Granik und McKenzie elegant sowohl Verklärung als auch Dämonisierung.

Wenn Tom und Will sich am Ende verabschieden, ist das zweifelsohne berührend, auf mehreren Ebenen: als Toms Ausbruch aus einem spezifischen Missbrauchs-Kreislauf, aber auch als universellere Parabel über den für alle Beteiligten bittersüßen Moment, wenn man sich lossagt von seinen Eltern, wenn diese (im Idealfall) akzeptieren, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Aber ich glaube, es war genau diese interpretatorische Offenheit, die bei mir für einen unangenehmen Beigeschmack sorgte.

Granik weigert sich den Film über, Wills Vergangenheit und sein Trauma auszubuchstabieren. In einer Einstellung sieht man einen (echten) Artikel in der New York Times, den Will mit seinen „wichtigen Papieren“ aufbewahrt, mit der Überschrift „In Unit Stalked by Suicide, Veterans Try to Save One Another“; doch ob Will dieser Einheit angehörte, oder sich schlicht in ihrer Geschichte wiedergefunden hat, wird nicht deutlich. Die Information soll genügen, dass Will ein Veteran irgendeines nicht näher spezifizierten Krieges ist und seitdem an sowas wie einer extremen Form von PTSD leidet, die ihm ein Leben in der „Zivilisation“ unmöglich macht. Das reicht als Motivation für Will und sein Verhalten, und als emotionaler Unterbau für seine Dynamik mit Tom. Doch das Ende, so befriedigend und nötig es aus Toms Perspektive sein mag, lässt auch die Interpretation zu, dass Will ein „hoffnungsloser Fall“ ist, dass ein Versuch, mit Menschen zusammenzuleben, die, um Toms Worte zu paraphrasieren, nicht auf dieselbe Art kaputt sind wie Will, undenkbar, ja geradezu unmoralisch wäre – wir haben ja gesehen, wie Wills Art, kaputt zu sein, Tom fast die Chance auf eine eigene Zukunft verbaut hätte. Leave No Trace bleibt eindringlich und berührend, auch gerade weil er so selbstsicher erzählt ist, so viel ungesagt lässt, so konsequent Bilder sprechen lässt; doch eine solch toxische, destruktive, spezifische Art, kaputt zu sein, an eine so vage Figurenbiographie zu koppeln wie „er ist Veteran irgendeines Krieges, in dem er irgendwas erlebt hat, und ist irgendwie vage psychisch krank“, das hat eben doch etwas zynisches.

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