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Fernsehen für die „Man kann Dinge auch überinterpretieren“-Crowd: Ein Rant über Der Pass und deutsches Qualitätsfernsehen

Hier eine unvollständige Liste von Dingen, die die Macher von „Der Pass“ definitiv gesehen haben:

  • Broen/Bron natürlich (aka Die Brücke – Transit in den Tod) und seine diversen Remakes
  • True Detective (Season 1 mehrmals; Season 2 demonstrativ nach der Hälfte abgebrochen)
  • Hannibal
  • Breaking Bad
  • die, was, drei (?) Krampus-Horrorfilme von vor zwei Jahren
  • Logan Pauls Suicide-Forest-Video
  • Mr. Mercedes

Ich beginne dieses Review damit, weil ich daran glaube, Kunst dort zu treffen, wo sie hin will, sie an ihren eigenen Maßstäben zu messen, und wenn Der Pass eines mehr will als alles andere, dann, dass wir wissen, dass die Macher dieselben sagen wir mal Q-U-A-L-I-T-Ä-T-S-S-E-R-I-E-N gesehen haben wie wir. Ich will mich eigentlich immer zurückhalten mit Vorwürfen, eine deutsche Serie habe nur von besseren internationalen Serien geklaut, denn dass deutsche Serienmacher sich mal damit beschäftigen, was in diesem Medium eigentlich möglich ist, und dafür notfalls auch den ein oder anderen Kniff von anderswo abschauen, das war ja eigentlich lange, was wir wollten. Ganz ohne Einflüsse kommt man ja sowieso nicht aus, und überhaupt, Talent borrows, genius steals, um es in einem knackigen Aphorismus zu sagen, den ich mir gerade persönlich ausgedacht habe. Ein anderer, etwas besser auf Der Pass zutreffender Aphorismus jedoch lautet: Irgendwann is’ auch mal gut.

Glaubt man weiten Teilen des deutschen Feuilletons, dann ist Der Pass…gut? Das hier ist demnach deutsches Fernsehen, wenn alles richtig läuft.

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Claudia Tieschky:

Der Pass ist inspiriert von der dänisch-schwedischen Serie Die Brücke, aber in der Landschaft zwischen Traunstein und Salzburg wurde daraus etwas komplett Stimmiges, Eigenes.

Woraus man wohl schließen muss, dass Tieschky außer Die Brücke noch nie eine Fernsehserie gesehen hat. Auch in der F.A.Z. heißt es:

Doch „Der Pass“, von der Produktionsfirma Wiedemann & Berg für Sky aufgelegt, löst sich rasch von seinen Vorbildern und wird zu etwas Eigenem[.]

…und wenn nicht gleich Ashton Kutcher1…oder wer ist der deutsche Ashton Kutcher, Guido Cantz? irgendwo hervorspringt, verliere ich den Verstand.

Das kann uns doch nicht wirklich reichen, oder? Niemandem von uns: Es kann doch nicht sein, dass ein Team aus offensichtlich talentierten Fernsehmachern, was, ein Jahr, zwei, an so einer Serie arbeitet, und niemand, zu keinem Zeitpunkt, mal eine eigene Idee in den Raum wirft? Oder zumindest vorschlägt, die Einflüsse ein kleines Bisschen zu verschleiern?

Wie zynisch, wie wenig interessiert an echter Kreativarbeit, muss man sein, diesen Typen aus der (gar nicht mal so geilen) Starz-Serie Mr. Mercedes zu sehen:

…und dann ohne rot zu werden ihn hier zu casten, ihm diese Frisur zu geben und ihn ebenfalls in so eine dunkle Hacker-Jungfrauen-Festung vor einen Bildschirm zu setzen:

Ich mein, stand das so im Drehbuch?

INT. HACKER-JUNGFRAUEN-FESTUNG - EIGENTLICH TAG, ABER TROTZDEM DUNKEL

Ein Typ, der aussieht, wie der Typ in Mr. Mercedes, mit der Frisur von dem Typen in Mr. Mercedes, sitzt in einem Raum, der aussieht, wie der Raum von dem Typen in Mr. Mercedes. Er ist so alt wie der Typ in Mr. Mercedes.

Wie wenig muss man für sein Publikum über haben, um eine Serie, die an der deutsch-österreichischen Grenze spielt, mit Einstellungen wie dieser zu eröffnen, mit flirrender Luft, Gelbfilter und Bäumen, die, wenn man nicht genau hinguckt, ein Bisschen wie einsame Palmen aussehen? Ein Bisschen New Mexiko suggerieren, als wäre das genug, um den Zuschauer glauben zu machen, er gucke hier eine bislang unangekündigte neue Staffel von Breaking Bad:

Und wie egal muss einem sein sehr privilegierter Job als Fernsehmacher sein, wenn man 2019 noch glaubt, Hirschgeweihe und Ziegenhörner als Ikonographie für einen TV-Serienkiller gehen als irgendetwas anderes durch als Arbeitsverweigerung? Oh, Der Pass gibt diesem hochoriginellen visuellen Motiv einen typisch deutschen Spinn: Der „Krampus-Killer“ heißt der Mörder in Der Pass, und es ist sicher Zufall, dass diese Serie, was, 2, 3 Jahre – also ungefähr eine Serienentwicklungs-Länge – nach dieser Phase kommt, in der das US-Horrorkino kurz von Krampus besessen war.

Und bevor man mir vorwirft, ich hinge mich an Oberflächlichkeiten auf: Die großen erzählerischen Ideen sind mit derselben Hauptsache um 4 zu Hause-Attitüde hingewichst. Ich will nicht zu viel spoilern, aber dieser Typ, der aussieht, wie der Typ in Mr. Mercedes: Seine Rolle in der Geschichte und wie sie erzählt ist weisen gewisse Parallelen auf zu einer amerikanischen Serie, ähm…Frasier? Nein, sorry: Mr. Mercedes. Hier wie da ist es einer, der impotent und einsam ist, der seinem fiesen Chef nicht sagen kann, was er von ihm hält, aber der in seinen immer dreisteren Provokationen gegenüber der Polizei langsam zu einem überlebensgroßen, fast übernatürlichen Monster hochstilisiert wird;2Die Eier, so off-the-rails zu gehen wie Mr. Mercedes, wo der Killer irgendwann wirklich übernatürlich wird, hat Der Pass aber natürlich nicht HASHTAG GRITTY AND MORE REALISTIC hier wie da entwickelt er eine Beziehung zu einer naiven, ausgegrenzten jungen Frau – hier nicht lesbisch, sondern Flüchtling, Hashtag RELEVANZ -, beschützt sie vor Bullys, um dann selbst der größte Bully zu werden; hier wie da spielt die Serie mit der Ironie, dass wir, das Publikum, schon früh mehr wissen als die Figuren, die sich treudoof von seiner unaufdringlichen Freundlichkeit einlullen lassen.

Und, natürlich, die Figurenkonstellation: Da ist die deutsche Polizistin, tightly wound und übermotiviert, oder zumindest behaupten die anderen Figuren ständig, dass sie das wäre, auf mich wirkte sie einfach wie eine kompetente, ehrgeizige Polizistin, aber mit einer kompetenten, ehrgeizigen Frau im deutschen Fernsehen muss halt irgendwas nicht stimmen, sonst kann man ja gleich ’nen Mann besetzen; am Anfang ist sie fasziniert von dem Fall, nimmt aber auch ehrliche Anteilnahme am Schicksal der Opfer, wie ein fucking Polizist halt, aber dann BLICKT SIE IN DEN ABGRUND, und am Ende ist sie desillusioniert, hoffnungslos. Und dann der österreichische Kollege, der L-E-I-D-E-T, denn er hat die Welt verstanden, „Das Leben ist im Arsch“, sagt er einmal, „Die ganzen Regeln, Gesetze, Vorschriften. Internet! Globalisierung…“, und ja, dies ist ein wörtliches Zitat, und nein, das geht nicht weiter nach „Globalisierung[Punkt Punkt Punkt]“, das und „Internet[Ausrufezeichen]“ muss da im Drehbuch gestanden haben, und da wundern wir uns, dass der deutsche Fernsehpreis keine Kategorie für Autoren hat; am Ende ist er es, der der Kollegin den Glauben an das Gute zurückgibt, in der Tradition der größten Männer einer Frau erklärt, was sie schon lange wusste. Natürlich mit so einem geilen Gut-und-Böse-aber-das-Gute-gewinnt-Monolog wie am Ende der ersten Staffel von True Detective, nur halt noch plakativer und kitschiger, die Metapher, der er sich bedient, um das Konzept des Reinen, Guten zu erklären, ist ein Engel, „Verstehsts? Verstehsts!?“ fragt er die Kollegin und das Publikum, und es würde mich nicht wundern, wenn Sky irgendwo eine Hotline eingerichtet hätte, falls es jemand wirklich nicht verstanden hat. Und die Kirsche auf der Sahne auf diesem Sundae der guten Laune ist eine Coda danach, wo unser L-E-I-D-E-N-D-E-R unrasierter weißer Mann endlich aufhört zu L-E-I-D-E-N, er zündet sich eine Zigarette an, dreht die Musik auf im Auto, und dann wird er kaltblütig erschossen von jemandem, der auf einem Motorrad vorbeifährt, wie edgy, wie dark, geil. Dass das den Glückskeksmonolog von eben unterwandert – das kommt davon, wenn man sich erlaubt, mal kurz mit dem L-E-I-D-E-N aufzuhören, einem anderen Menschen die Hand zu reichen -, das ist dann auch scheißegal3…wobei es mich auch nicht wundern würde, wenn Sky die Hotline eingerichtet hätte, weil sie nicht verstanden haben, warum True Detective endete wie es endete, und Hilfe brauchen., denn es ging hier nie ums Geschichtenerzählen, es geht darum, dass wir MITHALTEN können mit dem QUALITÄTSFERNSEHEN aus ÜBERSEE (von vor vier Jahren). Wir sind wieder wer, Eine Sky Original Produktion, Music produced by Hans Zimmer.

Aber mein absolut liebstes Stück erzählerischer Inkompetenz an Der Pass, das wirklich alles, aber auch alles sagt, was man über deutsches Fernsehen im Jahr 2019 wissen muss, ist das hier: Wie Broen beginnt Der Pass damit, dass eine Leiche exakt auf der Grenze zwischen zwei Ländern gefunden wird, dort zwischen Dänemark und Schweden, hier halt Österreich und Deutschland. Der Unterschied ist, dass diese high-concept-Prämisse in Broen, wie soll ich sagen, relevant war für irgendwas, was in der Serie passierte: Dass die dänischen und schwedischen Autoritäten gezwungen wurden, zusammenzuarbeiten, dass so tief verwurzelte kulturelle Konflikte an die Oberfläche gewühlt wurden, das war ein fundamentaler Aspekt der Ideologie des Täters, sein zentrales Motiv. In Der Pass hat der Täter eine diffuse Zurück-zur-Natur-Ideologie, für die es relativ wuppe ist, wie sich Deutschland und Österreich kulturell unterscheiden – ganz ehrlich, in den allermeisten Szenen ist nichtmal ersichtlich, ob wir uns gerade in Deutschland oder Österreich befinden. Jaja, unsere beiden Helden sind natürlich Figuren, WIE SIE UNTERSCHIEDLICHER NICHT SEIN KÖNNEN, aber welche kulturellen Unterschiede es in der Herangehensweise der jeweiligen Polizei gibt, gar wie die beiden Länder, politisch, gesellschaftlich, unterschiedlich auf die Mordserie reagieren könnten, dazu hat Der Pass exakt nichts zu sagen.

Und wie bezeichnend ist das bitte für die Art, wie wir hierzulande QUALITÄTSFERNSEHEN machen, und wie wir darüber reden: Der Pass nimmt sich diese sehr konstruierte Prämisse, weil sie irgendwie edgy und seltsam und hooky ist, aber beschäftigt sich nicht damit, was die Macher von Broen eigentlich erzählen wollten, wie sie aus dieser konstruierten Prämisse heraus versucht haben, an so gar nicht konstruierte Wahrheiten zu gelangen. Die Serie will die Prämisse für den Effekt, für die Hook, aber die, das geb ich ja zu, mühselige Arbeit, sie mit den Figuren und der Geschichte und, Gott bewahre, den Ideen zu verknüpfen, Fragen zu stellen, die ein Bisschen tiefer gehen als cool, oder?, die sich damit beschäftigen, was all das bedeuten soll – so weit müssen wir ja nun nicht gehen, was soll das hier werden, Kunst? Das ist Clickbait-Erzählen, Fernsehen für die Man kann Dinge auch überinterpretieren-Crowd.

Aber handwerklich, muss man dann sagen, sonst verliert man seine Kritiker-Card, handwerklich ist das doch alles astrein, aber mal abgesehen davon, dass es auch sowas wie erzählerisches Handwerk gibt, ist das ja der Punkt: Der Pass reduziert Kunst auf Handwerk. Die Serie ist besessen davon, zu beweisen, dass WIR Fernsehen machen können, das wie gutes Fernsehen AUSSIEHT; was sie vergisst, ist, warum wir überhaupt alle gerade so besessen sind von diesem Medium: weil es, in seiner besten Form, Geschichten erzählt, die uns berühren, auf eine spezifische Weise, anders als die, auf die andere Kunstformen uns berühren. Klar sind die Bildsprache und die Erzählstrukturen und -konventionen, die sich in diesem Medium entwickelt haben, interessant und wichtig dafür, dass es uns auf diese Art berührt; aber sie sind, zumindest im Idealfall, eine Konsequenz aus dem, was bei wirklich jeder Art von Kunst am Anfang stehen sollte: den Ideen und Gefühlen, die man vermitteln möchte. Sie sind Mittel zum Zweck; bei Der Pass sind sie der Zweck, stehen sie am Anfang: Die Serie adoptiert diese True Detectiv’sche Die Welt ist schlecht und ich leide am meisten darunter, weil ich so gut und rein bin-Haltung, weil sie aussehen wollte wie True Detective, und als die Schablone einmal da war, passten halt keine anderen Förmchen mehr rein. Die Serie übernimmt die Geschichte von Mr. Mercedes zu einem ans Plagiat grenzenden Grade, weil sie das Bild von dem Typen mit der albernen Frisur vor seinem Computer so geil fand, und wo man schonmal da war, musste man die ganze Geschichte dahinter halt gleich mitnehmen, wer kann da schon widerstehen.

Das ist kein Geschichtenerzählen, keine Kunst; es ist, um eine Phrase von Chuck Klostermann zu borgen, nostalgia for the very recent past: das Äquivalent eines 10 things only 90s kids will remember-Artikels, nur dass hier nicht eine (so gerade) vergangene Dekade heraufbeschworen wird, sondern Popkultur, die gerade erst passiert ist, eigentlich noch nicht ganz aufgehört hat, zu passieren, die man einfach direkt neben Der Pass auf derselben Streaming-Plattform anklicken und gucken kann. Die Macher leisten nichts außer auf Dinge zu zeigen, die der Zuschauer eh schon super findet, und zu sagen, ich find das auch super, aber sie machen sich nichtmal die Mühe, im Dachboden ihrer Erinnerung nach ein paar dieser allgemein super gefundenen Dinge zu kramen, die wenigstens ein Bisschen Staub angesetzt haben.

Wer mich kennt und weiß, dass ich in den letzten Jahren verstärkt Energie und Zeit in eigene Fiction- und Drehbuchprojekte stecke, bisher eher so leidlich erfolgreich, der mag mir vorwerfen, ich sei ja nur neidisch, aber dem sei gesagt: Ich bin neidisch, das gebe ich ohne zu zögern zu, aber nicht nur; in erster Linie bin ich empört. Unter diesen Bedingungen – mit diesen Mitteln, mit so viel offensichtlichem Talent in allen Positionen – eine Geschichte erzählen zu dürfen, in dem einen Medium, in dem man bei dieser Art von Geschichte, in diesem Moment, im Grunde eine Garantie hat, gesehen und gehört zu werden, dieses unbeschreibliche, einmal-im-Leben, unzählige-Kreative-würden-hierfür-ihre-Oma-verkaufen Privileg zu haben, und nicht den Mut, den Willen oder das Interesse zu haben, wenigstens einen kleinen Teil von sich preiszugeben, ein Bisschen es-muss-ja-nicht-gleich-lebensbedrohlich-sein, entschuldigt die Phrase, auf die Seite zu bluten – das ist mehr als eine verpasste Chance: Es ist falsch. Es ist eine Beleidigung für jeden, der jemals etwas kreiert hat, mit dem er sich verwundbar gemacht hat, und es mit anderen geteilt hat und sie hat darüber entscheiden lassen, ob dieser Teil von ihm gut genug ist.

Wenn das die Alternative ist, guck ich mit einem Lächeln auf den Lippen bis ich ranzig werde das Großstadtrevier; wenn das Erfolg ist, nehm ich jederzeit lieber den Brief von RTL, dass unsere Pitches irgendwie geil sind, aber sie nicht wissen, wie sie sie verkaufen sollen, oder die SMS von meiner Mutter, dass ich meinen neuen Text doch mal Giovanni Di Lorenzo schicken soll, weil das der einzige Journalist ist, den sie kennt, und sie den herzerweichenden Glauben hat, dass sich irgendwer in diesem Land doch für Qualität interessieren muss.

Um zum Schluss nochmal eine Formulierung von einem viel klügeren Menschen zu stehlen (und aus einem viel wichtigeren Kontext zu entfernen): Was für eine Verschwendung ist diese Serie! Nicht von Gebühren- oder Fördergeldern oder so; sondern von Talent, von Privileg, von dem kosmischen Glück, jetzt gerade am Leben zu sein, und zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und ein Megaphon und eine Seifenkiste und ein aufnahmebereites Publikum zu haben. Was für eine Verschwendung einer Chance, Kunst zu kreieren.


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