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Hawkeyes Endgame-Arc ist alles, was an Marvels Storytelling falsch ist

Mein liebster Moment in Endgame ist einer, der den meisten wahrscheinlich kaum im Gedächtnis bleiben wird. Er erinnerte mich an die eine Superman-Story, in der Superman einer jungen Frau begegnet, die droht, sich das Leben zu nehmen, sodass er realisieren muss, dass ihm all seine Superkräfte hier nichts nützen, dass er, dieser Übermensch, dieser Quasi-Gott, einigermaßen machtlos ist, wenn er mit echtem, alltäglichen menschlichen Leid konfrontiert ist. Aber er »rettet« die junge Frau, oder besser, hilft ihr, sich selbst zu retten, nicht, indem er seine Superkräfte einsetzt, sondern indem er Empathie & Verwundbarkeit zeigt. Und uns Lesern wird bewusst, dass wir in einer solchen Situation, wenn es darum geht, dieses echte, alltägliche »Böse« zu bekämpfen, exakt so viel Macht haben wie Superman.

Meine Lieblingsszene spielt 5 Jahre nach dem Ende von Infinity War. Thanos hat gewonnen, die Hälfte allen Lebens im Universum wurde vernichtet. Einen Plan, »the Snap« rückgängig zu machen, haben unsere Helden noch nicht. In kurzen Szenen sehen wir, wie die einzelnen Avengers mit ihrer Niederlage und den Konsequenzen umgehen: Black Widow leitet eine Art Mini-S.H.I.E.L.D., klammert sich an die Vergangenheit; Tony Stark hat sich zurückgezogen, endlich, eine Familie gegründet; und Cap? Steve Rogers leitet eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die geliebte Menschen durch »the Snap« verloren haben, und das ist perfekt: Steve war schon immer der heldenhafteste dieser Superhelden, jemand, der schon als Schwächling bereit war, sich auf eine Granate zu werfen, um seine Kameraden zu schützen. Jetzt kommt er im Grunde full circle, ist, wie damals, vor seiner Verwandlung zum Super-Soldaten, machtlos: Seine Superkräfte haben ihm nichts genützt gegen Thanos, rückgängig machen kann er dessen Genozid nicht. Aber er hat noch seine Menschlichkeit, seine Empathie, und eine Geschichte über seinen eigenen Verlust, das neue Leben, das er nach 70 Jahren im Eis gezwungenermaßen anfangen musste — eine Geschichte, die, wenn er sie teilt und sich damit verwundbar macht, anderen Menschen helfen könnte, mit ihrem Verlust umzugehen. Also hilft er den Menschen, die noch da sind, so gut er kann, und wenn das bedeutet, in einem Stuhlkreis in einer Mehrzweckhalle zu sitzen, ist es ihm das genauso wert, wie in Spandex gegen Superschurken zu kämpfen, denn das ist halt, was ein Held tut: was er kann. Keine Hilfe ist zu klein, zu unspektakulär— wie Supes es in der erwähnten Geschichte formuliert: Manchmal rettet man die Welt, manchmal scheitert man bei dem Versuch; und manchmal ist es vielleicht genug, einen einzigen Menschen zu retten. Oder fünf in einem Stuhlkreis in einer Mehrzweckhalle.

Die Szene erreicht nicht dieselbe emotionale Tiefe, aber sie bietet eine ähnliche Antwort an auf die zentrale Frage jeder, oder zumindest jeder guten, Superheldengeschichte: Was, genau, macht einen Helden aus? Schade, dass der Rest des Films das mit geradezu demonstrativer Haltungslosigkeit unterwandert.

Ein weiterer Avenger spielt eine Rolle in dieser Phase des Films: Nachdem Infinity War kurzzeitig vergessen hatte, dass Hawkeye existiert1…was der einzige Aspekt dieses ziemlich unerträglichen Films war, den ich intellektuell und emotional nachvollziehen konnte., erhält er in Endgame einen prominenten Arc, der in Sachen Pathos mit derselben, großen Kelle serviert wie die von Steve Rogers und Tony Stark. In einem Prolog haben wir erfahren, dass Hawkeye zum Zeitpunkt von »the Snap« auf seiner Farm seine Familienidylle genoss, und dass er seine gesamte Familie, seine Frau und die drei Kinder, durch Thanos’ Hand — oder, Thanos’ zwei Finger — verlor. Jetzt, fünf Jahre später, hat er sich zum einsamen Rächer stilisiert, der die Ungerechtigkeit von Thanos’ zufallsbasiertem Genozid »korrigiert«, i.e. Menschen umbringt, die es seiner Meinung nach eher »verdient« haben, zu sterben, als seine Familie.

Das ist eine hübsche Versuchsanordnung, die Sorte Geschichte, die in Marvels Comic-Universum einem großen Crossover-Event folgen würde, einen eigenen Arc einnehmen in, sagen wir, Captain Americas Soloreihe: Cap, auf der einen Seite, findet in seinem Trauma, seiner Machtlosigkeit einen Weg, den eigenen Schmerz auf eine Weise auszudrücken, die anderen hilft, mit ihrem Schmerz umzugehen; Hawkeye, in Bruce Wayne’scher Tradition, entscheidet, dass sein Schmerz etwas besonderes ist, ihn berechtigt, zu entscheiden, wer das Leben verdient und wer nicht. Dazwischen Natasha, deren Off-Brand-S.H.I.E.L.D. unter anderem mit dem Aufspüren Hawkeyes beschäftigt ist, und die — auch, wenn Endgame das eher andeutet als ausformuliert2Wie so vieles, was in anderen Händen eine Menge erzählerisches Potential hätte. — mit dem moralischen Dilemma zu kämpfen hat, dass es jetzt technisch gesehen zu ihren Aufgaben gehört, notfalls mit Gewalt ihren engsten Freund zu stoppen. In den richtigen Händen, mit Autoren, die tatsächlich eine Perspektive haben, hätte eine Zuspitzung der inhärenten Konflikte dieser drei Figuren entweder zu einem peinlichen Schwanzvergleich zweier leidender Übermenschen à la Batman v Superman werden können — oder zu einer Geschichte, die effektiv diese zentrale Frage jeder Superheldengeschichte dramatisiert, das schlagende thematische Herz dieses Genres freilegt. Besonders brillant — und hier muss ich den Russo-Brüdern und ihren Autoren Christopher Markus und Stephen McFeely ein zähneknirschendes Kompliment zollen — ist dass Hawkeyes Farblosigkeit in dieser Figurenkonstellation tatsächlich etwas positives ist. Noch klarer wird so der Kontrast zu Steve Rogers: Steve, der schon lange vor Thanos sein gesamtes Leben, seine gesamte Welt verloren hat und in einer neuen Zeit gestrandet ist, zuerst mit dem buchstäblichen Holocaust und dann mit Thanos kühl-kalkulierter Vernichtung konfrontiert wurde, und der dennoch nach Wegen sucht, Menschen zu helfen, Leid zu lindern; Hawkeye, der Inbegriff weißer, männlicher Mittelmäßigkeit, der es irgendwie durch Beziehungen und mangels Widerstand in die fucking Avengers geschafft hat, obwohl er genau genommen nur so mittel-qualifiziert ist, und der zum ersten Mal in seinem Leben echten Verlust und Schmerz erfährt und das umgehend als Entschuldigung nimmt, als nihilistischer Selbstjustiz-Fascho um die Welt zu reisen und anderen Schmerzen zuzufügen. Gott, diese Figurenkonstellation hätte die perfekten Voraussetzungen für eine Dekonstruktion des Batman-Modells von Heldentum! Aber, ganz ehrlich: Ein Teil von mir hätte sogar die Zach-Snyder-, diese Stadt ist nicht groß genug für zwei Fascho-Halbgötter-Variante dem vorgezogen, was Endgame aus der Konstellation macht, denn was Endgame damit macht, ist nichts.

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Die Russos haben keine Perspektive auf irgendwas, also endet diese Phase des Films ohne Konfrontation, ohne Konsequenzen für irgendwen, damit, dass Black Widow Hawkeye in einem vielleicht 30sekündigen Dialog überzeugt, dass doch nicht alle Hoffnung verloren ist, und Hawkeye legt einfach wieder den Schalter um von »blutgeiler Psychopath« zu »nobler Held« und danach redet niemand mehr darüber, dass Family-Man Hawkeye ein Massenmörder ist.

Patrick Willems hat kürzlich in einer sehenswerten Video-Reihe die Probleme des jüngeren MCU analysiert und unter anderem festgestellt, dass es dem Film-, im Vergleich zum Comic-Universum, genau an diesen kleineren Arcs zwischen den großen Crossover-Events mangelt, den Storylines, in denen die einzelnen Helden lernen müssen, mit dem neuen Status Quo zu leben, sich, ja, für die Konsequenzen ihres letzten Kampfes um das Fortbestehen des Universums verantworten müssen. Das neue Avengers-Team am Ende von Age of Ultron, das Zerwürfnis von Tony und Steve am Ende von Civil War: So viele angeblich massive Veränderungen im Status Quo des Filmuniversums wurden im nächsten Film in einem Cold Open oder ein paar Dialogzeilen vom Tisch geschafft, ohne dass unsere Helden — on-camera — und wir als Zuschauer je groß mit dem neuen Status Quo leben mussten.

Nun bin ich mir natürlich bewusst, dass das zu einem guten Teil mit Mechanismen der Maschine MCU/Disney zu tun hat, über die die einzelnen Filmemacher nicht viel Kontrolle haben: Jährlich erscheinen hunderte Comic-Issues, aber — auch, wenn es sich oft wie hunderte anfühlt — »nur« zwei, drei MCU-Filme; der Raum, den die Comics für diese kleineren, introspektiveren Storylines haben, ist im Filmuniversum schlicht nicht gegeben.

Andererseits: Endgame ist drei Stunden lang. In diesen drei Stunden ist Zeit für eine, ich hab das nicht genau gestoppt, aber ungefähr 40 Minuten lange Szene, in der Ant-Man zuerst in ein Baby, dann in einen alten Mann verwandelt wird und sich dann einpisst, weil alte Menschen, am I right, immer nur am Pissen; es ist Zeit für, und auch das habe ich nicht genau gezählt, aber über den Daumen gepeilt 800 Shots von Thors Dad-Bod, weil, und das ist ein richtiger Brüller, wer PTSD hat, nimmt manchmal zu; es ist Zeit für einen Story-Arcas opposed to: eine Szene — über Bruce Banner, der sich auf einem Dach mit Tilda Swinton unterhält3Was soll man sonst mit dem Hulk machen?, und für eine Diskussion zwischen Hawkeye und Black Widow, wer für den anderen von einer Klippe springen soll, die so lange dauert, dass — und dies ist 100% wahr, schreibt es in die imdb-Trivia — die Szene in der ursprünglichen Drehbuchfassung damit endete, dass beide an Altersschwäche sterben, und trotzdem niemand den Soul Stone kriegt, weil niemand hat Hawkeye je geliebt.

Was ich sagen will: Man hätte, wenn man es schon für wert erachtet, aufzuzeigen, wie unterschiedlich die einzelnen Helden auf die Katastrophe reagieren, durchaus irgendwo Raum finden können, um die implizierten Konflikte auch zu Ende zu erzählen. Tut man es nicht, das zeigt Endgame, schadet man seinen Figuren, seiner Story, seinem Film.

Diese lange Diskussion darüber, wer für wen sterben muss/darf — hätte die nicht ein anderes Gewicht, wäre sie auch für den Zuschauer mit mehr Konflikt, mehr emotionaler Zerrissenheit verbunden, wenn nicht eine dieser Figuren lieber zum Massenmörder geworden wäre als zuzugeben, dass sie mal in den Arm genommen werden muss?4…und vielleicht, nur vielleicht, wäre es auch ein Bisschen weniger problematisch, dass mit Widow schon die zweite weibliche Figur in den sprichwörtlichen Kühlschrank gesteckt wird, um die emotionale Reise einer männlichen Figur voranzutreiben, wenn diese männliche Figur sich als eine bewiesen hätte, für die zu sterben tatsächlich lohnt, die der Welt mehr zu geben hat als mehr Gewalt, mehr Hass, mehr Schmerz. Ich mein, wie soll man sich bitte fühlen angesichts der kitschigen Bilder am Ende von Hawkeyes Wiedervereinigung mit seiner wiederbelebten Familie?

Und Steve Rogers’ Übergabe der Identität »Captain America« an Falco, und dessen Unglauben, dass er, er, es wert sein soll, das Erbe eines so moralisch aufrichtigen Helden wie Steve Rogers anzutreten — wäre das nicht bedeutender, wären nicht angesichts Steves Bereitschaft, ohne zu zucken mit jemandem wie diesem Hawkeye Seite an Seite zu kämpfen, vielleicht zum ersten Mal echte Zweifel an dieser moralischen Aufrichtigkeit aufgekommen?

Jaja, I know: Männer in Spandex. Der durchschnittliche Zuschauer guckt einen Film wie Endgame halt nicht für eine Geschichte über Traumabewältigung und moralisches Leben in einer oft chaotischen, morallosen Welt.

Aber unabhängig davon, dass ich es einfach bedauerlich finde, wenn eine so spannende Figurenkonstellation, so viel erzählerisches Potenzial, ungenutzt bleibt; und unabhängig davon, dass genau das mal war, worin das MCU gut war: Während Zach Snyders Fascho-Superman ein paar dutzend 9/11s verursachte, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste, ließ sich Tony Stark selbst in der Hitze des Gefechts noch von Jarvis versichern, dass das Gebäude, in das er gerne krachen würde, wirklich leersteht; Gott, der dritte Akt von Age of Ultron war im Grunde eine einzige lange Diskussion darüber, wie sich echte Helden zu verhalten haben angesichts der eigenen Machtlosigkeit gegen die drohende Vernichtung der Welt, und selbst der schon von den Russos realisierte Civil War wurde — bevor er zum Konflikt über die Farbe Beige Bucky wurde — ausgelöst durch einen philosophischen Konflikt zwischen Tony und Steve über Superhelden-Ethik, die Frage nach der Verantwortung für die Kollateralschäden ihrer Weltrettungs-Versuche.

Unabhängig also von all dem ist es am Ende doch ein fundamentaleres Problem, das ich mit der Verweigerung des Films, diesen Konflikt auszuerzählen, habe. Das Ding ist halt: Man kann nicht nichts sagen mit einer Geschichte. Keine Position zu beziehen, das sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben, ist selbst eine Position. Und die Position, die die Russos und ihre Autoren einnehmen, indem sie diesen Konflikt so ausfasern lassen, anstatt ihn zuzuspitzen —indem sie keine Position einnehmen — ist: Steves Weg, mit Trauma und Verlust und der eigenen Machtlosigkeit umzugehen, und Hawkeyes Weg, damit umzugehen, sind dasselbe — gleichermaßen legitim, gleichermaßen unbedürftig nach Konsequenzen, nicht richtig, nicht falsch, sondern einfach Ausdruck unterschiedlichen Charakters, wie die Frage, ob man Katzen- oder Hundemensch ist, oder welche Eissorten man mag. Das ist nichtmal ehrlicher Nihilismus, nichtmal »die Welt ist schlecht, also ist es okay, ein Arschloch zu sein« — das wäre eine verachtenswerte Ideologie, aber es wäre immerhin eine Ideologie. Das hier, das ist mehr die Big-Budget-Version von YouTube-Zentrismus, diese »beide Seiten sind immer exakt gleich dumm, und mich persönlich geht das ja nichts an, deshalb sollte sich auch niemand anderes für eine Seite einsetzen«-Rhetorik von Menschen mit Anime-Avataren und Varianten des Wortes »skeptisch« im Namen.

Und das ist eben nicht nur die (Nicht-)Ideologie, die wir derzeit am allerwenigsten in der Welt gebrauchen können; es ist auch, nicht ein Versäumnis, sondern eine aktive Verweigerung, sich mit dieser zentralen Frage des gesamten Superhelden-Genres auseinanderzusetzen. Werft mir gerne in interpunktionslosen Kommentaren vor, dass mein moralischer Zeigefinger es mir unmöglich macht, das gute, alte, bodenständige, stets ideologielose und apolitische »Popcorn-Kino« zu genießen, dass ich »kein echter Fan« bin; aber das hier, das ist nunmal, was gute Superheldengeschichten ausmacht. Wir mögen zu Spidey gekommen sein, weil das Kostüm cool aussah und der Typ an Spinnennetzen durch die Häuserschluchten New Yorks schwang, aber wir gingen vor allem mit einem Satz — with great power comes great responsibility.5Eine Line, die als eine Art Bechdel-Test für Superheldengeschichten funktioniert: Wenn diese Line in die Geschichte passt, heißt das noch nicht, dass die Geschichte gut ist, aber wenn sie nicht passt, dann stimmt definitiv irgendwas nicht. Superman kämpft in erster Linie nicht gegen Lex Luthor oder Brainiac, sondern für »Truth, Justice and the American Way«; Wonder Woman ist »besonders«, in erster Linie nicht, weil sie übermenschlich stark ist und nicht altert, sondern weil sie sich diese Außenseiter-Naivität bewahrt, mit diesem großäugigen Optimismus, diesem Glauben an die Menschheit auf die Welt schaut; selbst Batman ist dann am besten, wenn aufgezeigt wird, warum seine quasi-faschistische Selbstjustiz eben nicht viel besser ist als das Chaos, das seine Villains anrichten.

Das ist, worum es in Superheldengeschichten immer geht, das ist, wofür Superhelden da sind. Wenn also die Antwort eines Superheldenfilms auf die Frage, »Wie sollte ein Held sein? Wie sollte er seine Kräfte nutzen?« lautet, »Mir doch egal, ist eh alles dasselbe. Guck mal, Thor ist fett geworden!« — vielleicht rechtfertigt dieser Film die eigene Existenz dann wirklich nicht als irgendetwas anderes als ein Produkt, ein Posten auf der Jahresabrechnung eines Studios, und vielleicht sind seine Autoren6Hier im Sinne von: »Auteur« eines Films, i.e. auch die Regisseure, und wahrscheinlich Kevin Feige oder so. dann nicht die richtigen, Superheldengeschichten zu erzählen.

Oder vielleicht nehm ich das wirklich alles zu ernst. Aber, was soll ich sagen: Ich bin halt echter Fan™.


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