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Es ist moralisch falsch, ein Ticket für den Joker-Film zu kaufen

Wisst Ihr: Je älter ich werde, desto besser werde ich darin, zu akzeptieren, dass Menschen halt unterschiedliche Geschmäcker haben, und dass es, nur weil ich heterosexuell, männlich und weiß bin, nicht meine Aufgabe ist, die Welt zum richtigen Popkultur-Konsum zu erziehen. Ich mein, versteht mich nicht falsch, ich werde nie aufhören, mich über Westworld und True Detective lustig zu machen und traurig darüber zu sein, dass die wirklich besten Shows im Fernsehen, die Crazy Ex-Girlfriends und Jane the Virgins und Superstores, von großen Teilen der Kritik und des Publikums ignoriert werden zugunsten von eben solchen Shows, die lediglich mehr Energie darauf verwenden, überzeugend zu behaupten, sie seien intelligent und wichtig. Aber letztens hab ich mich mit einem Freund über Videospiele unterhalten, und er sagte, dass er nichts mit Night in the Woods anfangen könne, wohl aber mit Life is Strange, und dass er Detroit: Become Human für die qualitative Kulmination von Videospiel-Storytelling hält, und meine Meinung über diesen Freund hat nur ein ganz kleines Bisschen gelitten; und als eine andere Freundin bei einem »Angelo Kelly & his Family«-Event auf »teilnehmen« geklickt hat, hab ich sie nichtmal auf Facebook geblockt. Ich arbeite an mir, ist was ich sagen will.

Und so langsam bin ich auch auf einem guten Weg, mich mit der dark & gritty-Art des Storytellings zu arrangieren. Ich mein, ich werde nie Fan von Christopher Nolan sein, und klar, dass wir Batman für gewagt und edgy halten, Superman aber für safe und langweilig, sagt schon auch irgendwie was aus über uns, welche Qualitäten wir von einem Helden erwarten, welche Art von Mut wir anerkennen. Aber in den letzten Jahren hat sich das Blockbuster-Kino endlich dergestalt entwickelt, dass grimdark nicht mehr die einzige Art von Geschichte ist, die erzählt werden kann, und solange ich meine Wonder Womans und The Last Jedis kriege, gönn ich euch eure Rogue Ones und euren neuen Batman alle paar Jahre, egal, wie wenig ich die Faszination an dieser Figur verstehe und wie sehr ich der Meinung bin, dass es eine Verschwendung kosmischen Ausmaßes ist, Armie Hammer als Batman zu casten, wenn er doch die ideale Besetzung für den leuchtenden, optimistischen Superman an der Seite von Gal Gadots Wonder Woman wäre1Armie Hammer hat die Batman-Gerüchte mittlerweile dementiert, aber die Idee stand halt im Raum und es ist befremdlich, wie viel Sinn sie für viele zu machen schien..

Was ich mit all dem sagen will, ist Folgendes: Die These dieses Textes ist nicht ein Versuch, irgendwem meinen persönlichen Geschmack aufzudrücken — Geschmack, meiner oder irgendjemandes, spielt für das Folgende keine Rolle. Ja, lasst uns für die Dauer dieses Textes einfach davon ausgehen, dass Todd Philips‘ kommender Joker-Film, ähem, gut wird; dass es tatsächlich das moderne Scorsese-Riff wird, das Philips in seinem Messaging und mit dem Casting von Robert DeNiro suggeriert, und das manche im Trailer des Films gesehen zu haben behaupten; lasst uns annehmen, dass Taxi Driver und die anderen Scorsese-Pimmelfilme, die der Film heraufbeschwören will, besser gealtert sind, als sie es tatsächlich sind, und lasst uns weiterhin annehmen, dass Todd Philips ein Scorsese ebenbürtiger Regisseur ist; lasst uns ignorieren, dass der Joker die einzige Comicfigur ist, die noch überbewerteter ist als Batman, lasst uns so tun, dass er wirklich die vielschichtige, tragische Figur ist, als die wir ihn, basierend auf einem okayen Alan-Moore-Comic, das selbst Alan Moore heute gar nicht mehr so geil findet, zu sehen gewohnt sind; lasst uns davon ausgehen, dass uns der absolut bestmögliche Film über den Joker erwartet, und dass »der absolut bestmögliche Film über den Joker« tatsächlich etwas bedeutet, mehr als »der absolut angenehmste Zahnarztbesuch« oder »die absolut attraktivste Geschlechtskrankheit«. Nichts davon ist wahr, der Film wird furchtbar, aber lasst uns für den Moment in einer Traumwelt leben, in der ein Joker-Film von Todd Philips eben gut sein könnte.

Selbst unter dieser Prämisse, selbst, wenn der Joker-Film tatsächlich ein Highlight des Jahres wird, gilt unverändert: Es ist falsch, dass dieser Film existiert. Es ist falsch, dass im Jahr unseres Herrn 2019 Todd »drei Hangover-Filme« Philips einen Film mit Joaquín »Wenn Christian Bale zu viel Humor hat« Phoenix als eine Figur machen kann, deren Charakterzeichnung sich im Grunde zusammenfassen lässt als »ein Trollface, mit dem man Mitleid haben soll«. Und es ist falsch, diesen Film in irgendeiner Form zu legitimieren, und dazu gehört, ein Ticket zu kaufen. Wer Geld dafür bezahlt, den Joker-Film sehen zu dürfen, macht sich mitschuldig an einem ethisch-moralischen Regelverstoß. Jetzt nicht auf dem Level eines Verstoßes gegen die Genfer Konventionen, aber schon auf dem eines Verstoßes gegen eine der alltäglichen Verantwortungen, die man nunmal hat als Teil einer zivilisierten Gesellschaft, als jemand, der Interesse daran hat, unterm Strich eher Teil »der Lösung« als »des Problems« zu sein. Kann man machen, muss man dann aber halt mit leben.

Es ist völlig irrelevant, ob der Film, sagen wir, seine toxische Hauptfigur demontiert oder glorifiziert: Der Effekt wird derselbe sein. Egal, wie viel Mühe der Film sich gibt, diese Figur mit einer gesunden Distanz zu betrachten, wird er doch unvermeidlich eine Projektionsfläche für die absolut schlimmste Art von Mann bieten, wird einem toxischen Teil des Publikums — dem, den sich andere Filmemacher derzeit eine Menge Mühe geben, hinter sich zu lassen, der viel zu lange viel zu viel Einfluss hatte — neue Legitimation geben. Dieser Film wird für die nächsten zehn Jahre die YouTube-Profilbilder und 4Chan-Signaturen des absolut schlimmsten Abschaums stellen, den das Internet zu bieten hat.

Ein Film kann ja nichts für sein Publikum, höre ich manchen schon sagen, aber, ganz ehrlich: Wie viele Dekaden müssen noch vergehen, bis wir von Filmemachern und Studios mal ein Bisschen Dazulernen erwarten dürfen? Die Ausrede, dass man als Filmemacher nicht kontrollieren könne, wer seinen Film abfeiert, hatte vielleicht seine Berechtigung, als Nerd- und Netzkultur noch aus ein paar blassen Freaks in Kellerzimmern bestand; aber wer heute einen Film über diese Sorte toxischen, disenfranchised weißen Dude macht, ohne zu merken, dass er damit automatisch einen Film für diese Art Dude macht, der muss schon sehr weit weg vom nächsten Internetanschluss leben, oder, ach, vom nächsten Fenster.

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Wir waren schonmal hier, viele Male. Wir haben diese Geschichte schon so oft gehört. Und selbst die absolut besten Versionen dieser Geschichte, die Taxi Drivers und Fight Clubs, gingen in die Filmgeschichte ein nicht in erster Linie als effektive Dekonstruktionen toxischer Männlichkeit, sondern als die Sorte Film, deren Poster in der Wohnung eines weißen Mannes ein klares Signal ist, dass man sich umdrehen sollte und so schnell rennen wie man kann, so weit weg, wie die Füße tragen.2Selbst David Fincher sagte einmal, er würde seiner Tochter abraten, jemanden zu daten, der Fight Club als seinen Lieblingsfilm nennt. Kein Travis Bickle ist jemals armselig genug, dass die armseligen weißen Männer sich nicht irgendwie ein Idol daraus basteln können, und genau dasselbe wird auch mit der, hust, tragischen Figur des Jokers in diesem Film passieren. Und wem das als Filmemacher nicht bewusst ist, der ist offensichtlich so abgehoben von der Kultur, in der er sich bewegt, dass er als Künstler nichts von Wert zu sagen haben kann; und wem es doch bewusst ist, und wer in diesem Bewusstsein 2019 nochmal diese Geschichte erzählt, der nimmt entweder in Kauf, dass er damit die toxischsten Elemente unserer Kultur bestätigt und legitimiert, oder er sieht in genau diesen Elementen ohnehin sein Publikum, seine Leute.

Als Filmemacher hat man eine Verantwortung, und in diesem Moment der Geschichte, in dieser Welt, in der wir leben, lautet diese, neue Geschichten zu suchen, für ein neues Publikum, anstatt weiter die Geschichten zu erzählen, die dazu beigetragen haben, dass ein toxisches, verachtenswertes Männlichkeitsbild über die Jahre so an Einfluss gewonnen hat, dass man mit einem Appeal an dieses heute wichtige Wahlen gewinnen kann.

Und, ja: Eine ähnliche Verantwortung hat man auch als Zuschauer. Wer von sich behauptet, kein Teil dieser toxischen Unterkategorie von Nerd- und Fankultur zu sein, der hat sich zu fragen, warum er wirklich noch eine Version dieser Geschichte sehen will: Glaubt ihr wirklich, dass Todd Fucking Philips der nächste Martin Scorsese ist, oder gibt es da nicht einfach einen Teil von euch, der noch immer glaubt, ihr wärt Tyler Durden? Und wenn ihr wirklich eine Dekonstruktion, eine Tragödie über toxische Männlichkeit erwartet, einen neuen Taxi Driver: Brauchen wir den wirklich so dringend, dass es dafür wert ist, die Botschaft zu senden, dass man als Filmstudio auch 2019 noch Erfolg haben kann, indem man Filme für den schlimmsten Teil des Publikums macht — egal, ob man diesen Teil jetzt aktiv ködert oder »nur« billigend in Kauf nimmt?

Ich sage das wirklich selten, denn in den allermeisten Fällen bin ich der Überzeugung, dass man selbst aus dem schlechtesten Film noch irgendwas für sich ziehen kann; aber hier geht es eben nicht um gut oder schlecht, sondern um richtig oder falsch: Gebt diesem Film nicht euer Geld. Egal, wie positiv die Reviews sind, egal, wie groß eure FOMO wird. Jesus, wenn es unbedingt sein muss, wenn ihr euch wirklich kein Leben vorstellen könnt, in dem ihr den Joker-Film von Todd Philips nicht gesehen habt, macht, was ein aufrichtiger, moralischer Mensch im Jahr 2019 tun muss, und ladet euch einen Cam-Rip runter, dann wird‘s auch erst so richtig dark and gritty! Ich mein, ist das nicht eh, was der Joker tun würde?


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