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All About Nina: Eine neue Perspektive für den »Standup-Film«

Es ist interessant, wie schnell sich der »Standup-Film« zu einem identifizierbaren (Sub-)Genre entwickelt hat. Filme über Standup-Comedians, oder Filme, die in einem Standup-Setting spielen, gibt es natürlich schon lange; aber erst in der letzten Dekade erschienen eine Handvoll Filme über Standup-Comedians — Judd Apatows unterschätzter Funny People als eine Art Prototyp, vor allem aber die Indie-Darlings Obvious Child und The Big Sick, zuletzt die leider misslungene Auftaktfolge von Jordan Peeles Twilight Zone —, die genug gemeinsam haben, um von einem kleinen Phänomen, vielleicht, ja, sogar einem neuen Subgenre zu sprechen. Sie teilen ihren point-of-view, erzählt aus der Insider-Perspektive anstatt als Milieustudie aus der Sicht eines interessierten, aber unbeteiligten Beobachters; damit verbunden, ihren Grad an Authentizität1Im Vergleich mit früheren Filmen über Standup, aber auch aktuellen Beispielen mit weniger Insider-Credibility (The Comedian), fällt zum Beispiel auf, dass die Standup-Bits wie, nun, echte Standup-Bits klingen, anstatt wie von Drehbuchautoren, die nie einen Comedy-Club betreten haben, geskriptete Monologe.; und, vor allem: Sie teilen ihre Struktur — eine (grobe) Abfolge von Plot-Beats, die zusammen eine identifizierbare Genre-Formel ergeben.

Das ist keine Kritik: Entgegen der Meinung manches Snobs sind solche genrespezifischen Formeln nicht zwangsweise Ausdruck von Ideen- oder Mutlosigkeit, sondern genauso oft auch von Themen und Konflikten, die sich in diesen bewährten Plot-Points besonders effektiv dramatisieren lassen. Jeder dieser Filme strukturiert seine Handlung einerseits um den Versuchen seiner Hauptfigur, die »nächste Stufe« des Erfolgs in ihrer Standup-Karriere zu erreichen, andererseits um eine den klassischen RomCom-Beats folgende romantische Beziehung; das kann man »vorhersehbar« finden, aber der Konflikt dahinter ist echt: Standup verlangt eine seltsame Kombination aus Verwundbarkeit und Abgeklärtheit sowie das Verwerten von privaten Erfahrungen als »Material«, und es ist ein Lebensstil, der einem bizarren, nicht immer mit dem »normaler« Menschen kompatiblen Rhythmus folgt; enge Beziehungen zu Menschen zu führen, die nicht »Teil dieser Welt« sind, ist eine Herausforderung, und viel effektiver lässt sich diese kaum dramatisieren als mit dem Hin und Her und Auf und Ab einer klassischen RomCom. Und dass der emotionale Höhe- (oder Tief-)Punkt dieser Filme oft ein Moment ist, in dem die Hauptfigur anstatt einem vorbereiteten Standup-Set einen improvisierten, unangenehm offenherzigen Monolog über ihre emotionale Situation hält, hat zwar damit zu tun, dass für Drehbuchautoren die seltene Gelegenheit schwer zu widerstehen ist, ihre Hauptfigur, ohne die vierte Wand zu brechen, direkt zum Publikum sprechen zu lassen und mehr oder weniger explizit die thematischen und emotionalen Feinheiten der Geschichte zu erklären, den Subtext zum Text zu machen; aber eine solche Szene zeigt eben auch effektiv einen seltsamen Widerspruch von Standup als Kunstform auf: Einerseits gestikuliert guter Standup immer in Richtung »Authentizität«, Ehrlichkeit, Autobiographie, auch Spontaneität — Standup-Comedians werden belohnt dafür, besonders offen über ihr Privatleben, ihre eigenen Fehler, Ängste, Peinlichkeiten zu sein, oder das zumindest überzeugend vorzugeben, und die Kunst, Standup zu performen, liegt darin, das Publikum Glauben zu machen, das vorbereitete Material fiele einem jetzt in diesem Moment ein. Andererseits gibt es auch die unausgesprochene Übereinkunft, dass niemand wirkliche Authentizität, wirkliche Spontaneität will: Der Comedian soll offen und »schonungslos« sein, aber bitte nur sich selbst gegenüber, das Publikum soll er sehr wohl verschonen mit den traumatischeren Aspekten seiner Fehler, Ängste und Peinlichkeiten, denen, die weniger zum Lachen sind; er soll spontan sein, aber muss gleichzeitig alle privaten Sorgen ausblenden, die ihn vielleicht in eine der Unterhaltung weniger dienliche Stimmung bringen würden.2Ich hatte ja meine Probleme mit Hannah Gadsbys Nanette, aber der letzte Akt des Sets und die vielen »Ist das noch Comedy?«-Thinkpieces haben recht effektiv vorgeführt, wie wenig vorbereitet wir auf echte Authentizität, echte Offenheit und Schonungslosigkeit sind.

Das ist alles eine lange, schwurbelige Art, zu sagen: Wer Funny People oder Obvious Child oder The Big Sick gesehen hat, wird von der ersten Szene an jeden einzelnen Beat von All About Nina vorhersehen; und angesichts dessen, sowie des etwas nichtssagenden Trailers und der Abwesenheit einer (plotbasierten) »Hook« neben »All About Nina ist ein Film über eine Standup-Komikerin« — eine Hook wie, sagen wir, eine Abtreibung, oder ein Koma —, mag man allzu leicht zu der Idee gelangen, man hätte bereits mehrere interessantere Versionen dieser Geschichte gesehen. Aber gerade weil All About Nina der bisher vielleicht »reinste« Standup-Film dieses losen, jungen Genres ist, ist er auch besonders klar fokussiert auf Themen und Konflikte, die all diese Filme anschneiden, aber noch nicht zu diesem Grad erkundet und konfrontiert haben.3…mit Ausnahme der Twilight-Zone-Episode, doch der hat All About Nina voraus, dass er, ähem, gut ist.

Und, ja: Dieser Film ist wirklich schonungslos — in der Darstellung von Standup-Kultur, der (auch emotionalen) Herausforderungen des Standup-Lebens, und der besonderen Herausforderungen und Gefahren, denen man sich als weibliche Praktizierende dieser Kunstform aussetzt.

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Elizabeth Winstead spielt Standup Nina Geld, und das ist schon die erste interessante Entscheidung von Debüt-Regisseurin Eva Vives: All About Nina legt an anderer Stelle eine Menge Wert auf Authentizität — im Design der Comedy-Clubs und Backstage-Areas, in Besetzungsentscheidungen wie der von Jay Mohr als, nun, ein »Jay Mohr«-Type, ein alternder, sleazy hack-Comedian; Ninas Act ist einer, der tatsächlich in einem Comedy-Club, vor einem Comedy-Publikum funktionieren könnte, und das Lachen des Publikums — und das sage ich als einer der einzigen renommiertesten Experten in Lachen im Film — ist das realistischste, das ich je in einem Film über Standup gehört habe, dieses zerstreute, mit Gläserklingen vermischte Lachen eines Club-Publikums, das sich nie ganz zu einem gemeinsamen »Publikums-Lacher« vermischt, bei dem man, wenn man sich anstrengt, wahrscheinlich noch genau abzählen kann, wie viele Menschen gerade lachen und wie viele nicht. Dass Vives also keine Komikerin als ihre Hauptfigur besetzt hat, ist bemerkenswert, aber trägt zur spezifischen Erzählperspektive des Films bei: All About Nina bleibt ein »Insider«-Film, einer, der eng bei einer Hauptfigur bleibt, die tief in der Kultur steckt, in der sie sich bewegt, Teil und Produkt von ihr ist; aber Nina ist auch ein Stück weit entfremdet von Standup-Kultur, mehr als die Figuren in den anderen genannten Filmen, und so ist auch die erzählerische Distanz ein Bisschen größer, der Blick auf die Kultur von Standup-Comedy ein Bisschen kritischer. Und, ganz ehrlich, ein solcher Film ist bitter nötig: So sehr ich zum Beispiel The Big Sick liebe, seine Tendenzen, die oft toxische, ähem, Gesprächskultur ein Stück weit zu romantisieren brauchen ein Gegengewicht. Nina spricht die Sprache ihrer — meist männlichen — Standup-Kollegen und Zuschauer, sie weiß, wie sie mit ihnen reden muss, und sie ist gut darin und scheint das auch ein Stück weit zu genießen; aber immer wieder kommt durch, dass ihre Schlagfertigkeit, ihre Härte auch ein Verteidigungsmechanismus ist, dass für sie mehr auf dem Spiel steht als für ihre Kollegen, und spätestens, wenn sie in ihrem klimaktischen, gar-nicht-mehr-lustigen improvisierten Set ihre Geschichte von Missbrauch durch ihren Vater und spätere Partner offenlegt, und Mohrs Figur bei ihrer nächsten Begegnung selbst dazu nichts zu sagen hat außer einen mittelguten Witz, zieht der Film ein Stück weit eine Parallele zwischen den missbräuchlichen Beziehungen in Ninas Privatleben und ihrer Beziehung zu Standup.

Umgekehrt informiert Ninas Beziehung zu ihrem Beruf auch ihr Privatleben. Die Hindernisse ihrer Beziehung zu Rafe (Common) — die, neben Ninas Audition für eine Saturday Night Live nachempfundene Show, im Fokus der Handlung steht — sind bekannt: So offen und unverblümt Nina auf der Bühne Intimitäten ausbreitet, so groß sind ihre Schwierigkeiten, sich privat einem anderen Menschen zu öffnen. Doch die spezifische Perspektive des Films, sein thematischer Fokus auf nicht nur Missbrauch durch männliche Vertrauensfiguren, sondern auch die besonderen Herausforderungen, als Frau in einer männlich dominierten Kultur zu bestehen, gibt diesen Hindernissen — bei aller Vorhersehbarkeit des Verlaufs der Beziehung — neues Gewicht: Sich zu öffnen, sich wirklich verwundbar zu machen, das hat für Nina nicht nur in ihrer privaten Vergangenheit traumatische Konsequenzen gehabt, es ist für sie auch ein professionelles Risiko.

Auch das spitzt Ninas klimaktischer Monolog effektiv zu. So kathartisch es ist, wenn Nina all die Wut, die sie über die Jahre aufgestaut hat, rauslässt, sind die Konsequenzen ambivalent: Einerseits geht ihr Set viral, trifft einen Nerv vor allem, so scheint die Implikation, außerhalb der Standup-Community; andererseits erklärt das Lorne-Michaels-Standin des Films — in einem großartig-halbherzigen Versuch, Michaels’ Anwälten zu entgehen, heißt die Figur »Larry Michaels« —, seine Entscheidung, Nina für seine Show zu besetzen, überdenken zu müssen. Man fragt sich, ob ein ähnlich wütendes, brutal ehrliches Set von einem männlichen Comedian dieselbe Reaktion provoziert hätte.

Dennoch ist Ninas Set, für sie persönlich, ein Triumph, ein Befreiungsschlag, und so kann man auch All About Nina beschreiben: Seine Hauptfigur ist rund und vielschichtig und ambivalent, und ihr werden Emotionen zugestanden, die weiblichen Figuren oft vorenthalten bleiben; Winstead spielt sie furios — besonders die Performance ihrer Standup-Sets ist beeindruckend, bedenkt man, dass Winstead eben keine Standup-Erfahrung hat. Die zentrale Beziehung mag einer etablierten Formel folgen, aber in dieser Besetzungskonstellation und mit dieser Figurenzeichnung hat man diese Geschichte noch nicht oft gesehen. Wirkt der Film also im Vergleich mit den anderen »Standup-Filmen« dieser aktuellen Welle auf den ersten Blick generisch, offenbart er doch eine spezifische, frische Perspektive, die dem Genre eine neue Dimension hinzufügt, und die Themen und Konflikte des Genres aus einer neuen Richtung angeht.


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