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Is This Too Much? Carly Rae Jepsens Dedicated

Auf die Gefahr hin, mich gleich zu Beginn dieses Textes als unzurechnungsfähig zu identifizieren1…als hätte ich das für viele nicht durch das bloße Schreiben eines Reviews zu Carly Rae Jepsens neuem Album getan.: Carly Rae Jepsen ist unterschätzt als Lyrikerin.

Pop-Lyrics zu schreiben ist eine fundamental andere Disziplin als klassische Poesie, oder selbst als die quasi-literarischen Gedichte-zu-Musik, die, sagen wir, John Darnielle oder John K. Samson schreiben. Bei guten Pop-Lyrics geht es darum, so simpel und direkt und eindeutig zu sein, dass der Hörer gleich beim zweiten Abspielen mitsingen kann, und gleichzeitig interessant und emotional ehrlich genug, dass man sich nicht ab dem dritten Hören schämt, wenn man mitsingt; und natürlich geht es darum, Worte zu finden, die mit der Musik harmonieren: Pop-Lyrics sind im Grunde eher ein weiteres Instrument als eine Form von Literatur. Wie Carly es in ihrer Hit-Single/philosophischem Hauptwerk formuliert hat: Cut to the Feeling. Pop-Lyrics müssen nicht unbedingt intellektueller Analyse standhalten —— nichts an dem, was Carly in Call Me Maybe beschreibt, ist technisch gesehen sonderlich »crazy« ——, aber sie müssen sich richtig anfühlen.

Und Carly ist ein ziemliches Genie darin, solche Lyrics zu schreiben. Auf einem intellektuellen Level kann ich, sagen wir, anerkennen, wie clever es ist, eine Liebeserklärung so zu formulieren, wie Brian Wilson es in God Only Knows tut, und es bietet seine eigenen emotionalen Belohnungen, sich in den Song reinzuhören und die Selbstzweifel und psychologischen Abgründe zu erkennen, die sich hinter der Fassade eines solchen Liebeslieds verstecken; aber, was soll ich sagen: Wenn ich wirklich jemanden mag, dann fühlt sich das nicht an wie »I may not always love you/But long as there are stars above you/You’ll never need to doubt it« zu einer harmonisch komplexen Orgel- und Horn-Komposition, sondern wie »I really, really, really, really, really, really like you« zu einem simplen, euphorischen Dance-Beat. Es ist eine perfekte Pop-Line: simpel und leicht mitzusingen, aber gerade albern und witzig genug, dass es auch beim zehnten Hören noch Spaß macht, universell und unschuldig genug, dass jeder sich damit identifizieren kann, aber gerade »drüber« genug, dass es sich, in seiner Teenie-Euphorie, trotzdem ein Bisschen nach Ekstase und Transgression und Sich-Gehen-Lassen anfühlt.

Was ich sagen will: Vielleicht ist das, so aufgeschrieben, schwierig nachzuvollziehen, warum mich die folgenden Zeilen aus Carlys Real Love vom neuen Album Dedicated berührt haben wie wenige Songs dieses Jahr; aber das ist, was passiert ist, und da müssen wir jetzt halt drüber reden, weil, nun, weil das hier mein Blog ist, ich muss mich nicht rechtfertigen:

I go everyday without it
All I want is real, real love
And I’ve been feeling weak without it
Only want a real, real love
I’m not even scared about it
All I want is real, real love
But I don’t know a thing about it
All I want is real, real love

Schon oft wurde beobachtet, dass Carly, für all ihre Obsession mit romantischer Liebe, so gut wie nie im eigentlichen Sinne Liebeslieder schreibt: Sie singt über Liebe, die irgendwann mal sein könnte —— »I know this isn’t love« ——, oder die nie ganz war, oder die nicht sein kann; es geht, selbst in Carlys euphorischsten Songs, weniger um Liebe als um die Sehnsucht nach Liebe. Doch in all ihrer emotionalen Direktheit hat Carly dies nie so direkt und unverschlüsselt ausgedrückt wie in diesen Zeilen in Real Love. Auch musikalisch gibt es keinen Kontrapunkt, der die Verwundbarkeit dieser Zeilen abschwächen würde, wie in, sagen wir, When I Needed You, einem der Highlights vom letzten Album E-Mo-Tion, wo die ungewöhnlich zerbrechlichen Lyrics in Kontrast zur fröhlichen Musik inklusive euphorischen »Hey!«-Cheers standen. Stattdessen nur das absolute Minimum an musikalischer Untermalung, um noch als »Popmusik« durchzugehen, Keyboard-Akkorde, ein Bisschen Gefiepe und ein sehr leiser Beat, und Carlys Stimme, für die ersten paar Zeilen nichtmal groß gedoppelt oder ähnliches. Es ist zerbrechlich und ehrlich und fast unangenehm aufrichtig, selbst nach Carlys Maßstäben; erst danach explodiert der Song in einen euphorischen, tanzbaren Break, dominiert von einem synthetischen Trompetensound aus der Kategorie »Mein Erstes GarageBand-Projekt«, und es ist kindlich und naiv und ein Bisschen albern —— selbst nach Carlys Maßstäben. Real Love ist sowohl ein Song, den Carly bis jetzt nicht hätte schreiben können, als auch der most Carly song ever: Ob dieser Song einen berührt oder man sich beim Hören schämt, ist eine gute Prognose dafür, wie man auf den Rest von Carlys Katalog reagiert. Er macht den Subtext, der bei allen anderen Songs, die Carly bisher geschrieben hat, mitschwang, zum Text. Auch musikalisch ist der Song eine Art »Best-of Carly«, beginnend mit einer Kelly-Clarkson-Gitarre, wie sie auf Kiss —— dem Album, das Call Me Maybe enthält —— öfter zu hören war, bis zu dieser Lust an Cheese, diesem Flirten mit, ja, Trash, das spätestens seit Store auf E-Mo-Tion Side B Teil von Carlys musikalischem Vokabular ist.

Mich jedenfalls traf Real Love in derselben Intensität wie einst Run Away With Me —— der Song, wegen dem ich und viele andere Carly-Fans mich (neu) in ihre Musik verliebt hatte ——, nur, dass es halt mit anderen Klangfarben spielte; es kalibrierte, gegen Ende des ersten Durchhörens, meine Erwartungen an Dedicated neu: Beim ersten Durchhören hatte ich, gebe ich zu, ein Bisschen die —— entschuldigt den musiktheoretischen Fachjargon —— Banger vermisst; gemäß Carlys neuem Mission Statement —— »Chill Disco« —— ist Dedicated weniger in your face als E-Mo-Tion, weniger ein Album, um die Party auf einer ausgelassenen Note zu beginnen als eins, um sie entspannt ausklingen zu lassen.2Ich weiß das, weil ich auf sehr viele Partys eingeladen werde.

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Und letztlich ist das wohl die richtige Entscheidung: Now That I Found You, der Song, der am ehesten in Richtung eines »klassischen« Carly-Bangers geht, macht Spaß, hält aber dem Vergleich mit dem sehr ähnlichen Cut to the Feeling, oder Run Away With Me, oder I Really Like You oder, ja, Call Me Maybe nicht stand. Am besten ist Dedicated dann, wenn Carly am entspanntesten mit dem Gedanken umgeht, dass sie nicht nochmal einen Crossover-Erfolg auf dem Level eines Call Me Maybe haben wird.3E-Mo-Tion war ein kommerziell mäßiger Erfolg, fand allerdings teils obsessive Anhänger unter Kritikern, tumblr-Theoretikern und anderen Internet-Weirdos, und in der queeren Community. Everything He Needs ist das Yin zu Real Loves Yang: ironisch —— aber auf diese Art, wie man manchmal über die eigene Einsamkeit witzelt, die Art, die doch irgendwie eine ehrliche Sehnsucht ausdrückt, wenn sie sich auch eine Hintertür offenlässt ——, kitschig, nicht, weil es so unverschlüsselt, so echt ist, sondern so hochgradig artifiziell. Der Song ist sowas wie das akustische Pendant zu Kacey Musgraves’ on-point Look auf der diesjährigen Met Gala4Die beste Umsetzung des »Camp«-Mottos. Er bedient sich des Refrains von Shelly-Duvall-als-Olive-Oyls einsamem, seltsam eindringlichen Solo in Robert Altmans bizarrer 1980er-Verfilmung von Popeye, verfremdet ihn mit extremen Pitch-Shifts und kombiniert ihn mit neuen Strophen, deren Melodie und Off-Beat-Keyboards die Alte-Männer-In-Offenen-Hawaiihemden-Ästhetik der Beach Boys in ihrer schlimmsten Phase vor dem inneren Auge beschwört, oder gleich die von Cuba Gooding Jrs Karriere-Kamikaze Boat Trip.5Nach X mal Hören bin ich mir noch immer nicht ganz sicher, ob der Song wirklich leise Steeldrums hat, oder ob ich mir die einfach dazudenke, weil es die Sorte Song ist, bei der wirklich alles so egal ist, dass er genauso gut leise Steeldrums haben könnte.

Man lese das bitte als das Kompliment, als dass es gemeint ist: Spätestens in seiner Spoken(!)Word(!)Bridge(!)6»You know…not just physically…emotionally…spiritually…intellectually [dieses letzte Wort fast schon bedrohlich heruntergepitcht] sexually wirkt die heterosexuelle Domestizität des Songs so hyperstilisiert, so performativ, dass es irgendwie wieder total schwul ist, was Everything He Needs zu der Sorte Song macht, die zu produzieren eigentlich Kernaufgabe des ESC ist, aber wenn der mehr und mehr auf respektable7Read: egale. Radiomusik setzt, muss irgendjemand diesen Job halt übernehmen, und wer, bitte, wenn nicht Carly?8Ich jedenfalls freu mich auf Carlys Podcast mit Kacey Musgraves Podcast über das Werk Susan Sonntags.

Everything He Needs bricht, wenn man so will, auch diese ungeschriebene »keine Liebeslieder«-Regel, wie auch, auf andere Weise, das lyrisch ungewöhnlich erwachsene, musikalisch vielleicht etwas beliebige Happy Not Knowing9Selbst hier ist Liebe aber etwas fragiles, zerbrechliches.; zusammen mit dem von Jack Antonoff produzierten, aber trotzdem großartigen Want You In My Room funktioniert Everything He Needs außerdem als eine Art Replik auf die gelegentlich gegen Carly und ihr Image vorgebrachte Kritik, »sexless« zu sein. Want You In My Room ist eine Ode an, nun, Horniness, die 90s-Girlgroups und Bilder vom heimlichen Klettern durchs offene Schlafzimmer-Fenster heraufbeschwört —— Teeniefilm-Motive, aber welche, die es in der Realität so nicht mehr gibt, vielleicht nie gab: Anders, als langweilige Kritiker manchmal behaupten, hat Carly nie Musik für Teenager gemacht, sondern für Menschen, die sich gelegentlich mal wieder wie ein Teenager fühlen wollen, und Want You In My Room ist ein nostalgischer, tongue-in-cheek-Song darüber, jemanden kennenzulernen, der einen genau so fühlen lässt.

Wie schon E-Mo-Tion ist Dedicated wahrscheinlich ein paar Songs zu lang:10Laut Vorab-Interviews hat Carly auch dieses Mal mehr als 200 Songs geschrieben, aus denen sie die 15 auf dem finalen Album ausgewählt hat. Man kann sich eine geschliffenere Version dieses Albums vorstellen, eine ohne Hänger, mit 10 Songs statt 15. Aber wäre auf diesem Album noch Platz für, sagen wir, die Seltsamkeit eines For Sure? Ein Song, der zu minimalistischer, von einem afrikanisch inspirierten Beat dominierter Instrumentierung wieder und wieder dieselben vier Zeilen wiederholt —— »I’ve been thinking/We were over/I’ve been thinking/Got to know for sure« ——, mit einem Hall, als hätte Carly sie aus einem Badezimmer am anderen Flurende Richtung Studio gerufen, was schon ein Bisschen nervt, aber auch ziemlich effektiv ist als Vertonung der obsessiven, zirkulären Gedankengänge, die man halt hat, wenn man beginnt, an einer Beziehung zu zweifeln.

Wichtiger: Ein solches Album, wäre es vielleicht auch geschliffener, »perfekter«, widerspräche Carly Raes Ethos, das sie selbst in einem weiteren Standout des Albums zusammenfasst:

When I party, then I party too much
When I feel it, then I feel it too much
When I’m thinking, then I’m thinking too much
When I’m drinking, then I’m drinking too much

Wer Carly will, kriegt sie in all ihren Facetten und Extremen, und das ist, auch auf diesem entspannteren Album als der Vorgänger, eine Menge; wenn Carly verliebt ist, stilisiert sie das zu einer Karikatur domestischen Glücks hoch, wenn sie horny ist, versammelt sie ihre gesamte Cheersquad, um das zu verkünden, und wenn sie einsam und verletzlich ist, drückt sie das in einer naiven, fast kindlichen Direktheit aus. Man muss so manchen Schutzmechanismus ablegen, eine hohe Toleranz für Kitsch mitbringen, das Wort »peinlich« weitestgehend aus seinem Vokabular streichen, um Carly zu mögen; für mich ist es genau das, was sie so großartig macht: Sie ist so demonstrativ, trotzig uncool; sie mag Ironie als Stilmittel nutzen, aber nie als Haltung, und sie entscheidet sich im Zweifelsfall immer dafür, ein Bisschen zu viel zu geben statt zu wenig —— zu viele Songs, zu trashige, alberne GarageBand-Sounds und zu weit nach rechts gedrehte Pitch-Shift-Regler, vor allem aber zu viel Gefühl. Sie riskiert, sich lächerlich zu machen, peinlich zu sein, und so sollte gute Popmusik doch sein: Wenn Taylor Swift ein Video darüber macht, einmal richtig loszulassen, albern und kindisch zu sein, tut sie selbst das in einer penibel entwickelten und mühsam einstudierten Choreographie; Carlys »Choreo« im Video zu I Really Like You erinnert eher an den Flashmob, den ein paar Cousinen auf der Hochzeit meines Bruders arrangiert haben, ein Bisschen ungelenkes Rumgehüpfe, damit auch America’s Dad Tom Hanks mithalten kann, und das ist uncool und dorky, aber sieht auch völlig unbemüht nach mehr Spaß aus als Taylor in ihrem ganzen Leben hatte.11Ich hab nichts gegen Taylor Swift, aber es ist kein Zufall, dass ich ziemlich genau dann begann, das Interesse an ihrer Musik zu verlieren, als ich zum ersten Mal Run Away With Me gehört hatte.

Dedicated endet mit Party For One, das ich, als es als erste Vorabsingle erschien, ein Bisschen unterwältigend fand: Der Song war nett, aber solche »Love yourself«-Hymnen gab es in den letzten Jahren viele und die hier klang vergleichsweise etwas brav, zu wenig nach Loslassen; die wirklichen Hits, war ich mir sicher, sparte Carly sich fürs Album auf.

Mittlerweile ist Party For One einer meiner liebsten Songs auf Dedicated, gerade, weil der Song so understated daher kommt. Die zentrale Zeile lautet »I’m not over this«: Party For One ist kein Song darüber, alleine genauso glücklich zu sein wie zu zweit und sich dafür zu feiern; es ist spezifisch ein Song darüber, alleine nicht glücklich zu sein und sich dieses Gefühl zu erlauben, und sich trotzdem irgendwie empowered zu fühlen und das feiern zu wollen, weil manchmal traurig zu sein zum Leben gehört und kein Zeichen von Schwäche ist. Natürlich fällt das ganze musikalisch etwas gedämpfter aus als vergleichbare Songs: Selbst, wenn Carly sich mal zurückhält, ist das Ausdruck davon, ein Bisschen zu viel zu fühlen, ein Bekenntnis zu Verwundbarkeit in einem musikalischen Subgenre, indem es ansonsten darum geht, vorzugeben, dass einem nichts irgendwas anhaben kann.

Wenn Carly Rae Jepsen eine zentrale Botschaft hat, dann diese, und sie ist da im zerbrechlichen Refrain von Real Love und dem ausgelassen Break danach, im überdrehten Camp von Everything He Needs, im obsessiven Kreisen um den immergleichen Gedanken von For Sure, in jedem Song auf Dedicated: Fühlen, irgendwas zu fühlen, sich zu erlauben, ganz von einem Gefühl eingenommen zu sein, aufrichtig und verwundbar zu sein, ist etwas, das es zu beschützen und zu feiern gilt; es ist keine Entschuldigung, es ist eine Herausforderung, wenn Carly fragt: »Is this too much?«


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