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Buffy, Crazy Ex-Girlfriend, Veronica Mars & die Suche nach dem Guten Ende

Wenn ihr über Serien nachdenkt, die zu früh zu Ende gingen, aber dann, dank den Fans gerettet wurden, eine zweite Chance bekamen —— welche Serie fällt euch da als allererstes ein? Für mich ist das noch immer Veronica Mars.

Veronica Mars lief zunächst für zwei Staffeln auf dem Sender UPN, bevor dieser mit The WB zusammengelegt wurde, als The CW; nach einer weiteren Staffel auf dem neuen Sender wurde Veronica Mars abgesetzt.

Schon damals wollte Erfinder Rob Thomas sich nicht mit dem verfrühten Ende seiner Show zufrieden geben: Er produzierte einen Trailer für eine vierte Staffel, mit einem überarbeiteten Konzept. Über die nächsten fünf Jahre hielten sowohl Thomas als auch Hauptdarstellerin Kristen Bell und die anderen Darsteller daran fest, die Serie fortsetzen zu wollen, möglicherweise in Form eines Kinofilms. 2013 schließlich wandte Thomas sich mit einer Kickstarter-Kampagne an die Fans, um den Film zu finanzieren; fast alle wichtigen Darsteller der Serie waren wieder dabei.

Mehr noch vielleicht als das etwa zur gleichen Zeit gestartete Netflix-Revival von Arrested Development war der Film eine Initialzündung, ein Präzedenzfall für die vielen TV-Revivals, die folgen sollten: Die Kickstarter-Kampagne brach Rekorde, wurde zum erfolgreichsten Filmprojekt auf der Plattform aller Zeiten. Das bewies, dass eben doch kommerzielles Potenzial in der Serie steckte, und, mehr noch, sendete eine Nachricht, die nicht nur »Marshmallows«, wie Fans der Serie sich nennen, verinnerlichten, sondern Fans so vieler zu früh geendeter Kultserien: Ein Misstrauensvotum des Senders muss nicht das letzte Wort sein; es gibt viele andere Sender, und im Zweifelsfall machen wir Fans es einfach selbst —— legen unsere Ressourcen zusammen, üben Druck auf die Macher aus, erwecken unsere Lieblingsserien durch pure Willenskraft (und, ja, gut, ein paar Dollar oder ein paar hundert) wieder zum Leben.

Zweifelsohne hatte es schon damals seinen Beigeschmack, wenn reiche Hollywoodstars und -autoren Fans um Geld bitten, um ihre Passion Projects zu finanzieren; aber es fühlte sich auch wirklich empowering an, und es hatte auch seine zusätzliche Befriedigung, seinen Teil dazu beigetragen zu haben, dass eine Serie ihre verdiente zweite Chance bekommt, die, in den Augen ihrer Fans, einfach ein Bisschen zu schlau, ihrer Zeit ein Bisschen zu weit voraus gewesen war. Nach den alten Regeln des klassischen Fernsehens konnte die Serie keinen Erfolg finden bei der »breiten Masse«, von der immer alle reden; doch statt sich anzupassen, so fühlte es sich an, schrieb die Serie einfach die Regeln neu, und möglich machten das wir, die Fans, die schon immer gewusst hatten, wie schlau, wie weit ihrer Zeit voraus die Show gewesen war.

Wir hatten also unseren Film. Weitestgehend war das Ergebnis das, was wir heute von solchen Revivals totgeglaubter Serien zu erwarten gewohnt sind: ein nostalgischer Blick zurück, eine Tour durch die Geschichte der Serie, eine Parade von Gastauftritte geliebter (und verhasster) Figuren. Aber etwas war doch interessant am Film: wie sicher er sich war, dass Veronicas Geschichte weitergehen würde. Bedenkt man, wie vergleichsweise selten es noch war, dass Serien eine solche zweite Chance bekamen, und wie lange es gedauert hatte, bis Veronica Mars ihre bekommen hatte, war das durchaus gewagt: Der Film ließ seine Hauptfigur an einem Punkt zurück, der einen Rückschritt in ihrer Entwicklung markierte, und endete so, trotz allem Fanservice, bewusst unbefriedigend.

Das schuf ein etwas ambivalentes Anschauerlebnis —— ich erinnere mich noch gut, wie ich mich nach der Pressevorführung mit einer Kollegin unterhielt über die seltsame, etwas unangenehme Situation, in die der Film den Zuschauer zwingt: So schön ein 90minütiges Kinorevival ist, die staffellangen Geschichten, die wir durch die Absetzung der Serie nie bekommen haben, kann es nicht ersetzen, und so freute man sich als Fan natürlich, dass auch die Macher sich nicht mit dieser kurzen Ehrenrunde begnügen wollten; aber da sie, um die Voraussetzungen für weitere Geschichten in diesem Universum zu schaffen, den Weg eines (teilweisen) Resets wählten, bedeutete das, dass man als Zuschauer ein Stück weit gegen das Glück der Heldin hoffte, darauf, dass Veronica ihrer eigenen Dysfunktion nachgab, dass die Fortschritte, die sie am Ende der ursprünglichen Serie und in der Zeit zwischen Serie und Film gemacht hatte, rückgängig gemacht würden.

Und genau das ist eben passiert: Der Film setzte den Status Quo des Serienuniversums, so gut es ging, zurück auf den der ersten beiden Staffeln. Verständlich: Im Kopf der meisten Fans war das, glaube ich, das Bild der Serie, das sich festgesetzt hatte.

Zu Beginn der Serie ist Titelheldin Veronica Mars 17 Jahre alt. In den ersten beiden Staffeln begleiten wir sie während ihrer letzten Jahre auf der High School in ihrer Heimatstadt Neptune, Kalifornien. Einst war Veronica beliebt: Obwohl selbst aus eher bescheidenen Verhältnissen stammend war sie Teil einer Clique aus »09ern«, Kindern der Bewohner des reichen Bezirks Neptunes; zu verdanken hatte sie das ihrer Freundschaft zu Milliardärstochter Lily Kane, ihrer Beziehung zu Lilys Bruder Duncan und dem Respekt, den ihr Vater Keith Mars als Sheriff genoss. Zwei traumatische Ereignisse zerstören ihre Rich-Kid-Idylle: Lily Kane wird von einem unbekannten Täter ermordet; und Veronica wird auf einer Party von einem ebenfalls unbekannten Täter vergewaltigt. Keith ermittelt wegen des Mordes gegen Lilys Vater Jake, was den Zorn von Jakes einflussreichen Freunden —— und deren Kindern, Veronicas Freundeskreis —— auf ihn zieht; er wird nicht zum Sheriff wiedergewählt und eröffnet die Privatdetektei Mars Investigations, in der Veronica aushilft, nachdem sie sich hinter ihren Vater stellt und von ihren alten Freunden ausgegrenzt wird.

Dies ist die Situation für die ersten zwei Staffeln: Veronica flirtet noch gelegentlich mit ihrem alten Leben, findet gleichzeitig aber einen neuen Freundeskreis aus Nerds und Losern und Halbkriminellen. Als eine der wenigen hat sie beide Seiten Neptunes gesehen —— die glitzernde Welt der Superreichen der Stadt, eine Art Mischung aus Hollywood und Silicon Valley, und die der Abgehängten, der Armen und Kriminellen ——, sowie die Korruption, die der einen Seite erlaubt, die andere auszubeuten; das wird zu einer Art Superkraft: Veronicas neu-kalibrierter Bullshit-Detektor macht sie zu einer Art Rächerin für gemobbte Klassenkameradinnen, unschuldig beschuldigte Gang-Mitglieder und alle anderen, die in Neptune sonst keine Stimme haben.

Die Serie bedient sich so überzeichneter Noir- und Krimitropes, um ein klassisches Teenager-Dilemma zu illustrieren: Mehr als ihre Altersgenossen durchschaut Veronica die Rituale, Performances, Strukturen des High-School-Lebens, und widersteht, weitestgehend, dem Druck, an ihnen teilzunehmen bzw. sich ihnen unterzuordnen; aber gerade deshalb leidet sie noch mehr darunter, denn als High Schoolerin ist sie nicht in der Position, wirklich bedeutungsvolle Veränderungen an ihrem Leben vorzunehmen; sie kann die Rituale, Performances und Strukturen kritisieren, sie ein Stück weit unterwandern und —— auch, wenn das oft einem Kampf gegen Windmühlen ähnelt —— gegen sie rebellieren, aber sich ihnen entziehen kann sie sich nicht.

Die geradezu karikaturhafte Zeichnung von Neptune als eine scharf nach Klassenlinien gespaltene Stadt, verseucht vom schlimmsten, was White- auf der einen und Blue-Collar-Crime auf der anderen Seite zu bieten haben, ist eine greifbare, überhöhte Reflexion von Veronicas Innenleben, vergleichbar mit dem auf einem Höllenschlund gebauten Sunnydale für die Titelheldin in Buffy the Vampire Slayer: Wie das dämonenverseuchte Sunnydale das Gefühl, dass die Highschool-Zeit und das Aufwachsen in der Kleinstadt die Hölle sind, buchstäblich machte, verdinglicht und überhöht Neptune die Angst des Teenagers, dass »Erwachsenwerden« immer auch Ausverkauf bedeutet, lediglich, für die Privilegiertesten von uns, die Freiheit bleibt, zwischen verschiedenen Arten von Korruption zu wählen. Aber in der Konzentration alles Bösen auf diesen einen, kleinen Ort lag auch ein Versprechen, ein Hoffnungsschimmer.

Buffy the Vampire Slayer, das auf The WB startete und dann, wie Veronica Mars, auf The CW weiterging, ist spürbares Vorbild für Veronica Mars, die Blaupause, nach der Thomas seine Serie konzipierte. Buffys Einfluss ist überall: in der Struktur, mit ihren folgenlangen Cases of the Week und einem Big Bad, einem folgenübergreifenden Mysterium pro Staffel; im Spiel mit und Unterwandern von Genre-Tropes, oft solchen, die eine gewisse Sleaziness haben; im Ping-Pong zwischen Genres, Tonalitäten, Erzähltemplates, Graden der Überhöhung —— zwischen Teenie-Soap und Film Noir und Sozialdrama, zwischen albern und todernst, zwischen entrückt und realistisch; in den Dialogen, schnell und stilisiert mit Popkulturreferenzen und halb-erfundenen Wörtern; in der spezifischen Geschmacksrichtung von Pop-Feminismus; sogar in der Figurenkonstellation: Veronica war umgeben von ihrer eigenen Scooby-Gang, mit dem Möchtegern-Jock und -Frauenheld und dem geeky Mauerblümchen und der Mentor- und Vaterfigur, und sie fand sich in einem Love-Triangle zwischen dem grübelnden, stillen, tief verletzten Einzelkämpfer und dem unverschämt sexy Bad Boy.

Und bevor die Serie ihr zu frühes erstes Ende fand, schien sie sich auch in ihren übergreifenden Arcs und der Entwicklung ihrer Hauptfigur an Buffy zu orientieren: Auch hier war die High School in den ersten beiden Staffeln Lebensmittelpunkt der Hauptfigur, und damit auch —— in einer weiteren Projektion von Veronicas Innenleben auf die Außenwelt —— der Mittelpunkt des Serienuniversums; wie sich Buffys Schulleiter selbst als buchstäblicher Dämon herausstellte, hatten auch hier fast alle an den zentralen Mysterien beteiligten Figuren irgendeine Verbindung zu Veronicas High-School-Leben, als Eltern ihrer Freunde und Bullys etwa. Die Welt außerhalb der High School existierte lediglich als Reflexion, Erweiterung und Amplifikation von Veronicas High-School-Lebensrealität. Sie machte lediglich buchstäblich, was in der Wahrnehmung eines Teenagers ohnehin offensichtlich ist: dass es in den Dramen des High-School-Lebens um Leben und Tod geht. Und eine Welt außerhalb Neptunes gab es im Grunde gar nicht.

In Staffel 3 dann wechselte Veronica, wie Buffy, aufs College, und mit ihrem Wachstum als Person wuchs auch die Welt der Serie: Veronica war noch immer in Neptune verwurzelt, aber es war nicht mehr ihr Lebensmittelpunkt, zumindest nicht ihr einziger; die übergreifende Mystery der Staffel spielte sich an Veronicas College Hearst ab. Veronica hielt den Kontakt zu ihren alten Freunden, flirtete weiter mit ihrem Bad Boy, aber sie lernte auch neue Figuren kennen, solche, mit denen sie keine Vergangenheit hatte, mit denen sie neu anfangen konnte; nicht mehr jede Figur war investiert in oder hatte eine Verbindung zu den Kriminalfällen, die Veronica beschäftigten.

Der Ruf dieser dritten Staffeln ist durchwachsener als der der ersten beiden Staffeln. Das hat mit einigen zweifelhaften Plot- und Charakter-Entscheidungen zu tun: Rückblickend besonders seltsam scheint, wie die Serie, diese Serie, sich in der Zeichnung einiger wichtiger Nebenfiguren in Angry Feminist-Klischees lehnt —— ich bin mir, egal wie oft ich die Staffel gucke1…und ich habe wenige Serien so oft gesehen wie Veronica Mars., nie ganz sicher, ob es der Serie am Ende darum ging, dieses Klischee zu unterwandern, oder ob sie es stumpf repliziert.

Aber ein Grund dafür, dass diese Staffel nicht das ist, woran die meisten Fans denken, wenn sie an Veronica Mars denken, ist schlichter: Sie hatte sich einfach ein Stück weit vom ursprünglichen Pitch der Serie entfernt —— die ursprüngliche Hook, die ungefähr lautete »Noir-Krimi über eine High Schoolerin, die nebenbei als Privatdetektivin arbeitet und den Mord an ihrer besten Freundin sowie ihre eigene Vergewaltigung aufklärt« war nur noch in Teilen zutreffend.

Das ist ein unvermeidliches Dilemma seriellen Erzählens: Vollkommener erzählerischer Stillstand ist nur selten ein auf Dauer haltbarer Zustand und allein aufgrund profaner Realitäten —— wie dem Älterwerden der Darsteller —— keine praktische Option; aber jede Weiterentwicklung bedeutet immer auch einen Schritt weg von der ursprünglichen Prämisse, dem Konzept, das Sender und Publikum überzeugt hat. Wahrscheinlich habt ihr schonmal, vielleicht im Zusammenhang mit klassischen Sitcoms, gehört, dass in der Prämisse einer Show meist implizit auch ein Ziel steckt, ein Zustand, der, wenn er eintritt, das Ende der Geschichte markieren muss —— in Familienserien ist das meist der Moment, wenn das letzte Kind das Elternhaus verlässt.

Das muss kein Problem sein: Diese Realität zu umarmen anstatt sie zu verdrängen, aktiv, langsam, aber stetig auf das implizit festgelegte Ziel hinzuarbeiten anstatt es hinauszuzögern, ist vielleicht der Schlüssel dazu, nicht zu einer dieser Shows zu werden, die ein paar Staffeln zu lange laufen und dann, wenn der Erfolg oder die Lust der Darsteller langsam schwindet, mehr ausfasern als mit einem klaren Statement enden, deren Ende oft eher wie das Erledigen lästigen, überfälligen Papierkrams wirkt als wie, nun, das Ankommen an einem Ziel, mit all der bittersüßen Erleichterung, die das mit sich bringt.

Nur bedeutet das eben, den Zuschauer herauszufordern: ihn, vielleicht früher als unbedingt nötig, mit dem Gedanken zu konfrontieren, dass er sich früher oder später von seiner Lieblingsserie verabschieden muss. Eine Serie, die es zu einem Guten Ende bringen will, muss bereit sein, aktiv an ihrer eigenen Abschaffung zu arbeiten.

Dieses Jahr endete meine Lieblingsserie Crazy Ex-Girlfriend —— eine Show, die thematisch und stilistisch zweifelsohne in der Tradition von Buffy und Veronica Mars steht —— nach vier Staffeln, auf Entscheidung seiner Showrunnerinnen. Auch die zweite Hälfte des Runs dieser Serie fordert den Zuschauer so heraus, mit tonalen Verschiebungen, neuen Figuren und dem Wegfallen von alten; es kann schwierig sein, die Düsternis der dritten Staffel zu akzeptieren, und die relative Dramafreiheit der vierten fand selbst ich zunächst etwas langweilig. Aber nach ein paar Folgen fand ich in den Groove dieser letzten Staffel und realisierte, wie treffend Crazy Ex-Girlfriend hier den Prozess und die Herausforderungen persönlicher Veränderung illustriert hatte: Veränderung ist zunächst schmerzhaft, und selbst, wenn man den anfänglichen Push geschafft hat, ist es ein langer Prozess, die veränderte Situation zu akzeptieren. Das stimmt besonders für die Art von Veränderung, von der Crazy Ex-Girlfriend und, in der Theorie, auch Veronica Mars erzählen: das Ausbrechen aus toxischen Gedanken- und Verhaltensmustern. Man kann nach dem Drama dieser Muster richtig süchtig werden, und ihr Überwinden ist oft mit einer gewissen Ernüchterung verbunden: »Gesund sein« und aktiv »glücklich sein« ist dann doch nochmal was anderes, und die Abwesenheit von Drama ist leicht mit Langeweile zu verwechseln.

Crazy Ex-Girlfriends letzte Staffel ist daher wohl seine erzählerisch radikalste, gerade weil sie so unspektakulär ist: Problemlos hätte die Serie mit der dritten Staffel enden können —— es wäre eine befriedigende, runde Geschichte. Aber diese vierte Staffel zeigt das, was den meisten Serien, den meisten Geschichten zu langweilig ist, obwohl es ein essenzieller Teil von persönlicher Veränderung ist: Der erste Schritt ist, toxische Verhaltensmuster zu konfrontieren und aus ihnen auszubrechen —— die eigentliche Veränderung; der zweite, ebenso wichtige Schritt, ist diese Veränderung aufrechtzuerhalten, einem Rückfall in die alten Muster zu widerstehen.

Ich will nicht allzu breit spekulieren, was gewesen wäre, hätte Veronica Mars seine Geschichte in seiner ersten Inkarnation, nach seinen eigenen Ansprüchen zu Ende bringen können, so wie Buffy und Crazy Ex-Girlfriend es durften. Aber die Erweiterung des Settings —— und von Veronicas Perspektive —— in Staffel 3 zeigt einen Willen zur Veränderung, und der Pitch für die damals nicht zustande gekommene Staffel 4, in der Veronica, nach einem Zeitsprung, beim FBI arbeiten sollte, bestätigt das. Veronica Mars, in seiner ursprünglichen Form, schien entschlossen, aktiv auf das Serienziel hinzuarbeiten, anstatt es hinauszuzögern.

Dieses implizite Ziel war für Veronica Mars im Grunde dasselbe wie für Buffy. Dessen spätere Staffeln sind ebenfalls nicht unumstritten; wie Veronica stellen wir uns Buffy als erstes wohl noch immer in ihrer Sunnydale-High-Schuluniform vor anstatt als College-Studentin oder, später, im Hauptquartier der Scooby-Gang. Aber es spricht auch einiges dafür, wie ernst die Serie die Sache mit dem »sich selbst Abschaffen« nimmt, wie konsequent sie die eigene Prämisse hinterfragt, ja attackiert: »In every generation, there is a chosen one«, sagt der eröffnende Voice-Over in der Titel-Sequenz jeder Folge, doch in der letzten Staffel schafft Buffy genau diese Regel ab; sie will nicht mehr die »Auserwählte« sein, will die Bedrohung durch die Dämonen nicht mehr alleine Schultern, und sorgt daher dafür, dass die Macht des Slayer auf viele junge Frauen verteilt wird. Und dann, ganz zum Schluss, schließt sie nicht nur den Höllenschlund, auf dem Sunnydale steht, sondern legt die Stadt gleich ganz in Trümmer —— You can’t go home again war noch nie so buchstäblich: Buffys Zuhause, das für sie immer mehr Gefangenschaft bedeutete als Geborgenheit, den physischen Ort, auf den Buffy ihre inneren Dämonen projiziert hatte, gibt es nicht mehr.

Das, schien die Serie in ihrer ersten Inkarnation recht deutlich zu implizieren, war auch, wo es für Veronica hingehen sollte. Gut, sie würde sicher nicht am Ende lächelnd vor einem rauchenden Krater stehen, der mal Neptune war, das wäre ein Bisschen zu fantastisch für diese trotz aller Überhöhung realistischere Serie; aber emotional war das, wo die Reise hingehen musste: Veronica musste dem Sog Neptunes endgültig entkommen und sich lossagen von der Verantwortung, die ganze Korruption ihrer Heimatstadt persönlich auszuradieren; davon, die Rächerin zu sein —— sie musste einen gesünderen Antrieb finden als den, persönliche Rechnungen zu begleichen, ein gesünderes Ventil als die Probleme und Mysterien anderer zu lösen, um für einen Moment ihre eigenen Probleme und ungeklärten Fragen zu verdrängen.

Und ziemlich genau das war auch die Entwicklung, die Veronica durchlief —— off-screen: Wenn wir Veronica im Film wiedersehen, hat sie ihr Jura-Studium abgeschlossen, ist in einer stabilen Beziehung mit dem »langweiligen«, i.e. untoxischen Piz, und hat Neptune verlassen. Doch ein Fall bringt sie zurück in ihre Heimatstadt, wo sie erneut mit Bad Boy Logan flirtet; am Ende des Films verlässt sie Piz für Logan und zieht zurück nach Neptune —— als gleichgestellter Partner ihres Vaters arbeitet sie von nun an wieder für Mars Investigations.

Diese erzählerischen Entscheidungen waren nachvollziehbar, damals sogar erfreulich: Sie waren ein Versprechen an die Fans, es noch einmal zu versuchen, die ganze Geschichte, von Anfang an und diesmal bis zum Ende, noch einmal zu erzählen. Plus: Eine neue Veronica-Mars-Staffel, die zu einem Zeitpunkt ansetzt, an dem Veronica einen elementaren, vielleicht den dramatischsten Teil ihrer Entwicklung bereits hinter sich hat, wäre zweifelsohne schwieriger zu pitchen gewesen als dieses Soft-Reboot.

Aber es war eben ein Schritt zurück in Veronica persönlicher Entwicklung —— einer, den eine neue Staffel würde adressieren und rechtfertigen müssen. Die gerade, weitere fünf Jahre nach dem Film, auf Hulu erschienene vierte Staffel versucht sich daran —— mit gemischten Erfolg.

Fünf Jahre nach den Ereignissen des Films lebt Veronica weiterhin in Neptune; sie und ihr Vater halten sich mit kleineren Aufträgen für Berufsreiche so gerade über Wasser. Veronica lebt mit Logan zusammen, doch sein Dienst als Offizier für die Navy zwingt ihn regelmäßig zu langen Auslandsaufenthalten —— womit Veronica allem Anschein nach nur halb-unglücklich ist.

Die neue Staffel, ganz binge-tauglich, gibt die zweigeteilte Struktur in Cases of the Week und einen Big Bad der ersten drei Staffeln auf und widmet sich stattdessen über die ganze Laufzeit —— 8 Folgen insgesamt —— nur einem Fall. Es geht um einen Bombenattentäter, der es offenbar besonders auf Neptunes Spring Breakers abgesehen hat.

Auf der Charakterebene ist der wichtigste Konflikt einer zwischen Logan und Veronica: Früh in der ersten Folge macht Logan Veronica einen Heiratsantrag, den sie nicht nur ablehnt, sondern als eine Art Tabu- und Regelbruch in der Beziehung wahrnimmt. Logan besucht seit einiger Zeit eine Therapeutin und versucht Veronica zu überreden, ebenfalls einer Therapie eine Chance zuzugeben; Veronica macht sich dafür über ihren Freund lustig.

Keith geht, nachdem er im Film schwer verletzt wurde, am Stock, leidet unter momentärem Gedächtnisverlust. Veronica will das Ausmaß der gesundheitlichen Probleme ihres Vaters nicht wahrhaben und ihn von seinem Plan abbringen, sich nach dem aktuellen Fall zur Ruhe zu setzen. Veronicas Schulfreund Wallace ist verheiratet und hat ein Kind, weswegen sich Veronica, natürlich, über ihn lustig macht; Leo, der als Polizist unter ihrem Vater gearbeitet hatte und mit dem Veronica eine Beinahe-Beziehung hatte, arbeitet jetzt beim FBI, ein sicher nicht zufälliges Was-Wäre-Wenn, ein Spiegelbild der Version von Veronica Mars, die wir nie bekommen haben.

Kurz: So ziemlich alle Figuren bewegen sich irgendwie vorwärts —— nur Veronica steht im besten Fall still, wenn sie sich nicht gar aktiv zurückentwickelt; sie wehrt sich gegen jede Veränderung und behindert sogar die Weiterentwicklung der anderen.

Das macht erstmal nichts: Es ist massiv frustrierend, eine Serie zu sehen, deren Hauptfigur sich so aktiv gegen Veränderung sträubt, und es bricht einem das Herz, wenn man Veronica schon lange begleitet, wenn man weiß, wie weit sie allen anderen immer voraus war, wie viel Potenzial sie hatte; aber auch ein frustrierendes und herzzerbrechendes Seherlebnis kann ja spannend sein.

Veronicas Charakterzeichnung in Staffel 4 ist weder unrealistisch, noch mangelt es an erzählerischem Potenzial. Diese Art von irrationalem Widerstand —— »innerer Boykott« nennt meine Therapeutin das —— ist eins der größten Hindernisse, die uns im Versuch, uns persönlich weiterzuentwickeln, oft im Weg stehen. Und die Art von Spannung, die zwischen Veronica und den anderen Figuren entsteht, kann interessante Konflikte schaffen: In seinen ersten beiden Staffeln spielte Crazy Ex-Girlfriend sehr bewusst mit dieser Spannung, gewann Drama und Komik aus der Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung von Hauptfigur Rebecca Bunch und der anderer Figuren; es zeigte sehr deutlich den Weg, den Rebecca gehen sollte, wenn sie es ernst meinte mit dieser »Veränderung«-Sache, und die Konsequenzen, die es hatte, dass sie diesen Weg wieder und wieder verließ.

Auch Veronica Mars Staffel 4 ist sich der Verweigerungshaltung seiner Hauptfigur bewusst; ist sich auch bewusst, dass Logans Eingestehen und Behandeln seiner toxischen Verhaltensmuster der gesündere Weg ist, und Keith’ Konfrontieren der Realität seines Gesundheitszustandes, und Wallace’ Bekenntnis zu erwachsener Verantwortung. Es ist nicht so, als würde die Serie in ihrer Erzählstimme kritiklos die Perspektive ihrer Hauptfigur übernehmen: Veronicas toxisches Verhalten, ihr Selbstbetrug, ihre dysfunktionalen Bewältigungsmechanismen, all das arbeitet die Staffel durchaus heraus.

Die Frage, wie Veronica an einer Stelle selbst formuliert, ist: Ist das genug? Reicht es, sich all dem bewusst zu sein, und dann ist es verzeihlich —— oder muss echtes Vorwärtsmomentum erkennbar sein?

Es gibt eine Menge zu mögen an Veronica Mars Staffel 4: Der zentrale Fall ist spannend und befriedigend, und enthält genug Wendungen, führt in genug abseitige Milieus und involviert genug merkwürdige Charaktere, um tatsächlich die ganze Staffel zu füllen und die fehlenden Cases of the Week zu ersetzen; nach der Fanservice-Orgie des Films führt die neue Staffel eine Menge neue Figuren ein, und die bekannten, die auftreten, tun das organisch und haben eine Funktion für die Geschichte.

Und, ja: Veronicas Boykott jeglicher Veränderung, ihr Unwillen, zu Kommunizieren, und ihre dysfunktionalen Bewältigungsmechanismen schaffen einige starke Momente —— ja, auf einer Mikro-, Szene-für-Szene-Ebene funktionieren ihr Character-Arc und ihre Konflikte mit den anderen Figuren fast immer.

Besonders treffend beobachtet und effektiv ist Logans Charakterzeichnung, seine Reaktionen auf das dysfunktionale Verhalten seiner Freundin: Auf den abgelehnten Heiratsantrag reagiert Logan zunächst weder mit sichtbarer Wut noch mit allzu großer Enttäuschung, sondern mit einer stillen Resignation, als hätte er es, tief im Innern, gar nicht anders erwartet. Das ist herzzerbrechend genug, und eine treffende Darstellung davon, wie es sein kann, mit jemandem zu leben, der sich Veränderung verweigert: Man kann den anderen verlassen, klar, aber will man das nicht, landet man oft in einem solchen Rhythmus, wechselnd zwischen hoffnungsvollen Angeboten zur Veränderung und resignierter Akzeptanz, dass der andere den letzten Schritt am Ende selbst wird gehen müssen, man ihn —— egal, wie groß die Geste —— nicht gewaltsam dazu bewegen kann.

Später bekommen wir noch einen tieferen Blick in Logans Psyche: Veronica, in einer Projektion der eigenen Schuldgefühle, wirft ihm vor, nicht ausreichend leidenschaftlich auf die Ablehnung reagiert zu haben; sie fordert ihn heraus, ihr wieder den »alten« Logan zu zeigen —— den wütenden, aufbrausenden Logan, den wir in den ersten drei Staffeln kennengelernt haben. Was Veronica nicht versteht, sagt Logan, ist dass die alte Wut nie weg war, aber er mit aller Kraft versuchen muss, sie zu unterdrücken, und dann lässt er sie doch raus: Veronicas toxisches Verhalten triggert auch seine ungesunden Impulse —— eine schwer anzuschauende, aber realistische und eindringliche Beobachtung darüber, wie psychische Krankheiten, wenn man so will, anstecken können.

Auch ist etwas dran an Anne T. Donahues Beobachtung, dass Veronicas Charakterzeichnung in Staffel 4 sie im Grunde zu einer Art Figur macht, die wir im Fernsehen ständig sehen, aber so gut wie nie so:

[W]e’ve been set up for a complicated, »What the fuck, Veronica?!«–type of relationship traditionally set aside for male leads of prestige TV shows.

Mehr und mehr dürfen weibliche TV-Protagonistinnen genauso abgefuckt und kompliziert und schwierig sein wie männliche; aber Veronica, wie die neue Staffel sie zeichnet, mit ihrem an Arroganz grenzenden Selbstbewusstsein, ihrem scharfen Verstand und ihren selbstzerstörerischen Tendenzen, trifft noch etwas spezifischer den Typ des schwierigen Genies, der noch immer fast ausschließlich männlichen Figuren vorbehalten ist.

Die Geschichte, die diese vierte Staffel zu erzählen beginnt, ist es also wert, erzählt zu werden; und eigentlich bringt die Staffel diese Geschichte auch zu einem ziemlich befriedigenden Ende. Am Ende der Geschichte hat sich etwas bewegt in Veronica, in der Welt der Serie, im Zuschauer; nur ist das Ende der Geschichte leider nicht das Ende der Staffel.

Veronica Mars Staffel 4 endet nicht mit dem Ende der Geschichte; sie endet mit dem Anfang einer völlig unabhängigen Geschichte. Oder, naja, einer in der Theorie völlig unabhängigen Geschichte. Das ist das Problem: Thomas und seine Autoren wollen mit dem Ende dieser Staffel offensichtlich das Fundament legen für, im Grunde, beliebig viele weitere Staffeln Veronica Mars; die wichtigste Botschaft, die sie senden wollen, scheint zu lauten, dass es kein Ende gibt, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit; es ist ein Versprechen an die Fans, dass die Serie sie diesmal nicht so schnell wieder verlassen wird.

Und das kann man, angesichts der Geschichte der Serie, der wiederholten Perioden, in denen Fans im Ungewissen waren, ob und wie die Serie weitergehen wird, ja erstmal nachvollziehen und sympathisch finden; aber so, wie die Autoren es umgesetzt haben, geht diese Investition in die Zukunft der Serie auf Kosten ihrer Vergangenheit —— inklusive der unmittelbaren Vergangenheit, i.e. der Staffel, die wir gerade gesehen haben. Thomas und Co. wollen, dass wir die letzten zehn Minuten der Staffel losgelöst von den 8 Stunden davor wahrnehmen, als etwas neues, eigenständiges, aber so funktioniert das halt nicht: Effektiv sehen wir hier nicht das Ende einer Geschichte und den Anfang einer neuen, sondern eine Art Fake-Out, gefolgt von dem »richtigen« Ende; wir sehen eine Szene, die wir für das Ende halten, da sie den Punkt markiert, an dem die Konflikte der Staffel aufgelöst werden, die Charakterentwicklung (vorerst) abgeschlossen ist, eine Szene, die der Payoff für viele kleine Setups ist —— und dann folgt eine Szene, die die Konflikte rückwirkend irrelevant macht, die Charakterentwicklung zurücksetzt, und die kein Payoff für irgendwas und daher massiv unbefriedigend ist. Es ist schon bizarr, wie eine finale Szene gleichzeitig so augenrollend vorhersehbar sein kann als Beispiel für die irritierendsten und hartnäckigsten Marotten modernen Fernsehens, und so schockierend, nicht, weil sie schockierend sein will (obwohl sie das will), sondern weil sie der vorangegangenen Geschichte so unwürdig scheint —— dem klugen Storytelling, der präzisen Charakterzeichnung, den sorgsam aufgezeigten und entwickelten Konflikten.

In dem, was wir zunächst für das Ende der Staffel halten sollen, heiratet Veronica Logan, nachdem sie den Fall aufgeklärt und einen letzten Bombenanschlag so gerade verhindert hat. Wir können lange darüber diskutieren, ob eine Hochzeit als Happy End sonderlich interessant ist, so allgemein, und ob das speziell zu Veronica Mars passt, der Show und der Figur, und wir können betonen, dass es gute und gesunde Gründe gibt, auch jemanden, den man liebt, nicht zu heiraten, oder es gar nicht zu wollen; aber das ist, für unsere Zwecke, irrelevant: Wichtig ist, wie die Staffel selbst die Hochzeit positioniert.

Veronicas Ablehnen von Logans Heiratsantrag ist charakterisiert nicht als Entscheidung für ein anderes Lebensmodell als das, was Logan anstrebt, sondern als Ausdruck ihrer Angst vor Bindung und Verwundbarkeit; es geht einher mit einer Vermeidungsstrategie, die wir bei Veronica schon oft beobachten konnten: Anstatt offen zu kommunizieren, gemeinsam mit Logan die Zukunft ihrer Beziehung zu erörtern, wird sie sarkastisch —— macht sich spezifisch über Logans Therapie lustig —— und vergräbt sich noch tiefer in ihre Arbeit. Egal, was das Konzept »Hochzeit« also für uns bedeutet, das hier ist, was es als Plot-Point im Kontext dieser Staffel bedeutet: Mit ihrem Ablehnen des Antrags fällt Veronica in alte, dysfunktionale Muster zurück; ihr »Ja« am Ende ist eine Geste, ein Versprechen, endlich auch ernsthaft mit der Arbeit an sich selbst und der gemeinsamen Beziehung zu beginnen, die Logan schon lange leistet.

Effektiv endet die Geschichte, oder zumindest dieses Kapitel der Geschichte, also mit Veronica und Logans Hochzeit, und so kitschig das ist, ich finde, es ist ein rundes, befriedigendes Ende; es ist die dringend nötige, optimistische Antwort auf die düstereren Beobachtungen der Staffel: So, wie unsere toxischen Verhaltensmuster auch in unseren Mitmenschen dysfunktionale Impulse triggern können, scheint die Idee, kann die Arbeit, die wir an uns selbst leisten, auch in anderen den Willen zur Veränderung wecken, sie inspirieren, selbst mit der Arbeit zu beginnen.

Wenn die letzte Folge der Staffel nach dieser Hochzeit nicht endet, sondern eine scheinbar idyllische Szene anschließt, in der Veronica und Logan sich auf den Weg in ihre Flitterwochen machen wollen, weiß man, als medienkompetenter Zuschauer, schon ungefähr was kommt: irgendwas schlimmes; irgendein Twist, der die Staffel mit einem Schock beendet und die nächste Staffel vorbereitet. Und »man«, als medienkompetenter Zuschauer, hat Recht: Logan verlässt die Wohnung, um das Auto umzuparken, während Veronica, in einer dieser immer etwas albernen filmischen Darstellungen von »Nachdenken«, anhand von Objekten in ihrer Wohnung & Wortassoziationen aus dem Gespräch der beiden, die wahre Bedeutung des letzten, kryptischen Hinweises des Villains der Staffel erschließt; sie löst das Rätsel einen Moment zu spät, und kann nur noch aus dem Fenster mit ansehen, wie Logan durch eine im Auto platzierte Bombe getötet wird. Es folgt ein kurzer Epilog, ein Jahr später: Veronica hat ihre Trauer, mit Hilfe ihres Vaters, verarbeitet; sie ist in Therapie, endlich, erklärt der Therapeutin aber, dass weitere Sitzungen übers Telefon stattfinden müssten —— sie werde für einen Fall Neptune für eine Zeitlang verlassen.

Logan so plötzlich und brutal sterben zu lassen, mag auf den ersten Blick eine mutige Wahl scheinen, ein massiver Einschnitt in den Verlauf der Geschichte. Zweifelsohne ist es eine Veränderung, die sich so leicht nicht mehr wird rückgängig machen lassen; aber ist es eine bedeutsame Veränderung?

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, und nicht nur, weil zukünftig eine Figur fehlt, die einmal eine der wichtigsten der Serie war2Wenn das auch in dieser Staffel schon nicht mehr der Fall war: Veronica hat sich endlich zu einer Therapie durchgerungen, was der Kern ihres Konfliktes mit Logan und sich selbst für die Dauer der Staffel war. Ja, sie verlässt am Ende —— wenn auch nur temporär ——, Neptune, erneut, realisiert damit also, erneut, das Serienziel. Aber irgendwie haben die letzten Bilder, mit ihrer obligatorischen Einstellung des »Sie verlassen Neptune, Kalifornien«-Schilds, nicht die emotionale Wucht, die sie, angesichts der metaphorischen Bedeutung der Stadt, haben sollten.

Donahue charakterisiert das Ende so:

Because as we’ve learned from the characters we tend to remember and romanticize and bring up the most, it’s the question of whether someone will grow or whether they will continue to self-destruct until they hit rock bottom. The end of Veronica Mars’s fourth season alludes to the arrival at said bottom. Meaning that come season five, which creator Rob Thomas says he was actively pursuing with said ending, Veronica finally has nowhere to go but up. Or at least nothing to do but evolve.

…und das ist erstmal einleuchtend. Crazy Ex-Girlfriend hatte auch so einen Rock-Bottom-Moment, in Form eines Suizidversuchs von Hauptfigur Rebecca Bunch in der Mitte der dritten Staffel. Es war einer der stärksten Handlungsstränge der Show und es bereitete die Bühne für die Veränderungen der letzten 1 1/2 Staffeln, und für dieses so gelungene Ende.

Aber, abgesehen davon, dass Veronica die Therapie am Ende für einen neuen Fall mehr oder weniger abbricht, was das ganze in Sachen Veränderung mehr zu einem Have your cake & eat it too-Ende macht als zu einem, das echte Veränderung einleitet, und was das Verlassen Neptunes umdeutet als ein weiteres Fluchtverhalten Veronicas: Um als erzählerischer Rock Bottom zu funktionieren, hat Logans Tod schlicht zu dünne kausale Verbindungen sowohl zu Veronicas Entscheidungen und Verhalten in der vorangegangen Staffel, als auch zu den Lektionen, die Veronica davon (angeblich, so halb) lernt.

So schockierend Rebecca Bunchs Suizidversuch in ist, scheint er gleichzeitig vom ersten Moment an folgerichtig, offenbart sich als der logische Endpunkt der vielen ignorierten Ratschläge, impulshaften Handlungen und anderen schlechten Entscheidungen, die wir Rebecca bis hierher haben treffen sehen; das ist, was Rock Bottom bedeutet: Rebecca lernt, was die ultimative Konsequenz ihres Handelns im Extremfall sein kann.

Logans Tod aber ist nur sehr indirekt Konsequenz von Veronicas Handeln, besonders von Veronicas Handeln in dieser Staffel —— es ist keine Folge des zentralen Konflikts der beiden. Klar, die Bombe wurde vom Big Bad der Staffel im Auto platziert und insofern ist Logans Tod Konsequenz von Veronicas Arbeit als Privatdetektivin; aber Logan stirbt mehr durch einen fiesen Zufall —— genau in diesem Moment will er das Auto umsetzen —— denn als Konsequenz konkreter Entscheidungen, weder seiner noch Veronicas: Es ist nicht so, als wäre ein Motor des Konfliktes der beiden Figuren gewesen, dass, sagen wir, Veronica Logan wiederholt in ihre Arbeit mit reinzieht, und als wäre Logans Tod Resultat einer Entscheidung seinerseits, sich wider besseres Wissen in Veronicas Arbeit einzumischen, oder ihr aus einer gefährlichen Situation zu helfen; es lässt sich nicht, wie in Crazy Ex-Girlfriends Rock-Bottom-Moment, auf spezifische Fehlentscheidungen und problematische Verhaltensweisen Veronicas deuten, die zu Logans Tod geführt haben.

Auch ist die Frage, inwiefern es für eine Figur mit Veronicas Geschichte überhaupt noch einen neuen »Rock Bottom« geben kann, und warum es genau dieser Moment sein sollte. Wir haben Veronica kennengelernt als Opfer einer Vergewaltigung und nachdem ihre beste Freundin ermordet wurde, in einem Alter, in dem man besonders verwundbar für solche Traumata ist, und wir haben sie weitere Menschen verlieren, weitere Traumata erleben sehen: Warum sollte dieses erneute Trauma ein Moment solch allumfassender Introspektion sein? Warum sollte es die Veränderung veranlassen, der sich Veronica bis hierhin verweigert hat —— würde es nicht das Gegenteil bewirken? Logans Tod kommt nach dem Punkt in der Geschichte, an dem Veronica endlich ihre Angst vor Verwundbarkeit und Bindung überwunden hatte —— würde eine solche Tragödie, unmittelbar danach, sich nicht wie eine Art Bestrafung dafür anfühlen, dass sie ihre Verteidigungsmechanismen abgestellt hat? Würde es die Veränderung nicht eher rückgängig machen? Veronica endgültig überzeugen, dass an sich zu arbeiten, wie Logan es von ihr gewünscht hatte, sinnlos ist?

Veronica brauchte keinen Rock Bottom: Veronicas Leben ist eine einzige Reihe von Rock Bottoms; was sie brauchte, ist etwas, das sie überzeugt, dass nicht hinter jeder Ecke ein neuer Rock Bottom lauert. Das hat sie bekommen —— und dann wurde es ihr abrupt genommen. Das erschließt nicht glaubhaft eine neue Phase in ihrer Entwicklung, oder der der Show; vielmehr setzt es sie (erneut) auf einen früheren Entwicklungsstand zurück.

Für mich wirkt das Ende reverse-engineered: rückwärts gedacht von einer gewünschten Ausgangssituation für die nächste Staffel. Wahrscheinlich, weil es, laut Rob Thomas, genau das ist:

There are not many shows about kickass detectives and their boyfriend at home. It was tough getting Logan wrapped into the story this season. Season 1 of Veronica Mars, the series regulars were all characters who I knew were part of that season’s mystery… It becomes very Murder, She Wrote if you have to start keeping the same six people wrapped up in each mystery. There’s a reason shows end when the couple gets together. I’m not going to start doing The Thin Man. It’s not going to be Veronica and Logan solving mysteries, so what is Logan doing in the show?

Ich weiß nicht, ob ich Thomas’ Ansicht hier teile: Es ist so eine überlieferte »Wahrheit«, dass es uninteressant sei, Figuren in funktionierenden Beziehungen zu erleben; aber Shows wie Parks & Rec und Brooklyn Nine-Nine haben diese Idee in jüngster Zeit ziemlich erfolgreich hinterfragt. Auch sind Logans und Veronicas Szenen in Staffel 4 diejenigen, die die Existenz dieser Staffel am nachdrücklichsten »rechtfertigen«: die, in denen die Staffel ihre Themen am deutlichsten ausformuliert, am dramatischsten zuspitzt. Und während, wie gesagt, der Konflikt der beiden mit der Hochzeit seine vorläufige Auflösung fand, die Geschichte dieser Staffel ihr Ende, glaube ich, dass noch viel Raum für weitere Konflikte, weitere Geschichten da wäre: Veronicas Entscheidung für Logan ist, wie gesagt, ein Versprechen, die Arbeit an sich und der Beziehung ernsthaft zu beginnen, aber die Arbeit ist noch nicht getan; Crazy Ex-Girlfriends letzte Staffel hat gezeigt, dass eine Figur bei dieser Arbeit zu beobachten genauso witzig und aufregend und spannend sein kann wie ihr dabei zuzusehen, wie sie unweigerlich auf ihren Rock Bottom zusteuert.3Bedenkt man, wie wichtig Veronicas diverse Love Interests immer für die Show waren, und wie sie immer wieder zu Logan zurückkehrte, weiß ich auch nicht, ob Thomas sich einen Gefallen damit tut, eine Situation zu kreieren, in der jede neuer Figur in dieser Funktion mit Logan verglichen werden wird.

Klar: Irgendwann wäre dann halt mal Schluss. Wirkliche Veränderung zuzulassen bedeutet, seine Serie von ihrer Prämisse zu entfernen, und sich so irgendwann selbst abzuschaffen, wie es Buffy tat, wie es Crazy Ex-Girlfriend nach dieser vierten Staffel tat. Aber wäre das so schlimm —— ist das schöne daran, dass eine Serie wie Veronica Mars eine zweite Chance bekommt, nicht auch, dass sie sich diesmal aktiv für ihr Ende entscheiden und ihre Geschichte so organisch und befriedigend abschließen könnte?

Thomas’ evoziert explizit die Ausgangssituation der ersten Staffel. Später kündigt er an:

It is going to be pulling in a new cast of characters for each mystery. These mysteries are going to feel a lot more standalone. Mystery is going to be the focus of the show.

Das klingt nicht, als wollte er die Serie in absehbarer Zeit auf ihr Ende zusteuern. Ist das also, was Veronica Mars in Zukunft sein wird? Jede Staffel ein Neustart anstatt eine Weiterentwicklung, und Veronica muss ihren Character-Arc immer wieder aufs neue beginnen? Immer wieder einen neuen Rock Bottom erleben, damit sie die Veronica bleibt, die wir kennen und, ähem, lieben —— die traumatisierte, zynische, wütende Veronica?

Ich will nicht zu schwarz malen: Thomas hat mit Staffel 4 bewiesen, dass er den Rhythmus und die Sprache seiner Show noch immer beherrscht, dass er noch immer eine solide Mystery konstruieren kann, und ich glaube, es wird sich nie ganz abnutzen, Kristen Bell in dieser Rolle zu sehen. Aber ein Bisschen traurig macht es mich schon: Veronica Mars war die erste Show, oder eine der ersten, die zurückkam, einfach nur, weil wir Fans es so sehr wollten, weil wir nicht akzeptieren konnten, dass diese Show zu früh zu Ende gegangen war; es ist eine bittere Ironie —— und vielleicht eine nicht unwichtige Lektion ——, dass ich mir jetzt wünsche, ihr Macher würde akzeptieren, dass irgendwann eben doch mal Schluss sein muss, und würde seiner Hauptfigur, anstatt sie von Rock Bottom zu Rock Bottom zu manövrieren, das Ende gönnen, was sie verdient hätte.


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