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Gott, ich vermisse Filme über Menschen (ein Review zu Late Night, kind of?)

Ich habe einen ungestillten, beinahe körperlich spürbaren Hunger nach Filmen über…Menschen? Zwischen diesen Filmen vergeht mittlerweile so viel Zeit, dass ich fast vergesse, dass das überhaupt geht, solche Filme zu machen, und wenn ich dann einen sehe, ist es eine kleine Offenbarung: Das darf man? Einen Film machen über echte, normale Menschen? Erwachsene Menschen? Noch nichtmal in irgendwelchen Extremsituationen, sondern einfach so in ihrem Alltag, wie sie normale Dinge tun, arbeiten, sich verlieben, ihr Sozialleben navigieren, halt so generell ihr Bestes tun und dabei erst scheitern und dann irgendwann nicht mehr?

Das ist eine eher vage Beschreibung dieser Sorte Film, aber kommt, ihr wisst, was ich meine: die James-L-Brooks-Art des Filmemachens; die Mike-Nichols-Art des Filmemachens; die Nora-Ephron-, Nancy-Meyers-, Cameron-Crowe1…in der Jerry-Maguire-Geschmacksrichtung-, John-Hughes2…in der Planes, Trains & Automobiles-Persona.-, Richard-Curtis3…vor seiner High-Concept-Phase.-Art des Filmemachens; romantische Komödien, oft, aber nicht nur, auch Workplace-Dramen und -Komödien, z.B.; und nicht unbedingt artsy Indie-Dramen —— nichts gegen artsy Indie-Dramen natürlich ——, sondern die Sorte Film, die einmal eine wichtige Säule des Programms jedes großen Studios war, gedacht als Unterhaltungskino für erwachsene Menschen. Filme über Menschen halt: Filme, die davon ausgehen, dass Menschen und was sie so täglich tun interessant sind, und witzig, und dass das reicht für eine Geschichte, reicht gar für populäre Unterhaltung, und dass das Bild von zwei Menschen, die miteinander reden, auf die große Leinwand projiziert, reicht für Kino.

Vielleicht liegt es daran, dass ich, alltägliche menschliche Interaktionen immer etwas verwirrend/faszinierend fand, mich oft mehr in der Rolle des unbeteiligten, aber interessierten Beobachters fühlte denn als Beteiligter an alltäglichen Zwischenmenschlichkeiten4Temple Grandins berühmte Metapher vom »Anthropologist on Mars« beschreibt meine Lebenserfahrung ziemlich treffend., jedenfalls hatte und hat es für mich immer eine besondere Magie, gute Schauspieler die Sorte Dialog und Action performen zu sehen, die Alltägliches nur ein Bisschen überhöht, die selbst auf präziser Beobachtung von Menschen basiert und nur ein Bisschen klarer herausarbeitet, was hinter dem Gesagten und Getanen vor sich geht. Ich mag Genre-Filme so sehr wie der nächste Internet-Film-Typ, aber diese Magie, das ist letztlich, warum ich mich wirklich in Film und Kino verliebt habe.

Und aus diversen Gründen —— manche, wie das Verschwinden des Mid-Budget-Studiofilms, andernorts beschrieben, andere noch etwas unter-analysiert —— gibt es solche Filme in den letzten Jahren weniger und weniger, und wenn, dann nicht im Kino. Set It Up, mein Lieblingsfilm des letzten Jahres, lief nur auf Netflix, und während die versammelte Cinephilie eine kollektive Panikattacke erlitt ob des Gedankens, jemand könnte Roma, anstatt 100km zum nächsten Arthouse-Kino zu fahren, auf Netflix anschauen, schienen wir uns mehr oder weniger einig, dass Set It Up, obwohl nett, auf einer Streaming-Plattform eigentlich ganz gut aufgehoben war. Vielleicht ist das auch einer dieser Gründe: Im Abstrakten sehnen sich Cinephile und Kritiker durchaus immer mal wieder nach dieser Art Film; aber wenn ein solcher Film erscheint, finden wir das zwar irgendwie gut, aber bringen selten Enthusiasmus auf —— wir fallen zurück in diese alte Mentalität, dass solche Filme irgendwie selbstverständlich sind.5Roma passt natürlich auch technisch gesehen in die Definition von »Filme über Menschen«, aber ist eben nicht ganz das, was ich meine. Deswegen fand ich die ganze Debatte darüber, wie lange die Gefängnisstrafe für Menschen sein sollte, die den Film auf Netflix statt im Kino ansahen, ja so absurd: Roma, ein kleines, low-budget Passion-Project für einen Autorenfilmer, ist die Sorte Film, die schon immer nur von einer sehr spezifischen Gruppe von Menschen im Kino gesehen wurde —— diejenigen, die sowohl aktives Interesse an solchen Filmen hatten und logistisch in der Lage waren, einen Besuch zu planen; und das sind diejenigen, die Roma und ähnliche Filme auch weiterhin im Kino sehen. Mehr Menschen entdeckten solche Filme später auf Heimformaten oder, keine Ahnung, nachts auf Arte, und die allermeisten sahen sie gar nicht. Durch die zeitgleiche Netflix-Verwertung ist daher ausschließlich etwas gewonnen —— mehr Menschen werden auf diese Filme aufmerksam. Filme wie Set It Up dagegen, oder gerade Always Be My Maybe, oder auch, in den USA, Late Night, das sind die Filme, um die wir wirklich traurig sein sollten, das ist, wo wirklich etwas verloren gegangen ist: Einst wurden solche Filme in jedem Multiplex veröffentlicht, und von vielen Menschen gesehen —— nicht nur solchen, die gezielt danach suchen ——, und auch gerade von denjenigen, die mit den anderen Säulen des klassischen Studioprogramms nichts anfangen konnten. Heute bekommen sie, wenn überhaupt, einen Limited Release für ein, zwei Wochen.

Und das ist ja auch nachvollziehbar, lange waren diese Filme eben selbstverständlich, und noch immer sind sie, nun, unscheinbar by design; es ist nicht immer leicht, interessant über sie zu reden oder zu schreiben, zumindest nicht im gewohnten Vokabular des Filmdiskurses: Diese Sorte Film ist mehr ein Showcase für Autor*innen und Schauspieler*innen als für Regisseur*innen. Oder, besser: Die Qualitäten, die die Regisseur*innen dieser Filme vor allem brauchen —— Schauspielführung und so —— sind weniger sichtbar, aber nicht weniger wichtig als die, für die wir die Auteurs dieser Welt feiern, und vielleicht müssen wir daran arbeiten, ein Bisschen besser darin zu werden, über diese Qualitäten zu reden und schreiben.

Anyway, was ich mit all dem sagen will: In meinem gegenwärtigen Mindset erlebe ich einen Film wie Late Night sicher anders als unter anderen Umständen; ich kann spezifische Probleme des Films ausmachen, die mich, glaube ich, mehr stören würden, würde ich regelmäßig Filme wie diesen im Kino sehen; aber unter den gegebenen Umständen ist Late Night nunmal der erste Film dieses Nicht-Wirklich-Genres seit langem, den ich im Kino gesehen habe6Long Shot, ein Film, bei dem ich ansonsten ähnliches empfunden habe, habe ich bei seinem etwa 9sekündigen Kino-Run leider verpasst, und in meiner Junkie-auf-Entzug-Konstitution wurde daraus halt eins meiner liebsten Kinoerlebnisse dieses Jahr.

Nach einem Drehbuch von Mindy Kaling erzählt Regisseurin Nisha Ganatra in Late Night, ihrem Feature-Debüt, die Geschichte von Katherine Newbury (Emma Thompson), seit 30 Jahren Moderatorin einer fiktiven Late-Night-Show auf einem der großen amerikanischen Networks. Kaling spielt Molly Patel, eine angehende Autorin, die dank ein paar Zufällen trotz fehlender Erfahrung (und fehlendem Harvard-Abschluss) ein Bewerbungsgespräch für Katherines Show bekommt; Katherine hat es sich, um ihrem Ruf entgegenzuwirken, sie hasse Frauen, in den Kopf gesetzt, eine Autorin anzustellen, und so erhält Molly die Stelle, obwohl ihr Mitbewerber der Bruder eines anderen Autoren und mit dem gesamten Writers’ Room befreundet ist. Molly hat 13 Wochen, um Katherine von ihrem Talent zu überzeugen und im Boys Club des Writers’ Rooms zu bestehen; Katherine muss derweil selbst um ihre Position kämpfen: Caroline Morton (Amy Ryan), Präsidentin des Senders, kündigt an, Katherine zum Ende der Season durch einen prolligen jungen Comedian (Ike Barinholtz) ersetzen zu wollen. Katherine betritt also zum ersten Mal seit Jahren selbst den Writers’ Room und versucht, mit Hilfe von Mollys Outside-the-Box-Ideen, ihre altbackene, uninspirierte Show wieder relevant zu machen.

Kaling, als Autorin, trifft eine interessante Wahl damit, sowohl die Moderatorin der Show als auch die Präsidentin des Senders als weibliche Figuren zu schreiben. Eine langjährige Moderatorin einer Network-Show, das hat es in der Geschichte des Formats »Late Night« bis heute nicht gegeben —— eine Geschichte über, unter anderem, Comedy als »Old Boys Club« in einer Welt anzusiedeln, die, zumindest oberflächlich betrachtet, einen Schritt weiter ist als die Realität, mag dieser Geschichte auf den ersten Blick ein Bisschen den Biss nehmen; aber Kaling Interessen sind spezifischer: Sie nutzt ihre Figurenkonstellation gerade, um zu erkunden, wie sexistische Strukturen Frauen gegeneinander ausspielen; Caroline, Katherine und Molly sollten »auf einer Seite« stehen —— sie kämpfen gegen dieselben Widerstände ——, stattdessen legen sie einander weitere Steine in den Weg, nutzen einander aus, lassen einander im Stich. Besonders Katherine scheint verinnerlicht zu haben, dass Comedy Platz hat für genau eine Frau, und dass der beste Weg, diesen Platz möglichst lange zu halten, ist, sich möglichst selten anmerken zu lassen, dass man eine Frau ist —— auch, wenn das bedeutet, die Strukturen zu perpetuieren, die solche Strategien notwendig machen und den Raum für Frauen überhaupt erst so begrenzen.

Ich musste an einen Essay von New-Yorker-Kritikerin Emily Nussbaum denken, ursprünglich veröffentlicht nach dem Tod von Joan Rivers und gerade in ihrer Sammlung I Like to Watch abgedruckt. Rivers war, wenn man so will, das nächste Äquivalent zu Katherine Newton, dass die reale Late-Night-Geschichte bietet: Sie sprang regelmäßig ein, wenn Johnny Carson verhindert war, und moderierte von 1986-87 als erste Frau ihre eigene Late-Night-Show auf einem der großen Networks, Fox’ The Late Show Starring Joan Rivers. Rivers hatte eine Karriere daraus gemacht, die eine Ausnahme zu sein: die eine Frau, die die Männer in den Machtpositionen des Showbusiness akzeptierten; Carson hasste weibliche Comedians, wurde jedoch zu einer Vaterfigur für Rivers —— bevor er den Kontakt abbrach, als Rivers das Angebot des Konkurrenzsenders Fox annahm, nachdem sie erfahren hatte, dass auf der Liste möglicher Nachfolger für Carson die Namen von 10 Männern standen, aber nicht ihrer. Rivers identifizierte die sexistischen Strukturen des Business und durchschaute die mächtigen Männer —— aber sie versuchte nicht, die Strukturen auseinanderzunehmen, die Männer zu verändern.7Wobei Rivers durch ihre Pionierrolle natürlich doch dazu beigetragen hat, dass diese Strukturen ein wenig wackliger geworden sind. Stattdessen suchte sie nach Wegen, ihr Wissen über die Strukturen und Akteure des Business zu ihrem Vorteil zu nutzen; die Philosophie war also eine ähnliche wie die Katherines, auch, wenn Rivers’ »Lösung« eine andere war: Anstatt sich möglichst wenig »anmerken« zu lassen, dass sie eine Frau war, stilisierte sie sich entsprechend dem »Idealbild« einer Frau, das ihren männlichen Kollegen und dem männlichen Teil des Publikums vorschwebte; sie war besessen von ihrem Äußeren und ihrer Figur, richtete aber gleichzeitig oft genug ihren bösartigen Humor gegen sich selbst, um einen gewissen Selbsthass zu suggerieren und so nahbar zu bleiben; wenn nicht, dann waren ihr Ziel andere Frauen —— Filmdiven, die ein Bisschen zugenommen hatten, sagen wir ——, selten Männer —— nicht, dass sie bedrohlich wirken könnte für das Publikum und die Männer, die über ihre Karriere zu entscheiden hatten!

Offensichtlich hat das funktioniert: Rivers hatte die Sorte Comedy-Karriere, die zu dieser Zeit nur sehr, sehr wenigen Frauen gegönnt war; und natürlich hatte es auch etwas an sich Subversives, dass eine Frau die ansonsten eher unausgesprochenen Anforderungen an Frauen (nicht nur) in der Öffentlichkeit so bewusst erfüllte —— wie Nussbaum schreibt:

She was like a person trapped in a prison, shouting escape routes from her cell.

Aber als eine neue Generation von Komikerinnen, Autorinnen, Schauspielerinnen und anderen Künstlerinnen begann, diese Anforderungen offensiver zu hinterfragen, sich ihnen gar zu verweigern, kam Rivers, schien es, nicht ganz mit. Nussbaums Essay wählt als Aufhänger einen Auftritt Rivers’ bei Howard Stern, bei dem sie Lena Dunhams Arbeit lobte, sich aber gleichzeitig über Dunhams Figur ausließ. Nussbaum schreibt:

Rivers herself had fought hard for the token slot allotted to a female comic, yet she seemed thrown by a world in which that might no longer be necessary. Like Moses and the Promised Land, she couldn’t cross over.

Ein ähnlicher Konflikt passiert in Late Night zwischen Katherine und Molly: Katherine hat verinnerlicht, dass sie, um im Show Business zu bestehen, so wenig Frau sein soll wie möglich; die junge Autorin aber will, dass Katherine gerade ihr Frausein nutzt als Alleinstellungsmerkmal —— dass sie anfängt, Witze zu machen, die ihre weißen, männlichen Kollegen nicht machen können. Es ist ein authentischer Konflikt, einer, der Late Night, obwohl der Film in vielen Aspekten seltsam aus der Zeit gefallen scheint8Donald Trump zum Beispiel scheint in der Welt des Films nicht zu existieren, jedenfalls macht sich niemand Gedanken, wie man mit diesem Phänomen umgehen soll —— in der Realität, glaube ich, macht sich derzeit in den Writers’ Rooms der Late-Night-Landschaft kaum jemand über irgendetwas anderes Gedanken., eine gewisse aktuelle Resonanz gibt: Wie viel ein spezifischer, einzigartiger point of view in Comedy Wert ist, sieht man aktuell recht deutlich, wenn man sich, sagen wir, eine Folge von Stephen Colberts Show im Vergleich mit einer von Samantha Bees anschaut.9Sam Bee ist die mit dem point of view, fürs Protokoll.

In der Dramatisierung dieses Konflikts kommt der Film leider nicht um ein, glaube ich, unlösbares Problem herum: Katherines Monologe sind alle ziemlich lasch, auch die späteren, die lustig sein sollen. Unlösbar, weil a) der klassische Monolog immer der langweiligste Teil einer Late-Night-Show ist, nicht ohne Grund experimentieren auch immer mehr Shows mit alternativen Formen; und weil b) ein Late-Night-Monolog eigentlich topical ist, also möglichst tagesaktuell auf News reagiert, was hier natürlich unmöglich ist, weshalb vage Anspielungen an issues, die irgendwie immer hot button sind, die News ersetzen müssen. Die anderen Late-Night-Bits, die Kaling sich für Katherines aufgefrischte Show in der zweiten Hälfte des Films ausgedacht hat, sind allerdings so witzig, dass ich fast ein Bisschen sauer bin, dass Kaling sie für diesen Film »verschwendet« anstatt an ihren Freund Seth Meyers verkauft hat oder so.

Katherine ist aber kein bloßes Joan-Rivers-Standin, und keine generische »weibliche Late-Night-Moderatorin« —— kein bloßes Vehikel, um irgendeinen issue zu thematisieren. Ihre spezifische, komplizierte Charakterisierung ist wahrscheinlich der größte Triumph des Films; Thompson, für die die Rolle maßgeschneidert scheint, hat genauso ihren Anteil daran wie Kalings Skript und Ganatras Inszenierung.

Ein weniger interessanter Film hätte Katherine wahrscheinlich, in der Tradition von The Devil Wears Prada, gleich als die unerträgliche Chefin eingeführt, die sie für Molly wird, und dann, später, weitere Facetten als »Twist« inszeniert —— die Eiskönigin, die später ihr Herz offenbart; Late Night allerdings führt Katherine in der Interaktion mit ihrem Partner Walter Lovell (John Lithgow) ein, und zeigt uns dann die abgeklärte Chefin, die aus einer Laune heraus langjährige Autoren feuert. Das ist eine kleine Entscheidung, aber der Effekt ist groß: Von Anfang an wissen wir, dass Katherine liebevoll und witzig und warm sein kann, von Anfang an sind wir so irgendwie auf ihrer Seite, und müssen das irgendwie zusammenbringen mit der fiesen, unmenschlichen Chefin, mit der wir dann die erste Hälfte des Films verbringen. Das bringt uns vielleicht in eine ähnliche Position wie Katherines Publikum, das sich irgendwie noch dran erinnert, dass Katherines Show mal witzig war, aber mehr und mehr Schwierigkeiten hat, Freude in Katherines lustlos abgespulter Performance und ideenloser Show zu finden. Auch, wenn ihre Beziehung im letzten Akt durch einen Letterman-inspirierten Sexskandal strapaziert wird, spielt das weit weniger billig als es könnte, weil Katherine, Walter und ihre Beziehung so sorgfältig etabliert, so glaubhaft sind, weil wir glauben, dass diese beiden eine Menge miteinander durchgemacht haben, weil ihre Beziehung sich echt anfühlt; wir spüren die gemeinsame Geschichte, glauben, dass die Beziehung größer ist als dieser Konflikt, und seine Lösung fühlt sich nicht an wie das Folgen einer Story-Formel, das zu saubere Beiseiteschaffen eines beliebigen Plot-Hindernisses, sondern wie die Entscheidung zweier Erwachsener, mit einem Fehler zu leben.

Und, ja: Thompsons Performance! Ihre Manierismen sind so idiosynkratisch, so halb-awkward-halb-über-Jahre-präzisiert, dass man glaubt, tatsächlich seit 30 Jahren ihre Show zu sehen, so leicht fällt es, vor dem inneren Auge zu visualisieren, wie sich Katherines Manierismen über die Jahre entwickelt und verfestigt haben, immer größer, selbstbewusster und schließlich ikonisch geworden sind.

Thompson hat auch echte Chemie mit Kaling —— was wichtig ist, denn Kalings Skript ist im Grunde eine RomCom mit Katherine und Molly in den Hauptrollen. Und hier werden vielleicht diese angedeuteten, schwieriger zu identifizierenden Qualitäten von Regisseur*innen spürbar: Ich weiß nicht, ob unter einem anderen —— sagen wir: heterosexuellen, männlichen —— Regisseur die queeren Untertöne der Geschichte so prominent wären. Wie gesagt, es ist schwer, da einen Finger draufzulegen, aber wenn Katherine ihren obligatorischen Bitte komm zurück!-Monolog hält, hatte das Zusammenspiel aus Kaling und Thompsons Performances, Ganatras Schauspielführung und Inszenierung mich für einen Moment überzeugt, dass die beiden sich gleich wirklich küssen würden.10So gut ist Late Night dann leider doch nicht.

Davon ab ist Ganatras Inszenierung geradezu demonstrativ klassisch: Darsteller sind oft im Halbschatten, belichtet von einer Seite mit warmem, schummrigen Licht. Es ist nichts Spektakuläres, aber Ganatra scheint versessen darauf, ihren Film visuell zumindest ein Stück weit von den meisten aktuellen, meist in flachem Sitcom-Licht gehaltenen Komödien abzuheben, und das funktioniert ziemlich gut: Late Night sieht oft auch aus wie diese alten James-L-Brooks-Filme, denen er erzählerisch nacheifert.

Wie gesagt: Ich bin mir nicht sicher, ob Late Night jetzt einen größeren Einschnitt in die Filmgeschichte repräsentiert; ich mochte den Film gerade, weil er eine Sorte Film ist, die früher Routine war, und dass sich das jetzt wie ein besonderes Kinoerlebnis für mich anfühlt, sagt sicher mehr über die aktuelle Kinolandschaft als über den Film.

Aber ich will eben ein Bisschen besser darin werden, diese Sorte unscheinbaren Film zu feiern; Filme wie Set It Up, Long Shot und Late Night; Filme, über die zu schreiben nicht immer einfach ist; Filme, die weder besonders spektakulär noch besonders intense sind, sondern die alltägliche Konflikte dramatisieren, darüber, wie wir leben, arbeiten, in Beziehung zueinander treten.

Filme über Menschen halt.