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Björn Höcke im ZDF Sommerinterview: Warum Journalisten Nazis auslachen sollten

Mittlerweile, davon gehe ich aus, haben die meisten von euch das ZDF-Sommerinterview mit Björn Höcke gesehen; und wahrscheinlich haben die meisten von euch, als sie es gesehen haben, gelacht. Falls ihr es nicht gesehen habt: Der Sprecher des thüringischen AfD-Vorsitzenden, Günther Lachmann, unterbricht das Interview nach etwa 10 Minuten —— auf die Fragen über seine Sprache, die sich großzügig der des Nationalsozialismus bedient, sei Höcke nicht vorbereitet gewesen, sie hätten ihn »stark emotionalisiert«. Höcke und der Sprecher bestehen darauf, dass Interview nochmal von vorne zu beginnen: »Er weiß dann ungefähr, zu welchen Fragen er sich äußern muss.« Ach, am besten guckt ihr das Interview einfach selbst, es ist ziemlich lustig.

Der ZDF-Redakteur David Gebhard lässt sich natürlich nicht darauf ein: »Ich habe noch nie ein Interview fürs Fernsehen wiederholt, weil irgendwann es hieß, es läuft nicht entsprechend, wie wir uns das vorstellen«, sagt er. Auch, als Höcke ihm später droht —— »Wir wissen nicht, was kommt.[…] Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Land. Könnte doch sein.« ——, lässt er sich nicht überzeugen.

Das ist grundsätzlich natürlich eine vernünftige, richtige Reaktion —— dennoch macht Gebhard einen Fehler: Er lacht nicht. Er lacht nicht, obwohl das hier sehr, sehr lustig ist.

Aber die journalistische Objektivität!, mag man nun einwenden! Gebhard bleibt sachlich, aber bestimmt in seinem Beharren auf der Pressefreiheit —— so geht doch professionelles journalistisches Verhalten?

Meistens, ja; niemals würde ich natürlich fordern, dass ein Journalist sich unprofessionell verhalten soll; aber ich glaube, dass in diesem konkreten Fall Lachen das professionellere Verhalten wäre; dass Höcke auszulachen dem Prinzip journalistischer Objektivität näherkäme.

Das Verhalten und die Aussagen von Höcke und Lachmann sind objektiv lächerlich. Das geht schon los, bevor man auf ihr bizarres Verständnis von journalistischer Seriosität eingeht: Die Gründe, die sie für den gewünschten Neustart des Interviews bringen, und die Art und Weise, wie sie sie vorbringen, sind offensichtlicher, objektiver Bullshit; sie sind in sich unlogisch und sie widersprechen dem, was wir gerade mit unseren menschlichen Augen gesehen haben.

Allein schon, wie der ganze Quatsch anfängt: Höckes Sprecher grätscht rein mit der Behauptung, Höcke sei »emotionalisiert«; er diktiert Höcke von außen seinen emotionalen Zustand, und erst dann will Höcke selbst das Interview abbrechen. Es ist eindeutig eine verzweifelt improvisierte Ausrede Lachmanns, nachdem dieser gemerkt hat, dass das Interview nicht so super läuft, ihm aber kein besserer Grund für den Abbruch einfiel. Höcke ist auch, für absolut jeden Menschen mit funktionierenden Augen sichtbar, weder »emotionalisiert« noch unvorbereitet auf die Fragen zu seiner sprachlichen Nähe zur NS-Zeit: Er antwortet sachlich und ruhig, und was er sagt sind dieselben Soundbites zu angeblichen »Tabus« im politischen Diskurs, von einer »Verengung« der »Sprach- und Meinungskorridore«, die er und die AfD halt immer abspulen, wenn ihnen solche Fragen gestellt werden; später sagt er ja auch, er könne sie »nicht mehr hören«, »diese alte Chose« —— man kann doch nicht gleichzeitig von Fragen gelangweilt sein, weil man sie angeblich schon zig mal gehört hat, und völlig auf dem falschen Fuß erwischt von ihnen! Die beiden konstruieren hier, in Echtzeit vor unseren Augen und Ohren, ein Narrativ, dass Höckes unprofessionelles Verhalten und seine ungenügenden Antworten nachträglich erklären soll, und sie machen es lachhaft schlecht. Sie sind wie Kinder, die mit großzügig schokoladenbeschmierten Mündern zu behaupten versuchen, sie hätten nicht heimlich genascht; der Gedanke, dass zwei erwachsene Männer glauben, so könne man ein verunglücktes Interview bei einem öffentlich-rechtlichen Sender retten, ist zum Lachen.

Und es wird nur absurder durch den Vorwurf, Gebhard würde sich hier unseriös verhalten, weil er das Interview nicht von vorne beginnen möchte. Jeder vernunftbegabte, erwachsene Mensch —— und die meisten Kinder —— weiß, dass man in einem Interview für gewöhnlich nicht so lange neu antworten darf, bis man mit seiner Antwort zufrieden ist; wahrscheinlich könnte man eine Umfrage unter AfD-Wählern führen, und wenn man das ganze im Abstrakten, losgelöst von Björn Höcke im ZDF-Interview fragen würde, würden fast alle von ihnen sagen, dass es hochgradig unseriös wäre, würde ein Journalist seinem Interviewsubjekt einen solchen Neubeginn erlauben. Jesus, wenn man einem Außerirdischen, der noch nie etwas vom Konzept »Interview« gehört hat, ein Interview zeigen würde, und ihn fragen würde, wie viele Versuche der Befragte wohl pro Antwort hatte, würde er instinktiv sagen, »Genau einen«, weil das offensichtlich und unbestreitbar die Erwartung ist, die jedes Interview beim Zuschauer kreiert. Es gibt da schlicht keine zwei Seiten —— die Definition von »Objektivität«. Wenn Höcke und Lachmann also Gebhard mangelnde Seriosität vorwerfen, ist das Textbook-Ironie, also lustig.

Und das sollte Gebhard zum Ausdruck bringen. Wenn wir über »journalistische Objektivität« reden, meinen wir oft eine Haltung des Journalisten: Er soll stets unparteiisch, sachlich bleiben, sich mit eigenen Meinungen und Reaktionen zurückhalten. Doch manchmal wäre das Prinzip der Objektivität vielleicht besser auf das Ergebnis journalistischer Arbeit zu beziehen —— auf das, was am Ende beim Publikum ankommt.

Gebhard versucht, sachlich, ruhig, mit rationalen Argumenten, Höcke zu überzeugen, das Interview fortzusetzen und ihm klar zu machen, dass ein Neustart unangemessen und unprofessionell wäre; Höcke und Lachmann antworten, und das ganze geht ein paar Mal hin und her, aber alle Beteiligten bleiben weitestgehend höflich. Da ist natürlich Höckes Drohung gegen Gebhard, ein zweifelsohne aufschlussreicher Moment; aber ich glaube, das ist nicht genug: Die ganze Interaktion suggeriert dem Zuschauer, das was hier passiert eine Meinungsverschiedenheit zwischen erwachsenen, vernunftbegabten Menschen wäre; der Versuch Gebhards, mit Argumenten gegenzuhalten, suggeriert, dass Konzepte wie »Pressefreiheit« oder »Interview« es wert sind, einem professionellen Politiker erklärt zu werden; die ganze Interaktion suggeriert, dass die Situation zwar unangenehm für die Beteiligten und peinlich für Höcke ist, aber irgendwie doch im Bereich des Normalen —— wenn Gebhard so souverän, so abgeklärt bleibt, kann die Situation ja eigentlich nicht so weit weg sein vom journalistischen Alltag.

Aber das entspricht nicht der Realität. Die Realität ist: Nichts von dem hier ist normal. Es ist objektiv nicht normal: Dass ein Politiker absolute Selbstverständlichkeiten wie den Ablauf eines Interviews nicht versteht, oder sich weigert, sie zu verstehen, ist nicht normal; dass ein Politiker und sein Sprecher die Realität verleugnen, die wir gerade eben vor unseren eigenen Augen haben passieren sehen, ist nicht normal; dass ein Politiker von ein paar kritischen Fragen so aus dem Konzept gebracht wird, dass er bereit ist, demokratische Grundprinzipien wie die Pressefreiheit über den Haufen zu werfen, ist nicht normal.

Und dass das alles so plump, so unbeholfen, so in sich widersprüchlich ist; dass der Politiker und sein Sprecher glauben, das hier, die Methoden und rhetorischen Strategien eines Kleinkindes, würden reichen, um fundamentale Prinzipien der Zivilgesellschaft auszuhebeln —— das ist schlicht und einfach absurd.

Oder, sollte es sein: Der Ton des Beitrags ist am Ende eben nicht groß anders als der jedes anderen Politikerinterviews; Menschen, die eh schon verstanden haben, dass die AfD undemokratisch, gefährlich und dumm ist, werden natürlich erkennen, dass Höcke sich hier massiv unprofessionell verhält; aber ob die schiere Absurdität der Situation ankommt, daran zweifle ich. Die klugen Menschen werden den Fernseher ausmachen oder den Tab schließen, wissend, dass sie klug sind, kopfschüttelnd darüber, dass die anderen dumm sind. Wie sie es eben gewohnt sind, wenn sie Interviews mit AfDlern sehen. Alles irgendwie furchtbar, aber alles eben auch normal. Wenn ein Interview wie dieses eine solche Reaktion hervorruft, dann ist das ein Scheitern der journalistischen Objektivität: Das Interview ist normalisierend; wenn etwas, das nicht normal ist, nicht normal sein sollte, normal wirkt, ist das eine Form von tendenziös, von verzerrend.

Was eine Situation von solcher Absurdität hervorrufen sollte, ist einen Moment der Reflexion: Wie zur Hölle sind wir hingekommen? Sie sollte eine simple Realisation hervorrufen: Das hier ist dumm. Es ist albern.

Es ist albern und dumm, dass ein professioneller Journalist seine Zeit damit verschwendet, jemanden wie Björn Höcke zu interviewen, jemanden, der so offensichtlich kein Interesse an einem echten, demokratischen Dialog hat, der so offensichtlich die Mechanismen der freien Presse unterwandern und das Publikum manipulieren will und der auch noch so schlecht und unsubtil darin ist; es ist albern und dumm, dass wir so jemandem kritische Fragen stellen, Herr Höcke, es gibt ja Leute, die sagen, ihre Sprache hätte eine gewisse Nähe zur Sprache der NS-Zeit, wie kommt das?, wenn wir doch alle genau wissen sowohl was Höckes Antwort sein wird, als auch was die tatsächliche, objektive Antwort ist; es ist albern und dumm, dass wir diese Performance aufziehen, wieder und wieder versuchen, Höcke mit demokratischen Mitteln zu »stellen« oder »vorzuführen«, ihn zu »entlarven«, wenn doch jeder, der für sowas empfänglich wäre, Höcke längst selbst für sich entlarvt hat, und die anderen hinreichend bewiesen haben, dass nichts, was Höcke sagen könnte, so faschistisch und undemokratisch und fucking dumm sein könnte, dass sie ihre Unterstützung Höckes und seiner Partei hinterfragen würden.

Es ist eine Situation, die niemals hätte passieren sollen; dass sie passiert, ist, objektiv, absurd und dumm. Und die beste, vielleicht die einzige Art —— wenn man nicht gerade auf Harakiri vor laufender Kamera zurückgreifen will ——, dem Zuschauer diese Absurdität und Dummheit spürbar zu machen, ist zu lachen. Zu lachen, bis es wehtut, und dann an den Bürotüren von ein paar Kollegen zu klopfen, sie dazuzuholen und unter Lachtränen Höcke aufzufordern, genau das gleiche nochmal zu sagen. Und dann lauter zu lachen, und zuzusehen, wie Höcke wirklich »emotionalisiert« wird. Und beim nächsten Interview —— was es nicht geben sollte, aber wenn’s denn sein muss —— zu beginnen, indem man Höcke nochmal den Clip von diesem Interview vorspielt, inklusive dem langen Lachen der versammelten Mannschaft, und ihm dann vielleicht noch ein paar lustige Tweets zeigt, und vielleicht hat ja auch jemand einen dieser lustigen Autotune-Remixes vom letzten Interview gemacht; und ihm dann eine, nur eine, Frage zu stellen: »Merkste selbst, wa?« Und wenn Höcke dann nicht Einsicht zeigt in die offensichtliche Albernheit und Absurdität und Dummheit seines Verhaltens letztes Mal, fängt man wieder an zu lachen.

Ich glaube nicht, dass das die AfD oder Höckes Methoden verharmlosen würde. Natürlich müssen wir die AfD, die Neue Rechte allgemein und ihr Publikum als Phänomen ernst nehmen; aber das ist etwas völlig anderes, als jeden Unsinn, den ihre Vertreter in Mikrofone sagen, ernst zu nehmen. Wir können und sollten weiterhin in Leitartikeln und schlauen Büchern analysieren, woher all der Hass kommt, welcher Strukturen und Mechanismen und Rhetorik sich die Neue Rechte bedient, wie es dazu kommt, dass so viele für ihren Unsinn empfänglich sind, was wir tun können, um sie zu bekämpfen; aber das müssen wir ja nicht mit ihnen zusammen ausdiskutieren. Dass wir das zu lange versucht haben, so getan haben, als müsste man die Ideen von Nazis und den »besorgten Bürgern«, die sie wählen, nur ernst genug nehmen, und könnte sie dann mit rationalen Argumenten wegdiskutieren —— das ist doch einer der Gründe, warum wir überhaupt in die absurde Situation gekommen sind, in der wir jetzt sind, wo ernstzunehmende Journalisten eigentlich nicht ernstzunehmende Figuren wie Höcke interviewen müssen. In einem solchen Interview ist Höcke nicht »die Neue Rechte« oder auch nur »die AfD«; er ist nur ein Idiot, der ein paar ziemlich dumme Dinge sagt und sich ziemlich albern verhält.

Objektivität als Haltung ist, in den meisten Fällen, ein guter Vorsatz für Journalisten; aber manchmal wichtiger ist die Objektivität der Bedeutung, der Botschaft: Ein Journalist muss dem Zuschauer zeigen, muss ihn auch spüren machen, was wahr, was Realität ist; und wenn die Wahrheit ist, dass unsere aktuelle Realität absurd und albern und dumm ist, dann transportiert eine nüchterne, gelassene, rational argumentierende Haltung diese Wahrheit nicht immer ausreichend.

Und zur Aufgabe des Journalisten gehört auch, Vermittler zu sein zwischen Publikum und den Mächtigen —— und das geht in beide Richtungen. In einem Interview mit einem Politiker muss der Journalist ein Stück weit das Publikum vertreten, die Fragen stellen, die der Zuschauer selbst gerne stellen würde; und nach einem Verhalten wie dem Höckes im Interview hat zumindest dieser Zuschauer eigentlich nur noch eine Frage, und sie lautet in etwa: lol wut?

Höckes Verhalten im ZDF-Interview beweist, mal wieder, dass Höcke eigentlich nicht ernst zu nehmen ist, und dass jeder, der ihn ernst nimmt, selbst nicht ernst zu nehmen ist; das ist so nah an objektiv wahr, wie wir im politischen Diskurs jemals kommen werden: Es ist demokratischer Konsens, oder sollte es sein, dass jemand, der so plump versucht, sich über den Werten und Mechanismen der Demokratie zu positionieren, innerhalb dieser Demokratie nichts von Wert zu sagen hat. Wer Höcke als irgendetwas anderes wahrnimmt als die Witzfigur, die er ist, macht sich selbst lächerlich, und verdient es ebenso wenig, ernstgenommen zu werden, wie Höcke —— und es ist Zeit, dass wir das diesen Menschen auch zeigen. Die beste Möglichkeit, es zu zeigen, das Akzeptieren demokratischer Werte als niedrigste Hürde für die Teilnahme am demokratischen Dialog zu etablieren, wäre, diejenigen, die diese Hürde nicht nehmen, vom Dialog auszuschließen. Nun sind wir nunmal in der absurden Situation, dass wir solche eigentlich nicht ernstzunehmenden Figuren in die Sphären ernstzunehmender Debatte haben eindringen lassen; die nächstbeste Option wäre nun, diesen Figuren, wenn sie in ihrer lachhaft unbeholfenen, stumpfen, kindischen Art versuchen, die Absurdität der Situation auszunutzen, in ihr dummes Gesicht zu lachen.


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