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Fucking Rich People: Ready or Not macht Klassenkampf buchstäblich

Ready or Not ist ein Film über die obszön reiche Le-Domas-Familie, die in einer bizarren Tradition potenzielle neue Mitglieder mit altertümlichen Waffen jagt; das enthusiastischste Mitglied der Le Domas’ heißt »Charity«: Wie sie in wenigen, prägnanten Sätzen auf den Punkt bringt kommt Charity (Elyse Levesque) aus ärmlichen Verhältnissen, heiratete in die Le-Domas-Familie nicht aus Liebe, sondern aus ökonomischem Überlebensdrang, und ist nun zu so ziemlich allem bereit, um ihren Status zu halten.

Ready or Not, will ich sagen, ist kein sonderlich subtiler Film; er bringt seine These vor nicht, indem er sie im Subtext anlegt, sondern indem er sie explizit ausspricht, im Text, wieder und wieder. Diese These lautet: Es gibt keine »guten Reichen«, all ihre Anstalten, scheinbar »Gutes« zu tun —— jede Form von Charity —— halten am Ende nur das System aufrecht, das die Ungleichheit erst kreiert, Charity erst nötig macht; also verdienen sie alle, zu sterben —— sogar ihre Kinder, sogar das liebenswerteste Mitglied der Familie, Daniel (Adam Brody), der einmal wörtlich sagt, »We all deserve to die«. Bei den schlimmsten von ihnen ist es zu zelebrieren, bei anderen eher eine tragische Notwendigkeit —— aber eine Notwendigkeit eben doch.

Aber ein gutes B-Movie —— und das ist, was Ready or Not ist —— muss ja nicht subtil sein: nicht, wenn es so kathartisch, und schlicht so unterhaltsam, ist wie das hier.

Und Ready or Not gibt dem bewährten, wahrscheinlich von Richard Connells 1924er Kurzgeschichte The Most Dangerous Game begründeten »Reiche Leute jagen Menschen«-Genre schon einen interessanten Twist: Die Reichen Leute in diesem Film —— mit Ausnahme von Charity und der cartoonish-gruseligen Tante Helene (Nicky Guadagni) wollen eigentlich keine Menschen jagen; die älteren Mitglieder der Familie sehen es als lästige Pflicht, den jüngeren scheint es fast ein Bisschen peinlich zu sein, wie uns allen halt manchmal peinlich ist, auf welche überholten Traditionen und Gewohnheiten unsere Eltern so bestehen. Vor allem sind sie alle, wie David Sims es auch im Atlantic feststellt, heillos überfordert mit der Situation: Je nach Generation ist es für sie entweder lange her, dass sie Unschuldige mit Armbrüsten beschossen haben, oder sie haben noch nie an diesem Ritual teilgenommen.

Die Le Domas glauben, ihren Reichtum einem Pakt zu verdanken, den ein Urahne einst mit dem Teufel geschlossen hat. Im Gegenzug müssen sie, wann immer jemand Neues Teil der Familie werden will, ein Ritual vollziehen: Sie müssen ein von einer offenbar magischen Puzzlebox ausgewähltes Spiel spielen. In den meisten Fällen bleibt es dabei: ein harmloses Spiel, Dame oder »Old Maid« oder so1»What the fuck is Old Maid?«, sagt einer der früheren Neuzugänge der Familie zur Protagonistin, als wäre das, dieses altertümliche Spiel, das er spielen musste, das Worst-Case-Szenario gewesen., nur halt eingeleitet mit ein Bisschen okkultem Geschwurbel; alle paar Jahrzehnte allerdings verlangt die Box ein Opfer, und wählt das Versteckspiel aus. Dann hat der Le-Domas-Clan bis zum Morgengrauen Zeit, den Neuzugang zu finden und zu töten, sonst, sind sie sich sicher, sind alle Le Domas’ dem Tod geweiht.

Grace (Samara Weaving), die junge Braut von Alex (Mark O’Brien), hat Pech: Sie zieht die »Hide & Seek«-Karte. Zunächst mit Alex’ Hilfe versucht sie, aus dem Anwesen der Le Domas’ zu entkommen, doch bald wird ihr klar, dass sie auch ihrem neuen Ehemann nicht ganz trauen kann.

Alle Mitglieder der Le-Domas-Familie, von Alex und Daniel über die zugekokste Emilie (Melanie Scrofano) und Andie MacDowells zwischen »Willkommen in der Familie«-Offenherzigkeit und kühl berechnender Killerin pendelnder Matriarchin, sind, irgendwie, liebenswert; der ebenfalls angeheiratete Fitch (Kristian Bruun) verkriecht sich erstmal im Bad und schaut YouTube-Videos mit Titeln wie »Getting to Know Your Crossbow«, was seltsam relatable ist für jeden, der schon einmal versucht hat, seinen Platz im engen Konstrukt einer ihm fremden Familie zu finden; selbst Helene, eine Figur, die zunächst alle Tiefe eines der Charakter-Porträts in Cluedo zu haben scheint, bekommt eine eher tragische Dimension, als deutlich wird, dass sie der letzte »Alex« war —— das letzte Mal, dass die Familie ein neues Mitglied gejagt und getötet hat, war es ihr Ehemann.

Die Zeichnung der Familie frischt die etwas verbrauchte Klassenkampf-Allegorie auf, gibt der Satire eine neue Schärfe: Es ist irrelevant, sagt der Film, wie sympathisch die Le Domas’ sind, wie wenig sie selbst an diesem bizarren Ritual teilnehmen wollen —— sterben müssen sie trotzdem; reich sein, und das scheint mir für ein solches B-Movie eine genau angemessen brachiale, auf Nuancen scheißende Ideologie, ist für Ready or Not an sich obszön, falsch.

Die größte Stärke des Films ist allerdings seine Hauptfigur: Dank der ökonomischen, präzisen Charakterisierung der Autoren Guy Busick und Ryan Murphy2Nein, nicht der Ryan Murphy. und inspirierten Schauspiel-Entscheidungen von Samara Weaving3Besonders effektiv ist Grace’ idiosynkratisches, grunzendes Lachen, das über den Film seine eigene, kleine Geschichte erzählt: Zunächst ist es Ausdruck von Grace’ ehrlicher Liebe für und ihrer Dynamik mit Alex, später ihrer Nervosität im Umgang mit seiner Familie, und ganz am Abschluss eine kathartische Pointe in Grace’ Character-Arc. macht Ready or Not mit Grace sehr viel mit sehr wenig. Wir wissen, streng genommen, fast nichts über Grace, aber es ist gerade genug, uns mit ihr zu identifizieren und uns um ihr Überleben zu scheren; die wenigen konkreten Informationen, die wir über Grace’ Leben erfahren —— dass sie mit verschiedenen Pflegeeltern groß geworden ist, zum Beispiel —— reichen, um uns fest auf Grace’ Seite zu schlagen und ihre Reaktionen und ihr Verhalten zu verstehen: Grace’ grundsätzliches Misstrauen gegenüber Reichen, ihr Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, erklären ihren Überlebensinstinkt, ihre Weigerung, sich kampflos zu ergeben; aber dasselbe Gefühl des Alleinseins erklärt auch ihren Wunsch, Teil der Le Domas’ zu sein, und warum sie vor allem Alex vielleicht etwas länger zu vertrauen bereit ist als es viele von uns wären.

Grace steht so irgendwo zwischen der klassischen Scream Queen und der Unterwanderung des Tropes, die der ähnlich aufgebaute You’re Next unternahm: Grace weiß sich zu behaupten, aber sie ist nicht unverwundbar wie die Hauptfigur von You’re Next es oft schien; sie ist jetzt nicht unbedingt überrascht, dass diese Superprivilegierten sich als Monster herausstellen, aber da ist eine Spur von Traurigkeit, dass ihr Traum, endlich Teil einer Familie zu sein, enttäuscht wurde. In einem hübschen Moment, der vielleicht den tonalen Unterschied zu You’re Next besonders treffend illustriert, sieht Grace sich im Spiegel in dem Outfit, das sie auch auf dem Poster trägt —— das Hochzeitskleid abgerissen, damit sie sich freier bewegen kann, Chucks statt High Heels, ein altertümliches Gewehr in der Hand und einen Patronengürtel um ——, und während sie zweifelsohne badass aussieht, ist ihre Reaktion eher ein enttäuschtes, aber wissendes Seufzen: So weit musste es also kommen —— und wenn dem so ist, dann ist Grace bereit, zu tun, was getan werden muss, aber eine weniger ereignisreiche Hochzeitsnacht wäre ihr schon lieber gewesen. Konsequenterweise nimmt der Film Grace’ Situation absolut ernst, wird, obwohl oft sehr komisch und voll von Momenten blutiger Katharsis, erst in seinen letzten Sekunden kurz zu der Sorte The hunter has become the hunted-Rachefantasie, die dieses Poster suggeriert: Grace, und der Zuschauer, müssen bis zum Schluss ernsthaft um ihr Überleben fürchten.4In einer sehr befriedigenden Entscheidung interpretiert der Film Grace’ Verwundbarkeit aber nicht ausschließlich als Schwäche: Sie setzt ihre Offenheit, ihre Warmherzigkeit auch bewusst und teilweise erfolgreich ein, um an die jüngeren, weniger kaltherzigen Mitglieder der Familie zu appellieren.

Mehr noch als die thematische Stringenz ist es Grace’ Präsenz, die den Film ankert, davor bewahrt, in seinen schwächeren Momenten der Gunst des Zuschauers zu entgleiten; denn während es ein, zwei hübsch-klaustrophobische Setpieces gibt —— wie eins, in dem Grace in der Küche des Hauses hinter dem Rücken des seltsam unzerstörbaren Butlers der Le Domas’ umherschleicht ——, lassen die Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett doch viele Gelegenheiten ihres Settings ungenutzt: Die sich durch das ganze Anwesen ziehenden »geheimen« Gänge für die Bediensteten regen, als sie früh im Film etabliert werden, die Vorstellungskraft aller horrorversierten Zuschauer*innen an, doch den Regisseuren scheint wenig einzufallen, dieses Detail für Schocks oder Setpieces zu nutzen; und besonders in der zweiten Hälfte des Films muss Grace’ enttäuschend lang durch den visuell wenig ansprechenden Garten des Anwesens rennen.5In einer Szene, in der Grace versucht, aus dem Luxusauto der Le Domas’ mit Hilfe eines Callcenter-Assistenten die Polizei zu rufen, dieser aber stattdessen das Auto deaktiviert, weil es als gestohlen gemeldet wurde, bekommt der Film aber noch einen angemessen dystopischen Beigeschmack.

Ready or Not legt allerdings ein so hohes Tempo vor, dass kaum Zeit ist, über solche verpassten Chancen enttäuscht zu sein, und spätestens im tonal und thematisch absolut perfekten Finale ist das eh alles vergessen: Es reiht einen kleinen oder großen Payoff an den nächsten, von besonders albernen, die Le Domas’ endgültig bloßstellenden Gags6…die kurz vor Schluss auch schnell noch die altehrwürdige Metapher der Reichen als Vampire mitnehmen. über Grace’ hemmungslos-grunzendes Lachen bis zu ihrer letzten Line an Alex, die ihren Arc präzise und befriedigend abrundet; und dann endet es —— scheiß auf Subtilität —— in einer Orgie aus cartoony, over-the-top Splatter, damit, dass Grace’ im buchstäblichen Sinne alles niederbrennt, und schließlich mit einem wunderbar schamlosen, augenrollend-cheesy One-Liner.