Zum World Mental Health Day 2019: Die Grenzen von »Get Help!«

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CW: Dieser Text über psychische Krankheiten und ihre Behandlung ist etwas düsterer und ambivalenter als das, was ich sonst zum Thema schreibe. Wie immer war mein Leitfaden die Frage: »Was würde ich selbst gerne mal hören/lesen?« Ich weiß allerdings nicht, ob er vor allem für Menschen, die noch ganz am Anfang ihrer Behandlung oder noch davor stehen, das richtige ist.


Es ist jetzt fast exakt sechs Jahre her, dass ich mir, nach einer Reihe von Panikattacken, zum ersten Mal psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe gesucht habe. In diesen sechs Jahren hatte ich sechs verschiedene Therapeuten, habe drei verschiedene Therapieformen ausprobiert (zwei davon seriös), habe meine Therapien viele Male unter- und abgebrochen; ich habe unterschiedliche Medikamente genommen, in unterschiedlicher Dosis und Kombination; meine Diagnose wurde mehrfach erweitert und angepasst. Heute nehme ich eine Kombination aus drei hochdosierten Medikamenten, die machen, dass ich nachts, wie Roberto Benigni in Coffee & Cigarettes, wenn er abends noch einen Espresso trinkt, »schneller träume«, und mit Muskelkater aufwache; sie machen aber auch, dass ich nicht sterbe, also, ähhh, net positive.

Seit etwa einem Jahr bin ich in recht intensiver Therapie. »Dialektisch-behaviorale Therapie« heißt die Therapieform, eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie, entwickelt für Menschen mit Borderline und anderen Persönlichkeitsstörungen.1Ich habe vielleicht Borderline, oder nicht, oder nur sowas »in die Richtung«, da ist sich meine Therapeutin uneins. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich außerdem ganz offiziell die Diagnose »Autismus, Typ Asperger« erhalten, zusammen mit der Versicherung der zuständigen Spezialisten, es gebe dafür keine Therapie, »weil man keine braucht«, und das ist ja auch ganz schön.

Ich habe zwei Lektionen gelernt in diesen sechs Jahren. Die eine ist: Die Hilfsangebote, die es gibt, helfen. Es ist mühsam und langwierig —— und erfordert gewisse Privilegien ——, die für sich richtige Therapieform und Behandlung zu finden, oder auch nur die richtige Diagnose, aber es lohnt sich. Die vielen kleinen, alltäglichen Herausforderungen aufzulisten, mit denen ich heute besser umgehe als vor sechs Jahren, würde den Rahmen dieses Textes sprengen; ich bin heute produktiver, ausgeglichener, umgänglicher, ich funktioniere besser als vor sechs Jahren. Ich kenne mich auch besser: Ich bin besser darin, zu erkennen und zu kommunizieren, wie es mir geht, was ich brauche, was ich kann und was nicht.

Aber ich habe auch gelernt, dass die verschiedenen Behandlungsangebote ihre Grenzen haben. Und das ist eine Lektion, die zu lernen weh tut, und die Fragen aufwirft, mit denen ich derzeit noch zu kämpfen habe: Wo, zum Beispiel, endet psychische Krankheit, und wo beginnt »normales« Unglücklichsein?

In meiner aktuellen Therapie habe ich das klassische Narrativ durchgemacht: Zuerst waren meine Abwehrreflexe scharfgestellt, mein Zynismus und Skeptizismus bereit, das ganze Gerede von »Achtsamkeit« und »Glaubenssätzen« auseinanderzunehmen; dann, langsam und widerwillig, ließ ich mich doch auf die Therapie ein, und dann, noch etwas später, merkte ich, in vielen kleinen Momenten —— Momente, in denen ich »früher« wütend oder panisch geworden wäre ——, dass sie irgendwann, ohne, dass ich zunächst mitgekriegt hatte, zu helfen begonnen hatte. Ich ging jetzt auch gerne zur Gruppe, erwischte mich sogar manchmal dabei, wie ich neuen Mitgliedern Ratschläge gab, Jaja, am Anfang ist das schwer, aber das wird leichter, versprochen.

Aber dann passierte etwas anderes: Ich sah mich um in meinem Leben und merkte, dass es mir zwar leichter von der Hand ging, aber halt noch immer nicht das Leben war, was ich wirklich wollte; und dass ich noch immer exakt genauso viel Ahnung hatte wie bisher, wie ich das ändern könnte, nämlich keine; und dass die Parolen meiner Therapeutin —— »positiv denken«, »im Moment bleiben« —— sich zunehmend leer anfühlten, und es zunehmend wieder schwieriger wurde, zur Gruppe zu gehen. Die wöchentlichen Sitzungen sind zu einem großen Trigger für mich geworden: Während die anderen von Situationen berichten, in denen sie die erlernten »Skills« anwenden konnten oder nicht, merke ich allzu oft, dass ich in solche Situationen gar nicht erst komme; es ist eine weitere Gruppe von Menschen in meinem Leben, die Zugang zu Sphären des Lebens haben, die mir noch immer verschlossen bleiben —— und hier ist das besonders perfide, denn technisch gesehen sollen wir ja alle mit den gleichen Problem zu kämpfen haben.2Ich weiß, dass sich mit anderen zu vergleichen immer gefährlich ist, halte es aber auch für unmöglich, das ganz zu vermeiden. Und in meinen Einzelsitzungen führe ich Woche für Woche Beat für Beat dasselbe Gespräch, ohne Momentum, ohne Vorwärtskommen. Und meine Medikamente helfen mir zwar weiterhin zuverlässig, aus dem Bett zu kommen, zu arbeiten, zu funktionieren; aber die oft beschworenen »Happy Pills« sind sie halt auch nicht.

Ich schreibe das nicht, damit irgendjemand Mitleid mit mir hat: Am Ende, das ist ja der Punkt, bin ich für mein Schicksal selbst verantwortlich, und es ist nicht Aufgabe der Therapie, die Fehler in meiner Persönlichkeit zu finden, die mich an den Punkt gebracht haben, an dem ich bin. Und schon gar nicht schreibe ich es, um irgendwem davon abzuraten, sich psychiatrische oder therapeutische Hilfe zu suchen.

Ich schreibe es, weil ich glaube, dass hier eine Gefahr in der Rhetorik liegt, in der wir zunehmend über psychische Krankheiten reden. »Get help!«-Ermutigungen können leicht zu einer Art von Druck werden.

In meinen Gruppensitzungen fühle ich derzeit oft eine tiefe Scham, weil ich das Gefühl habe, nichts beizutragen zu haben, die Gruppe runterzuziehen, weil ich mich schuldig fühle, dass es eine solche Last für mich geworden ist, Zeit mit diesen Menschen zu verbringen. In meinen Einzelsitzungen fühle ich mich wie in einer Prüfung, für die ich vergessen habe, zu lernen, und hinterher, wenn ich wieder keine Veränderungen bekunden konnte, wieder nichts aus den Ideen meiner Therapeutin ziehen konnte, habe ich das Gefühl, versagt zu haben.

Zu großem Teil kommt dieser Druck von mir, aber nicht nur: Wenn meinen Vater etwas stört, was ich tue oder sage, sagt er oft, ich solle darüber mal mit meiner Therapeutin reden, als ginge es in einer Therapie darum, das »Problem« zu lösen, dass ich für andere darstelle. Und, deutlich perfider: Regelmäßig muss ich meinen etwa alle vier Sekunden wechselnden Sachbearbeiter*innen beim Jobcenter erklären, wie ich derzeit darauf hinarbeite, wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen3Das sagen die wirklich so.. Ich hatte jetzt eine kurze Pause von der Therapie, weil meine Therapeutin im Urlaub war, und fühlte mich deutlich besser, und eigentlich würde ich gerne ein Bisschen Zeit für mich nehmen, ohne wöchentliche, triggernde Sitzungen, die mir nur spürbar machen, wie wenig sich bei mir getan hat; aber versucht das mal, dem durchschnittlichen Jobcenter-Sachbearbeiter zu erklären —— ich arbeite jetzt seit Jahren vergeblich daran, denen das Konzept »Honorararbeit« verständlich zu machen, und das sollte ja nun eigentlich in ihrem Kompetenzbereich liegen.

Heute, am World Mental Health Day, sehe ich wieder, wie viel sich in den letzten Jahren getan hat: wie viel mehr Aufmerksamkeit das Thema bekommt, wie viel größer das Bewusstsein ist, zumindest gemessen4…und einen wissenschaftlicheren Standard kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen! an der gefühlt deutlich größeren Anzahl an »Get help!«-Tweets mit den Nummern der Telefonseelsorge5…die ja auch selbst bei der unsensibelsten Plattform routiniert und jedem Artikel steht, der sich entfernt mit dem Thema »Mental Health auseinandersetzt«.. Das ist gut! Aber ich frage mich schon manchmal, wie vielen, die solche Tweets schreiben, klar ist, wie schwierig es ist, sich »Hilfe zu suchen«, dass es buchstäblich ein Symptom der Krankheiten ist, wegen denen manche von uns überhaupt Hilfe brauchen, und dass wir ihnen deshalb vielleicht hin und wieder auch aktiv Hilfe anbieten müssen. Und ich frage mich, ob wir, in unserer »Get help!«- und »Du bist okay, genauso wie du bist!«-Rhetorik, nicht auch Gefahr laufen, Menschen den Platz dafür zu nehmen, ihre Gefühle auszudrücken, und ob wir es so vermeiden, zu konfrontieren, dass es für manche Menschen einfach sehr, sehr schwierig, wenn nicht unmöglich ist, Dinge zu erlangen, die für andere selbstverständlich sind, und dass dieses »Leben« für sie daher eine ziemlich Herausforderung sein kann. Das heißt nicht, dass wir diesen Menschen »schulden«, dass sie kriegen, was sie wollen —— aber vielleicht schulden wir ihnen halt schon mehr und aktiveren Beistand als hin und wieder eine Telefonnummer zu twittern; zumindest ihre Gefühle, und die Tatsache, dass das halt schon irgendwie unfair ist, anzuerkennen, ohne dass wir dadurch gleich die Verantwortung dafür übernehmen müssen, könnte vielleicht drin sein. Wenn über »Incels« diskutiert wird, schreiben gutmeinende Twitter-Menschen gerne —— an diejenigen gerichtet, die noch nicht in diese misogyne Subkultur abgerutscht sind, aber aufgrund ihrer Lebensrealität vielleicht das Potenzial dazu hätten —— dass man sein Glück nicht von der Liebe anderer abhängig machen dürfe, oft mit dem Nachsatz, Paarbeziehungen seien ja eh nur ein heteronormatives Konstrukt. Und, klar, in einem Vakuum stimmt das; aber ich frage mich, ob diesen gutmeinenden Menschen klar ist, dass das so ziemlich das schlimmste sein kann, was man, als jemand, der in dieser Situation ist, hören kann. Allzu leicht kann es klingen wie: »Deine Gefühle sind falsch, hör auf, sie zu fühlen!« Es nimmt Menschen die Deutungshoheit über ihre eigenen Gefühle und Wünsche, und es kann ein Element von Schuld kreieren. Vor allem kann es einfach wahnsinnig privilegiert klingen, in etwa: »Diese Sache, die für mich normal ist, aber die dir nicht offen steht, die solltest du gar nicht wollen

Ich erwische mich in letzter Zeit wieder häufiger dabei, wie ich lüge, wenn ich gefragt werde, wie es mir geht; zu dem immer drohenden Gefühl, eine Last zu sein, wenn ich zugebe, wie es mir geht, kommt, dass absolut immer, wenn ich negative Gefühle ausdrücke, als erste Frage folgt, was denn meine Therapeutin dazu sagt. Das ist verständlich, hab ich ja auch irgendwie selbst kreiert, die Situation; aber es fühlt sich halt irgendwie auch an, als hielte man mich für nicht ganz zurechnungsfähig, als wäre, weil ich bekanntermaßen mit psychischen Krankheiten lebe, meinen Gefühlen und Gedanken nie zu trauen.

Aber ich glaube halt, dass meine aktuellen, negativen Gefühle und Gedanken nicht Ausdruck meiner Krankheiten sind, zumindest nicht nur; das merke ich unter anderem daran, dass sie immer irgendwie da sind, auch, wenn ich nicht in einer Tiefphase stecke, i.e. ansonsten passabel funktioniere. Die Wahrheit ist: Ja, ich lebe mit psychischen Krankheiten, und ich bin über die Jahre ziemlich gut darin geworden, ihre Symptome zu identifizieren und zu managen; das hier aber, das ist was anderes: Ich werde bald 30, und komme nicht umhin, ein Bisschen Inventur zu machen, und ich bin, ein Stück weit, in Trauer, um ein Leben, das ich gerne hätte und nie hatte und wahrscheinlich auch nicht haben werde.

Es tut mir Leid, dass ich heute nicht so positiv über dieses Thema schreiben kann wie sonst. Es bleibt dabei: Es ist wichtig, dass ihr euch Hilfe sucht, wenn ihr sie braucht (und es schafft), und es ist wichtig, dass wir den Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich die Hilfe zu suchen, die sie brauchen, das erleichtern; und es ist wichtig, dass wir weiter gegen das Stigma anreden, das um das Thema »psychische Krankheiten« noch immer besteht. Aber es ist auch wichtig, dass wir dabei nicht ein neues Stigma kreieren, darum, was passiert, wenn diese »Hilfe« nicht anschlägt, oder nicht ausreicht. Zumal auch eine Gefahr in dem impliziten Versprechen liegt, Psychotherapie und Psychopharmaka könnten glücklich machen: »Gücklich« und »gesund« sind zwei verschiedene Dinge. Das, schätze ich, ist also, was ich heute sagen will: Es ist okay und normal, psychisch krank zu sein, und niemand muss sich dafür schämen, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die man braucht; und es ist auch okay und normal, einfach unglücklich zu sein, und das6…in gesundem Rahmen. auszudrücken —— auch dafür muss man sich nicht schämen, und niemand kann einem die Deutungshoheit über die eigenen Gefühle streitig machen.


P.S: Muss ja doch sein — Die Nummer der Telefonseelsorge ist 0800 111 0 111.