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(Not) just a horse: Andrew Haighs Lean on Pete

Hier ein Geständnis, das mich in den Augen des stereotypen Kinozuschauers wahrscheinlich zum Monster macht: Wenig könnte mir egaler sein als ob Tiere in Filmen oder Serien leben oder sterben. Während der Erstausstrahlung der vierten Episode von Chernobyl bekam ich mit, wie Showrunner Craig Mazin sich auf Twitter zum Leiter einer Art Selbsthilfegruppe für traumatisierte Zuschauerinnen stilisierte: Das Schlimmste sei vorbei, versprach er ihnen etwa, die nächste Episode werde wieder leichter anzuschauen. Ich fragte mich, was an dieser neuen Folge so viel traumatischer sein könnte als an den grafischen, nicht selten Richtung Body Horror tendierenden Darstellungen der Folgen extremer nuklearer Strahlung in den früheren Episoden. Als ich die Folge am nächsten Morgen dann sah, war ich, ehrlich gesagt, gelangweilt: Ein paar Soldaten und Freiwillige dabei zu verfolgen, wie sie (meistens off-camera) die zurückgelassenen Tiere in der verseuchten Zone erschossen, war jetzt auch nicht meine Idee von Spaß, aber nach den grässlich entstellten menschlichen Körpern bisheriger Folgen, nach der einen Einstellung, in der jemandem, der Strahlung ausgesetzt, buchstäblich das Gesicht vom Schädel zu schmelzen begann, schien mir das hier mehr wie eine bittere Formalität als ein neues Level des Trauma. Und für gewöhnlich hilft es auch wenig, wenn das Tier vermenschlicht wird, wenn ihm ein spezifischer Charakter zugeschrieben wird —— eher löst das einen Abwehrreflex aus. Offenbar ist das ein Defekt oder zumindest eine Anomalie meinerseits, immerhin gibt es ganze Websites mit der Funktion, Zuschauerinnen davor warnen, wenn dem niedlichen Hund auf dem Poster etwas Schlimmes zustößt.1Does the Dog Die? ist mittlerweile ein generelles, filterbares Verzeichnis von Triggerwarnungen, also auch über die Beantwortung der namensgebenden Frage hinaus eine wertvolle Ressource; der ursprüngliche Zweck für die Website-Gründung war aber eben die Warnung vor tragischen Enden für Tiere in Filmen.

Als in Andrew Haighs Lean on Pete das titelgebende Pferd starb, war mir das nicht egal: Obwohl ich weiß, wie diese Art Film funktioniert, obwohl sich der Unfall, der Pete tötet, wenig subtil ankündigt (und obwohl seine Inszenierung, ehrlich gesagt, eine gewisse Komik hat), und obwohl ich Pferde tendenziell eher gruselig als liebenswert finde, brach der Tod dieses Filmpferdes mir das Herz.

Ich glaube —— und das mag im ersten Moment paradox klingen ——, das hat damit, dass Haigh, der basierend auf Willy Vlautins Roman auch das Drehbuch schrieb, gar nicht erst versucht, Pete als Charakter, als besonders, als irgendetwas anderes als ein Pferd halt zu etablieren oder zu inszenieren: Petes Bund zur menschlichen Hauptfigur Charley ist keine große, vermenschlichte Freundschaft, er geht nicht über den instinktiven Bund hinaus, den jedes Tier halt zu dem Menschen hat, der sich um seine Verpflegung kümmert; wenn Charley Pete, als einzigem Vertrauten, der ihm noch bleibt, seine Wünsche und Träume und intime Erinnerungen erzählt, zeigt Haigh uns keine Reaction Shots von Pete —— Pete ist ein Pferd, Pete hat keine Ahnung, wovon Charley redet; Haigh macht sich nichtmal die Mühe, zu erklären, warum es genau dieses Pferd ist, in das Charley sich verliebt, und nicht eines der anderen, um die er sich früh im Film zu kümmern beginnt. Natürlich hat Pete, hat dieses spezifische Pferd, größere Bedeutung für die Handlung des Films als die Tiere in Chernobyl —— Haigh verlässt sich also auch nicht einzig auf diesen Reflex von Teilen des Publikums, besonders tief mitzufühlen, wenn es um das Schicksal von Tieren geht; aber er lädt Pete mit Bedeutung auf nicht, indem er ihn vermenschlicht, sondern indem er ihn zum »Gefäß« für Charleys Menschlichkeit macht: Kümmern soll uns Petes Tod einzig, weil Charley seine Träume und Hoffnungen jetzt nunmal auf dieses (eigentlich beliebige) Pferd projiziert hat; es ist der Tod eines Symbols, nicht der eines Charakters.

Das Tier als Verdinglichung des Innenlebens der menschlichen Figur anstatt als eigenständige Figur mit eigenem Innenleben: Auf dieser Basis emotional investiert zu sein, funktioniert natürlich nur, wenn die menschliche Figur präzise und lebendig gezeichnet ist. Charley ist es, und im beim Dreh selbst erst 17jährigen Charlie Plummer hat Haigh einen charismatischen und natürlichen Darsteller gefunden. Die anderen Darsteller, darunter Steve Buscemi und Chloë Sevigny, liefern ähnlich starke Performances, doch es ist an Plummer, diesen Film zu tragen: Er ist die einzige Konstante, die anderen Figuren verschwinden so unangekündigt aus dem Film wie aus Charley Leben.

Zu Beginn des Films lebt Charley, 15, zusammen mit seinem Vater, die Mutter hat die Familie verlassen, bevor Charley sie je kennengelernt hat; sie führen eine Existenz am Rande der Armut, ziehen dorthin, wo Charley Vater Arbeit findet. Es ist echte Liebe und Herzlichkeit in der Beziehung der beiden, aber auch Elemente, die etwas, wenn nicht ganz mi…