The Rise of Skywalker: Kino als PR-Entschuldigung

Es gibt einen Moment in Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker, so nach den ersten, hmm, 30-40 Minuten des Films, der mich ehrlich schockiert hat; ich will nicht zu spezifisch werden, nur so viel: Daisy Ridleys Rey verliert für einen kurzen Moment die Kontrolle, mit schwerwiegenden, vielleicht gar unverzeihlichen Konsequenzen. Nach diesen ziemlich zermürbenden 30-40 Minuten war das dringend notwendig, ein Weckruf, ein Signal, dass hier vielleicht doch noch was kommt: Ich war mir nichtmal sicher, ob ich diese erzählerische Entscheidung gut fand, aber sie war interessant —— zum ersten Mal hatte The Rise of Skywalker eine Perspektive, eine eigene Stimme.

In der nächsten Szene wird die Entscheidung rückgängig gemacht; nicht aufgelöst: ungeschehen gemacht. Leider ist das ziemlich exemplarisch dafür, wie The Rise of Skywalker funktioniert: Der Film »hat seine Momente«, wie man so schön sagt —— einprägsame Bilder, kleine, anregende erzählerische Ideen; aber schon das Publikum mal für einen Moment mit einem Gedanken, einem Gefühl, einer schockierenden Wendung allein zu lassen, ohne gleich eine Relativierung, eine Lore-Rechtfertigung oder gleich ein »War nicht so gemeint!« hinterherzuschieben —— schon das ist für diesen Film ein zu großes Risiko. Jede Entscheidung ist so darauf kalibriert, ja unkontrovers zu sein, das Publikum ja nicht herauszufordern oder zu irritieren, dass nichts in diesem Film Gewicht oder Konsequenz hat, nichts über den Moment, in dem es passiert, hinaus nachhallt.

Mir war natürlich bewusst, dass dieser Film nicht »für mich« gemacht ist. Zwar bleibe ich dabei, dass es mehr ein außer Kontrolle geratenes Meme ist als eine Tatsachenbeschreibung, dass The Last Jedi den Großteil des »Fandoms« vor den Kopf gestoßen hätte —— für die allermeisten Zuschauer*innen war er weder ein Meisterwerk noch ein Totalausfall, sondern »halt ein Star-Wars-Film«; sie haben ihn geguckt und dann haben sie was anderes mit ihrem Leben gemacht und wahrscheinlich —— wie schön, sich das vorzustellen! —— die ganzen letzten zwei Jahre nichts von den Fan-Wars um Rian Johnsons Episode VIII mitgekriegt. Aber Disney hat sich halt ein Geschäftsmodell konstruiert, in dem ein Film, der auf Platz 13 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten steht dennoch irgendwie als »Misserfolg« verbucht werden muss, und sie sehen das Problem offenbar nicht in diesem Geschäftsmodell, sondern darin, dass sie eine relativ kleine, aber ziemlich laute Gruppe von Fanboys nicht ausreichend umworben haben.

Entsprechend war bereits im Vorfeld abzusehen, dass es The Rise of Skywalker in erster Linie um Begrenzung von (echtem oder gefühltem) Schaden am Franchise gehen würde; das Narrativ in der Vorab-Promo lautete: Das hier ist der Film, der das Fandom wieder »vereinen« wird. »Vereinen« hier im Sinne von: Der Film würde so tun, als gäbe es den Teil des Fandoms nicht, der The Last Jedi mochte. The Rise of Skywalker würde erst an zweiter Stelle, wenn überhaupt, die Aufgabe haben, als, nun, Film zu funktionieren —— an erster Stelle steht die Aufgabe als ein Stück PR. Es würde mich nicht wundern, wäre das Drehbuch, wie eine dieser Entschuldigungen, die Promis manchmal auf Twitter raushauen müssen, in Apples Notiz-App auf dem iPhone geschrieben.

Genau so ist The Rise of Skywalker, und ich will ihn dafür gar nicht zu sehr abstrafen. Die Anomalie war ja eher, dass überhaupt ein Film wie The Last Jedi im Kontext eines Disney-Franchise existieren konnte: Für einen verschwindend kurzen Moment, ziemlich genau von Rogue One bis The Last Jedi, war das Star-Wars-Universum aufregend, ein Ort, in dem Regisseure1Generisches Maskulinum leider Absicht. sich ein Stück weit austoben konnten, auf den sie mit ihrer eigenen, spezifischen Perspektive blicken konnten. Das birgt Risiken, die nicht immer aufgehen —— für mich gingen sie einmal auf, einmal nicht ——, und warum sollte Disney diese auf Dauer auf sich nehmen, wenn sie aus Star Wars genauso gut eine gut geölte Maschine nach Marvel-Vorbild machen können?

Es waren also gar nicht mal die vielen Last-Jedi-Retcons an sich, die mich störten —— gut, doch, schon: wie Regisseur J.J. Abrams und Co-Autor Chris Terrio2Terrio schrieb Ben Afflecks Argo, aber seine letzten Credits sind Batman v. Superman und Justice League. Wer es als weißer Mann einmal reingeschafft hat in Hollywood, kann nicht mehr scheitern. die Frage nach Reys Eltern erneut aufrollen und dabei das Star-Wars-Universum, das Rian Johnson so wunderbar vergrößert hatte, wieder ganz klein machen; wie sie Rose, das —— jaja, lacht nur! —— schlagende Herz von Star Wars, die Figur, die mehr als irgendeine andere verkörpert und artikuliert hat, worum es in Star Wars geht, zur Komparsin degradieren3…und mit ihr Kelly Marie Tran, die von John Boyega schon in der Promo als eine Art Opfergabe an den jähzornigen Gott »Fandom« übergeben wurde.; wie sie erklären, was nie erklärt werden musste, und sich entschuldigen für die besten, mutigsten Entscheidungen des Vorgängers. Natürlich tut das alles ein Bisschen weh; aber ich hatte ja genug Zeit, mich darauf vorzubereiten.

Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Finale der Star-Wars-Saga so…lieblos sein würde. Sagt, was ihr wollt über J.J. Abrams, aber was niemand ernsthaft bestreiten würde, ist dass er sehr großer Star-Wars-Fan ist —— The Force Awakens, so ambitionslos er im Vergleich mit seinem Nachfolger und Rogue One rückblickend wirken mag, sprühte nur so vor Liebe und Leidenschaft und Enthusiasmus für dieses Universum. In The Rise of Skywalker ist von all dem wenig zu spüren; wahrscheinlich sollte mich auch das nicht überraschen —— es kam ja doch immer mal wieder durch, dass gerade Abrams The Last Jedi eigentlich ziemlich super fand ——, jedenfalls: Wäre ich die Sorte Fan, die der Vorgänger so wütend gemacht hat, ich würde es erst recht als Beleidigung auffassen, dieses irgendwie gleichzeitig scham- und lustlose Einschleimen.

Dass, zum Beispiel, Imperator Palpatine zurückkehrt und eine tragende Rolle spielt —— wohl als »Wiedergutmachung« für den im Vorgänger sehr plötzlich erledigten Snoke ——, ahnte ja jeder, der die Trailer und Poster gesehen hat. Mich persönlich hat diese Aussicht nicht gerade gereizt, ich hab schon Palpatines Rolle in der Original-Trilogie nie so ganz verstanden; aber wäre ich die Sorte Fan, der die Rückkehr dieser Figur etwas bedeutet, ich würde doch wollen, dass sich diese Rückkehr auch im Film wie etwas Großes, Bedeutsames anfühlt, oder? Wenn allerdings einige unsere Held*innen davon erfahren, reagieren sie mit fast buchstäblichem Achselzucken: Klar ist Palpatine am Leben und steckt hinter allem, ist da der Tonfall, Was hast du denn gedacht? Ich wäre ehrlich nicht überrascht gewesen, hätte eine Figur direkt in die Kamera gesagt: »Seid ihr jetzt glücklich? Ist es das, was ihr wolltet?«

Das ist die Ironie der »Schadensbegrenzung« dieses Films: Eindeutig als Entschuldigung an die Fans gedacht, die The Last Jedi hassen —— die, die jetzt offenbar auch von offizieller Seite als die »echten Fans« gesehen werden ——, und als, sagen wir, vornehmes Abstandnehmen von denen, die ihn liebten, ist The Rise of Skywalker letztlich viel respektloser diesen »echten Fans« gegenüber als es The Last Jedi je war. Der Film geht davon aus, dass diese Fans mit einer Art Checkliste im Kino sitzen, und setzt sich zum Ziel, das absolute Minimum zu erfüllen, um diese Checkliste abzuarbeiten —— dass eine Liste von Dingen, die passieren müssen, dann doch was anderes ist als eine Geschichte, scheint zumindest keine akute Sorge des Teams gewesen zu sein. Entsprechend hat alles eine »Lore«-Rechtfertigung —— gern einfach ungefragt von einer Figur aufgesagt ——, aber wenig eine emotionale. Diese Sorte Fanservice-Moment, die man in Marvel-Filmen oft hat, wenn irgendeine Referenz an irgendeinen Comic-Arc eingestreut wird, und die Nerds im Kino wissend kichern, während man als Gelegenheitszuschauer*in nur ratlos gucken kann? The Return of Skywalker ist um solche Momente herum konstruiert; sie sind, wofür dieser Film existiert —— ich bin mir ehrlich nicht sicher, ob jemand, der die Debatte der letzten zwei Jahre nicht mitverfolgt hat, der noch nie die »Wookieepedia« besucht hat, der einfach nur die Filme gesehen hat, überhaupt nachvollziehen kann, was eigentlich in The Rise of Skywalker passiert: So konfus ist der Plot, so voll von seltsamen MacGuffins, Lore- und Exposition-Dumps und eben diesen Momenten, in denen der Film direkt zu einer Sorte Fan spricht, dezidiert unter Ausschluss jeder anderen Sorte.

Dass der Film vieles rückgängig machen würde, was in The Last Jedi passiert ist, war klar, aber Abrams & Co. geben sich so wenig Mühe, an den Vorgänger anzuschließen, das Abarbeiten der Checkliste eben tatsächlich mit dem Erzählen einer kohärenten Geschichte zu vereinen, dass man sich im Grunde vorstellen muss, dass dieser Film in irgendeinem alternativen »Was wäre, wenn?«-Universum spielt. Gut möglich, dass die Verantwortlichen hier unterschätzen, wie verwirrend das für »Casual«-Fans —— aka: die Mehrheit —— sein wird.4Ganz am Ende gibt es einen Moment, der ein berühmtes »Versäumnis« der Originaltrilogie korrigieren will, der aber in-universe so absolut bizarr, so völlig unerklärlich ist, dass ich mir ein ganzes Subgenre an YouTube-Videos vorstellen kann, in dem Hardcore-Fans die Szene mit »Casuals« zusammen ansehen und versuchen, zu erklären, was zur Hölle da gerade passiert ist.

Der Fairness halber: Ein Bisschen von der alten Magie bleibt. Die Besetzung brilliert ungebrochen (auch, wenn vor allem Daisy Ridley oft gegen das Material kämpfen muss), besonders Adam Driver, dessen Kylo Ren auch gerade wegen seiner zügellos seltsamen Performance der faszinierendste Villain bleibt, den Star Wars je hatte5Ja, ich weiß, was ich da gesagt habe.; Abrams gelingen einige —— ja, gut, dann sag ich’s halt —— ikonische Bilder, und ein Setpiece am Ende des zweiten Akts, vor der Kulisse des im Meer versinkenden Todesstern6…oder diesem Todesstern-Ersatz aus Force Awakens, weiß ich grad nicht genau., wäre einer der stärksten Showdowns der Reihe, wäre es wirklich der Showdown, würde nicht bald ein viel weniger interessanter Showdown folgen; und, ja, es gibt halt eine Handvoll dieser Momente, bei denen ich mich nach vorne lehnte, wenn der Film plötzlich doch mit einer eigenen Stimme zu sprechen schien —— sie werden alle, ausnahmslos, wenig später nichtig gemacht, aber sie sind da, und sie schocken für eine Sekunde, machen wach, und das ist ja schon irgendwie was.

Aber es kommt nie wirklich zusammen. Es ist ja mittlerweile schwer, sich an die Zeit vor dieser neuen Star-Wars-Trilogie zu erinnern, aber ich gehörte damals zu denjenigen, die sehr skeptisch ob des die Nostalgie triggernden Marketings von The Force Awakens waren; damals hat Abrams mich rumgekriegt: The Force Awakens hatte Schwächen, traute sich noch zu wenig, das konnte ich schon erkennen, aber er war eben auch mitreißend, seine ehrliche Leidenschaft ansteckend. Es fühlte sich wirklich an wie der Beginn eines neuen, großen Abenteuers.

The Rise of Skywalker ist nur über sehr kurze Strecken sowas wie »mitreißend«, was, neben dem jede Immersion ruinierenden Fanservice, vor allem an der katastrophalen Dramaturgie liegt. Nur der zweite Akt ist vage film-förmig, der erste und dritte haben eher die Form einer Aneinanderreihung von Videospielcutscenes: Die Figuren hüpfen von Planet zu Planet, wie durch die Level eines Videospiels, vorbei an Kulissen, die nie mehr werden als das —— Kulissen ——, auf der Suche nach einem leuchtenden Stein —— hey, es funktioniert für Marvel! ——, der auch aussieht wie ein Videospiel-Powerup; sie treffen Figuren, die nur durch ihre Funktion für den Plot definiert werden, das Quest, was sie bereithalten, den Hinweis, den sie geben. Und im Finale, dem echten Finale, trifft inkohärentes Lore-Geblubber auf gewichtslose Effektorgie, vor belangloser, dunkelblau ausgeleuchteter Kulisse —— hey, es funktioniert für Marv–…ach, egal.

Es fühlt sich nicht an wie das Ende einer »Saga«; viel weniger als The Last Jedi fügt The Rise of Skywalker sich wirklich in das Große, Ganze. Es macht mich traurig, wie wenig Abrams selbst aus Plot-Beats macht, die emotional eigentlich Elfmeter ohne Torwart sein müssten: Aus bekanntem, traurigem Grund dürfte es niemanden überraschen, dass nach Han und Luke nun die letzte große Heldin der alten Trilogie, Leia, verabschiedet wird. Und, klar, Abrams musste hier mit sehr begrenztem Material arbeiten —— Leias Szenen sind notdürftig mit übrig gebliebenem Material der Vorgänger, CGI und ADR zusammengeflickt; aber das Problem sind gar nicht so sehr Fishers Auftritte als die fast komplett fehlende Reaktion der anderen Charaktere.7Ich mein: Fishers Tochter ist ja schon im Film, macht damit doch irgendwas! Jedenfalls: Ich kämpfe gewöhnlich schon mit den Tränen, wenn ich nur den Namen Carrie Fisher höre, aber hier, bei ihrer wohl wirklich allerletzten Performance und dem Abschied von ihrer legendären Figur, fühlte ich…nichts. Er wird abgehakt, so wie alles andere abgehakt wird, das absolute Minimum, das muss reichen.

Das mag nach all dem vielleicht überraschen, aber ich hasse The Rise of Skywalker nicht. Weitestgehend ist es halt doch der Film, mit dem ich gerechnet hatte, und das ist ein Bisschen schade, aber, nun, ich habe von der einzigen relevanten Figur der Star-Wars-Saga gelernt: Besser, als das zu bekämpfen, was man hasst, ist das zu zelebrieren, was man liebt. Wenn nichts anderes, dann hat The Rise of Skywalker mir noch einmal nachdrücklich vor Augen geführt, was für ein Wunder es war, dass ein Film wie The Last Jedi jemals die Erlaubnis bekommen hat, zu existieren: ein seltsamer, sperriger, persönlicher Autorenfilm, mitten im größten Franchise des Planeten. The Last Jedi verschwindet nicht, nur weil The Rise of Skywalker existiert, und wenn das hier wirklich ist, was »echte Fans« wollen, gönn’ ich’s ihnen. Müsste ich aber eine Prognose abgeben, würde ich sagen: Das hier wird das Fandom nicht »vereinen«, sondern weiter aufsplittern; manche »echte Fans« werden die »Korrekturen« lieben, manche allerdings werden sich durch das Geschleime erst recht beleidigt fühlen.8…und irgendwie werden die schlimmsten Fans, und Disney, beides als Argument gegen The Last Jedi werten. Und in 10, 20 Jahren, wenn wir die ersten Filme von Filmemacher*innen sehen, die dank The Last Jedi ihre Liebe zum Kino entdeckt haben, wird The Rise of Skywalker, losgelöst von allen Fandom-Kriegen, ein bizarres, kryptisches Seherlebnis bieten, und es wird selbst für die echtesten der »echten Fans« schwierig sein, den Film als irgendetwas anderes zu sehen als das, was er ist: eine panische (Über-)reaktion eines Konzerns auf einen kurzen, memetischen kulturellen Moment —— ein Stück PR halt.

Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

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