The Rise of Skywalker: Wie Leias letzter Auftritt Carrie Fisher verrät

Spoiler-Warnung: In diesem Text geht es um eine Einstellung in der allerletzten Szene aus Star Wars Episode IX: The Rise of Skywalker. Ich verrate jetzt keine Twists oder so, aber ist halt die allerletzte Szene.

Ich fand es ja sehr angemessen und berührend, welchen Filmausschnitt von Carrie Fisher die Produzent*innen der Oscars in ihrer 2017er »In Memoriam«-Montage zeigten: keinen aus der alten Star-Wars-Trilogie, mit Fisher als Prinzessin Leia, die Rolle, die sie zur Ikone machte; sondern einen aus der neuen Trilogie —— die ältere Carrie Fisher als General Leia.

Angemessen war das, weil zu Fishers Erbe nicht nur gehört, dass sie eine der wiederkennbarsten Rollen der Filmgeschichte gespielt hat; sondern auch, dass sie diese Rolle überlebt hat, ein Leben und eine Karriere anschloss, worin ihr Auftritt als die ikonische Prinzessin Leia fast zu den weniger interessanten Dingen gehörte. Star Wars machte Carrie Fisher berühmt, und natürlich bedeutete Leia vielen Menschen eine Menge; aber wer jetzt um Fisher trauerte, trauerte oft zu mindestens gleichen Teilen um die Autorin Carrie Fisher, die Geschichtenerzählerin Carrie Fisher, die Mental-Health-Aufklärerin Carrie Fisher, einfach die (öffentliche) Person Carrie Fisher. Der Oscar-Ausschnitt reflektierte das elegant: Er zeigte Fisher irgendwie in ihrer größten Rolle, aber irgendwie auch dieser Rolle entwachsen, größer als sie.

Und natürlich gebührt ähnliches Lob J.J. Abrams dafür, dass er das Material, dessen sich die Oscar-Produzent*innen bedienten, überhaupt geschaffen hat. The Force Awakens ist, rückblickend betrachtend, kein besonders aufregender Film, vor allem nicht im Vergleich zu seinem direkten Nachfolger The Last Jedi; es ist ein solider Setup für Rian Johnsons Vision, aber für sich genommen kein interessantes künstlerisches Statement. Dass Abrams Auftaktfilm aber so gut als Setup für Johnson funktionierte, liegt daran, dass er eines spektakulär richtig machte: die Charaktere. Abrams führte neue Figuren ein, zu deren interessantesten Charakterzügen und Backstory-Elementen er selbst wenig zu sagen hatte1…wie The Rise of Skywalker nochmal nachdrücklich beweist., aber die vielleicht gerade deshalb genau die richtige Balance trafen, damit Abrams’ Nachfolger sie möglichst interessant interpretieren und weiterentwickeln konnte: die Balance aus faszinierendem Ausgangsmaterial —— Finns Stormtrooper-Vergangenheit, das Mysterium um Reys Eltern ——, sodass Johnson nicht von Null anfangen musste, und einer Offenheit, die ihm dennoch ausreichend künstlerische Freiheit ließ, den Spielraum, eigene Themen und Ideen einzuarbeiten. Es wird ja derzeit allerorten behauptet, dass der große Fehler der neuen Trilogie gewesen sei, ohne einen Masterplan, ohne eine »Kevin Feige«-Figur im Hintergrund, (ursprünglich) drei unterschiedliche Regisseure nacheinander ihre Visionen von Star Wars realisieren zu lassen; aber zumindest die Progression von Abrams zu Johnson war und ist eine sehr natürliche, ihre Visionen kompatibler, als das für viele rückblickend scheinen mag: Johnson tendiert wie Abrams zu verwinkelten, puzzle-artigen Plots, aber ist besser darin, ihren Payoffs neben dem unmittelbaren »Aha!«-Effekt auch thematische Resonanz zu geben. Abrams als, ich meine das gar nicht abwertend, »Stichwortgeber« für Johnson, der die lästige, aber essenzielle Arbeit des Setup für ihn erledigt und dann aus dem Weg geht, bevor er die Schwächen seines »Mystery Box«-Ansatzes offenbaren kann, das war eine ideale Rollenverteilung.

Und es sind nicht nur Abrams’ neue Charaktere, die dieses erzählerische Potenzial hatten; auch seine Interpretationen der klassischen Figuren zeugten nicht nur von den Dekaden, die Abrams wohl über diese Figuren nachgedacht hat, sie etablierten sie auch aufs Neue, als Charaktere, die am Anfang ihrer eigenen, neuen Geschichten standen. Han Solos Regression zu seinem Einzelgänger-Dasein vor A New Hope, und die klare Codierung dessen als tragisch anstatt als cool, war ein kleiner Geniestreich Abrams’.

Und dann eben Leias Entwicklung: Schon in der Original-Trilogie hatte sie sich ja von der stereotypen Damsel in Distress (»Help me, Obi-Wan, you’re my only hope!«) zu einer aktiven, kompetenten Kämpferin für die Rebellion entwickelt. Man hatte stets den Eindruck, dass Leia sich zwar der Verantwortung ihrer »königlichen« Herkunft bewusst und gewachsen war, wusste, wie sich eine »Prinzessin« zu verhalten hatte; aber diese Rolle wäre nicht die, die sie selbst für sich wählen würde, und ihr Titel bedeutete ihr wenig.

Es schien also folgerichtig, in welche Richtung Abrams Leia weitergedacht hatte: Sie war noch immer in einer Führungsposition —— Leia bleibt eine geborene Anführerin ——, aber einer, die nicht auf ihrer Herkunft basiert, sondern ihrem Verdienst in der Rebellion, und die näher dran ist an der »Action«. Es war eine Liebeserklärung sowohl an George Lucas ursprüngliche Figur, die hier von Anfang an eine Art von agency hatte, die sie sich in der Originaltrilogie erst erkämpfen musste, als auch an Carrie Fisher, die immer ein ambivalentes Verhältnis zur ursprünglichen Version der Figur hatte: die, die zwischen Damsel und Heldin pendelte, mal über ihren Intellekt und ihren Mut, mal aber auch über ihre Schönheit definiert war; die neue Leia war eindeutig Heldin, nie Objekt, und sie legte wenig Wert darauf und gewann ihren Respekt nicht dadurch, wie sie aussah, sie hatte größeres im Kopf und wichtigeres zu tun.

Und —— und das mag Absicht gewesen sein, aber eher nicht —— Abrams’ Neueinführung Leias hatte thematische Konsistenz mit Rian Johnsons Ideen in The Last Jedi: Dass Leia ihren Adelstitel ablegt, funktioniert als Foreshadowing für Johnsons Absage an die Star-Wars-Konvention, nach der die die Macht den Angehörigen ein, zwei magischer Stammbäume vorbehalten ist.

OK: Ich hab ja hinreichend etabliert, dass Rise of Skywalker das, was The Last Jedi mühsam mit den Händen aufgebaut hat, mit dem Arsch wieder einreißt; der Moment, um den es hier geht, ist doppelt frustrierend, weil er auch Abrams’ eigene beste Ideen negiert —— und weil er, für mein Empfinden, seltsam respektlos ist gegenüber der verstorbenen Carrie Fisher und ihrer Rolle.

In der letzten Szene des Films reist Rey nach Tattooine2…was absolut idiotisch ist, denn Tattooine bedeutet dieser Figur nichts, sogar Luke selbst hat seinen Heimatplaneten ja gehasst., um Luke und Leias (?) Lichtschwert an dem Ort zu vergraben, an dem in A New Hope Lukes Tante und Onkel bei lebendigem Leib verbrannt wurden (??). Eine alte Frau kommt zufällig vorbei an diesem Ort, an dem laut ihrer Aussage »seit Jahren niemand mehr war« (???), und fragt Rey nach ihrem Namen. »Rey«, sagt Rey, und dann, nach einem Moment: »Rey Skywalker«.3Yikes. In der Pause zwischen ihren Sätzen schaut Rey in die Ferne und sieht die ihr zunickenden Force-Geister von Luke und Leia.

Hier ist, was mich an dieser Szene stört —— also, außer, dass sie existiert und dass Rey am Ende doch »Rey Skywalker« sein muss, einfach nur Rey nicht reicht: Leias Force-Geist trägt nicht ihr General-Leia-Outfit, sondern das ikonische weiße Kleid, das aus der »Help me, Obi Wan!«-Holo-Botschaft.

Schon klar: In erster Linie ist das halt einer von vielen nostalgischen Callbacks in diesem Film, eine weitere Chance für Abrams, sich bei den »echten Fans« anzubiedern, und gut möglich, dass da niemand weiter gedacht als bis dahin. Aber solche Details erzählen Geschichten: Schon in der alten Trilogie wurde Leias Kleidung funktionaler, unauffälliger, je mehr Leia zur aktiven Teilnehmerin im Kampf um die Galaxie wurde. Leia nun, am Ende ihres Lebens, am Ende ihrer Geschichte, wieder in ihrem ikonischen Kleid zu zeigen, suggeriert, dass sie auch in ihrer Identität full circle geht: Dass sie, im Tod, im Leben nach dem Tod, nicht mehr General Leia ist, sondern wieder und für immer Prinzessin Leia.

Der Fairness halber: Schon in The Force Awakens machte Abrams deutlich, dass Leias »königliche« Herkunft anderen Figuren noch immer etwas bedeutete, mehr, als es Leia selbst je bedeutet hat; dass hier, unmittelbar nach ihrem Tod, (ich glaube) Maz Kanata ein leises »Goodbye, Princess!« sagt, finde ich auch nicht unpassend. Aber Leia in ihrer ewigen, ihrer »endgültigen« Form wieder als Prinzessin zu zeigen, geht einen Schritt weiter: Es negiert die Entwicklung, die Abrams selbst in The Force Awakens vorgenommen hatte, und die agency der Figur, die nach dem Ende des Imperiums und der alten Republik ihre Identität endlich selbst hatte definieren dürfen. Und es ist ein bitterer Abschied von Carrie Fisher —— nach all den Dekaden, in denen sie sich von Leia freigespielt und -geschrieben hatte, nachdem The Force Awakens und The Last Jedi diese Mühe so berührend anerkannt hatten, ist sie am Ende doch wieder ganz am Anfang: eingefroren als eine entrückte, buchstäblich unwirkliche Vision, eine, die selbst in der eigenen Wahrnehmung der Figur nie wirklich echt war; eine konstruierte, eindimensionale Projektion, die weder der Figur noch ihrer Darstellerin gerecht wurde, und die beide eigentlich lange hinter sich gelassen hatten.


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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Am einfachsten sag ich euch vielleicht einfach ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

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