Medikamenten-Engpässe: Wenn man die eigene Abhängigkeit spürt (feat: Positives über Jens Spahn)

Ich musste kürzlich für ein paar Tage darauf verzichten, in der Öffentlichkeit Musik zu hören, weil jeder Song —— und ich meine jeder Song —— mich zum Weinen gebracht hat; ich hörte, sagen wir, Pumpkin von meiner neusten Late-to-the-Party-Entdeckung The Regrettes —— ein Song, den ich am ehesten als »niedlich« bezeichnen würde, ein klassischer Tearjerker ist es jedenfalls nicht ——, und am Ende meines Weges von meiner Haustür zur eine Minute entfernten Ubahn-Station strömten die Tränen in Bächen. Auch musste ich einmal nach links und nach rechts schauen und mich vergewissern, dass niemand zuguckte, bevor ich mein Handy rausholte, weil mein Wallpaper, ein Foto meiner Nichte, mein Gesicht regelmäßig in eine Imitation des »Cuteness Overload«-Memes verzerrte.

Das kann ein Effekt sein, wenn man plötzlich aufhört, Antidepressiva zu nehmen: Das Klischee, Antidepressiva würden diejenigen, die sie nehmen, zu »Zombies« machen, positive Gefühle wie negative abdämpfen, stimmt so nicht, jedenfalls nicht auf Dauer —— vielmehr stellt sich der Körper nach einer Weile auf den Effekt ein, kalibriert die »Baseline« neu, schüttet einfach mehr Hormone aus oder Neurotransmitter oder was auch immer für Emotionsregulierung zuständig ist, und man fühlt ganz normal seine Gefühle, nur ohne die suizidalen Tiefphasen; setzt man dann aber unvermittelt sein Medikament ab, braucht der Körper wieder eine Weile, um nachzukommen —— erstmal dosiert er die Hormone oder Neurotransmitter oder was auch immer weiter mit der großen Kelle, was sich, bei mir zumindest, so äußert, dass man wegen absolut jedem Scheiß zu heulen anfängt; was ansonsten vage melancholisch oder erfreulich wäre, ist, gemessen an der Menge Hormone oder Neurotransmitter oder was auch immer, die der Körper ausschüttet, plötzlich tieftraurig oder hochentzückend.

Antidepressiva plötzlich abzusetzen, kann weitere, weniger amüsante Effekte haben: Schwindel- und Schwächeanfälle, Übelkeit, Schweißausbrüche, Schüttelfrost —— und halt, ja, akute Suizidgedanken. Es hat schon seine Gründe, dass Psychopharmaka, wenn sie denn abgesetzt oder gewechselt werden sollen, langsam ausgeschlichen werden.

Ich habe mein Antidepressivum, Venlafaxin, nicht ausgeschlichen, oder nur so notdürftig —— für die letzten paar Tage habe ich eine Tablette weniger genommen. Das allerdings weniger, um einen gesunden Übergang zu gewährleisten, als um meinen Vorrat zu strecken: Venlafaxin hat derzeit Lieferengpässe, und das schon seit mindestens letzten Sommer; ob ich, wenn ich ein neues Rezept habe, auch rechtzeitig mein Medikament erhalte, ist Glückssache, manchmal muss ich eben ein paar Tage oder mal eine Woche oder zwei ohne auskommen. Ich wohne in Berlin und habe mehr Apotheken in Laufweite als Bäcker, keine Ahnung, wie es auf dem Land aussieht, aber müsste ich raten, würde ich sagen: jetzt nicht besser. Viele Patient*innen berichteten in den letzten Monaten, das Medikament auch nach Besuch mehrerer Apotheken nicht erhalten zu haben —— oder wenn, dann nur das »Original« Trevilor von Pfizer, was mit Mehrkosten im dreistelligen Bereich verbunden ist.

Herauszufinden, woran die aktuellen Lieferengpässe liegen, ist gar nicht so einfach. Meine Apothekerin konnte mir bislang keine Auskunft geben: »Wir warten selbst noch auf eine Stellungnahme«, sagt sie, regelmäßig, seit einem guten halben Jahr. Online finden sich generelle Angaben, warum es zu Lieferengpässen kommen kann: Medikamente werden immer seltener in Europa hergestellt, die Vertriebsketten sind auf größtmögliche Effizienz kalibriert, da kann schon die kleinste Panne große Auswirkungen haben; was aber im konkreten Fall die kleinste Panne ist, dazu gibt es nichts definitives. Einer Erklärung am nächsten zu kommen scheint eine vage, vom Hersteller aber explizit unbestätigte Information, die ein Apotheker in NRW im Telefongespräch mit einer Angestellten von Heumann erhalten haben soll: Ursache sei die Umstellung auf Secupharm gewesen, ein Verpackungssystem, das vor Medikamentenfälschung schützen soll. Heumann ist Hersteller von Generika1Medikamente, die in ihren Wirkstoffen mit bereits zugelassenen früheren Medikamenten übereinstimmen und meist billiger sind als das Original. und hat für Venlafaxin einen Markanteil von über 50 Prozent. Wenn ein solch dominanter Hersteller Lieferschwierigkeiten hat, kann es zu einer Art Kettenreaktion kommen: Kleinere Hersteller können die Lücke nur kurzzeitig füllen, bis auch ihre Bestände aufgebraucht sind und sie mit der Produktion nicht hinterherkommen.

Ohne irgendeine Art von »offizieller« Bestätigung sind jedoch all diese Angaben ohne Gewähr. Zwar führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Liste mit derzeit nicht oder schwer lieferbaren Medikamenten, inklusive (vermuteter) Enddaten der Engpässe; aber diese Liste basiert auf freiwilligen Angaben der Medikamentenhersteller —— meldepflichtig sind diese lediglich gegenüber Krankenhäuser, nicht gegenüber dem BfArM oder niedergelassenen Apotheken. Inwieweit man sich, angesichts der Unvollständigkeit der Angaben und der nicht angegebenen Ursachen, auf das als Ende des Engpasses angegebene Datum verlassen kann, scheint mir fraglich.

Bei seinem »Jour Fixe« zum Thema Liefer- und Versorgungsengpässe im vergangenen November schätzte das BfArM die Lage in Bezug auf Venlafaxin als unproblematisch ein: Es handle sich nicht um einen »versorgungsrelevanten« Engpass; einige Arzneimittel mit diesem Wirkstoff seien zwar »nicht oder nur eingeschränkt verfügbar«, doch einen »Lieferabriss« habe es nicht gegeben. Natürlich basiert diese Einschätzung aber auf denselben freiwilligen, sicher unvollständigen Angaben der Hersteller.

Generell stuft das BfArM Venlafaxin nicht als »versorgungsrelevanten Wirkstoff« ein. Die Liste dieser Wirkstoffe »wurde auf Basis der Vorschläge der medizinischen Fachgesellschaften und der WHO-Liste der essenziellen Arzneimittel zusammengeführt«, grundsätzliche Voraussetzung sei, »dass die Arzneimittel verschreibungspflichtig sind, und dass der Wirkstoff für die Gesamtbevölkerung relevant ist«.

Ich hab keine Ahnung, wann ein Wirkstoff »für die Gesamtbevölkerung relevant« ist, aber ich weiß, dass Venlafaxin zu den wirksamsten Antidepressiva gehört, und dass mehr Menschen an Suizid sterben als an Verkehrsunfällen, Drogenmissbrauch, AIDS und Mord —— zusammen; und ich weiß, dass ich, in den Tagen oder Wochen, in denen ich mein Medikament nicht nehme, tendenziell weniger am Leben hänge.

Ich weiß auch noch, wie lange es gedauert, wie viel Versuch und Irrtum es gebraucht hat, bis mein Psychiater und ich die richtige Kombination von Medikamenten, in der richtigen Dosis, gefunden hatten. Es gibt keine wirklich deckungsgleiche Alternative zu Venlafaxin: Es gibt andere SSNRIs (selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer), mit ähnlichen, aber nicht identischen Wirkmechanismen, doch ob sich diese genauso gut mit meinen anderen Medikamenten vertragen und ich die Nebenwirkungen genauso zu verschmerzen bereit bin, müsste man halt ausprobieren. Eine solche Umstellung wäre in jedem Fall ein langer Prozess, mit schrittweisem Ausschleichen des alten und vorsichtigem Einstellen des neuem Medikaments.

Gerade angesichts dessen —— weil die Frage im Raum steht, ob sich dieser Prozess lohnt —— frustriert es, keine verlässlicheren Informationen zu haben. Grundsätzlich bin ich sehr froh, ein Medikament gefunden zu haben, das mir hilft, und eigentlich hatte ich nicht vor, in diesem Leben nochmal lange ohne Venlafaxin zu sein. Aber auf absehbare Zeit regelmäßig, wenn auch nur für kurze Zeit, auf mein Medikament zu verzichten und mit den Entzugserscheinungen zu leben, kann auf Dauer auch nicht gesund sein, und Spaß ist eh was anderes.

Etwas, was ich in diesem Leben eigentlich auch nicht mehr vorhatte, ist etwas Positives über Jens Spahn zu schreiben, aber da sieht man halt, wozu mich diese Situation nötigt: Spahn will zumindest eine Meldepflicht über Lagerbestände und Lieferengpässe der »versorgungsrelevanten« Stoffe einführen, was mir jetzt im konkreten Fall nicht helfen würde, aber schon ein Fortschritt wäre (und eigentlich ein ziemlicher No-Brainer, oder überseh’ ich hier irgendein triftiges Argument dagegen?).

Ich weiß ehrlich gesagt nichtmal, ob man sich groß darüber aufregen darf, dass ein Medikament wie Venlafaxin nicht lieferbar ist. Vielleicht wurden die nötigen Rohstoffe bisher von unterbezahlten Kindern unter Tage gefördert, und jetzt gibt es einen Lieferengpass in Wahrheit, weil man auf fair bezahlte, krankenversicherte Facharbeiter in Laborumgebung umgestellt hat —— man weiß es halt nicht, als Laie. Aber Laie oder nicht, mir scheint ein Kontrollsystem, das sich an entscheidenden Stellen auf den guten Willen und freiwillige Mitarbeit von Pharmaunternehmen verlässt, jetzt nicht der Weisheit allerletzter Schuss. Diese kurzen Phasen ohne ein Medikament, das für mich mehr oder weniger lebenswichtig ist, haben mir auch vor Augen geführt, wie sehr ich eigentlich abhängig bin: Nicht nur von dem Medikament selbst —— das aber auch gleich in zweifacher Hinsicht, weil es mir gegen meine Krankheit hilft und weil mein Körper nicht mehr gewohnt ist, ohne zu funktionieren; sondern auch abhängig von intransparenten Prozessen und so mittelstreng beaufsichtigten Konzernen. Auch ist es der Selbstachtung nicht gerade zuträglich, täglich in der Apotheke vorzusprechen und zu fragen, ob denn jetzt endlich was von dem Zeug da ist, das macht, dass man passabel als erwachsener, selbstständiger Mensch funktioniert.

Mittlerweile habe ich mein Medikament bekommen, nach diesmal nur ein paar Tagen Wartezeit. Jetzt hab ich wieder einen guten Monat Ruhe, und vielleicht ist danach der Engpass ja beseitigt. Wenn nicht, habe ich mir überlegt, es auf meine alten Tage doch noch mit einer Schauspielkarriere zu versuchen, und halt nur in den Perioden zum Vorsprechen gehen, in denen ich auf mein Medikament warten muss und nichts weiter brauche zum Losheulen als, keine Ahnung, den Gedanken an das eine Internet-Video mit dem Coyoten und dem Dachs, die aussehen, als ob sie Freunde wären.


Wenn dir dieser Text gefallen hat, freue ich mich über eine kleine Unterstützung:

Abonnier meinen Newsletter, um keinen Text mehr zu verpassen:

Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.