It’s a practice: A Beautiful Day in the Neighborhood fordert uns heraus, ein Bisschen mehr wie Der wunderbare Mr. Rogers zu sein

In der klimaktischen Szene von A Beautiful Day in the Neighborhood schaut Tom Hanks, als Kinderfernseh-Star »Mister« Fred Rogers, für einen langen Moment direkt in die Kamera, regungslos, zu fast vollständiger Stille; hier nicht wegzusehen, ist so schwer wie bei einigen der schonungslosesten Darstellungen von Leid, Gewalt, Angst, die ich im Kino gesehen habe; es ist eine direkte Herausforderung an das Publikum, und eine gewagte künstlerische Entscheidung von Regisseurin Marielle Heller. Der ganze Film kommt für einen Moment zum völligen Stillstehen, und es ist einer dieser Momente, bei denen man sich als Zuschauer*in fragt: Macht die das jetzt wirklich? Ist das erlaubt?

Naja, »man« —— ich habe mich das gefragt: Ich weiß nicht, bei wie vielen Zuschauer*innen ankommt, was für ein ambitionierter, ja radikaler Film A Beautiful Day in the Neighborhood ist1Es kam, seufz, jedenfalls nicht bei den Wahlberechtigten der Oscars, Golden Globes oder BAFTAs an.; der Film ließ mich an einen Essay aus Roger Eberts »The Great Movies«-Reihe denken, den zu Groundhog Day, eins der schönsten Stücke Filmkritik, die ich kenne. Der Text beginnt so:

„Groundhog Day“ is a film that finds its note and purpose so precisely that its genius may not be immediately noticeable. It unfolds so inevitably, is so entertaining, so apparently effortless, that you have to stand back and slap yourself before you see how good it really is.

Auch er, fährt Ebert fort, habe Groundhog Day in seinem ursprünglichen Review unterschätzt: »I enjoyed it so easily that I was seduced into cheerful moderation.« Aber:

[…]there are a few films, and this is one of them, that burrow into our memories and become reference points. When you find yourself needing the phrase This is like „Groundhog Day“ to explain how you feel, a movie has accomplished something.

Auch A Beautiful Day in the Neighborhood entfaltet mit einer solchen Leichtigkeit, und ist so scheinbar simplistisch angelegt, dass bei flüchtigem Hinsehen vielleicht gar nicht auffällt, wie präzise er konstruiert ist, wie effektiv seine verspielten Stilisierungen —— der Film kommt im Grunde als eine lange Episode von Rogers’ Kindershow Mr. Roger’s Neighborhood daher —— und seine nur oberflächlich betrachtet klischeebeladene Handlung seine Ideen dramatisieren. Doch wenn man ihn lässt, kann der Film sich, ähnlich Groundhog Day, tief in der Seele einnisten, eine Referenz werden, vielleicht, ja, sogar eine Art Fixpunkt, der in düsteren Moment ein Bisschen Orientierung schafft.

Basierend auf einem Profil im Esquire-Magazin erzählt A Beautiful Day in the Neighborhood von, nun, einem Esquire-Journalisten, der ein Profil von Mr. Rogers schreibt. Lloyd Vogel heißt er im Film, gespielt von Matthew Rhys. Wie sein echtes Vorbild Tom Junod wird Lloyd eher widerwillig beauftragt, ein 400 Wörter kurzes Profil von Rogers für eine Ausgabe des Magazins über »Helden« zu verfassen. Das Interview verläuft schwieriger als gedacht —— auch das ist der Realität nachempfunden, Rogers war ein notorisch schwieriger Interview-Partner, angeblich weil er wenig Interesse hatte, über sich selbst zu reden, und stattdessen versuchte, alles über den Fragenden zu erfahren. Dennoch werden aus 400 Wörtern fast 10.000 —— für Lloyd Vogel wie für Tom Junod: Can You Say…Hero?, ein featurelanges Porträt, in dem es, ja, fast mehr um Tom Junod geht als um Fred Rogers, wurde die Titelgeschichte der Ausgabe, gewann prestigeträ…

Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Am einfachsten sag ich euch vielleicht einfach ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.