Von David Brent zu Michael Scott: Space Force gibt der Trump-Administration die The Office-Behandlung

In The Fifth Risk erzählt The-Big-Short-Autor Michael Lewis den Übergang von der Obama- zur Trump-Administration aus der Perspektive von »Career Employees« der Departments of Energy, Agriculture und Commerce: Angestellte, die zwar technisch gesehen für die Regierung arbeiten, aber nicht mit einer spezifischen Administration oder Partei assoziiert, sondern für ihre Fachkompetenz angestellt sind. Sie sind keine Parteifunktionäre, sondern Wissenschaftler, Anwälte —— Fachleute. Traditionell stellt eine ausscheidende Administration ausführliche Dossiers über die Arbeit dieser Ministerien zusammen, um einen möglichst reibungslosen Wechsel zu gewährleisten, und die Angestellten begrüßen die neue Administration, unabhängig ihrer persönlichen politischen Gesinnung, mit offenen Armen. Die Obama-Administration, das wird kaum jemanden überraschen, hat besondere Mühe in die Vorbereitung des Wechsels investiert; die Trump-Administration, das wird wirklich niemanden überraschen, zeigte wenig Interesse an einem reibungslosen Übergang, oder Verständnis dafür, warum man mit der Vorgänger-Administration zusammenarbeiten sollte, oder Kenntnis davon, was die einzelnen Ministerien eigentlich machen. The Fifth Risk ist ein spannendes Buch, zeigt es doch recht eindrucksvoll, wie weit weg von »normal« eine Trump-Administration ist: Die »Career Employees«, die Lewis interviewt, sind geradezu demonstrativ apolitisch —— soweit das bei Regierungsjobs möglich ist ——, und der Übergang ist, normalerweise, ein rein administrativer, kein ideologischer Prozess1; doch selbst ein solcher Vorgang kann unter Trump nicht ohne kleinlich-ideologische Spielchen und Zurschaustellen spektakulärer Inkompetenz vonstatten gehen.

Wenn ich raten müsste, was zur Hölle Greg Daniels’ und Steve Carells neue Netflix-Serie Space Force sein soll —— und ich schätze, für die Zwecke dieses Reviews muss ich raten ——, dann das: eine fiktionale, absurde Bearbeitung der Ideen von The Fifth Risk; eine Geschichte über eine Gruppe von Career Employees, für die ideologische Unterschiede stets hinter dem Bedürfnis stehen, einen guten Job zu machen, und die versuchen, das beste aus der Situation zu machen, in die die neue, dezidiert nicht normale Administration sie gezwungen hat.

Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Das wahre Problem an Space Force ist, dass man nicht weiß, was schlimmer ist.

Die titelgebende Space Force ist natürlich der von Donald Trump ins Leben gerufene Arm des US-Militärs, der mit der Militarisierung des Weltraums beauftragt ist.2 Das ist dezidiert etwas anderes als, sagen wir, das Department of Energy: Der Sinn der Existenz einer »Space Force« ist mindestens fragwürdig. Sich oder seine Arbeit als »apolitisch« zu identifizieren, ist immer irgendwie Quatsch, aber es ist zumindest leicht vorstellbar, wie jemand seine Arbeit für Ministerien wie die, die Lewis in The Fifth Risk beobachtet, so sehen kann: Diese Ministerien existieren stets länger als die jeweilige Administration, ihr Nutzen und die Notwendigkeit ihrer konkreten Aufgaben —— das Department of Energy ist beispielsweise mit der Entsorgung nuklearen Abfalls beauftragt —— sind unbestritten und unideologisch.3

Die »Space Force« ist ein hochideologisches Projekt, eins, dessen Nutzen, sagen wir mal, sich nicht jedem erschließt, und das eng mit dieser aktuellen Administration assoziiert ist. Es ist jetzt nicht unvorstellbar, dass auch hier Menschen arbeiten, die keine ideologische Nähe zu Trump und seiner Administration verspüren, und vielleicht sogar das Konzept der Space Force an sich ablehnen, aber glauben, hier doch irgendwie gute oder wichtige Arbeit leisten zu können. Aber das Publikum mit dem Leiter dieser Organisation mitfiebern, den Erfolg der Space Force anzufeuern zu lassen, ist ein deutlich unbequemerer Pitch als es wäre, ginge es um einen weniger sagen-wir-mal umstrittenen Zweig der Regierung.

Und Daniels und Carell machen höchstens Lippenbekenntnisse, diese Problematik wirklich zu konfrontieren. Das hier ist keine Armando-Iannucci-Show: Es geht nicht darum, eine Gruppe furchtbarer Menschen zu beobachten und zu fragen, welches System sie so gemacht, ihre schlimmsten Tendenzen verstärkt und belohnt hat. Der Greg Daniels, der Space Force geschrieben hat, ist erkennbar der, der aus dem Ekel David Brent den liebenswerten Trottel Michael Scott gemacht hat: Wir lieben diese Figuren, und wir hoffen auf ihren Erfolg, selbst dann, wenn sie sich so mittel-überlegt verhalten, selbst dann, wenn die Hindernisse, die sie auf dem Weg zum »Erfolg« überwinden müssen, direkt Donald Trumps paranoiden Fantasien entspringen.

Carells Figur, General Mark R. Naird, erfüllt eine seltsame Doppelfunktion: Gegen seinen Willen beauftragt, die Space Force zu leiten, ist er einerseits ein No-Nonsense-Anführer, der aus einer absurden Situation das beste zu machen versucht; Naird, so die Implikation, ist kein überzeugter Anhänger der Trump-Adminisstration, aber überbezeugter Soldat, der es als seine Pflicht sieht, seinem Land zu dienen, auch, wenn das bedeutet, einen Arm des Militärs zu leiten, dessen Sinn sich ihm selbst nicht ganz erschließt. Da aber, in der ermüdenden Tradition so viel liberaler Polit-Comedy der letzten vier Jahre, nie expliziter Bezug auf die Trump-Administration genommen werden oder gar Namen genannt werden können, muss Naird gelegentlich auch als Trump-Stand-In herhalten. Nachdem ein Space-Force-Satellit, bereits im Orbit, von einem Sabotage-Satellit (?) aus China sabotiert wird4, versucht Naird, gegen die Ratschläge des wissenschaftlichen Personals der Space Force, einen zuvor als Experiment in den Weltraum geschossenen Schimpansen zu dirigieren, den Schaden zu reparieren. Es ist eine lange Sequenz, in der Carell sich sehr, sehr albern verhält, und es ist…ziemlich lustig?5 Dieselbe Sequenz in, sagen wir, Avenue Five, Iannuccis letztes Jahr auf HBO gestarteter Space-Comedy: Das könnte schon funktionieren! Den Konflikt, den Daniels hier anlegt, zwischen Naird und dem wissenschaftlichen Leiter Dr. Adrian Mallory (John Malkovich), zwischen den militärischen und den wissenschaftlichen Zielen der Organisation, würde wohl auch ein Iannucci hochspielen.

Aber im Kontext dieser Serie ist die Sequenz bizarr: Naird agiert hier weit out-of-character, zu einem Grad, dass man sich wirklich fragen muss, ob diese Sequenz ein Überbleibsel eines früheren, schärferen Drafts ist. Für den Großteil der Serie ist er eine weit weniger lächerliche Figur, und seinen Konflikt mit Mallory erzählt Daniels als Buddy-Komödie: Die beiden haben ihre Differenzen, aber sie stehen am Ende auf derselben Seite. Naird ist unser Held, unsere Point-of-View-Figur, mit der wir leiden und uns freuen sollen —— und dass er sich halt gelegentlich wie ein gemeingefährlicher Irrer verhält und damit ganz bewusst an diesen anderen gemeingefährlichen Irren erinnert, das ist einfach irgendwie Teil seines Charmes?

Das traurige ist: Manches an Space Force hat wirklich Charme, und vieles weitere deutet zumindest an, in der Tradition von Daniels’ bisherigen Projekten in späteren Staffeln sein Potenzial entfalten zu können. Die seltsame Konstellation von Nairds Familie, mit Naird als quasi-alleinerziehendem Vater der Teenie-Tochter, weil die Mutter (Lisa Kudrow) für die nächsten Dekaden im Gefängnis sitzt, sorgt für einige ehrlich berührende Momente;6 ein Romance-Subplot zwischen Mallorys rechter Hand Dr. Chan Kaifang (Jimmy O. Yang) und Captain Angela Ali (Tawny Newsome), Soldatin, Pilotin von Nairds persönlichem Helikopter und spätere Astronautin, erinnert an Jim und Pam aus The Office, als die noch charmant waren;7 und, klar, der Cast: Carell darf hier beide Seiten seines Schauspiels vereinen, und auch, wenn das gelegentlich der Konsistenz seiner Figur schadet, tut es vor allem gut, ihn nochmal so groß und albern spielen zu sehen; Kudrow ist in ihrer Post-Friends-Karriere chronisch unterschätzt, und sie ist so gut in ihrer relativ kleinen Rolle, dass man fast lieber eine Serie über diese Figur gesehen hätte, eine Art Orange is the New Black by way of The Comeback, oder so. Malkovitchs Performance ist…vielleicht eine meiner liebsten seiner Karriere? Sein Mallory ist manieriert und neurotisch, nah am »Awkward Nerd«-Stereotyp, aber er hat auch einen gewissen, ähem, Swagger, eine Selbstsicherheit in seiner Awkwardness —— es ist so kurz vor der Karikatur, aber nie ganz drüber. Nicht zu vergessen Fred Willard, dessen kleine Rolle als Carells Vater seine letzte Performance war.

Aber weil die Probleme von Ton und Prämisse so schwer wiegen, haben selbst diese für sich genommen gelungenen Elemente eine unangenehme Färbung: Im Kontext tragen sie nur dazu bei, dass die wenigen Momente, in denen die Gefährlichkeit und Imkompetenz der Administration hinter der »Space Force« durchblitzt, zu sympathisch-albernen Sitcom-Hijinks verharmlost werden.

Daniels will mit Space Force seinen Kuchen haben und essen, und das Ergebnis ist verheerend: Erwartet von Space Force, und für den Worst Case gehalten, hatte ich zahnlos-liberale Hashtag-Resistance-»Satire«. Aber gewollt oder nicht, die Perspektive, die Space Force einnimmt, ist nicht »liberal« oder auch nur zentristisch: Sie ist offen pro Trump. Die Serie gestikuliert hier und da Richtung der generellen Albernheit der Situation, aber das ist es halt auch: Selbst, wenn die Administration direkten Einfluss auf die Space Force nimmt, ist das schlimmstenfalls lächerlich —— wie wenn die Organisation alberne neue, von der First Lady designte Uniformen tragen muss ——, nie bedrohlich. Was eine reale, akute Bedrohung ist, ist China, und auch, wenn mit Mallory eine Stimme gegen die Idee des Weltraums als Sache des Militärs da ist, auch wenn Naird im Finale ein Gewissen entwickelt und sich weigert, Befehle zur Eskalation des Konflikts zu befolgen, lässt die Serie nie Zweifel an der unterliegenden Prämisse: Im Weltraum herrscht bereits Krieg, wir entscheiden nur noch, mit welchen Mitteln wir ihn führen wollen. Für eine Organisation wie die Space Force bedeutet das: Man kann ihr Handeln manchmal lächerlich finden, an einzelnen Entscheidungen und Strategien und Proportionalität zweifeln, aber ihre grundsätzliche Notwendigkeit, die Notwendigkeit der Militarisierung des Weltraums, die ist unbestritten. Das, also, ist Daniels’ und Carells Projekt mit dieser Serie, so unbeabsichtigt es vielleicht sein mag: Sie stellen die Space Force auf eine Ebene mit etablierten Zweigen der Regierung wie dem Department of Energy; und sie unterziehen Donald Trump, oder seine Administration, derselben Behandlung, die David Brent zu Michael Scott gemacht hat —— aus einem rassistischen, verkrusteten Narzissten einen etwas tumben, aber herzensguten, harmlosen Naivling, mit dem gelegentlichen Blitz einer seltsamen Art von Genie.


  1. Natürlich hat auch in diesen Ministerien das Politische und Ideologische seinen Einfluss, aber gewöhnlich kommt das später und berührt nicht die Arbeit aller Angestellten. ↩︎
  2. …oder so, was weiß denn ich. ↩︎
  3. …in der Theorie, in der Praxis ist natürlich nichts unideologisch, yadayadayada, wir sind alle sehr schlau. ↩︎
  4. Es wundert mich ehrlich, dass Donald Trump für diese Plotline keinen Writing Credit hat. ↩︎
  5. Vielleicht hab ich mich auch einfach darüber gefreut, dass Carell zwischen seinen ganzen Oscar-Bait-Rollen noch Lust hat, albern zu sein. ↩︎
  6. Auch, wenn die letzte Folge dem Ganzen einen etwas billigen Schlusstwists gibt. ↩︎
  7. Auch hier hat Daniels aber offenbar völlig verlernt (oder Netflix’ plotfokussiertes Binge-Modell verbietet es ihm), das Long Game zu spielen. ↩︎

Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.

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