Carly Rae Jepsens Dedicated Side B ist raus & es ist ein ganzes Album & vielleicht ist doch nicht alles schlecht auf der Welt?

Im Grunde seit Erscheinen von Carly Rae Jepsens Dedicated vor ziemlich genau einem Jahr fordern Fans, dass Jepsen mit einer B-Seiten-EP nachlege, wie sie es zu ihrem letzten Album Emotion getan hatte. Ende Mai, mit nur einem Tag Vorankündigung, veröffentlichte Carly dann tatsächlich Dedicated Side B, und diesmal wurde aus einer EP ein ganzes Album.

Ein Überraschungs-Release von Carly Rae Jepsen ist natürlich willkommen, gerade jetzt (anders als zB. Kino konnte Popmusik ja eh weitgehend ihre regulären Veröffentlichungspläne beibehalten, was auch der Grund ist, warum ich derzeit mehr über Musik schreibe als sonst); ich muss allerdings zugeben, dass es nicht ganz leicht ist, dieses Album jetzt zu hören: Carly Raes Songs sind nicht unbedingt dafür geschrieben, sie in der Isolation zu hören —— gut, außer Party for One auf Dedicated, das durchaus als eine Art unfreiwillige Quarantäne-Hymne funktioniert. Tatsächlich war Carlys Berlin-Konzert im Februar die letzte dieser gefährlichen Großveranstaltungen, die ich besuchen konnte.

Aber selbst, wenn man derzeit nicht auf wilden Partys dazu tanzen kann —— was ich sonst ganz bestimmt getan hätte, ähem ——, macht Dedicated Side B eine Menge Freude. Es ist wahrscheinlich das Idealszenario für ein B-Seiten-Album: Die Songs sind gut genug, dass es schade gewesen wäre, wären sie nie veröffentlicht worden, doch bei den meisten von ihnen ist es nicht schwer, Gründe zu finden, warum sie es nicht auf Seite A geschafft haben; und mit einer etwas breiteren Kenntnis der Auswahl, die Jepsen und ihr Team beim Zusammenstellen des Albums hatten, gewinnt man neuen Respekt für die Entscheidungen, die sie dabei getroffen haben.

Dedicated, das macht Side B deutlich, hätte ein weitaus saferes Album sein können. Die 12 Songs auf Side B sind classic Carly, Fanservice im besten Sinne: catchy Hooks, tongue-in-cheek Lyrics, und diese patentierte, trotzige Carly-Naivität —— Carly singt über Liebe, um Thees Uhlmann zu paraphrasieren, als hätte sie sie persönlich erfunden. Aber nichts auf Side B ist so campy wie Everything He Needs, so entwaffnend aufrichtig und verwundbar wie Real Love, so unverschämt, fröhlich horny wie Want You In My Room. Hätte Carly auf Emotion eine Sammlung von klassischen Bangern folgen lassen wollen, hätte sie das Material gehabt, stattdessen hat sie sehr bewusst ein seltsameres, überraschenderes Album gemacht.

Für eine Sammlung von Songs, die immer als Nachgedanke zum »richtigen« Album wahrgenommen werden wird, enthält Dedicated Side B aber einige geradezu unverschämt gute Popsongs. Solo geht in eine ähnliche Richtung wie Party for One, nur als Club-Hymne anstatt als Soundtrack, um allein durch die Wohnung zu tanzen; Let’s Sort the Whole Thing Out erinnert mit seinem Teenie-Storytelling (»Then he said…«) und seinem naiven Charme an Carlys Kiss-Ära, das Album, das Call Me Maybe enthielt (und ich weiß nicht, ob Titel und Hook eine bewusste Referenz an Let’s Call the Whole Thing Off von George und Ira Gershwin ist, aber ist auch egal, es funktioniert auf jeden Fall als tongue-in-cheek Replik); und der Opener This Love Isn’t Crazy hätte problemlos irgendwo in den leicht düsteren Mittelteil von Emotion gepasst, mit all seinen großen, messy, nun, Emotionen.

Und insofern ist Dedicated Side B dann doch irgendwie genau das richtige Album für die Quarantäne: Wenn es in Carlys Musik um eins immer irgendwie geht, dann um dieses Gefühl, überzulaufen vor Emotionen und Gedanken an Menschen, die man nicht haben kann oder zumindest noch nicht oder gerade nicht hat; darum, darüber habe ich ja in meinem Review zur A-Seite von Dedicated geschrieben, von allem immer irgendwie too much zu fühlen, und nicht zu wissen wo hin jetzt damit. Ich glaube, eine Version davon fühlen gerade viele von uns: Unsere Gedanken und Gefühle sind too much für Zoom-Calls und Discord-Hangouts. Daran kann Carly Rae Jepsen nichts ändern, aber wie immer schafft sie es auf Dedicated Side B wie kein anderer Popstar, genau dieses Überlaufen an Gefühlen zu feiern; denn in Carlys Welt ist zu fühlen, irgendwas zu fühlen, und sei es Einsamkeit oder Vermissen oder Verlustangst, an sich etwas, das es zu feiern gilt, mit der größten Hook und dem tanzbarsten Beat, der ihr einfällt.

Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.

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