Thrillingly horrible: Josephine Deckers Shirley weiß, was Netflix’ The Haunting of Hill House fehlte

Am Ende von The Haunting of Hill House —— Mike Flanagans Netflix-Serie, lose inspiriert von Shirley Jacksons Roman —— treffen die beiden ältesten Männer der Familie im Zentrum der Geschichte eine Entscheidung: Hugh Crain überzeugt seinen Sohn Stephen, die Wahrheit der letzten gemeinsamen Nacht der Familie im titelgebenden Hill House weiterhin vor seinen Geschwistern zu verbergen. Hughs Geheimhalten der Ereignisse war dafür verantwortlich gewesen, dass die Crains sich zerstritten und die Kinder den Kontakt zum Vater abgebrochen hatten; Herausfinden zu wollen, was wirklich in dieser Nacht passierte —— was, unter anderem, zum Tod ihrer Mutter Olivia führte —— war was alle vier Crain-Geschwister angetrieben hatte, nach Hill House zurückzukehren —— doch am Ende erfährt nur Stephen die Wahrheit, kurz bevor Hugh selbst sein Leben lässt.

So könnte durchaus eine von Shirley Jacksons Kurzgeschichten enden —— nur wäre der Ton wohl ein anderer: Es wäre eine ironische, bittere Schlusspointe, nicht, wie in der Serie, ein Happy End. So ist es eindeutig gedacht: Die Serie endet mit einem idyllischen Zusammenkommen der überlebenden Crains, vereint durch Stephens Entscheidung, dieselbe Lüge zu perpetuieren, die sie einst entzweit hatte. Dazu zieht Stephen in einer kitschigen Variation des Anfangs der Romanvorlage Bilanz. Jacksons originaler Absatz eröffnet auch die Serie —— im Serienuniversum ist Stephen der Autor, und das Buch »The Haunting of Hill House« kein Roman, sondern ein trashiges Memoir; Jacksons Text wird also in-fiction nicht nur einem Mann zugeschrieben, es wird auch impliziert dass er, nun, schlecht ist, oder zumindest ein Bisschen billig, exploitativ.

Gut, Geschmäcker sind verschieden, aber ich bin nicht allein in der Ansicht, dass der erste Absatz von The Haunting of Hill House vielleicht der brillanteste Romananfang der Literaturgeschichte ist, und der Roman als ganzes nicht nur eine der faszinierendsten, vielschichtigsten Horrorgeschichten in der Geschichte des Genres, sondern auch ein meisterhaftes Stück Prosa: Hill House enthält Passagen —— und viele ——, die mich beinahe das Schreiben aufgeben wollen lassen, angesichts derer ich mich schäme, einen vage verwandten Beruf wie Jackson auszuüben. Obwohl ich Mike Flanagans Werk eigentlich schätze und sein Projekt, eher die Motive und Themen von Jacksons Roman zu adaptieren als den Plot, interessanter finde als eine straighte Verfilmung1Zu sehr lebt der Roman von ebendieser funkelnden, evokativen Prosa, und Jacksons Fokus auf die Perspektive ihrer idiosynkratischen, seltsamen Hauptfigur., war die Serie als Jackson-Fan —— und auch hier bin ich nicht allein —— nicht immer leicht anzusehen; sie begann damit, dass Jackson die Autorenschaft über ihre eigene Geschichte abgesprochen wurde, und endete damit, dass die Welt, die Jackson in ihrem Eröffnungsparagraph so elegant, in nur drei Sätzen, aus den Fugen hebt, in einem an Scrubs erinnernden »Was wir heute gelernt haben«-Voice-Over wieder gerade gerückt wurde —— und, schlimmer: damit, dass zwei Männer, in einer Entscheidung, die als selbstlos, ja heroisch charakterisiert wird, die Kontrolle über das Narrativ beanspruchen. Gibt es ein Thema, das Jacksons gesamtes Werk vereint, dann dass der wahre Horror, dem Frauen ihrer Zeit ausgesetzt waren, darin bestand, dass Männer die Deutungs- und Offenbarungshoheit besaßen, beanspruchten, zu entscheiden, was sagbar ist. »Her body of work«, schreibt Ruth Franklin in ihrer Biographie Shirley Jackson —— A Rather Haunted Life, »constitutes nothing less than the secret history of American women of her era.«2In ihrem Review der letzten Folge der Serie schreibt Franklin: »When I heard the way the show’s ending alters [the last line of the opening paragraph], the words ›Are you fucking kidding me?‹ escaped my lips.«

Josephine Deckers Shirley ist eine weitere sehr lose Adaption: diesmal nicht von einem Werk Jacksons, sondern einer Periode ihres Lebens. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Susan Scarf Merrell erzählen Decker und Drehbuchautorin Sarah Gubbins die Geschichte eines jungen Paares, Rose (Odessa Young) und Fred (Logan Lerman) Nemser, die übergangsweise bei Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg) unterkommen, einem Professor Freds und Shirley Jacksons Ehemann. Shirley (Elisabeth Moss), aufgrund ihrer Angststörung und Agoraphobie ans Haus gebunden, hat gerade mit der Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichte The Lottery im New Yorker einen Skandal ausgelöst und arbeitet an ihrem Roman Hangsaman, was den Film irgendwo zwischen 1948 und ’51 einordnet.

Die Zeichnung Shirleys und ihrer Beziehung zu Stanley haben historische Basis: Die echte Shirley Jackson kämpfte mit psychischen Krankheiten, und Hyman sah gelegentlich abschätzig, auch mit einem gewissen Neid auf Jacksons Werk und Erfolg und war ihr untreu. Die Prämisse des Films allerdings ist Fiktion, Rose und Fred sind erfunden. So interessant wie das, was der Film dazuerfindet, ist aber was er weglässt: Zum Zeitpunkt der Handlung —— egal, wann genau man ihn in der Periode zwischen The Lottery und Hangsaman einordnet —— waren in der Realität mindestens zwei von Jacksons vier Kindern geboren; im Film sind Shirley und Stanley kinderlos.

Deckers Shirley —— im Grunde zu wenig fähig außer zum Schreiben und im Umgang mit ihren Mitmenschen, sagen wir, schwierig —— rückt so in die Nähe des »Tortured Genius«-Tropes, gegen das ich einen geradezu pawlow’schen Abwehrreflex habe. Tatsächlich ist das ein Grund, warum Jackson zu den wenigen Persönlichkeiten gehört, über die ich ein »klassisches« Biopic zu sehen ich erfrischend fände: Während es zweifelsohne Ansatzpunkte für Biopic-Drama gibt, war Jacksons Leben in seinen Grundzügen auffällig normal;3Gut, dass Jackson als Frau in den 50ern überhaupt irgendeinem Beruf nachging, war natürlich nicht ganz »normal«. denken wir an die Sorte Genie, denen wir verklärende, formulaische Porträt widmen, visualisieren wir wohl nicht als erstes eine 50er-Jahre Hausfrau, die, wie Jacksons Sohn Laurence Jackson Hyman im Gespräch mit Shirley-Star Elisabeth Moss formuliert, »drei Mahlzeiten am Tag kochte und [ihre Kinder] zu Zahnarztterminen und Pfadfindertreffen fuhr«.4Neben Horror schrieb Jackson komische Essays über ihr Familienleben, die Kritiker*innen nicht immer mit ihrem Hauptwerk zu vereinen wissen, aber die Teil desselben Projekts sind, die messy Realität hinter der domestischen Fassade freizulegen. Aus heutiger Perspektive sind die in den Bändern Life Among the Savages und Raising Demons gesammelten Texte auch deshalb spannend, weil sie formal und tonal den Personal-Essay-Boom der vergangenen Dekade vorwegzunehmen scheinen.

Shirley ist nicht diese Art Porträt, aber es ist auch nur sehr oberflächlich betrachtet ein Versuch, Jackson in irgendeine Art von Trope zu zwängen; im Grunde interessiert sich Decker —— anders als der Titel und der Marketing-Fokus auf Elisabeth Moss und ihre Performance nahelegen —— gar nicht für Shirley Jackson als Person: Vielmehr dramatisiert ihr Film den Effekt, den Jacksons Geschichten auf ihre Leser*innen haben können —— und fragt, generell, warum gerade Leserinnen Interesse an Geschichten haben, in denen nicht selten Frauen Opfer von Gewalt werden.

»Thrillingly horrible« habe sie sich gefühlt, sagt Rose zu Shirley früh im Film, als sie The Lottery gelesen habe; das beschreibt wohl auch das Gefühl, mit dem sie Shirley und Stanleys Haus am Ende verlässt. Wenn Shirley ein Horrorfilm ist, sind Shirley und Stanley die Monster: Beide terrorisieren und manipulieren nicht nur einander, sondern auch ihre jungen Gäste. Stanley ist im Grunde ein Raubtier —— der »Horror«, der von ihm ausgeht, ist schnörkellos: Er belästigt Rose sexuell, trennt Rose und Fred voneinander, lebt Fred toxisches Verhalten vor. Shirleys Horror ist subtiler, aber geht auch tiefer: Sie castet Rose als eine Art Muse, oder vielleicht besser, ein Versuchskaninchen, das ihr hilft, die Protagonistin ihres Romans —— eine junge Studentin —— zu verstehen. Shirleys Manipulationen verändern Rose, verraten ihr Dinge über sich, ihre Ehe und ihren Platz in der Welt, die sie nie wissen wollte —— aber die sie am Ende auch befreien, wenn vielleicht nur in ihrem Kopf.

»Josephine Deckers Shirley versteht, was Shirley Jacksons Geschichten so ›thrillingly horrible‹ macht.«Click to Tweet

Die Wahl von Hangsaman als das Werk, an dem Shirley arbeitet, ist interessant: Der frühe Roman —— Jacksons zweiter —— hat nicht den Stellenwert ihrer späten Meisterwerke The Haunting of Hill House und We Have Always Lived in the Castle. Doch die Geschichte des Romans fungiert nicht nur als Projektionsfläche für Rose, die sozusagen by default ihre eigenen akademischen Ambitionen hinter die ihres Ehemanns stellt und die Rolle als Hausfrau und Mutter übernimmt; der Film knüpft so auch eine thematische Verbindung in die Gegenwart: Hangsaman ist inspiriert vom Verschwinden der Studentin Paula Jean Welden 1946, und hat so Züge vom modernen »True Crime«-Genre, dessen Popularität besonders von Frauen angetrieben ist.

Es ist unmöglich für mich, Shirley als Film losgelöst von seiner Beschäftigung mit Shirley Jackson und ihrem Werk zu betrachten; ich weiß nicht, ob der Film als reiner Horrorfilm besonders furchteinflößend oder als Psychothriller besonders spannend ist. Der Film bewegt sich, ohne größere Überraschungen, ziemlich genau in die Richtung, die man erwartet, und Deckers Bildsprache —— auch, wenn sie Moss’ Performance perfekt in Szene setzt —— ist verbreitet im Indie-Thriller und —Horror der letzten Jahre, sodass sich langsam erste Abnutzungserscheinungen zeigen: extreme Close-Ups, Fokus-Verschiebungen, so Sachen. Als ein Film im Dialog mit Jacksons Werk aber funktioniert Shirley: Decker interessiert sich nicht dafür, ein akkurates Porträt Jacksons zu zeichnen, oder sie »liebenswert« oder was auch immer zu machen; aber sie versteht, besser als Netflix’ High-Profile-Verfilmung von Jacksons größtem Werk, welchen Effekt Jacksons Geschichten auf ihr Publikum haben können, was sie so thrillingly horrible macht.


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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Am einfachsten sag ich euch vielleicht einfach ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

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