The Old Guard ist vielleicht ein Film über Depressionen oder ich bin grad in einer seltsamen Phase was weiß ich

CN: Dieser Text —— technisch gesehen ein Review zu einem Superheldenfilm —— spricht Einsamkeit, Depression und Suizidgedanken an. Ich weiß doch auch nicht, muss halt meine personal Brand bewahren.


Die Phasen, in denen ich am wenigsten am Leben hänge, sind oft die, in denen ich am meisten Angst vor dem Sterben habe. Die Zeit unmittelbar nach meinem ersten, großen Nervenzusammenbruch verbrachte ich damit, mich tagsüber in Suizidfantasien zu verlieren, und nachts wachzuliegen aus Angst, einmal eingeschlafen nicht mehr aufzuwachen. Macht nicht so richtig Sinn, aber würden psychische Krankheiten einer erkennbaren Logik folgen, hätten Therapeut*innen nichts zu essen. Lernen, mit psychischen Krankheiten zu leben, heißt unter anderem, solche Widersprüche zu erkennen, so gut es geht, mit dem rationalen Teil seines Verstandes dagegenzuhalten und, weil die Macht des rationalen Verstandes eben ihre Grenzen hat, sich am Ende irgendwie damit zu arrangieren. Das ist genauso anstrengend, wie es klingt, wie mit einem sehr sturen Kreationisten zu debattieren, der im eigenen Kopf lebt.

In Gina Prince-Bythewoods The Old Guard sehnt sich Charlize Therons Andy nach dem Tod —— bis sie realisiert, dass sie ihm näher ist, als sie dachte, und beginnt, mit aller Kraft für ein Leben zu kämpfen, das sie nicht wollte.

OK: Anders, als die in diesem Blog gesammelten Indizien nahelegen, glaube ich nicht, dass es in jedem Film um mich geht. Aber Filme sind auch Projektionsflächen, und ich glaube nicht an simulierte »Objektivität« oder darum, zu erraten, was die »Intention« des*r Autor*in eines Werkes war; manchmal erwischen uns Filme eben in einem bestimmten Mindset, und es ist kein Versäumnis, sondern ein kreativer Akt, etwas in ihnen zu sehen, was vielleicht technisch gesehen erstmal nicht da ist.

Was ich sagen will: Ich weiß nicht, ob Gina Prince-Bythewood bewusst einen Film über Einsamkeit, Depression und suizidale Ideation gemacht hat —— erstmal ist The Old Guard die Verfilmung der gleichnamigen Comic-Reihe von Greg Rucka, der auch das Drehbuch schrieb ——, aber das ist der Film, den ich gesehen habe.

Andy ist die Anführerin einer kleinen Gruppe semi-unsterblicher Söldner*innen, die für das Gute kämpfen und dabei versuchen, unerkannt zu bleiben. Wir lernen sie kennen, als sie, von einem Auftraggeber in eine Falle gelockt, von Maschinengewehrfeuer durchlöchert regungslos am Boden liegt —— nicht zum ersten Mal, wie sie uns im Voice-Over informiert: Jedes Mal frage sie sich, ob dies das letzte Mal sei oder ob sie sich, wie bislang immer, wieder erholen würde von Verletzungen, die für normale Menschen tödlich wären; die immergleiche Antwort habe sie satt, sagt sie, bevor sie und ihre Mitstreiter, gegen alle Naturgesetze, wieder aufstehen. Andy ist die Älteste der Gruppe —— so alt, dass sie (angeblich) selbst aufgehört hat, zu zählen —— und sie will nicht mehr: Sie ist einsam, und müde, und glaub nicht mehr daran, dass die Welt und die Menschen es wert sind, von ihr und ihrer »Armee« verteidigt zu werden.

Es ist ein etwas sperriger Pitch für einen Superheldenfilm: eine Heldin, die sterben wil…

Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.

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