Doctor Sleep ist eine bessere Verfilmung von The Shining als The Shining

Wann immer Stephen Kings Meinung zu Stanley Kubricks Verfilmung von The Shining zur Sprache kommt, tendieren viele Cineast*innen dazu, mit den Augen zu rollen: Kings Abneigung gegen den Film, den viele für den besten basierend auf einem seiner Werke halten, ist berüchtigt, und ging so weit, dass King 1997 eine TV-Neuverfilmung produzierte, die seinem Roman treuer sein sollte; in den Augen mancher Filmfans macht das King zu einem Banausen, der nicht anerkennt, dass Kubricks Interpretation, wenn sie sich auch Freiheiten nimmt, der Vorlage ebenbürtig, wahrscheinlich gar überlegen sei.

Ich fand diese abschätzige Reaktion immer etwas kurzsichtig, versnobt auch: Nicht selten schwingt eine gewisse Herablassung gegen Kings Werk mit —— Kubrick, so die Idee, hat aus einem besseren Groschenroman einen anerkannten Klassiker gemacht. Aber man muss Kings Roman gar nicht besonders schätzen (oder auch nur gelesen haben), um Verständnis für Kings Position aufzubringen —— alles, was man braucht, ist ein bisschen Empathie und die Bereitschaft, anzuerkennen, dass Film nicht die einzige Kunstform ist, die Wert hat. The Shining ist eines von Kings echten Meisterwerken und einer seiner persönlichsten Romane; in Jack Torrance kanalisiert King auch persönliche Ängste, spielt ein Szenario durch, das sein eigenes Schicksal hätte sein können, hätte er seinen Alkoholismus nicht in den Griff bekommen. Kubricks The Shining missversteht in Kings Augen diesen sehr persönlichen Kern der Geschichte: Ist es wirklich so unverständlich, dass er mit einer gewissen Frustration beobachtet hat, wie diese »verzerrte« Version seiner Geschichte ihre Vorlage im popkulturellen Bewusstsein weitestgehend verdrängte, für viele zur »definitiven« Interpretation der Geschichte wurde?

Adaptionen sollten nicht, oder nicht nur, danach bewertet werden, wie »werkgetreu« sie sind, wie penibel sie die Vorlage umsetzen. Aber Kubricks Interpretation offenbart ein so fundamental unterschiedliches Menschenbild, dass es Kings gutes Recht ist, sich und seine Vorlage nicht angemessen repräsentiert zu sehen —— vielleicht sollten wir einen solchen Beschützerinstinkt von Künstler*innen, die was auf sich und ihre Kunst halten, gar erwarten. In Kings Roman ist es Jack Torrance’ Sucht und sein durch die Isolation im Overlook Hotel begünstigter Verlust von Wachsamkeit, die seinen Abstieg in Wahnsinn und Gewalt triggern; es geht darum, wie scheinbar kleine Entscheidungen —— ein Drink nach 10jähriger Abstinenz, sagen wir —— dramatische Konsequenzen haben können; darum, dass »gute« Menschen Gefahr laufen, das Böse, was überall lauert —— mal in Form von übernatürlichen Mächten, mal in Form einer Schreibblockade und einer Suchtkrankheit —— hereinzulassen, wenn sie unaufmerksam werden. In Kubricks Variante scheint das Böse in Jack angelegt, etwas Ursprüngliches, das nur auf die richtige Gelegenheit, die richtige Umgebung gewartet hat, um zu erwachen —— aber erwacht wäre es früher oder später auf jeden Fall. Kubrick ist ein Misanthrop1…und —— um einen Kritikpunkt zu benennen, mit dem King nun wirklich, unabhängig von jedem persönlichen Geschmack, einfach recht hat —— schamlos misogyn., Kings Charakterisierung von Kubricks Film als eine Art sadistische Versuchsanordnung trifft es eigentlich. Das Ergebnis dieses Versuchs ist zweifelsohne faszinierend, zweifelsohne erfolgreich in dem, was es erreichen will; aber das ist halt etwas anderes als das, was King mit seiner Geschichte erreichen wollte. Kubricks Interesse an diesen Figuren ist rein intellektuell, er hat nicht diese Empathie, die King selbst dann nicht aufgibt, wenn er seine Charaktere von ihren grausamsten Seiten zeigt.

Angesichts Kings verbuchter Abneigung gegen Kubricks Film ist es erstmal überraschend, dass Mike Flanagans Doctor Sleep nicht nur eine Verfilmung von Kings gleichnamiger 2013er Roman-Fortsetzung zu The Shining, sondern explizit eine Fortsetzung von Kubricks Film sein will. King ist tendenziell offen für unterschiedlichste Verfilmungen und Interpretationen seines Werkes —— aktuell gibt es etwa, einmal in Mr. Mercedes des Senders Audience und einmal in HBOs The Outsider, zwei sehr unterschiedliche, voneinander unabhängige Interpretationen seiner Figur Holly Gibney, und seit Jahren bietet King Filmstudent*innen die Filmrechte ausgewählter Kurzgeschichten für 1$ an; die Verhandlungen um Doctor Sleep jedoch sollen ungewöhnlich schwierig gewesen sein, eben weil Flanagan King überzeugen musste, dass Kubricks Film für den Großteil des Publikums die stärkere Assoziation sein würde als die Vorlage.

Dass Flanagan King tatsächlich überzeugen konnte, überrascht nicht mehr, nachdem man den Film gesehen hat. Doctor Sleep ist in Teilen auch Hommage an Kubrick, ja, aber gleichzeitig versucht Flanagan etwas, was man vielleicht eine »Korrektur« von Kubricks Film nennen könnte, eine »Entschädigung« an King ——oder, wenn man es versöhnlicher sagen will: Flanagan versucht, die beiden Interpretationen von The Shining zu vereinen. Das gelingt ihm nur mit Abstrichen: Man sieht die Nähte doch deutlich, und Flanagan nimmt in Kauf, dass sein Film nie wirklich auf eigenen Beinen steht —— die Stimme, mit der der Film spricht, ist die eines Kindes, das in seiner nicht ganz ausgebildeten Sprache versucht, zwischen den zerstrittenen Eltern zu vermitteln. Dennoch ist Flanagans Projekt, auf seine Art, ein bewundernswert ambitioniertes, und er hat ein tieferes thematisches Verständnis als Kubrick für Kings Vorlage, oder, besser, Vorlagen: Doctor Sleep ist für sich genommen wahrscheinlich kein besserer Film, aber er ist auch eine gelungenere Verfilmung von Stephen Kings Roman The Shining als Stanley Kubricks The Shining.

Ein Vergleich, mit dem King manchmal die Unterschiede zwischen seinem Roman und Kubricks Film charakterisiert, lautet: Im Roman brennt das Overlook Hotel am Ende nieder, im Film friert es zu —— das, so die Idee, illustriert die Kühle und Kopflastigkeit der Verfilmung gegenüber der Wärme und Emotionalität des Romans. Am Ende von Flanagans Doctor Sleep —— man kann sich nur vorstellen, mit wie viel Genugtuung King das gesehen hat —— brennt das Overlook endlich auch im Kino nieder; Flanagan übernimmt im Finale, das sich notwendigerweise von dem aus Kings Doctor Sleep unterscheidet, sogar ganze Dialoge aus The Shining (dem Roman), zusätzlich zu den vielen Echos von Kubricks Film, die in diesem letzten Akt zu hören sind.

Das ist nicht nur Fanservice (oder, schätze ich, »Autorservice«): Doctor Sleep ist eine Geschichte über den gefährlichen Kreislauf, der aus einer Suchtkrankheit entstehen kann; Jack hat seinen Alkoholismus an seinen Sohn (hier gespielt von Ewan McGregor) weitergegeben, und so ist es folgerichtig, dass das Finale dieser Geschichte den Kreis schließt. Flanagan verankert Kubricks Film so auch fester im thematischen Kontext der Vorlage und ihrer Fortsetzung: Der Schritt vom temporären »Einfrieren« des Overlook Hotels zum endgültigeren Niederbrennen lässt sich lesen als symbolisch für den Unterschied dazwischen, Traumata zu verdrängen und sie tatsächlich zu konfrontieren.

Dass Flanagan diese Sucht-Thematik nie aus den Augen verliert, ist was seinen Film so gerade davor bewahrt, allzu strukturlos und überfrachtet daherzukommen. Flanagan arbeitet effektiv heraus, dass das »Überwinden« einer Suchtkrankheit keine »Heilung« ist, sondern eine Entscheidung, die wieder und wieder, Tag für Tag getroffen werden muss, und die Danny einige Kraft kostet; regelmäßig justiert der Film sich neu, fokussiert sich wieder auf Dannys Kampf gegen seine Sucht, ein roter Faden, der die einzelnen Episoden und Ideen des Films zu einem Ganzen verbindet —— leidlich: Trotz 2 1/2 Stunden Laufzeit hastet Flanagan durch einige der interessantesten Story-Beats —— streckenweise fühlt sich Doctor Sleep weniger wie ein Film an als so, als würde man eine ganze Staffel der Stephen-King-Remix-Serie Castle Rock im Zeitraffer gucken. Den Spitznamen »Doctor Sleep« etwa erhält Danny, als er in einem Hospiz arbeitet: Dank seinem »Shining« —— dieser übernatürlichen Fähigkeit, die ihn, unter anderem, telepathisch kommunizieren und in Verbindung mit dem Jenseits treten lässt —— ist Danny besonders gut darin, Menschen im Augenblick ihres Todes die Angst zu nehmen. Ich habe die Vorlage nicht gelesen, aber kann mir nur vorstellen, wie King —— der in seinem Spätwerk mehr und mehr fasziniert ist mit dem Tod und dem Sterben, nicht als Konsequenz übernatürlicher Mächte, sondern als banale Realität unseres Lebens —— hiermit ein paar Dutzend Seiten füllt; im Film wird diese Episode in, was, zwei Szenen abgehakt.

Auch lässt Flanagan Schlüsselcharaktere enttäuschend unausgearbeitet: Abra (Kyliegh Curran), ein junges Mädchen mit besonders ausgeprägtem »Shining« und eine Art metaphorische Tochter für Danny, erfüllt ihre Funktion im Plot —— sie ist eine erfrischend aktive kindliche Protagonistin, der Dinge nicht nur passieren, sondern die aktiv Einfluss auf die Handlung nimmt ——, aber ein erkennbares Innenleben hat sie nicht. Problematischer noch ist die Zeichnung der »Bösen« des Films, einer »True Knot« genannten Gruppe um Rebecca Fergusons campy »Rose the Hat«. Wenn Menschen mit »Shining« sterben, entsteht ein Dampf, der für die Gruppe Ernährung und Droge gleichzeitig ist, weshalb sie es auf Danny und vor allem Abra abgesehen haben. Dargestellt wird die Gruppe irgendwo zwischen (Wahl-)Familie, Bikergang und Kult, allerdings mit erkennbar von den Roma inspiriertem Coding. Flanagan zeichnet die Gruppe durchaus mit Ansätzen von Grautönen —— die familiäre Dynamik macht sie gar nicht mal so unsympathisch ——, aber ihre einzelnen Mitglieder bleiben überzeichnete Typen statt Charaktere, und ihr Coding spielt unangenehm mit rassistischen Stereotypen der Roma als Kriminelle und »Verführer«.

Und das ist, wie Doctor Sleep am Ende ironischerweise für Kubricks Ansatz argumentiert: Was den Film interessant macht als Kommentar zu den beiden Interpretationen von The Shining ist auch, was ihn daran hindert, für sich sprechen zu können. Das Vermitteln zwischen Kings Roman und Kubricks Film ist offensichtlich, wo hier Flanagans Hauptaugenmerk liegt: Man spürt seine Liebe für beides im Finale, in dem auch der Großteil der für Flanagan obligatorischen, manchmal etwas anstrengenden handwerklichen Prahlereien zu finden sind —— hier vor allem die akribisch nachgebauten Sets und sogar einige exakt nachgedrehte Einstellungen aus Kubricks Film. Das ist effektiv und faszinierend —— wenn man Kenntnis und am besten eine starke Meinung zu sowohl Kings Werk als auch Kubricks Film hat. Begegnet man dem Film aber als eigenständiges Werk, mag man sich wünschen, Flanagan hätte nicht versucht, es allen —— Kubrick, King, Fans von beiden —— recht zu machen, hätte sich getraut, etwas gnadenloser zu kürzen, um einigen dieser besonders interessanten oder zu wenig ausgearbeiteten Beats mehr Raum zu lassen. Kurz: Man wünscht sich, er hätte sich genau die Art von Freiheit genommen, wegen der Kubricks Film sich für Stephen King so respektlos anfühlte.


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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.

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