#loveisessential (aber nur genau eine spezifische Art von Liebe, jede andere ist eher so nice-to-have)

Wir leben nun schon eine ganze Weile mit dem Corona-Virus, und über die Monate haben wir einiges dazugelernt: Wir wissen mittlerweile, dass sich das Virus besonders über sogenannte »Superspreader« verbreitet; wir wissen, wie effektiv das Tragen eines Mund-Nasenschutzes ist, entgegen früherer Einschätzungen; wir haben sogar erste Ideen, welche Medikamente und Impfstoffe wirksam sein könnten und welche nicht.

Etwas, was über die ganze bisherige Dauer der Pandemie unverändert geblieben ist, dessen Gegenteil noch keine Studie beweisen konnte, ist dass dem Virus —— weil es ein, ähem, Virus ist und nicht, sagen wir, ein 15jähriges Mädchen oder Sven Regener oder so —— Romantik tendenziell egal ist. Das Virus kennt nicht Billy Crystals Monolog am Ende von When Harry Met Sally auswendig; das Virus schenkt dem Werk Carly Rae Jepsens nicht die Wertschätzung, die es verdient; das Virus macht nicht unwillkürlich Awwwww! wenn es ein Paar sieht, das sich am Bahnhof in die Arme fällt. Weil es —— und ich kann das nicht genug unterstreichen —— halt ein Virus ist, hat das Virus —— diese Einschätzung maße ich mir selber an, dafür muss ich nicht Chrissy Drosten aus dem verdienten Urlaub holen ——, hat das fucking Virus absolut kein Konzept davon, in welcher Art von Beziehung Menschen zueinander stehen.

Die deutsche Politik, in seltener Einigkeit von der CDU bis zur Linken, sieht das anders. Die deutsche Politik operiert seit Beginn der Pandemie unter der Prämisse, dass das Virus Menschen in romantischen Paarbeziehungen besonderen Schutz gewährt. Anders, jedenfalls, ließen sich die massiven Ungleichbehandlungen von Menschen in solchen Beziehungen gegenüber den anderen nicht rechtfertigen.

Mein —— und ich benutze dieses Wort bewusst und im psychologischen Sinne —— Trigger für diesen Text ist die #loveisessential-Kampagne. Dieser »überfraktionelle Aufruf an den Bundesinnenminister« ist vom Ding her gar nicht so schlecht: Abgeordnete der SPD, FDP, der Grünen und der Linken setzen sich dafür ein, dass Einreisebeschränkungen nach Deutschland auch für nicht-verheiratete oder -verpartnerte Paare aufgehoben werden. Dass »binationale Paare teilweise seit Monaten zwangsgetrennt« sind, ist für die Unterstützer*innen nicht mehr tragbar. Sie fordern daher:

Erlauben Sie die vorübergehende Einreise von Partnerinnen und Partnern von deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern in die Bundesrepublik Deutschland nicht nur unter der Bedingung einer aktuellen Aufenthaltsgenehmigung sofort, sofern ein negativer Test, der nicht älter als 72 Stunden ist, vorgelegt werden kann, und sich die Einreisenden gemäß der jeweils geltenden Regelungen des Zielbundeslandes unverzüglich in Quarantäne begeben.

Ich stimme dem zu. Allerdings würde ich noch einen Schritt weitergehen: Was —— und das wird jetzt ein wilder Ritt, haltet euch fest! ——, wenn wir die Einreise nicht nur für Menschen in einer Paarbeziehung erlauben, sondern für alle, die einen negativen Test vorweisen können?1Die Grenzen hätten eh gar nicht erst geschlossen werden dürfen, aber das ist eine Diskussion für einen anderen Tag. Weil, ähm, das Ding ist halt —— und ich weiß, ich wiederhole mich: Das Virus ist ein Virus, und ein negativer Test ist ein negativer Test. Es ist exakt gleich gefährlich, wenn jemand ohne Partner*in die Grenze überquert oder mit. Die letzten Sätze sind so offensichtlich in ihrer Aussage, so absolut selbstverständlich, dass es mir physisch wehgetan hat, sie aufzuschreiben. Aber aufschreiben muss man sie offenbar.

Es gibt schlicht und einfach keine kohärente wissenschaftliche Erklärung, und keine Interpretation der Grundsätze, auf denen dieses Land und seine Gesetze aufgebaut sind —— und ja, es bräuchte beides ——, die es rechtfertigen würden, die Einreise nur Menschen in Partnerschaften zu erlauben. Einer Rechtfertigung am nächsten käme die Idee, dass die schiere Masse der partnerlosen Menschen, die einreisen würden, wenn sie nur dürften, die Gefahr vervielfachen würde. Aber a) müsste man, um diese These zu untermauern, konkrete Zahlen vorlegen, Rechnungen, die vergleichen, wie sich beide Szenarien auf die R-Zahl auswirken könnten, b) was genau ist die Befürchtung, irgendeine Art von spontaner Massenmigration?, c) würde auch das nicht rechtfertigen, dass Menschen basierend auf ihrer Lebenssituation mehr oder weniger Rechte haben, und d) muss jeder, der einreist, eh einen negativen Test vorlegen, for fuck’s sake wofür sind die Tests denn bitte da!?

Der Text zum Aufruf ist nicht weniger als Spucke ins Gesicht aller, die keine*n Partner*in haben. Da heißt es:

Eine unfreiwillige Trennung von geliebten Menschen kann immense psychologische und physiologische Schäden nach sich ziehen, doch über diese Erkenntnis hinaus erreichen uns als Abgeordnete des Bundestages und des Europaparlamentes seit Wochen Geschichten berührender Schicksale:

Elternteile, die der Geburt ihres Kindes nicht beiwohnen dürfen.

Liebende, die seit Monaten keine Umarmung spüren durften.

Menschen, die in Depressionen verfallen.

Aha, das berührt euch also, wenn Menschen »in Depressionen verfallen« oder wenn »Liebende«2Eww. seit Monaten keine Umarmung spüren dürfen. Nur kurz, wo, bitte, war diese Anteilnahme während der Zeit des Lockdowns, als Paare sich völlig uneingeschränkt treffen durften, allen anderen aber jede menschliche Nähe untersagt war? Diese »Menschen, die in Depressionen verfallen« —— kann es nicht vielleicht sein, dass darunter auch ein, zwei sind —— oder, psst, vielleicht gar eine überwältigende Mehrheit? ——, die nicht Teil einer Paarbeziehung sind? Nehmen wir mal an —— ist ja nun nicht undenkbar ——, jemand möchte eine*in Freund*in besuchen, der*die einsam und depressiv ist, und müsste dafür die Grenze überqueren: Heißt da die inoffizielle, aber zwischen den Zeilen geradezu herausgebrüllte Regel weiterhin »Arschlecken, Pech gehabt«? Ist das ein Prinzip, nach dem wir in unserem freien, demokratischen, gerechten Land Gesetze schreiben wollen? Ich könnte problemlos 100 weitere Szenarien listen, die genauso tragisch und herzzerreißend sind wie die Trennung eines Paares, und die zu verhindern wissenschaftlich genauso (un-)bedenklich; könntet ihr auch, würdet ihr mal 5 Minuten nachdenken und eure Empathie bemühen, anstatt die in der unmittelbaren Reaktion auf die Pandemie rausgewichsten Vorschriften, samt ihrer Ungleichheiten, ihrer Basis auf veralteten Normen und ihrer beiläufigen Grausamkeit, als gottgegeben, als selbstverständlich, als alternativlos anzunehmen.

Kurz nach dem Ende des Lockdown habe ich versucht, einer Freundin zu erklären, warum die Kontaktsperre so schlimm für mich war —— und bin gescheitert: Zu weit auseinander lagen unsere Erfahrungen. Für sie bedeutete die Kontaktsperre: Sie durfte den Menschen, den sie eh am meisten besucht, unverändert, ohne jede Einschränkung weiterbesuchen, musste ihre sozialen Kontakte also zwar reduzieren, aber eben reduzieren auf das Wichtigste, das, um mich der Sprache dieses Aufrufs zu bedienen, Essenzielle; für mich bedeutete die Kontaktsperre: Ich hatte wochenlang niemanden; durfte niemanden treffen; keine menschliche Nähe, Berührungen sowieso nicht. Ich konnte mich nicht mit meinem Writing Partner treffen und arbeiten, ich durfte meine Freund*innen nicht besuchen, wenn ich einsam war, egal, wie »essenziell« das für mein geistiges Wohlbefinden gewesen wäre. Ich bin dabei nicht in Depressionen »verfallen« —— ich habe einfach eine schwere Depression, eine Krankheit, deren Letalität für Männer bis zu sieben(7)3s.i.e.b.e.n. mal so hoch ist wie die von Covid-19; für mich war diese Ungleichbehandlung nicht weniger als lebensgefährlich. Wo wart ihr da, Unterstützer*innen des Aufrufs? Warum habt ihr euch nicht dafür eingesetzt, dass es für Menschen ohne Partner*in beispielsweise möglich gewesen wäre, eine »Quarantäne-Gemeinschaft« zu bilden, also sich zu zweit zu einigen, für die Dauer der Kontaktsperre nur einander zu besuchen? Das wäre —— muss ich euch das wirklich nochmal sagen? —— exakt genauso gefährlich gewesen wie Treffen unter Partner*innen. Und es hätte vielleicht das ein oder andere Leben gerettet.4Ich kenne persönlich mindestens eine Person, die während der Kontaktsperre an ihrer Einsamkeit gestorben ist. Aber offensichtlich hat euch unsere Depression, unsere Einsamkeit, unser Verzicht auf Umarmungen nicht ausreichend berührt.5Kurz nach dem Ende der Kontaktsperre habe ich eine Freundin besucht und die —— in den Augen einiger derselben Menschen, die jetzt mit #loveisessential getaggte Tweets raushauen —— unverzeihliche Sünde begangen, sie zum Abschied zu umarmen. Ich denke daran seitdem jeden Tag, weil es der eine, der einzige Moment seit März war, in dem ich mich wie ein vollständiger Mensch gefühlt habe, der es verdient und wert ist, geliebt zu werden.

Ich möchte das Augenmerk auch auf die vielen komplizierten philosophischen, ethischen, juristischen und praktischen Fragen lenken, die die Bevorzugung von romantischen Partnerschaften aufwerfen würde, würde man sie mal wirklich durchdenken: Was, zum Beispiel, ist mit Menschen in Polybeziehungen? War oder ist es unbedenklicher, wenn sich jemand mit seinen sechs Partner*innen getroffen hat —— oder jetzt, wenn sechs Menschen einreisen, um den*dieselbe Partner*in zu besuchen —— als wenn ich mich mit einem Freund getroffen hätte, mich jetzt von einer Freundin aus dem Ausland besuchen ließe? Was ist mit aromantischen Menschen? Haben die ganz von Natur aus weniger Recht auf Nähe, Berührungen, darauf, nicht einsam zu sein? Was, wenn man schlicht keinen Partner findet: Bedeutet das, dass man sich nicht die Rechte verdient hat, die anderen zuteil werden? Ist jede Liebe, die ich in meinem Leben je gespürt habe, verzichtbar, »nicht essenziell«?

All diese Fragen richte ich auch und besonders an die Unterstützer*innen des Aufrufs, die der Linken angehören —— der Partei, in der ich Mitglied bin. Von der CDU und der FDP erwarte ich es, bei der SPD ist eh seit Jahren alles scheißegal, und die Grünen geben sich, in ihrem Bestreben, die neue Partei des deutschen Bürgertums zu werden, alle Mühe, zu vertuschen, dass sie einst als linkes Projekt gestartet sind. Aber von Abgeordneten meiner Partei hatte ich mehr erwartet. Ja, die Zentrierung auf (am Besten auch noch heterosexuelle) Paarbeziehungen ist bereits in unseren »normalen« Gesetzen, außerhalb der Krise angelegt; aber wir sind diejenigen, die eine Krise nutzen sollten, solche Normen zu hinterfragen, anstatt sie zu verfestigen.

Aber genau das —— sie verfestigt —— haben wir getan; daran haben wir aktiv und mit voller Absicht mitgewirkt. In Berlin, wo die Linke mitregiert, wurde eine der strengsten Varianten der Kontaktsperre umgesetzt, mit einer De-Facto-Ausgangssperre und Auslegungen der Vorschriften, die bis zur Kontrolle privaten Wohnraums reichten. Als die Berliner Polizei zu Menschen in Partnerschaften sagte, dass sie —— selbst, wenn sie erst Wochen oder Tage zusammen sind —— einander selbstverständlich ohne Einschränkungen besuchen können, und dann Menschen, die Angst hatten, ohne ihre Freund*innen Rückfälle in ihre Sucht zu erleiden, empfahl, mal »Videotelefonie« zu versuchen: Das hat keine größere Gruppe Abgeordneter zu einem Appell verleitet. Ähnliche Fälle gab es unzählige, man musste nur die Augen aufmachen, um sie zu sehen.

Langjährige Freundschaften, selbst, wenn sie gesundheitsfördernd, gar überlebenswichtig sind, galten und gelten selbstverständlich als gefährlicher, als weniger essenziell als eine am letzten Tag vor der Kontaktsperre begonnene Tinder-Beziehung. Erst, dass jetzt nicht mehr alle, sondern nur bestimmte Paare gesetzlich bessergestellt sind: Das ist der Punkt, der, wie es im Aufruf heißt, »unserem Empfinden von Menschlichkeit« widerspricht. Wer die aktuelle Trennung von Paaren untragbar findet, aber die Kontaktsperre akzeptabel fand, sollte tief in sich gehen und sich fragen, ob er*sie in einer Partei gut aufgehoben ist, die sich mehr als alle anderen soziale Gerechtigkeit und Offenheit für verschiedene Lebensentwürfe auf die Fahnen schreibt. Wir sollten diejenigen sein, die verstehen, dass für verschiedene Menschen verschiedene Arten von Beziehungen »essenziell« sind, und wir sollten für sie alle kämpfen; wenn wir irgendwelche Appelle unterschreiben, dann dafür, dass alle gleichbehandelt werden, anstatt dass ein paar mehr bevorzugte Behandlung genießen als vorher; stattdessen machen wir unsere Empathie und unsere Kampfbereitschaft davon abhängig, ob Menschen Teil eines spezifischen, eng definierten Beziehungskonstrukts sind, und kämpfen aktiv dafür, dass diese Menschen, und nur diese Menschen, Sonderrechte erhalten.

»#loveisessential ist Spucke ins Gesicht aller, die keine*n Partner*in haben.«Click to Tweet

Den Appell zu lesen, war für mich —— und auch das benutze ich in seiner psychologischen Bedeutung —— retraumatisierend: Da war sie wieder, diese fundamentale, nie zuvor in meinem Leben dagewesene Einsamkeit, die ich für die Dauer der Kontaktsperre gespürt habe. Die #loveisessential-Kampagne zeigt, dass wir sehr wohl anerkennen, dass es Dinge gibt, die gegen den Seuchenschutz abgewogen werden müssen, vielleicht sogar ein Bisschen wichtiger sind; dass wir sehr wohl bereit sind, dagegen zu kämpfen, wenn im Namen der Eindämmung der Seuche Menschen ihrer Freiheit, ihrer Rechte, ihrer Würde beraubt werden, wenn sie psychisch unter den Einschränkungen leiden. Nur haben wir während der Kontaktsperre halt aktiv entscheiden, und entscheiden jetzt weiter aktiv, dass die Gesundheit, die Sicherheit, das Leben von Menschen ohne Partner nicht wichtig genug ist, sich dafür einzusetzen. »Eine unfreiwillige Trennung von geliebten Menschen kann immense psychologische und physiologische Schäden nach sich ziehen«, schreibt ihr —— ja, no fucking shit! Die unfreiwillige Trennung von allen Menschen, die ich liebe während der Kontaktsperre hat bei mir »immense psychologische und physiologische Schäden« nach sich gezogen, Schäden, die bleiben werden. Die Reaktion darauf war kein Appell an die Menschlichkeit, sondern das, was wir psychisch kranken und einsamen Menschen so oft sagen: Reißt euch mal zusammen.

Ja, wir haben einiges gelernt während dieser Krise —— nicht nur über, auch durch das Virus. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass selbst die Menschen, die ich auf meiner Seite gewähnt hatte, mein Leben nicht für schützenswert befinden. Dass die tiefe, lebensbedrohliche Einsamkeit, die ich empfunden habe und empfinde, nicht ihrem »Empfinden von Menschlichkeit« widerspricht; dass die Art von Liebe, die ich empfinde und die mir zuteil wird, in den Augen von Menschen, die, dachte ich, denselben Kampf kämpfen wie ich, eher so »nice-to-have« als »essenziell« ist.

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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.

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