Still Mourning for Us: Netflix’ The Speed Cubers übernimmt altes toxisches Framing von Autismus und autistischen Menschen

Eins meiner liebsten Subgenres für Dokumentationen ist »Accidental Christopher Guest«. Könnte die Prämisse einer Dokumentation auch die einer von Guests Improv-Mockumentarys sein, ist die Chance groß, dass der Film mir gefällt. Merkmale dieses Subgenres: ein Fokus auf eine möglichst esoterische (Sub-)Subkultur und Protagonist*innen, die sich bis zur Selbstaufgabe mit dieser identifizieren, die innerhalb dieser Subkultur oft Stars sind, außerhalb mindestens als wunderlich gelten; gerne eine Erzählstruktur um irgendein Event, einen Wettbewerb vielleicht, in dem, objektiv betrachtet, exakt nichts auf dem Spiel steht, für die Protagonist*innen aber alles. Bonuspunkte gibt es, je freier von klassischem »Konflikt« der Film ist: Rivalitäten sind understated, individuelle, ein Bisschen lächerliche, aber menschliche Selbstverwirklichungs-Dramen1Das Wort »Drama« ist hier in seiner am wenigsten dramatischen Definition zu verstehen. treiben die Handlung an. Filme, die zu unterschiedlichen Graden in dieses Genre passen: Wordplay, Spellbound, Resolved, The King of Kong, Man vs. Snake, Nintendo Quest, Hands on a Hardbody, Anvil!2Dieser Film wurde ja sogar vermarktet als »Real Life Spinal Tap«, AlphaGo…you get the idea.

Entsprechend gespannt war ich auf Netflix’ The Speed Cubers über Menschen, die sich darin messen, besonders schnell verschiedene Größen und Varianten des Rubik’s Cube, aka »Zauberwürfel«, zu lösen. Die knapp 40minütige Kurz-Doku folgt Feliks Zemdegs und Max Park, den beiden allgemein als die besten anerkannten »Speed Cubers«, und ihrer Rivalität, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie eigentlich keine ist. Klingt ziemlich genau nach meinem Scheiß, ist es auch, bis zu einem gewissen Grad: The Speed Cubers ist ein sanfter Film, ein Stück Nicecore, mit wenig Konflikt, wenig Drama, wenig, das auf dem Spiel steht, dafür aber mit zwei liebenswerten Protagonisten und einem Einblick in eine faszinierend-esoterische Subkultur. Aber es ist nicht ganz der Film, der er hätte sein können, und neben dem warmen Gefühl für seine Protagonisten entließ er mich auch mit einer gewissen Frustration.

Teils ist das sicher der kurzen Laufzeit geschuldet: Ich hätte mir tiefere Einblicke in die Mechanik des Speed-Cubings gewünscht —— wie löst man überhaupt einen Rubik’s Cube, welche Fähigkeiten werden dabei abgefragt, wie verändert sich das, wenn es um Geschwindigkeit geht; Regisseurin Sue Kim verzichtet darauf, diese technischen Fragen zu erkunden, konzentriert sich auf die Menschen, die dieser Disziplin nachgehen statt die Disziplin selbst. Das ist sicher die richtige Entscheidung: In 40 Minuten ist nicht Zeit für alle potenziell interessanten Aspekte der Thematik, und dass die Beziehung der beiden Protagonisten das ist, was am besten funktioniert am Film, zeigt wohl, dass Kim hier an den richtigen Stellen gekürzt hat. Die »Rivalität«, die keine ist, ist ehrlich herzerwärmend: Von seiner Einführung an scheint sowohl Feliks als auch dem Publikum klar, dass Max, bei allem Hin-und-Her der Weltrekorde, das die beiden sich liefern, der überlegene Speed Cuber ist, was Feliks entwaffnend gelassen sieht; die beiden unterstützen einander, feuern einander an, und Feliks scheint sehr früh in eine Art Mentor-Rolle zu fallen, scheint sich mehr zu sehen als jemand, der den Weg für Max ebnet —— manchmal, in dem er einen Rekord aufstellt, den Max später bricht —— als ein ernstzunehmender Konkurrent. Würde ein*e Drehbuchautor*in eine solche Beziehung in einen fiktionalen Film schreiben, das Studio würde sich »mehr Konflikt« wünschen, aber erfrischenderweise zwängt The Speed Cubers seine Protagonisten eben nicht in ein künstliches Konflikt-Narrativ. Kim weiß offensichtlich, dass es, entgegen konventioneller Weisheit, sehr wohl spannend, unterhaltsam und bereichernd sein kann, Menschen zu beobachten, wie sie einfach, nun, nett zueinander sind.

Doch wird sich wohl so gut wie jede*r, der*die Max und Feliks innerhalb weniger Sekunden einen Würfel lösen sieht, fragen: Wie zur Hölle geht das? Dass der Film die Antwort nicht liefert, ist enttäuschend, und nimmt ihm ein wenig das Spezifische: Ob es jetzt Rubik’s Cubes sind oder, keine Ahnung, Sportfischen —— worin die Protanisten sich messen, suggeriert der Film, ist egal, wichtig ist ausschließlich, was ihr Hobby ihnen bedeutet und wie sie miteinander umgehen. Was ja nicht falsch ist, aber man klickt auf eine Netflix-Doku über das Lösen von Rubik’s Cubes halt schon in der Erwartung, mehr über das Lösen von Rubik’s Cubes zu erfahren.

Viel schwerer jedoch als die zweifelsohne (auch) der Form geschuldete Entscheidung, die technische Seite weitgehend auszublenden, wiegt der Umgang des Films mit seinem neurodivergenten Protagonisten. Max ist autistisch, und die zweite Beziehung, die Kim interessiert, ist die zwischen ihm und seinen Eltern. Nein, das stimmt nicht ganz: Was Kim interessiert, und da sind wir schon beim Kern des Problems, ist die Beziehung der Eltern zu Max —— nicht die andere Richtung.

Max hat im Grunde keine eigene Stimme im Film: Seine Geschichte wird erzählt von seinen Eltern, mit gelegentlichen Ergänzungen von Feliks. Gut möglich, dass das (auch) auf Max’ Wunsch passiert ist, dass er nicht als Talking Head im Film vorkommen wollte; aber Kim macht auch keine Anstalten, diese Lücke anderweitig zu füllen —— Max ist sicher nicht der*die einzige autistische Speed Cuber*in ——, sodass diese Geschichte über einen autistischen Protagonisten ausschließlich aus zweiter Hand, von neurotypischen Erzähler*innen erzählt wird. Das ist an sich schon eine unangenehme Situation, doch es wird regelrecht gefährlich, da Max’ Eltern ignorante, schädliche Rhetorik reproduzieren.

Damit wir uns verstehen: Ich will mir hier nicht anmaßen, über Max’ Eltern, ihre Beziehung zu ihrem Sohn und ihre Erziehung zu urteilen. Sie sagen hier einige diskriminierende, gefährliche Dinge, aber der Ausschnitt, den wir hier aus ihrem Leben mit ihrem Sohn sehen, ist zu klein, darüber zu urteilen, inwieweit sich das auf die Erziehung auswirkt; vor allem habe ich Verständnis dafür, dass sie diese Rhetorik aufgenommen haben und reproduzieren, denn egal, wie gut sie es meinen, ist es nur allzu leicht für Eltern autistischer Kinder, mit dieser Rhetorik und der Ideologie dahinter konfrontiert und von ihr beeinflusst zu werden: Es ist die Rhetorik und Ideologie von (unter anderem) Autism Speaks, einer Organisation, die angeblich für die Anerkennung und Rechte autistischer Menschen eintritt, aber von einem Großteil autistischer Menschen abgelehnt wird, weil sie, ironischerweise, die Angewohnheit hat, nicht zuzuhören, wenn autistische Menschen sagen, welche Art der Unterstützung sie wirklich benötigen. Autism Speaks ist äußerst reichweitenstark und einflussreich und wirkt, unter anderem dank Unterstützung namhafter (tendenziell neurotypischer) Celebrities, oberflächlich betrachtet legitim und fachkundig —— dass die Ideen (unter anderem) dieser Organisation bei Eltern autistischer Kinder ankommen, ist bedauerlich, verwundert aber nicht, und es ist nachvollziehbar, warum Eltern auf diese Informationen vertrauen würden. Dass die Rhetorik dieser Organisation allerdings die einzige Perspektive auf Autismus und autistische Menschen ist, die in diesem Film Platz findet, das ist —— und da liegt mein eigentlicher Vorwurf —— ein klares Versäumnis der Filmemacherin: Es braucht wirklich keinen unzumutbaren Rechercheaufwand, um herauszufinden, wie kritisch die autistische Community Autism Speaks und ihren Ideen gegenüberstehen.3Ich weiß natürlich nicht sicher, dass es Material von Autism Speaks war, das Max’ Eltern zu ihrer Perspektive gebracht hat, aber der Einfluss der Organisation reicht weit und viele autistische Zuschauer*innen werden diese Assoziation knüpfen. Und problematisch ist die von Max’ Eltern reproduzierte Rhetorik so oder so: Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies nicht zur Sprache gekommen wäre, hätte man die Interviews mit Max’ Eltern z.B. ein, zwei autistischen »Sensitivity Viewers« vorgespielt.

Der Fokus auf die Perspektive von Max’ Eltern über seine eigene ist natürlich an sich schon problematisch genug und deckt sich mit dem Fokus, den weitestgehend von neurotypischen Menschen geführte Organisationen wie Autism Speaks oft setzen; da hören die problematischen Ideen und Framings aber nicht auf: Die Diagnose habe ihr das Gefühl gegeben, erzählt Max’ Mutter, die Zukunft verloren haben zu haben, die sie sich für sich und ihren Sohn ausgemalt hatte. Das erinnert an Autism Speaks’ »100 Day Kit«, eine Ressource mit dem Ziel, Eltern und Angehörigen autistischer Kinder den Umgang mit einer frischen Diagnose zu erleichtern; noch bis letztes Jahr ermutigte dieses Kit Eltern dazu, als unmittelbare Reaktion um das neurotypische Kind zu »trauern«, das sie erwartet hatten und nie haben werden. Unter Beteiligung von autistischen Menschen selbst ins Leben gerufene und geführte Organisation wie das Autistic Self Advocacy Network weisen diese Perspektive von Autismus als »Defekt« oder Verlust vehement zurück, propagieren stattdessen das Konzept der »Neurodiversität«: die Idee, dass Unterschiede in Funktion und Ausdruck des menschlichen Verstandes —— neben Autismus können zum Beispiel das Down-Syndrom, sogenannte Lernbehinderungen und Aufmerksamkeitsdefizite u.ä. dazugehören —— nicht pathologisiert gehören, ja wertvoll sein können; gemäß dem sozialen Modell von Behinderung ist das »Defizit« nicht bei neurodivergenten Menschen selbst zu suchen, sondern bei einer Gesellschaft, die ihnen Teilhabe erschwert, sie »behindert«. Oft berufen sich Anhänger des Konzepts »Neurodiversität« auf eine Rede von Aktivist Jim Sinclair aus dem Jahr 1993 —— ihr Titel: Don’t Mourn For Us.

Max’ Eltern finden die Obsession ihres Sohnes mit Speed Cubing etwas befremdlich, erkennen aber die therapeutische und selbstverwirklichende Wirkung seines Hobbies und unterstützen ihren Sohn bedingungslos. Das ist ja erstmal lobenswert und schön anzusehen, doch woran sie diese positive Wirkung ablesen, woran sie »Erfolg« festmachen, ist problematisch. Sie sind begeistert, als Max, auf dem Siegertreppchen stehend, bei einem Mittbewerber abguckt, wie er seine Urkunde »richtig« zu halten habe: »Because for us, an autistic kid looking at his peer and mimicking«, erklärt Max’ Vater, »is, like, the ultimate goal.«

Das Nachahmen von Verhaltensweisen und Bewegungsabläufen von neurotypischen Menschen ist in der autistischen Community als »Masking« bekannt. Punktuell kann es sicher positiv sein, sich etwas von (nicht nur) neurotypischen Peers abzuschauen —— nicht, weil neurotypisch gelesenes Verhalten zwangsweise als »richtig« oder »normal« zu begreifen wäre, sondern weil jede*r von uns, neurodivergent oder nicht, von ihren*seinen Mitmenschen zu lernen (und ihnen etwas beizubringen) hat; erfolgreiches Masking, das Verhalten jedes neurotypisch gelesenen Verhaltens als »ultimatives Ziel« zu positionieren, ist allerdings eine toxische Idee, die eine Menge Schaden angerichtet hat und anrichtet. Gerade Menschen, die erst spät als autistisch diagnostiziert werden, haben oft verinnerlicht, dass sie möglichst nach »Passing« streben sollten —— danach, so »wenig autistisch« wie möglich zu wirken; sie sind daher oft besonders »gut« in Masking, weil sie besonders viel »Übung« haben, weil jahrelang das Imitieren von neurotypisch gelesenem Verhalten ermutigt, davon abweichendes kritisiert wurde.4Das ist übrigens auch ein Grund, warum die Diagnose von Autismus bei Erwachsenen so kompliziert ist: Es ist schwierig, auseinanderzuhalten, was natürliches Verhalten, Denken und Bewegen ist, und was angelernt. Meine Diagnose erfolgte zu einem großen Teil »retrospektiv«: Meine Mutter wurde in einem langen Gespräch zu meinem Verhalten als Kind befragt. Der Preis für überzeugendes Masking, das sage ich auch aus eigener Erfahrung, ist hoch: Masking ist ein geringfügiger, aber dafür konstanter Stressfaktor, weil man viele Verhaltensweisen und Bewegungsabläufe, die bei anderen »automatisch«, unbewusst ablaufen, bewusst ausführen muss, bewusst die eigene natürliche »Programmierung« überschreiben muss; auch ist es dem Selbstwertgefühl nicht gerade zuträglich, beigebracht zu bekommen, dass selbst kleinste, beiläufige Bewegungen und Verhaltensweisen, die man selbst als natürlich und wenig bemerkenswert empfindet —— zum Beispiel, sagen wir, das Halten einer Urkunde —— irgendwie »falsch«, unangemessen, unnormal sind. Zweifelsohne trägt das dazu bei, dass viele autistische Menschen —— besonders die, die spät im Leben diagnostiziert werden —— an depressiven und Angststörungen leiden und die Suizid- und Burnout-Rate unter ihnen vergleichsweise hoch ist.

Neben solchen aktiv diskriminierenden Elementen verpasst The Speed Cubers schlicht auch eine Chance, aufklärender und positiver über Autismus zu erzählen. Die Frage, warum es gerade Speed Cubing ist, das Max fasziniert, wird angeschnitten, aber wenig thematisiert. Das Trope des »autistischen Genies« hat natürlich seine eigenen Probleme, sodass man sensibel mit dieser Frage umgehen und darauf achten müsste, die persönliche Identität des Protagonisten nicht mit einem mit dem breiten Pinsel gemalten Typus zu überdecken; aber interessant ist es schon, ob und wieviel es mit Max’ Autismus zu tun hat, dass er so gut in seinem Hobby ist, so gut, dass selbst sein größter Rivale widerstandslos anerkennt, dass Max für ihn unerreichbar bleibt. Vielleicht wäre es eine Gelegenheit gewesen, Max’ Autismus nicht als reine Tragödie zu framen, als etwas, das es zu »überwinden« gilt, sondern auch die Besonderheiten und eventuellen Stärken zu sehen, die Neurodivergenz bringen kann. Besonders faszinierend finde ich die vom Film nur angedeutete Beobachtung, dass Max auch die für das Speed Cubing nötigen Skills gemeistert hat, in denen gut zu sein autistischen Menschen gewöhnlich nicht zugeschrieben wird: Speed Cubing erfordert Fokus, detaillierte Beobachtungsgabe, das Erkennen von Mustern —— Fähigkeiten, die als Stärken von autistischen Menschen gelten; aber es erfordert auch enorme feinmotorische Skills, die bei autistischen Menschen tendenziell weniger entwickelt sind. Dass Max —— der in anderen Lebensbereichen durchaus diese motorischen Schwierigkeiten vorzuweisen scheint —— in wenigen Sekunden, mit einer Hand, teils ohne Hinzusehen oder, scheint es, aktiv darüber nachzudenken, einen Rubik’s Cube lösen kann, fällt entweder aus dem verbreiteten Diagnosebild heraus, oder es ist eine enorme Trainingsleistung, die Max seine Einschränkung überwinden ließ; beides wäre interessant, beides könnte die Diversität und das Potenzial autistischer Menschen illustrieren.

Es fühlt sich fast falsch an, The Speed Cubers allzu scharf zu kritisieren: Vieles an diesem Film ist liebenswert, charmant. Auch als ein Stück autistischer Repräsentation hat der Film, trotz aller Probleme, durchaus seinen Wert: Max auf eine Niederlage so reagieren zu sehen, wie ich in bestimmten Phasen meines Lebens reagiert hätte und habe —— wobei der Film sich angenehm zurücknimmt, nicht kommentiert oder bewertet, ob Max’ Reaktion »normal« oder angemessen wäre ——, das tat schon gut. Aber ich glaube, dass gerade Darstellungen von autistischen Menschen wie die in The Speed Cubers besonders schädlich sein können. Warum der legendär absurde »I Am Autism«-Spot von Autism Speaks problematisch ist, sollte mittlerweile für viele leicht identifizierbar sein, auch ohne Kenntnis der Feinheiten verschiedener Framings von Autismus: Der Spot hat den panischen Ton eines Anti-Marihuana-PSAs aus den 50ern, er charakterisiert Autismus als eine Art Horrorfilm-Monster —— im Grunde ist er seine eigene Parodie. Ein Film wie The Speed Cubers allerdings wirkt oberflächlich betrachtet so positiv, so unterstützend, so harmlos, dass es, ohne entsprechende Sensibilisierung, allzu leicht sein dürfte, unbewusst seine toxischen Framings und Ideen aufzunehmen. The Speed Cubers ist klar ein Herzenswerk, ein Film, hinter dem ehrliches Interesse an und Zuneigung für sowohl die Speed-Cubing-Szene als auch die autistische Community steckt; es ist bedauerlich, dass der Film beiden nicht so richtig gerecht wird, ihnen vielleicht sogar aktiv schaden könnte.


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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

Comments (1)

  • Aaron
    13th September 2020 at 10:56 pm Reply

    Hi! Erst mal: sehr guter Text. Vielen Dank für deine Perspektive – so was liest man eigentlich viel zu selten, wobei es viel häufiger notwendig wäre.

    Ich habe die besprochene Dokumentation zwar nicht gesehen, allerdings erinnerte mich die beschriebene Stelle darüber, wie die Eltern mit Max‘ Autismus umgehen, in Zügen durchaus an die Dokumentation „Life Animated“ über einen Jungen, ebenfalls auf dem autistischen Spektrum, der sich seine Lebenswelt im Grunde mit Hilfe von Disney-Filmen erschlossen hat und auch sein Sprachvermögen wiedererlangt hat. Sicher kein „Accidental Christopher Guest“ Genre-Eintrag, wie es oben so schön heißt, aber dennoch lässt er sich gut auf ein paar der beschriebenen Dinge beziehen:

    Dort hat man nämlich auch am Anfang das Gefühl, sie würden um ihr Kind ‚trauern’, wenn davon die Rede ist, dass die Diagnose „shattered their ideal version their child was going to be“, um dann gleich einzuschränken, dass das Image von Autismus in den 90ern auch “not terribly flattering“ gewesen sei. Insofern hat mir dieser Artikel geholfen, dieses Seherlebnis besser einordnen zu können, danke.
    Ich weiß nicht, ob die Familie in dieser Doku auch etwas mit ‚Autism Speaks‘ zu tun hat. Ich habe auch nicht das vom Vater Ron Suskind verfasste Buch gelesen, muss ich dazu sagen, auf dem die Doku gewissermaßen basiert.
    Der wissenschaftliche Teil wird auch hier sehr knapp gehalten, ein Arzt sagt nur, dass die großen gezeichneten und sehr expressiven Gesichter mit übertriebenen Ausdrücken eher helfen können, Ausdrücke und Emotionen zu interpretieren. Zumindest bekommt der Sohn Owen hier durchaus Raum, seine Geschichte zu erzählen, so ist jedenfalls mein Eindruck. Der „Erfolg“ wird bei ihm gewissermaßen an seiner Selbstständigkeit gemessen: erste Wohnung, erster Job, erste Beziehung etc. Dabei wird, glaube ich, schon darauf geachtet, dass gezeigt wird, wie Owen (sich selbst) Teilnahme ermöglicht (zum Beispiel die Gründung eines Disney-Clubs an seiner Schule) und wie umgekehrt auch die Gesellschaft ihm Teilnahme ermöglicht – eben so was wie Betreutes Wohnen oder, dass man sieht, wie er im Kino arbeitet.

    Dann gibt es allerdings eine Szene, in der Owen sich quasi in einer Rede, die er in Paris hält, mit Quasimodo aus „Hunchback of Notre Dame“ gleichsetzt:

    „I just watched the world go by from my bell tower, like the Hunchback of Notre Dame. The Hunchback doesn’t end the way some movies do. Quasimodo doesn’t get the girl [zum ‚Glück‘ gibt es ja eine Fortsetzung, die das ‚fixed‘], but he gets happily welcomed into society after a long, hard journey. Then he’s no longer an outcast. That’s kind of what happened to me.“

    Das ist auf der einen Seite aufgrund der inklusive Message irgendwie recht herzerwärmend, wird aber irgendwie auch in „broad strokes“ gezeichnet. Da können sich ja alle wie auch immer gearteten ‚outcasts‘, in seinen Worten, irgendwie drunterstellen.
    Wie du (paraphrasiert) schreibst: Dass er für sich diese Message daraus zieht, ist ja nicht falsch, aber es nimmt dem Film ein wenig das Spezifische. Sowieso würde ich bei Disney mehr authentische Repräsentation von Menschen mit Behinderung begrüßen (anderes Thema).
    Das bringt dann auch die Frage auf, inwiefern die Doku eigentlich einen wunderbaren Werbefilm für „die Magie von Disney-Filmen“ darstellt, wo doch dies eine der wenigen nicht von Disney selbst produzierten Filme ist, dem der Konzern erlaubt hat, Material aus den besprochenen Filmen zu verwenden (laut Ron Suskind). Über Pixar-Filme oder die Direct-to-Video-Sequels wird interessanterweise nicht gesprochen.

    An einer anderen Stelle verbringt er gerade die erste Nacht alleine in seiner neuen Wohnung und schaut sich „Bambi“ an, wobei über eine dunkle Küche auditiv die Szene montiert wird, als das titelgebende Hirschkalb gerade nach seiner Mutter ruft. Das wirkt dann alles schon recht, sagen wir mal, plakativ. Aber hey, es geht um Disney-Filme, vielleicht muss das ja irgendwie so. ¯_(ツ)_/¯. Er war ja schließlich nicht umsonst für den Academy Award nominiert. Insofern kann zumindest ich die ersten beiden Sätze des letzten Absatzes deiner Review so auch für „Life Animated“ unterschreiben. Aber vielleicht habe ich ja auch andere problematischere Framings im Film übersehen? Solltest du ihn gesehen haben, (auf dem Blog selbst habe ich keine Review gefunden) würde ich mich einmal über deine Einschätzung freuen. 🙂

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