All that we could do with it: Carly Rae Jepsens E•MO•TION, 5 Jahre später

Zwei Mal habe ich mich in Carly Rae Jepsen verliebt. Beim ersten Mal brauchte sie 3 Minuten und 13 Sekunden, um mich rumzukriegen —— mich und alle anderen. Ihr 2011er Sommer-Hit Call Me Maybe war so etwas wie das letzte Aufbäumen der alten Monokultur: ein Song, den man wirklich überall spielen konnte, der in jedem Kontext mehr Freude als Protest auslöste. Unsere Väter drehten den Song im Autoradio lauter, er war fester Teil der Playlist jeder Dorfdisco und jedes Malle-Clubs, aber auch der versnobbteste, pop-pessimistischste Musiknerd musste zähneknirschend zugeben, dass das halt schon, doch irgendwie, wenn man denn so will, ein makellos konstruierter Popsong ist —— vielleicht nicht sein Geschmack, aber sehr gut darin, zu erreichen, was er eben erreichen will.

Und Call Me Maybe ist genau das: Auf den ersten Blick wirkt der Song simpel und es ist naheliegend es ist, seinen Erfolg auf »er hat eben eine sehr catchy Melodie«1Nicht, dass die catchy Melodie nicht ihren Teil zum Erfolg beigetragen hätte. runterzubrechen, doch es gibt eine Menge simple Popsongs mit catchy Melodien, aber nur wenige wissen so genau, was sie wollen, und können das so konsequent und selbstsicher umsetzen; Jepsen und ihr Songwriting-Team treffen eine ganze Reihe von klugen Entscheidungen, die dem Song zusätzliche Textur geben, eine gewisse, ja, Tiefe, die lange nicht jeder catchy Popsong, auch nicht jeder Sommerhit, erreicht, und die ihren Teil zum universellen Appeal des Songs und seiner für einen Sommerhit ungewohnten Staying Power —— an wie viele Songs-of-the-Summer der vergangenen Dekade erinnert ihr euch so gut wie an Call Me Maybe? —— beigetragen haben. Selbst in dieser neuen, »poptimistischen« Ära werden wenige Sommerhits so häufig und ausführlich und mit solcher Ernsthaftigkeit kritisch besprochen und musiktheoretisch analysiert wie Call Me Maybe. Nate Sloan und Charlie Harding, Moderatoren des Podcasts Switched on Pop, schreiben:

Every other musical element in the chorus reinforces the exquisite awkwardness of the encounter between Jepsen and her crush. Nervous about showing her feelings, Jepsen hesitates before singing the first word of the chorus, “hey.” The lyric is probably better written as “[pause] hey.” One might expect Jepsen to sound the word on the downbeat, the first pulse of a musical measure. Instead, she waits until the second beat. It’s unexpected, but effective, like she’s working up the courage to say her piece. The chorus’s underlying chord progression also keeps things up in the air. The progression never lands on what we call the tonic chord, in this case, G major, the harmonic “home” of the song. It only glances at it. In fact, the only time that the harmony firmly lands on G major is on the very last chord of the song—an absence that makes listeners feel giddily unmoored.

Ann Powers fügt bei NPR hinzu:

Key to the rise of „Call Me Maybe“ is that Jepsen and her helpers play the song for laughs. The production itself, by Josh Ramsay of pop-punk band Marianas Trench, encourages a comic reading. Little percussive elements pile up over an already accelerated drum track, and that staccato string effect keeps punctuating the chorus to establish a slapstick mood — it’s the sonic equivalent of a distracted lover walking into a wall. The lyric and Jepsen’s delivery portray her in perpetual recovery from a startle. „This is crazy!“ she blusters, finding equilibrium on the down note and in that breathless qualifier. She’s the girl in the rom-com who’s a little quirky and clumsy and doesn’t seem like the hero’s type, but who represents freedom and spontaneity and an open door to a new life.

Viel besser als in Call Me Maybe wurde dieses Gefühl, dieses erste Aufflammen eines Crushes selten vertont. Der Song fängt sie perfekt ein, diese ungewisse Spannung, diese Mischung aus ausgelassener Freude und blanker Panik; er ist sich der Absurdität darin bewusst, wenn Erwachsene sich, von diesem Gefühl überwältigt, wie Teenager aufführen, und er setzt auch diese musikalisch um —— allerdings mehr um sie zu zelebrieren als sie zu kommentieren: Call Me Maybe, wie im Grunde Carly Rae Jepsens Gesamtwerk, ist oft witzig, aber nie »ironisch«, nimmt eine Position ein von self-awareness, aber nie von Distanz; Carly weiß, dass sie sich manchmal wie ein Teenager aufführt, aber sie sieht darin nichts, das es zu überwinden gälte, im Gegenteil —— sie sieht Grund zu feiern, noch zu diesen unzweideutigen, jeden Zynismus, jeden Abwehrreflex aushebelnden Gefühlen fähig zu sein.

Ich kaufte damals das zugehörige Album Kiss —— Carlys zweites nach dem sehr egalen Tug of War —— und hatte meinen Spaß damit: Kiss ist ein solides Pop-Album mit einigen Hits und viel Persönlichkeit und zeigt stellenweise schon diese Furchtlosigkeit vor Camp und Trash, die Dedicated so gut macht. Ein weiteres Call Me Maybe enthält das Album jedoch nicht2Am nächsten kommt vielleicht die Carly Rae by way of Kelly Clarkson-Nummer Sweetie. und so habe ich, in den Jahren bis zum nächsten Album, wenig an Carly Rae Jepsen gedacht —— außer natürlich, wenn irgendwo Call Me Maybe lief: Bis heute, fast zehn Jahre nach diesem Sommer, dessen Hit der Song war, gab es nie einen Moment, an dem ich Call Me Maybe über hatte —— jedes Mal, ohne Ausnahme, als ich den Song hörte, hat er meinen Tag zuverlässig ein Stück besser gemacht. Wenn das Carly Rae Jepsens musikalisches Erbe sein sollte, nun, es gibt weniger beeindruckende Karrieren: Ein One-Hit-Wonder zu sein kann so schlimm nicht sein, wenn der eine Hit einer der vielleicht besten Popsongs aller Zeiten ist.


Beim zweiten Mal ging es schneller mit dem Verlieben, und diesmal war es von Dauer: Knapp 8 Sekunden dauert die Saxophon-Melodie, die Jepsens 2015er Single Run Away With Me eröffnet. Und, wie sag ich das am besten: Ich würde persönlich jede existierende Kopie jedes Radiohead-Albums verbrennen, um eine MP3 dieser 8 Sekunden in »frühe 2000er Web—Hörprobe«-Tonqualität zu retten. Es ist, wenn man so will, Call Me Maybe, verdichtet auf 8 Sekunden: dieselbe jugendliche Aufgekratztheit, derselbe Anflug von Traurigkeit, dasselbe subtile Augenzwinkern. Carly bedient sich in diesem Intro —— wie im Rest des Songs —— ähnlicher Kniffe wie in Call Me Maybe: Die Tonart ist F#, aber der Grundakkord F#-Dur kommt im Song nicht vor —— stattdessen kreist die simple 4-Akkorde-Struktur um die Subdominante H, was eine Spannung zur Gesangsmelodie und diesem Saxophon-Lick schafft; auf dem Weg zur triumphalen John-Williams-Quinte passiert das Saxophon die Sexte, Grundton der parallelen Moll-Tonart und ein verlässliches Werkzeug, einen Schuss Melancholie zu injizieren3Denkt an die ersten zwei Töne von My Bonnie Lies Over the Ocean.; und impliziert ein so prominentes Saxophon, im Jahr 31 nach Careless Whisper, nicht fast automatisch ein gewisses Level an self-awareness, eine gewisse Bereitschaft, sich lächerlich zu machen —— ist es nicht gleichzeitig das erotischste und das lustigste Instrument? Das alles im pulsierendem 12/8-Takt —— der Song klingt »atemlos« anstatt uns zu sagen, dass das das gewünschte Gefühl ist ——, und das Ergebnis ist ein Song, der euphorisch und ausgelassen klingt, aber auch ein Bisschen verzweifelt, voller Möglichkeiten, aber eben auch der, enttäuscht zu werden. Mein liebster Moment, neben dem Intro und der einen Stelle, in der Carly, an frühe Weezer erinnernd, die Saxophon-Melodie mitsingt, ist das Ende: Fand Call Me Maybe ganz zum Schluss doch endlich zu seinem musikalischen »Zuhause«, endete endlich auf dem Grundakkord, hört Run Away With Me einfach auf, mit einem letzten, halb-gesungen-halb-gerufenen »Run away with me!«, das einfach irgendwie ins Nichts hallt. Wir kennen die Antwort des Gegenüber nicht, wir wissen nicht, ob Carly hier alles auf eine Karte setzt und am Ende gewinnt, oder ob sie sich sehr, sehr lächerlich macht —— aber das ist okay, denn das hier ist, wo sie sich wohlfühlt, und was sie besser einfängt als so ziemlich jede*r andere lebende Songwriter*in: Dieser Moment dazwischen, wo alles passieren kann oder eben nichts, wo es kein Zurück mehr gibt, also warum jetzt nicht wirklich 100% geben, egal wie das ausgeht. Passt auf, ich will niemandes Geschmack verurteilen, also sagen wir so: Wenn ihr nach diesem Song nicht sofort den Rest des Albums hören müsst, sind wir sehr unterschiedliche Menschen.

Und diesmal hält das Album das Versprechen: E•MO•TION, das heute vor 5 Jahren erschien, ist eines der großen Popalben dieses noch jungen Jahrtausends. Der Titel hat etwas plumpes, beinahe unverschämtes —— es ist ein Schritt davor, sein Album »Music« zu nennen ——, aber er passt: E•MO•TION ist ein Album berauscht von der bloßen Fähigkeit, Gefühle zu fühlen, sieht das als einen Grund zu feiern, selbst, wenn diese Gefühle sich im Nachhinein als lächerlich oder fehlgeleitet herausstellen, oder wenn sie nicht erwidert werden, oder sich schlicht ziemlich scheiße anfühlen. I Really Like You, mehr noch als Run Away With Me eine Art Sequel zu Call Me Maybe, fasst Verknalltsein in Worte, die vielleicht stumpf und lächerlich sind, aber die, wenn wir ehrlich sind, unsere Gedanken, wenn wir jemanden wirklich mögen, authentischer abbilden als es jedes Shakespeare-Sonnet je könnte: I really, really, really, really, really, really like you.4Es macht auch einfach eine Menge Spaß, diese Zeilen mitzusingen. Ein weiteres Highlight des Albums, When I Needed You, nimmt die vielleicht verletzlichsten, herzzerreißendsten Lyrics des Albums —— endlich geht es für Carly mal über den Crush hinaus, aber weniger einsam macht sie das auch nicht —— und lässt sie euphorisch klingen, in einem losgelösten, trotzig-fröhlichen Mid-to-Uptempo-Song, punktiert von ausgelassenen »Hey!«-Rufen. Nicht nur die erinnern an Run Away With Me: In der Standard-Version schließt When I Needed You das Album, und mit dem Opener bildet es eine hübsche thematische Klammer —— am Ende, nachdem sie ihr Herz geöffnet, alles auf eine Karte gesetzt hat, ist Carly noch immer allein, aber mehr als einen Gang schaltet sie deshalb nicht runter, sie sieht die Möglichkeiten, die Chance auf einen neuen Anfang, die ein solches Ende mitbringt, sie ist bereit für das nächste Mal, den nächsten Crush, den nächsten Rausch, für alle E•MO•TIONs, die das bringen kann.5Warum Carly einen der besten Songs dieser Phase ihrer Karriere, das bezaubernde Favourite Colour, ans Ende der Deluxe-Version verbannt hat, werde ich allerdings nie verstehen.

Neben diesen Songs, in denen Carly, wenn auch selbstsicherer als noch auf Kiss, vor allem ihre etablierten Stärken ausspielen darf, enthält E•MO•TION einige Songs, in denen sie verschiedene Identitäten anprobiert, auf der Suche nach dem nächsten Schritt, nach der Richtung, in die sie sich weiterentwickeln will. Teils funktioniert das und zeigt: In Your Type versucht sie sich an Robyn’schem Elektropop, in Boy Problems ist sie ein Bisschen Cindy Lauper, ein Bisschen Katy Perry, und in All That, dessen Basslauf am treffendsten als »pornographisch« charakterisiert ist, zeigt sie erste Anflüge der fröhlichen, schamlosen, ähem, Horniness, die sie auf Dedicated auslebt. Andere Klangfarben stehen ihr weniger gut: Im schwächsten Song, L.A. Hallucinations —— bezeichnenderweise einer von zwei Songs, in dem Carly nicht an oberster Stelle in den Songwriting-Credits steht ——, versucht sie sich an einem, ugh, düsteren Song über die Verführungen und Fallen des Hollywood-Lebens; es wirkt in erster Linie beliebig und etwas verzweifelt —— auf die schlechte Art diesmal —— ein Versuch Carlys, etwas zu sein, was sie nicht ist.

E•MO•TION ist so auch ein Album dazwischen: Zwischen der (nicht-wirklich-aber-gefühlt) Teenie-Pop-Sensation hinter Call Me Maybe, die allen gefallen wollte und das anders als die meisten für uns für einen kurzen Moment auch geschafft hat, und der erwachsenen Carly von Dedicated —— soll ich sie kategorisieren, das beste, was mir einfällt, ist »Entertainerin auf einer Kreuzfahrt für schwule Ü40-Singles« ——, die Songs für ihr Publikum schreibt, das jetzt kleiner aber, nun, dedicated ist. Aber das ist okay, denn hier, in solchen Zwischenräumen, fühlt Carly sich wohl, und auch nach 5 Jahren verbringe ich hier noch gerne Zeit mit ihr. E•MO•TION ist rückblickend ein weniger »rundes« Album als Dedicated, weiß weniger, was genau es eigentlich sein will —— und dennoch ist es alles, was Pop sein sollte: euphorisch und mitreißend und das richtige Bisschen traurig, frei von Angst und Scham für die ganz große Geste; manchmal ein Bisschen albern, aber aufrichtig und unermüdlich in seinem Versprechen, dass uns —— wenn wir bereit sind, uns ebenfalls ein Bisschen lächerlich zu machen —— vielleicht doch, ganz bestimmt, diesmal wirklich, Großes passieren kann. Es gibt ja eine wachsende Strömung in der Musikkritik, die sich dem Trend des »Poptimismus« entgegenstellt, die uns erinnern will: »Sowas«, Musik wie die, die Carly Rae Jepsen macht —— und vielleicht auch die Gefühle, die damit assoziiert sind —— ist was für Teenager, dafür sind wir zu alt. Und, keine Ahnung, vielleicht ist das auch nicht ganz falsch, aber was soll ich sagen? Ich war 25, als E•MO•TION erschien, jetzt bin ich 30, und ich hoffe, es wird sich auch mit 40 nicht ändern, dass ich, wenn ich Carlys Musik höre, solche Einwände und Bedenken vergesse, all meine Verteidigungsmechanismen und meinen sorgsam kultivierten, wenn man nicht genau hinguckt fast wie Weisheit aussehenden Zynismus fallenlasse. Wie traurig wäre das, würde einen dieser Gedanke irgendwann nicht mehr elektrisieren: All that we could do with this emotion!


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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

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