Becky ist ein Film über eine wütende 13jährige die Nazis tötet & genauso befriedigend wie das klingt

Ich bin ein simpler Mensch: Ich sehe einen Film, in dem ein wütendes 13jähriges Mädchen Kevin James mit einem Schlüssel den Augapfel raushebelt, und natürlich find ich das irgendwie super. Kevin James ist außerdem ein Nazi, also im Film jetzt, was solche Momente noch befriedigender macht. Wenn ihr die Sorte Mensch seid, die Reviews vor allem als Entscheidungshilfe liest, einen Film zu schauen oder nicht, nun: Das ist eigentlich alles, was ihr über Becky wissen müsst; entscheidet euch.

Für alle anderen: Ein Bisschen mehr haben wir schon zu besprechen. Beginnen wir mit dem Offensichtlichen, dem, weswegen Becky wahrscheinlich überhaupt erst eure Aufmerksamkeit —— sicher meine Aufmerksamkeit —— gewonnen hat: Das Casting von Kevin James. James spielt den Anführer einer Gruppe von Nazis —— im Grunde ein kleiner Doomsday-Kult, stellt sich im Laufe des Films heraus ——, die die 13jährige Becky, ihren Vater sowie dessen neue Freundin und ihren jungen Sohn terrorisieren. Die Nazis suchen einen mysteriösen Schlüssel —— wir erfahren nie, was er öffnet, abseits von vagem Doomsday-Geschwurbel ——, den James’ Figur vor seinem Gefängnisaufenthalt irgendwo auf dem Grundstück des abgelegenen Hauses der Familie versteckt hat.

In gewisser Hinsicht ist James’ Casting sehr clever: Neben der Aufmerksamkeit, die es generiert —— Kevin James in seiner ersten dramatischen Rolle! —— ist der King-of-Queens-und-ansonsten-eigentlich-nichts-Star, sorry, einfach zu hassen. Das ist wichtig, weil Becky ihn und die anderen Nazis im Laufe des Films auf brutale, gnadenlose Art ermorden wird. Und James ist nun auch nicht schlecht in der Rolle: Es ist eine solide, demonstrativ humorlose dramatische Performance.

Das Problem ist: Es ist nicht die Sorte Performance, die ein Film wie Becky braucht. Becky als Figur und ihre Kills sind bewusst drüber, pulpy und absurd —— mein Freund, mit dem ich den Film geguckt hab, verglich die Gewalt mit der von Looney Tunes; der Film hätte einen Villain gebraucht, der ebenfalls ein Bisschen drüber ist —— nicht ironisch, nicht albern, aber ein Bisschen grotesk, ein Bisschen camp. Patrick Stewarts Performance als Chefnazi in Green Room ging in die richtige Richtung, Simon Pegg, die ursprüngliche Besetzung für James’ Rolle, hätte wohl auch die richtige Art von Performance liefern können. So wirkt es seltsam antiklimaktisch, wenn Becky am Ende James’ Dominick gegenüber steht, nachdem sie seine rechte Hand, den gigantischen, ungleich bedrohlicheren Apex (Robert Maillet, bekannt als unsterblicher Gigant in 300) erledigt hat.

James entpuppt sich so als größte Schwachstelle des Films. Die andere zentrale Performance enttäuscht dafür nicht: Becky wird gespielt von Lulu Wilson, bekannt unter anderem aus Sharp Objects und durch ihre Arbeit mit Mike Flanagan (The Haunting of Hill House, Ouija —— Origin of Evil). Becky ist keine unbedingt komplexe Figur, aber leicht ist Wilsons Aufgabe dennoch nicht: Sie muss überzeugend rüberbringen, dass dieses junge Mädchen, wenn es sein muss, eine gnadenlose Killerin sein kann, und dass Becky doch irgendwie berührt ist von all der Gewalt, die ihr und ihrer Familie zustößt, und die sie selbst anderen antut. Und Wilsons Performance ist ziemlich auf den Punkt: Ihre Becky ist wütend und gefährlich, mehr als ein Bisschen furchteinflößend, aber dennoch menschlich und verletzlich; Wilson spielt sie mit einem Funkeln in den Augen, einer gewissen Schadenfreude, die aber nie zum ironischen Bruch wird —— genau die Sorte Performance also, zu der ihr viel erfahrenerer Kollege Kevin James leider nicht fähig ist.

Beckys Wut, das ist die Hook des Skripts von Nick Morris und Ruckus & Lane Skye, ist da, bevor ihre Familie von Nazis attackiert wird: Der Tod ihrer Mutter, die neue Beziehung des Vaters, seine Ankündigung, seine neue Freundin heiraten zu wollen, all das hat in Becky diese alles überschattende, ohnmächtige Wut ausgelöst, die so wohl nur Teenager fühlen können. Der Kampf gegen die Nazis ist letztlich mehr Outlet als Auslöser dieser Wut —— Becky ist so auch eine Art Coming-of-Age-Film.

Das ist jetzt mehr cutesy-clever als wirklich tiefgründig, aber es ist erfrischend, die Wut eines jungen Mädchens so positiv besetzt zu sehen, als etwas, das Becky beinahe eine Art von Superkräften gibt, ohne die sie wohl nicht gegen die Nazis bestehen könnte.

Ebenfalls erfrischend ist die Grundhaltung, die das Skript den Nazis gegenüber annimmt: Apex erhält einen angedeuteten Redemption-Arc, er hat Skrupel, Kinder zu töten (aber nur die) und zeigt Becky gegenüber in entscheidenden Momenten Gnade; Becky erschießt ihn am Ende dennoch —— er ist noch immer ein Nazi, er hat noch immer genügend Erwachsene und Kinder getötet, um die Chance zur Läuterung verpasst zu haben.

Das alles ist kompetent und effizient inszeniert von Jonathan Milott und Cary Murnion —— auch wenn die beiden nach dem ersten Akt zu vergessen scheinen, weitere der kleinen stilistischen Spielereien einzusetzen, mit denen sie über diese erste Strecke zumindest Ansätze einer eigenen Handschrift beweisen, anstatt nur »kompetent und effizient« zu sein. In einer hübschen frühen Szene etwa sprechen Becky und Dominick über ein Walking Talkie, und während die beiden diegetisch physisch voneinander getrennt bleiben, rückt die Montage sie immer weiter zusammen, bis sie einander scheinbar fast berühren.

Später sind es dann wohl vor allem die brutalen Kills, in denen die Kreativität der Regisseure steckt, und hier treffen sie zweifelsohne genau den richtigen Ton: Unterstützt von Karlee Morse’ Special Effects Makeup inszenieren sie Kills, die »echt« und viszeral genug sind, um zu schockieren, aber in ihrem Ablauf —— oft sind sie Ergebnis elaborierter Fallen, die Becky den Nazis stellt —— absurd und überraschend genug, um doch mehr Spaß zu machen als zu verstören.

Becky ist so vor allem ein Stück wirkungsvolle Katharsis —— nicht mehr, aber auch nicht weniger: Es ist Home Alone, mit Nazis und Gewalt, und genau so befriedigend wie das klingt. Es ist kein Film, über den man noch lange nachdenkt, aber, ich sag mal so: Hätte Becky die Chance, in einem Sequel einen Villain zu bekämpfen, dessen Darsteller*in weiß, in welcher Sorte Film sie ist —— ich würd’s gucken.


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Sebastian Moitzheim

Hi, ich bin Sebastian. Ich schreib Sachen und sag Sachen in Kameras und Mikrofone. Vielleicht hast du meine Texte bei GIGA, ze.tt oder Tor Online gelesen, oder meine Podcasts Wasting Away und Der Perser & die Schwedin gehört, oder meine prätentiösen Video-Essays laufen lassen, während du in einem anderen Tab was interessanteres gemacht hast.


Ich schreib über 'ne Menge verschiedene Dinge, Popkultur & Mental Health & soziale Gerechtigkeit unter anderem. Ein paar Fakten über mich, die Einfluss auf meine Arbeit haben: Millennial; autistisch; psychisch krank; Mitglied in der Partei DIE LINKE; Carly Rae Jepsen Ultra.

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