On this I have arrived: Das Privileg, zu wissen, dass es gut ist, am Leben zu sein

Ich würde niemandem das Leben mit Depressionen empfehlen, aber da ist dieses Gefühl, das man hin und wieder fühlt, und es macht mich ein Bisschen traurig, dass die meisten psychisch gesunden Menschen es wohl niemals fühlen werden; es ist eine Art natürliches High – vergleichbar, vielleicht, mit dem, das Alkoholiker und andere Suchtkranke manchmal fühlen, wenn sie (zeitweise oder auf Dauer) aus dem Kreislauf ihrer Sucht ausbrechen. Gut, natürlich ist hier vielleicht nicht ganz richtig: Das erste Mal fühlte ich es, als, nach Jahren erfolgloser Psychotherapie und Behandlung mit dem Quasi-Placebo Citalopram (und natürlich vielen Jahren undiagnostizierter und -behandelter Depression), endlich die Wirkung der neuen, stärkeren, fantastischerweise “California Rocket Fuel” genannten Kombination von Antidepressiva einsetzte, die mir mein neuer Psychiater verschrieben hatte; aber natürlich stimmt insofern, als dass dieses High vor allem durch Abwesenheit definiert wird, das Entfernen eines Gewichts, das Lichten eines Schleiers – das Überwinden eines Hindernisses, welches man selbst als unnatürlich oder zumindest ungewöhnlich bezeichnen könnte. Im Ergebnis jedenfalls fühlt man sich leichter, man bewegt sich unbeschwerter durch die Welt, so, wie wenn man aus dem Meer an Land watet, und plötzlich nicht mehr gegen den Widerstand des Wassers kämpft und zu rennen anfängt, oder wenn sich eine Wolke vor die grelle Sonne schiebt und man nicht mehr die Augen zusammenkneifen muss. Es geht nicht darum, der Realität durch einen künstlich erzeugten Rausch zu entfliehen; es geht darum, sie endlich so zu erleben, wie man sie “normalerweise” erleben würde, wie sie jeder andere erlebt, mit ungetrübtem Blick, unbeschwertem Gang.

Ich fühle dieses Gefühl, in abgeschwächter Form, jedes Jahr, wenn der Winter zu Ende geht, die Tage wieder länger werden, die Bäume wieder grün. Ich bin eigentlich, theoretisch Fan des Winters, Befürworter des Konzepts “Jahreszeiten”; dass uns, zum Jahresende, die Natur daran erinnert, dass alles vergänglich ist, indem sie das Licht ausmacht, die Bäume sterben lässt und die Heizung runterdreht, finde ich auf so einer mythologischen Ebene ganz geil – und sei es nur, weil ich es mag, wie wir Menschen darauf reagieren: indem wir Lichterketten in den geschmacklosesten Farben aufhängen, die wir finden können, und unseren Wein warm machen, damit wir uns trotzdem auf der Straße besaufen können.

Aber wenn man eine chronische Depression hat, spürt man die Jahreszeiten anders, tiefer als psychisch gesunde Menschen. Das heißt: Der Winter tut ein Bisschen mehr weh, man ist sich ein Bisschen akuter bewusst, wie sehr man in dieser Zeit vom Tod umgeben ist, wie sehr das Sterben der Natur eine Vision des eigenen Todes ist. (more…)

Sich selbst zerstören, um zu überleben: Ein persönlicher Essay über Alex Garlands Annihilation

Natürlich finde ich schon wieder einiges am Video scheiße, der neue Greenscreen-Setup ist noch nicht ganz perfekt und der Sound auch nicht; aber alles in allem ist das, glaube ich, mein bisher bestes Video. Bitte beachtet, dass das Video und der Text recht explizite Beschreibungen und Bilder von Selbstverletzung und Suizid enthalten.

Oh, und: Mama, Papa, bitte guckt das Video nicht und lest den Text nicht! Ernsthaft. Unser aller Leben wird einfacher, wenn ihr darauf verzichtet.


Letztens habe ich versucht, mich selbst zu zerstören; ich tat es bewusst, und methodisch; ich ging von außen nach innen: Zuerst torpedierte ich meine beruflichen Beziehungen, dann meine privaten Freundschaften; zum Schluss attackierte ich meinen Körper, schnitt mit einem Messer in meinen Unterarm, immer wieder. Dieser letzte Teil war neu – oder, naja, als Kind habe ich manchmal, nach einem Streit mit meinen Eltern, in meinen Daumen gebissen, so hart ich konnte, und mein Leben lang habe ich meine Finger- und Zehennägel bewusst so weit eingerissen, dass es blutete; neu war die Drastik, das Methodische, die Zuhilfenahme eines Werkzeugs, das erklärte Ziel, bleibenden Schaden zu hinterlassen; aber wirklich überraschend war es nicht: Wenn man sich einmal in den Kopf gesetzt hat, sein Leben möglichst nachhaltig negativ zu beeinflussen, ist sich körperliche Schmerzen und bleibende, hässliche Narben zuzufügen nur logisch.

Und ich möchte hier unterstreichen: Genau das will ich in solchen Momenten, und es ist mir bewusst – nicht im Nachhinein, sondern währenddessen; ich denke dann wirklich, wie kann ich mein Leben schlechter machen, wie kann ich dafür sorgen, dass ich mich schlechter fühle. Als meine besten Freunde letztens mit Verständnis und Liebe auf meine Versuche reagierten, unsere Freundschaft zu zerstören, postete ich in unseren Facebook-Chat sowas wie “Leute, hört auf, so nett zu sein, ich versuche hier mein Leben zu zerstören!”, und ich glaube, das sagt einiges über den perversen Widerspruch von psychischen Krankheiten: man weiß sehr wohl, was man da tut – in meinem Fall gut genug, um selbstironische Witze darüber zu machen -, aber das hält einen nicht davon ab, es zu tun. (more…)

Call Me By Your Name: Aufrichtigkeit & Pfirsichficken

Call Me By Your Name ist ein Film über Liebe; es ist ein Film über Sex; ein Film über eine Art von Coming Out, und ein Film übers Erwachsenwerden; aber vor allem ist Call Me By Your Name ein Film über…nennen wir es Aufrichtigkeit: darüber, wie schwierig es ist, sein Herz nicht zu verschließen; nicht Ironie und Zynismus nachzugeben – zu sagen, was man meint, zu fühlen, was man fühlt. (more…)

Punching Down: The Disaster Artist, und warum es einen Unterschied macht, wer eine Geschichte erzählt

Es macht einen Unterschied, wer eine Geschichte erzählt. Theoriefetischisten, die irgendwo im Hinterkopf haben, dass der Autor tot ist, aber nicht wirklich verstanden haben, was das eigentlich heißt, mögen jetzt die Nase rümpfen; aber man braucht nur etwas gesunden Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Theorie, oder zumindest die verbreitete Interpretation davon, Quatsch ist: Als extremes Beispiel, schaut euch diesen Ausschnitt aus Louie an, und merkt, wie anders er sich anfühlt, jetzt, wo wir den Autoren der Geschichte, nun, besser kennen.

The Room ist ein Kultfilm unter Fans von schlechten Filmen – mehr als so schlecht, dass er schon wieder gut ist, fasziniert der Film auf eine sehr ähnliche Weise, auf die auch gutes Autorenkino fasziniert: Er gibt uns, wenn auch eher unfreiwillig, einen Einblick in die faszinierende, komplexe, abgründige Psyche seines Autoren, und trägt dessen unverwechselbare, unnachahmbare Handschrift. Tommy Wiseau, der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller des Films, ist ein Enigma: Bis heute weiß niemand, wie alt er ist, woher er kommt1…wobei er mittlerweile immerhin zugibt, dass er europäische Wurzeln hat, anstatt wie bisher zu behaupten, er und sein seltsamer Akzent stammten aus Louisiana., und woher er das Geld für The Room hatte, angeblich um die 6 Millionen Dollar; ganz zu schweigen von seinen wahren Intentionen hinter seinem bizarren Film: Verarbeitet der Film autobiographische Wunden, oder ist es wirklich nur Wiseaus Idee eines modernen Tennessee-Williams-Stoffes? Und, vor allem: Hat Wiseau überhaupt jemals einen Film gesehen?

Wie auch immer: The Room ist ein Film so bizarr, dass nur ein so bizarrer Auteur wie Wiseau ihn machen konnte – ob das ganze nun im klassischen Sinne “gut” ist, ist da eigentlich irrelevant.

Aber, und dieser Teil der Gleichung wird oft unterschlagen: Wenn man an den, nun, Auffälligkeiten des Films – den Schauspielern, die sich wie Außerirdische benehmen, der amateurhaften Inszenierung und Montage, dem auf eine schmuddelige, 70er-Jahre-Bahnhofskino-Art erotischen und absurd eingängigen2You are my rose/You are my rose/You are my roooooose Soundtrack, den vielen Bildern von Löffeln im Hintergrund jeder Einstellung -, wenn man an all dem vorbeischaut und sich tatsächlich ansieht, was der Film zu sagen hat, dann ist The Room ein ziemlich widerlicher Film: ein Film über einen Typen, der alles hat – einen guten Job, viele Freunde und eine heiße Verlobte -, bevor seine Frau es zerstört, indem sie Sex mit seinem attraktiveren, sympathischeren besten Freund hat, was der Film irgendwie als böswilligen moralischen Fehlschlag verkauft anstatt als natürliche Reaktion, wenn man mit Tommy Wiseau zusammen ist; ein Film, in dem eine Geschichte über häusliche Gewalt als amüsante Anekdote verkauft wird, und in dem die Anschuldigung häuslicher Gewalt eine perfide Waffe der Frau in ihrer Kampagne, den guten Ruf ihres Mannes zu zerstören, anstatt eine unangenehme Realität ist.

Über diesen Aspekt des Films reden wir für gewöhnlich nicht, weil, nun, weil wir wissen, wer die Geschichte erzählt: Tommy Wiseau mag Frauen verachten und nicht zur Selbstreflexion fähig sein, aber am Ende ist er ein einsamer, machtloser alter Mann, eher bemitleidenswert als wirklich gefährlich, und so fällt es leicht, über die unangenehmen Ideen seines Films hinwegzuschauen; es wäre eine andere Geschichte, hätte Wiseau echten Einfluss, wäre The Room ein Film, den irgendjemand ernst nehmen würde.

Greg Sestero, halbfreiwilliger Co-Star des Films und Wiseaus bester Freund, schrieb gemeinsam mit dem Journalisten Tom Bissell ein Buch über seine Erfahrungen am Set des Films, seine Freundschaft mit Wiseau und den Einfluss, den das Phänomen The Room auf sein Leben hatte. Das Buch liefert all die absurden Behind-the-Scenes-Geschichten und Beobachtungen über Wiseaus Exzentrizitäten, die Fans erwartet haben; aber es ist auch ein unerwartet zärtliches Porträt Wiseaus: Obwohl Sestero, anders als Wiseau selbst, früh erkannt – oder, nun, sich eingestanden – hat, dass The Room kein im eigentlichen Sinne guter Film ist, bewundert er seinen Freund für die schiere Willenskraft und das enorme Selbstbewusstsein, die es braucht, um einen Film zu realisieren, und ist dankbar für die Chance, die Wiseau ihm gegeben hat. The Disaster Artist, das Buch, ist Sesteros Versuch, sich seine Geschichte zurückzuholen, dem Narrativ des gescheiterten Schauspielers, der statt in Blockbustern im angeblich schlechtesten Film aller Zeiten landete, ein anderes entgegenzusetzen, nach dem Sestero und Wiseau doch irgendwie dort angekommen sind, wo sie hinwollten, nur eben durch die Hintertür.

Und nun ist da The Disaster Artist, der Film: James Franco adaptiert Sesteros Buch, mit sich selbst als Wiseau und seinem missglückten Klon Bruder Dave Franco als Sestero. Der Film ist eine kompetente, äußerst werkgetreue Adaption von Sesteros Buch – und genau das ist das Problem: Es macht eben einen Unterschied, wer eine Geschichte erzählt.

Was aus Sesteros Perspektive trotzig, hoffnungsvoll wirkte, wirkt aus Francos gönnerhaft: Wenn Sestero sich weigert, seine und Wiseaus Träume vom Hollywood-Stardom als gescheitert zu verbuchen, ist das inspirierend; wenn Franco und seine Autoren, die (500) Days of Summer-Autoren Scott Neustadter und Michael H. Weber, Figuren Dinge sagen lassen wie “selbst der schlimmste Tag an einem Filmset ist besser als der beste Tag irgendwo anders”, dann kommt man nicht umhin, zu denken, dass sowas natürlich leicht zu sagen (bzw. zu schreiben ist), wenn man einer der erfolgreichsten, wiederkennbarsten Hollywoodstars und -regisseure seiner Zeit ist, bzw. zu den erfolgreicheren Drehbuchautoren unserer Zeit gehört.

Schlimmer aber als dieser Beigeschmack ist, dass The Disaster Artist (der Film) die Chancen nicht nutzt, die die Verschiebung der Perspektive auf der anderen Seite bringen könnte. Wir bekommen einen flüchtigen Blick auf den Film, der The Disaster Artist sein könnte, hätte er diese Chancen genutzt, in der stärksten Szene des Films: Wiseau inszeniert eine der berüchtigten Sexszenen des Films; er ist nackt, da er, natürlich, selbst Teil der Szene ist; er verzichtet auf ein geschlossenes Set, das heißt, besteht darauf, dass die gesamte Crew anwesend bleibt, anstatt, wie in richtigen Filmen üblich, nur das für die Szene unverzichtbare Personal; er urteilt abfällig über den Körper seiner Hauptdarstellerin; und er rechtfertigt all das mit seiner Verehrung für Alfred Hitchcock und andere Regielegenden, die ihre Schauspieler ebenfalls wie Dreck behandelt haben – solange das Endprodukt stimmt, so sein perverser Gedankengang, ist sein Verhalten gerechtfertigt.

Es ist eine unangenehme Szene, gerade jetzt, wo wir solches Verhalten (endlich) auch bei wirklich guten Regisseuren hinterfragen. Aber vielleicht hätte The Disaster Artist weiter in diese Richtung gehen sollen: Ist die Chance einer solchen Verfilmung nicht, Wiseaus Geschichte aus der Perspektive eines Unbeteiligten zu erzählen, objektiver, ambivalenter? Man kann über die problematischen Aspekte von The Room und seiner Entstehung hinwegsehen, mit dem Argument, dass diesen Film ohnehin niemand ernst nimmt – aber The Room ist längst kein Kuriosum mehr, das nur eine kleine Gruppe von Insidern interessiert, sondern ein globales Phänomen, das nicht nur positive Züge hat: In Midnight Screenings und Einträgen auf Bad-Movie-Blogs machen Fans sich regelmäßig über den Körper von Hauptdarstellerin Juliette Danielle lustig, und bejubeln den Suizid der Hauptfigur – ganz unabhängig von den Konsequenzen, die der Film für seine Darsteller hatte, die nicht alle erfolgreiche Bücher über ihre Erfahrungen geschrieben haben.

Aber nach dieser Szene kehrt The Disaster Artist schnell zurück zu dem Narrativ von Wiseau als tragischer Held, als Kollateralschaden des Traumes, den Hollywood verkauft, und endet auf einer Feelgood-Note, zelebriert die unsterbliche Freundschaft seiner Hauptfiguren – und bestätigt damit genau die Art zu Denken, für die diese eine Szene Wiseau zu verurteilen scheint: Wenn das Endprodukt stimmt, wenn The Room so vielen Menschen Freude bringt, dann scheint Wiseaus Verhalten für Franco und Co. doch irgendwie okay zu sein. The Disaster Artist, das Buch, funktionierte auf ähnliche Weise, stellte ebenfalls Wiseaus problematisches Verhalten heraus, um dann doch auf einer positiven Note zu enden – aber das ist eben der Unterschied: Wenn Sestero seine Geschichte so anlegt, dann sieht er das Positive in seinem besten Freund, dann kommt das zärtliche Porträt von jemandem, der direkt von Wiseaus Verhalten berührt wurde; wenn Franco, ein Unbeteiligter, sich für die Feelgood-Route entscheidet, wirkt es eher wie eine Kapitulation vor Hollywood-Konventionen, oder zumindest, als wären Franco und Co. so verliebt in ihre Vorlage, dass sie sich nicht trauen, eine eigene Perspektive zu entwickeln, ein eigenes Urteil zu fällen.

Vielleicht sind meine Erwartungen an den Film unfair. The Disaster Artist liebt ganz offensichtlich The Room, seinen bizarren Auteur und das Publikum, das diesen Film zu mehr gemacht hat, als er nach allen Regeln der Vernunft sein sollte; er genügt sich darin, diesem Publikum genau das zu geben, was es erwartet: Franco imitiert Wiseaus lustigen Akzent, Seth Rogen als der Skriptsupervisor und heimliche Co-Regisseur des Films rezitiert all die lustigen Beobachtungen, die wir alle gemacht haben, als wir The Room zum ersten Mal gesehen haben – Haha, der fickt ihren Bauchnabel!3Wobei das auch wieder ein Bisschen rätselhaft ist: Die Buchvorlage ist voll von abstrusen Behind-the-Scenes-Geschichten, die nicht in jedem uninspirierten Blog-Eintrag zum Film wiederholt wurden – warum besteht Franco dann darauf, die offensichtlichsten, verbrauchtesten Witze zu wiederholen?. Der Film wird ganz wunderbar funktionieren als Double-Feature mit The Room: Nachdem man das Original gesehen hat, rezitiert Franco in hübscher Verpackung nochmal all die Witze und Gedanken, die man selbst beim Schauen hatte, und macht den unübersehbaren Subtext des Films – die tiefe Einsamkeit, die Wiseaus Hass auf Frauen zu verbergen scheint, die Homoerotik seiner Beziehung mit Sestero – zum Text; Es ist ein Film für Menschen, die von Filmkritik auch vor allem wollen, dass der Autor exakt dieselbe Meinung hat wie sie selbst. Aber hier und da – in der angesprochenen Szene, im brillanten Casting von Nathan Fielder als Wiseaus Psychologen-Freund im Film – bekommen wir einen Eindruck von einem viel besseren Film, der The Disaster Artist hätte sein können: einer, der seine unvermeidlich erhöhte Perspektive nicht nutzt, um sprichwörtlich nach unten auszuteilen, sondern um das Phänomen The Room mit einem gewissen Abstand, einer gewissen Skepsis zu betrachten.

Abstrakte Formen: Wie Night in the Woods Immersion bricht, um Empathie zu schaffen

Einer der Aspekte, die wir in Videospielen, besonders solchen, die eine narrative Komponente haben, am meisten schätzen, die wir von ihnen am meisten fordern, ist Immersion. Spiele sind besser, so der Gedanke, wenn sie uns vergessen machen, dass wir ein Spiel spielen – dass wir auf der Couch sitzen, einen Controller in der Hand halten und auf Knöpfe drücken, anstatt uns physisch in der Welt des Spiels zu bewegen. Und grundsätzlich ist das auch nicht falsch. Aber eines der besten Spiele des letzten Jahres hat gezeigt, dass es auch spannend und effektiv sein kann, Immersion bewusst zu brechen.

In Night in the Woods, einem Spiel über die 20jährige Mae Borowski, die nach ihrem Studienabbruch zurück zu ihren Eltern zieht, gibt es diese Minispiele. Manche davon sind einfach, nun, Minispiele: Wenn die Hauptfigur Mae mit ihrer Band probt, spielen wir ein kleines Rhythmusspiel, das jedem, der schonmal Rock Band oder Guitar Hero gespielt hat, bekannt vorkommen dürfte, und das in erster Linie dazu dient, ein Bisschen Abwechslung ins Gameplay zu bringen. Der Sinn und Zweck anderer Minigames ist vielleicht weniger offensichtlich. In einer Szene stiehlt Mae etwas in einer Mall, und wir müssen in einem Minigame manuell, langsam, ihren Arm ausstrecken; in einer anderen tun wir dasselbe, um uns ein Stück Pizza zu nehmen. Das verstärkt nicht unsere Immersion in der Welt des Spiels – im Gegenteil: Da es so selten passiert, und so überraschend kommt, ohne konkrete Anweisungen, wirkt es desorientierend. Wir müssen aktiv darüber nachdenken, was wir in diesem Minigame tun sollen, müssen eine Bewegung, die Mae ansonsten automatisch ausführen würde, manuell und bewusst steuern.

Viele Kritiker, selbst die, die Night in the Woods ansonsten mochten, wussten nicht so richtig etwas mit diesen Minigames anzufangen. Die Minispiele vergrößern, ganz bewusst, unsere Distanz zu Mae als Spielfigur. Wenn wir, im echten Leben, etwas greifen, uns zum Beispiel ein Stück Pizza nehmen, dann denken wir nicht bewusst über den Bewegungsablauf nach, den wir dazu ausführen müssen – wir entscheiden nicht bewusst, zuerst unseren Arm zu heben, dann ihn auszufahren, dann zuzugreifen und dann den Arm zurückzuziehen; und etwas Stehlen ist, schätze ich, auch eher eine impulsive Handlung. Wir tun es einfach, ohne darüber nachzudenken. Und genau das ist der Punkt: Versucht einmal, ein paar Minuten lang, euch jede einzelne Bewegung bewusst zu machen – das Heben eurer Kaffeetasse zum Mund, das Tippen eurer Finger auf der Tastatur. Es dauert nicht lange, bis ihr anfangt, euren eigenen Körper als fremd wahrzunehmen, eure alltäglichen Bewegungsabläufe als grotesk, unangenehm.

Night in the Woods ist, unter anderem, ein Spiel über psychische Krankheiten. Mae erlebt regelmäßige dissoziative Episoden, ein Phänomen, das Kennzeichen vieler psychischer Krankheiten und Störungen ist: Sie verliert die Verbindung zur Realität, oder zu sich selbst. In einer oft referenzierten Episode in ihrem Leben hat sie als Kind grundlos einen Jungen verprügelt, was sie damit erklärt, dass sie die Welt plötzlich nur noch als eine Ansammlung abstrakter “Formen” gesehen habe, und sich vergewissern wollte, dass sie und die Welt um sie herum noch echt sind. Manchmal fühlt sie sich, als wäre sie ein ungebetener Gast in ihrem Körper, oder als müsste sie sich anstrengen, um nicht “aus der Realität zu fallen”, nicht ihren Halt in Zeit und Raum zu verlieren. Und so, wie Mae die Verbindung zu ihrer Realität verliert, verlieren wir in den Minispiel-Sequenzen die Verbindung zur Realität des Spiels – Mae als Spielfigur fühlt sich nicht mehr wie eine Verlängerung unseres Körpers an, so wie Maes Körper sich für sie selbst nicht mehr echt, nicht mehr wie ihr eigener anfühlt.

Man könnte auch sagen: Wenn die Minispiele uns dazu zwingen, über simple Bewegungen detailliert nachzudenken, dann gibt Night in the Woods bewusst eine Art von Immersion auf – die, die eintritt, wenn wir vergessen, dass wir einen Controller in der Hand halten, die Knöpfe für die Kontrolle unserer Spielfigur in unser motorisches Gedächtnis übergehen – um eine andere Art von Immersion – die, die entsteht, wenn wir uns in die Hauptfigur einfühlen – zu verstärken. Die Distanz zu Mae als Spielfigur wird größer, aber die zu Mae als Charakter wird kleiner. Ja, die Minispiele sind ein störendes Element, ja, sie erinnern uns daran, dass die Welt des Spiels nicht echt ist, wir mit einem Controller in der Hand auf der Couch vor dem Fernseher sitzen; sie fordern ein Bisschen gedankliche und emotionale Arbeit vom Spieler – die Punkte sind alle da, aber wir müssen sie selbst verbinden; aber wenn wir bereit sind, diese Arbeit zu leisten, macht Night in the Woods ein Phänomen, das mit Worten ziemlich schwer zu beschreiben ist, nicht nur verständlich, sondern erfahrbar – was doch eigentlich genau das ist, wonach wir in unserem Streben nach Immersion suchen, oder?

Schützen, was man liebt: Heldentum & Versagen in The Last Jedi

…oder: Warum Rogue One irgendwie Bullshit ist.

Hier ein kleines Video über The Last Jedi, Rogue One & die Idee von Heldentum beider Filme. Spoiler für beides. Textversion weiter unten.

Das Ding ist deutlich simpler, vloggiger geworden als meine letzten Videos – nicht zuletzt natürlich aus purer Notwendigkeit: Es gibt einfach noch nicht sehr viel Material zu The Last Jedi, also musste ich auf Standbilder und, ähhh, mich beim Reden zurückgreifen. Ich muss aber sagen: Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe mich ein Bisschen herausgefordert, möglichst schnell von der Idee zum Text zum fertigen Video zu kommen, denn normalerweise bergen Video-Projekte für mich immer die Gefahr, dass es sehr, sehr viel Gelegenheit gibt, an seiner Arbeit zu zweifeln, einfach, weil man soviel Zeit damit verbringt. Diverse Videos, an denen ich eine ganze Weile gearbeitet habe, haben so nie das Licht der Welt erblickt.

Das Ergebnis ist daher etwas roher als sonst und es widerspricht diversen albernen Regeln, die ich mir für meine Videos mal aufgestellt habe (keine Jumpcuts etc.) – aber, keine Ahnung, mir macht es so mehr Spaß, zuzugucken, es ist direkter, ich habe noch nicht jede Beziehung dazu verloren, und es ist ein Bisschen weniger busy. Ich denke, ich werde das jetzt öfter so machen, dann kann ich meinen Output auch etwas erhöhen.

Ein neues Lavaliermikrofon brauche ich trotzdem, der Sound ist…problematisch. Naja.

Am Ende von The Last Jedi werden die Überleben der Resistance vom First Order belagert. Der First Order fährt irgendeine, große Kanone hoch, die die Resistance, mehr oder weniger, zerstören würde. Finn, der abtrünnige Stormtrooper aus The Force Awakens, fährt mit einem Speeder direkt auf die Kanone zu, in der Absicht, sie in einer Kamikaze-Aktion zu zerstören. Aber kurz vor dem Aufprall wird er seitlich von Rose, einer neuen Figur gerammt. Rose’ Aktion ist ein Bisschen, nun, dumm. Sie geht dabei selbst fast drauf, und sie verspielt damit Finns letzte Chance, irgendetwas für die Resistance zu leisten – Finn und Rose haben über den gesamten Film nichts zur Lösung irgendeines Problems beigetragen, man könnte ihre gesamte Storyline aus dem Film schneiden, und es hätte keinen nennenswerten Einfluss auf den Plot des Films. Ich glaube, diese Storyline, und dieses Ende, werden im Zentrum der Debatte über den Film stehen, und Nerds werden sich sehr schlau fühlen, wenn sie auseinandernehmen, wie wenig Auswirkungen Finn und Rose auf Erfolg oder Misserfolg der Resistance hatten. Meine erste Reaktion auf die Storyline war auch: Häh?

Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass das, dieser Moment, wenn Rose Finn von seiner Heldentat abhält, und alles, was zu ihm geführt hat, das Herz des Films ist, die wichtigste Storyline, die das Theme, das die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhält, am deutlichsten macht.

The Last Jedi hat…Probleme. Der Film hat Pacing-Issues, die Hälfte seiner Szenen sind zu lang und die andere Hälfte zu kurz, und er macht BB-8 zu einer nervigeren Figur als Jar Jar Binks. Aber ich liebe diesen Film, mit all seinen Schwächen, dafür, dass er, unter anderem, herausarbeitet, warum Rogue One irgendwie…Bullshit war.

Rogue One ist kein schlechter Film. Der Film bewegt sich unaufhaltsam vorwärts, er hat starke Actionszenen und sieht fantastisch aus, nicht zuletzt dank Gareth Edwards’ Talent, große Dinge groß aussehen zu lassen; und er hat einen großartigen, charismatischen Cast, der fast vergessen lässt, dass keine dieser Figuren wirklich interessant ist – fast.

Der Film ist erfolgreich in so ziemlich allem, was er sich vornimmt. Und das ist Bullshit.

Viele unoriginelle Menschen fanden das Ende des Films irgendwie gewagt: Alle sterben! In einem Disney-Film! Das ist düster und düstere Dinge sind immer wichtig!

Und, versteht mich nicht falsch: Ihr könnt das Ende gerne super finden, wenn das euer Ding ist. Aber die Idee, dass es irgendwie ballsy war, ist Unsinn. Natürlich war es absolut im Sinn von Disney und Kathleen Kennedy und allen beteiligten powers that be, dass dieses Spinoff hermetisch abgeriegelt ist, dass sich niemand darüber Gedanken machen muss, was nach dem Film mit den diversen neuen Charakteren zu machen ist. Ich mein, Disney hat gerade erst das gesamte EU gekillt, da brauchen sie jetzt nicht einen Haufen neuer Figuren, die sie irgendwie in ihre Pläne für die Hauptreihe einflechten müssen. Nochmal, ich sage nicht, dass das Ende unbedingt schlecht ist, aber es ist ohne Frage eine einfache Lösung für die praktischen Probleme, die ein Spinoff eines etablierten Franchise aufwirft.

Und, vielleicht findet ihr, dass die äußeren Umstände irrelevant für die Bewertung und Analyse der Geschichte von Rogue One sind. Aber, was soll ich sagen: Ich habe Marshall McLuhan gelesen, und mit “gelesen” meine ich, ich habe diesen einen Satz von ihm gehört, den jeder gehört hat, und mir dann selbst zusammengereimt, was das bedeuten könnte. Jedenfalls: Ich kann Form und Funktion in diesem Fall schwer auseinanderhalten, und finde es sehr wohl relevant, dass all diese Figuren erschaffen wurden, um zu sterben.

Denn es ist nicht so, als würde der Film große Anstalten machen, uns von diesem Fakt abzulenken. Keine Figur von Rogue One existiert außerhalb ihrer Funktion – ich habe keine Ahnung, wer diese Charaktere sind, als Menschen. Jynn Ursa, die Hauptfigur, wird ausschließlich darüber definiert, was ihr passiert ist – sie ist traumatisiert durch ihre Herkunft als Tochter eines imperialen Ingenieurs, und durch den frühen Verlust ihrer Eltern; und die einzige Möglichkeit, ihr Trauma zu transzendieren, ist, sich am Ende für eine Sache zu opfern, die nie wirklich ihre war: Die Rebellen lesen sie einfach irgendwo auf, und sagen ihr, was sie zu tun hat, und sie wird eine von ihnen, weil ihr Vater sich auch als einer von ihnen herausstellt, weil es durch ihre Herkunft so bestimmt ist, und das, obwohl, wie sie selbst sagt, die Sache ihr bisher “nur Schmerzen zugefügt hat”.

Rey in The Force Awakens war auch von Trauma und dem Verlust ihrer Eltern gezeichnet, aber sie hatte auch Träume, Sehnsüchte, Dinge, die sie als Person auszeichneten. Sie ist mehr als jemandes Tochter, sie ist ein vollständig realisierter Charakter, mit Wünschen und Ideen und einer eigenen, persönlichen Motivation. Sie treibt ihre Geschichte selbst an, während Jynns Geschichte ihr einfach passiert. Und bei den anderen Figuren von Rogue One, mit der eventuellen Ausnahme von Donnie Yens Figur, ist das nicht anders: Ich weiß absolut nichts über sie. Bevor ich Rogue One für diesen Text noch einmal geschaut habe, hatte ich vergessen, dass Diegos Lunas Figur überhaupt existiert – in meinem Kopf waren sie und Riz Ahmeds Figur ein und dieselbe, weil sie sowieso keine Eigenschaften haben und Diego Luna ein langweiliger Null-Schauspieler ist, während Riz Ahmed…Dinge in mir erweckt.

Was ich hier anmerken muss: Ich glaube, das soll alles so. Rogue One ist, erklärterweise, ein Kriegsfilm, und wie in jedem Kriegsfilm ist unwichtig, wer die Figuren sind, was zählt ist, wofür sie kämpfen, und wie sie sich dafür verbrüdern. Aber, nun, jeder Cineast weiß, dass alle Kriegsfilme irgendwie Bullshit sind, und Rogue One ist da halt nicht anders. Es ist ein guter, sehenswerter Film, einer, der den Zuschauer fast körperlich mitnimmt, der sich direkter, dringlicher anfühlt als alle anderen Star-Wars-Filme. Aber es ist auch ein furchtbar deprimierender Film, einer, in dessen Universum manche Figuren einfach zu abgefuckt, zu traumatisiert sind, um einen Platz in der Welt zu haben, die die Rebellen erschaffen wollen, und sich daher opfern müssen für andere, wichtigere Figuren.

Am Anfang von The Last Jedi leitet Poe Dameron, gegen die Anweisung von General Leia, einen Angriff auf ein imperiales Schiff. Das Schiff wird zerstört, aber dabei müssen viele Resistance-Piloten ihr Leben lassen – unter anderem Paige Tico. Deren Schwester, Rose, arbeitet auf einem Resistance-Schiff als, ähhh, Hausmeisterin oder Mechanikerin oder so.

Was ihr über Rose wissen müsst, ist, dass sie niemals etwas falsch machen wird, und dass sie mein bester Freund auf der Welt ist, und dass eure Mutter euch nicht mehr lieb hat, wenn ihr etwas schlechtes über sie sagt. Rose ist zunächst sozusagen ein Fangirl, sie trifft Finn, während der heimlich die Resistance-Flotte verlassen will, weil er einen Tracker trägt, mit dessen Signal Rey die Flotte finden soll – aber da die Flotte vom First Order bedroht wird, will Finn verhindern, dass Rey in diese unsichere Situation zurückkehrt. Rose ist aufgeregt, weil sie einen Helden der Resistance trifft, was Finn in Verlegenheit bringt, denn er glaubt, dass er noch nicht viel für die Resistance erreicht hat. Die beiden schmieden den Plan, sich auf ein Schiff des First Order zu schleichen, um dort einen, ähhm, Dings zu deaktivieren, der dem First Order ermöglicht, die Resistance zu tracken. Poe Dameron unterstützt sie dabei, gegen die Befehle von…Hodor? Wie auch immer Laura Derns Figur heißt, die die Kontrolle übernommen hat, während Leia im Koma liegt. Hodor möchte die Rebellen über kleine Transporter evakuieren, was Poe für ein Suizidkommando hält.

Man hofft also für den ganzen Film, dass Finn und Rose den Tracker deaktivieren können, und das Hodor nicht vorher ihren Plan umsetzt und die Resistance ihrem sicheren Tod ausliefert; und man macht die Becker-Faust, als Poe gewaltsam das Kommando übernimmt, um Hodors Plan zu verhindern. Und dann wird Poe das Kommando wieder entzogen – allerdings nicht von Hodor, sondern von Leia. Denn wie sich herausstellt, war Hodors Plan genau nach Leias Wunsch; und Finn und Rose scheitern nicht nur bei ihrem Vorhaben, sie alarmieren den First Order erst über Hodors Transporter-Plan, und nur deshalb belagert der First Order die Resistance am Ende auf, ähhh, Ganz-Sicher-Nicht-Hoth.

Wenn Finn sich am Ende also opfern will, um die Kanone zu zerstören, ist das Ausdruck seines Schuldgefühls, dass er die Resistance in diese gefährliche Lage gebracht hat, und seines Bedürfnis, endlich zu dem Helden für die Resistance zu werden, für den Menschen wie Rose ihn schon lange halten. Und dann verhindert Rose, dass er seinen Heldentod bekommt. Und das ist, ohne Frage, unbefriedigend, für Finn, aber auch, erstmal, für den Zuschauer.

Aber bevor Rose selbst das Bewusstsein verliert, sagt sie zu Finn, dass man die Welt nicht verbessert, indem man zerstört, was man hasst, sondern indem man schützt, was man liebt, und dann küsst sie Finn – kein leidenschaftlicher Filmkuss, mit anschwellenden Geigen, sondern ein schüchterner, vorsichtiger Kuss, der nicht mehr sagt als, ich mag dich, irgendwie. Und ist das nicht großartig? Was Rose hier sagt, ist: Ja, wir haben hier ziemlich viel Scheiße gebaut. Aber wir sind ein Bisschen klüger, und ein Bisschen stärker, und wir sind noch am Leben. Und vielleicht ist das genug.

Und dieser Moment, diese Idee, hallt nach in den anderen Handlungssträngen. Denn wenn man genau darüber nachdenkt, ist The Last Jedi ein Film übers Scheitern. Keine der Hauptfiguren leistet wirklich das, was sie sich vorgenommen hat – im Gegenteil, sie richten alle Schaden an. Poes Missachtung von Leias Befehlen führt zum Tod vieler Resistance-Piloten, inklusive Rose’ Schwester; Reys Versuche, Kylo Ren auf die gute Seite der Macht zu ziehen, haben den gegenteiligen Effekt, und Kylo ist am Ende zerstörerischer, brutaler, skrupelloser als je zuvor; Luke hat schon vor langer, langer Zeit versagt beim Versuch, Kylo zu einem Jedi, einem Kämpfer für die gute Seite, zu erziehen; Leia kann Poes Hitzköpfigkeit nicht in Zaum halten, und sie verliert den Großteil der Resistance, Menschen, für die sie verantwortlich ist. Aber das alles ist nicht, worum es geht. Was zählt ist nicht, wer stirbt, was die Resistance verliert, sondern wer überlebt; was zählt ist nicht, dass Luke bei Kylos Ausbildung versagt hat, sondern dass er bei Reys Ausbildung nicht dieselben Fehler macht, obwohl er in ihr dieselbe gefährliche Macht sieht; was zählt ist nicht, dass Rey Kylo nicht auf die gute Seite ziehen kann, sondern dass sie selbst der dunklen Seite, die nie so verführerisch wirkte wie hier, widersteht; was zählt ist nicht, dass Finn und Rose keine Heldentat für die Resistance leisten; was zählt, ist, dass sie einander finden, einander Trost spenden, einander beschützen.

Und Rose’ Botschaft hallt auch nach in der Auflösung von JJs Mystery Box aus The Force Awakens: Reys Eltern waren niemand, irgendwelche Arschlöcher, die sie als Kind auf einem Wüstenplaneten ausgesetzt und dann vergessen haben. Was zählt, ist nicht, wer deine Eltern sind, oder wo du herkommst – niemand ist wichtiger als andere; was zählt, ist noch nichtmal, was du leistest – das heldenhafte an Rey ist nicht, mit welchem Können sie die Macht kontrolliert, oder wie gut sie mit einem Lichtschwert kämpft, sondern, dass sie optimistisch bleibt im Angesicht von unendlicher Düsternis, von Chaos, von Bedeutungslosigkeit; was zählt, ist, dass du offen bist, und dass du die Welt mit ein Bisschen mehr Liebe, ein Bisschen mehr Optimismus füllst.

Und, ja: Hodor opfert sich für die Resistance, wie Jynn und Co. für die Allianz. Aber es ist nicht inszeniert als dieser Moment von Transzendenz, von ultimativer Freiheit von den eigenen Fehlern für jemanden, der, ohne diesen Heldentod, bedeutungslos wäre; es ist inszeniert als eine tragische Notwendigkeit für eine Figur, die in einer Machtposition ist, die Verantwortung über viele Menschen hat; Hodor opfert sich nicht, um das Böse zu zerstören, sondern um das Gute zu schützen.

Die Botschaft von The Last Jedi ist eine, die wir, glaube ich, alle gebrauchen können am Ende eines Jahres, in dem jeder gute Mensch sich gefragt hat, ob wir genug tun, ob wir Teil der Lösung oder des Problems sind. Wichtig ist nicht, was wir leisten, sondern, dass wir nie aufhören, zu wachsen, dass wir uns und einander erlauben, Fehler zu machen, und von ihnen zu lernen, und andere von ihnen lernen zu lassen. Das größte, inspirierendste, heroischste, was wir tun können, ist, der Dunkelheit, dem Chaos um uns herum zu widerstehen; das größte, inspirierendste, heroischste, was wir tun können, ist, einfach nur am Leben zu bleiben, lange genug, um Scheiße zu bauen, und dann daraus zu lernen.

Reigns: Her Majesty – The King is Dead, Long Live the Queen

Wenn Dating ein Spiel ist, spielen Frauen auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad: Wo die größte Gefahr für Männer lautet, keinen Partner zu finden oder beim Date enttäuscht zu werden, ist die für Frauen…nun:

Die Route, die die Entwickler von Reigns, einem Spiel, das, unter anderem, die Mechanismen modernen Datings parodiert und kommentiert, für das Sequel einschlagen, ist daher nur folgerichtig: Für Reigns: Her Majesty ersetzen sie den König, dessen Rolle Spieler bislang übernahmen, durch eine Königin – und schaffen so ein Sequel, das das ohnehin schon geniale Spielkonzept um faszinierende, neue Facetten erweitert, ambitionierter, spezifischer und relevanter ist als das Original.

In beiden Reigns-Spielen – erhältlich für iOS, Android und Steam, wobei die Smartphone-Versionen hier zu bevorzugen sind – übernehmen Spieler die Rolle eines Herrschers über ein undefiniertes, vage mittelalterlich anmutendes und märchenbeeinflusstes Königreich. Sie treffen Entscheidungen mittels der von Dating-Apps wie Tinder bekannten Swipe-Mechanik4…und die Referenz ist hier absolut beabsichtigt: Die Reigns-Spiele arbeiten die Gamifizierung modernen Datings heraus, indem sie, nun, ein tatsächliches *Spiel* aus seinen Mechaniken machen.: Berater, Bittsteller und Herrscher anderer Königreiche treten mit Vorschlägen, Bitten, Anschuldigungen vor den/die Spieler*in, und durch den Wisch nach links oder rechts wählt man zwischen zwei Optionen. Ziel ist, vier Mächte des Königreichs zufriedenzustellen und im Gleichgewicht zu halten: Kirche, Bevölkerung, Militär und Finanzen.

In Her Majesty übernimmt man nun also die Rolle der Königin statt der des Königs; anders als in vielen anderen Spielen ist dies aber kein bloßer Palette-Swap. Wo viele Spiele – wenn sie denn die Möglichkeit bieten, eine Figur zu spielen, die nicht hetero, männlich und weiß ist – eine Utopie entwerfen (oft aus purer technischer Notwendigkeit), in der Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität identisch behandelt werden, basiert Reigns: Her Majesty auf der gegenteiligen Prämisse5Her Majesty funktioniert daher am besten, wenn man das Original gespielt hat.: Als Frau (je nachdem, wie man bestimmte Story-Inhalte deutet, auch als nicht-weiße Frau) macht man andere Erfahrungen als als (weißer) Mann, muss anderem Druck standhalten, muss, wenn man in einer Machtposition ist, anderen Maßstäben genügen6Die Schlüsse, warum diese Prämisse 2017 besonders relevant ist, möge jeder selbst ziehen..

Im Klartext heißt das: Wer Reigns schon schwierig fand (und das Spiel konnte ziemlich frustrierend sein), darf sich in Her Majesty darauf freuen, das ganze nochmal zu leisten, nur rückwärts und in High-Heels – und umgeben von Männern, die einem sagen, wie viel einfacher das alles wäre, würde man sich nicht so freizügig anziehen, oder mehr lächeln. Alles ist irgendwie persönlicher als im Originalspiel: Wenn das eigene Militär nicht stark genug ist, verliert man nicht nur, indem feindliche Truppen das Königreich überfallen, man verliert, indem feindliche Truppen das Königreich überfallen und man an einen feindlichen Herrscher zwangsverheiratet wird, der, Zitat, “euch nie verstehen wird”; wenn man das Königreich herunterwirtschaftet, wundern sich die Berater laut, ob es so eine gute Idee des Königs war, eine “Fremde” zur Königin zu nehmen; am Anfang des nächsten Spiels wird man daran erinnert, dass die Untertanen von ihrer neuen Königin fordern, dass sie ein “Ideal von Mutterschaft” abgebe. Oh, und das mit der Macht ist auch nicht mehr so einfach wie damals, für den männlichen Kollegen: Erst nach und nach erarbeiten wir uns Beraterpositionen beim obersten Richter und natürlich unserem Mann, dem König, der wirklich das Sagen hat; vorher müssen wir ihm Geburtstagsfeiern organisieren, uns mit feinem Parfüm zurechtmachen und die Bewegungsabläufe komplizierter, archaischer Rituale auswendig lernen.

Verständlich also, dass wir nach Erfüllung außerhalb der etablierten Strukturen des Königreichs suchen: Wir knüpfen eine Freundschaft mit der Leiterin eines Kultes, der im Wald, abseits der Zivilisation, lebt und Mutter Natur als Göttin verehrt; wir entwickeln ein Interesse an Astrologie; wir vereinbaren ein geheimes Signal, um unsere Magd über unsere Affäre mit der Anführerin eines kriegerischen Stammes auf dem Laufen zu halten. So wird jede Entscheidung noch ein Bisschen komplizierter als im Vorgänger: In Reigns wägte man ab zwischen den eigenen Ideen darüber, wie ein guter, gerechter Herrscher handeln sollte, und den akuten, realen Anforderungen und Ansprüchen der Situation und der Berater – natürlich wollen wir nach einer schlechten Ernte den Bürgern aushelfen, aber können wir uns das leisten? In Her Majesty hängt über allem zusätzlich die Frage, ob wir überhaupt wollen, dass unser Königreich aufblüht, ob unsere Bürger und Berater es verdienen, zu bekommen, was sie wollen. So werden selbst die wenigen Momente persönlicher Verbindung – unser Mann, der König, bittet uns um Rat, wie er den Herrscher eines anderen Königreichs beeindrucken kann, wir raten ihm, einfach er selbst zu sein – überschattet von einer gewissen Traurigkeit, dem Gefühl, dass solche Momente nur unter bestimmten, engen Bedingungen außerhalb unserer Kontrolle möglich sind.

Reigns: Her Majesty beweist so auch das Potential von Spielen über andere Protagonisten als den typischen weißen Mann mit Dreitagebart. Her Majesty fügt dem Original, von ein paar Items abgesehen, kaum neue Mechaniken hinzu; aber es ist eine neue Erfahrung, weil der Fokus auf eine Figur mit, nun, einer anderen Lebenserfahrung die gewohnten Mechaniken in neuen Kontext setzt, ihnen neue Bedeutung gibt. Ein Stück weit setzt es sogar den Vorgänger selbst in einen neuen Kontext: Wer Her Majesty gespielt hat und zum Original zurückkehrt, erlebt das Spiel ein Bisschen anders, die Hauptfigur weniger als Platzhalter, als Default, denn als einen spezifischen Gegenpart zur Hauptfigur von Her Majesty. Reigns: Her Majesty demonstriert die emotionale Kraft von Spezifität, von Geschichten, die sich trauen, sich festzulegen, anstatt auf nebulöse “Defaults” zurückzugreifen.

I’m still here, but all is lost: Suizid-Gedanken

Triggerwarnung: Dieser Text beschreibt explizit – und enthält Witze über – Suizidgedanken sowie ein paar traumatische Situationen in meinem Leben und enthält die ein oder andere Formulierung, die ich in einem weniger persönlichen Text zum Thema eher vermeiden würde.

Oh, und: Keine Sorge, ich bin okay. Dieser Text ist kein Hilferuf. Ich teile lediglich meine Erfahrungen, in der Hoffnung, dass der ein oder andere sich nachher vielleicht ein Bisschen weniger allein fühlt.

And I’d never do it, but it’s not a joke/I can’t tell the difference when I’m all alone
Julien Baker

Als ich zum ersten Mal an Suizid denke, bin ich 6, 7, vielleicht 8 Jahre alt. Ich bin im Urlaub mit meiner Familie – das ist normal, zu der Zeit habe ich selten ohne meine Familie Urlaub gemacht. Ich habe mich mit meinem Bruder gestritten, und daraus wurde ein apokalyptischer Familienkrach – auch das ist normal: Die rationale Reaktion darauf, dass ihre 6, 7, 8jährigen Kinder sich streiten, war für meine Eltern, dass mein Vater drohte, die Familie zu verlassen, weil er mich “nie wieder sehen” wolle, und meine Mutter drohte, sich umzubringen, weil sie ohne meinen Vater nicht mit mir klarkomme7Manchmal kritzelte sie schnell ein paar Zeilen auf ein Post-It und hielt es hoch, als ihren “Abschiedsbrief”, und was soll ich sagen, ich bewundere ihr prop work und ihr commitment für die Rolle.. Wir sind also in der kleinen Küche unserer Ferienwohnung im Schwarzwald. Meine Mutter sitzt auf der Eckbank und hält meinen weinenden Bruder im Arm, mit all der Liebe, die nur eine Mutter für ihr Kind aufbringen kann. Ich – ebenfalls, you know, ihr Sohn, ebenfalls blutsverwandt – stehe in der Mitte der Küche und starre sie an. Und dann sagt meine Mutter, Dein Bruder leidet am meisten darunter, dass es dich gibt, und dann – wir erinnern uns: ein Streit mit meinem Bruder ist der (angebliche) Auslöser für die ganze Performance – überlege ich, ganz kühl und rational, wie ich das ändern könnte: dass es mich gibt. In manchen Dingen bin ich durch und durch Pragmatiker.

Letztens habe ich an Suizid gedacht, weil mir ein Glas Nutella aus der Hand gerutscht ist und den Küchenboden versaut hat. Anstatt zur Küchenrolle zu greifen, brach ich heulend auf dem Küchenboden zusammen, und überlegte, ob das Schmiermesser in meiner Hand reichen würde, um mir die Pulsadern aufzuschneiden. Der Gedanke daran, sich die Pulsadern langsam aufzusägen, wie man ein Brötchen aufschneidet, hat mich immerhin ein Bisschen aufgeheitert.

Meine Eltern haben diesen Nachbarn, dessen Lösung für alles “Styrodur” ist. Als ich ein Teenager war, war ich an der Organisation einer Dorf-Party beteiligt – wir hatten ja nichts! -, und dieser Nachbar wollte einfach sehr, sehr gerne in irgendeiner Form Styrodur benutzen8Styrodur ist etwas solideres Styropor. Die Deko machten wir aus Styrodur. Wenn etwas kaputt ging, konnten wir es reparieren – alles, was wir brauchten, war ein Prittstift und ein Bisschen Styrodur.

Ich bin genauso, nur mit Suizid. Wenn ich ein Problem habe, schlägt mein Hirn als erste Lösung Suizid vor. Wenn ich ein Glas fallen lasse, oder ein Bisschen Wein verschütte? Schätze, ich muss mich umbringen. Wenn ich etwas Dummes sage, etwas, das der Gesprächspartner wahrscheinlich 5 Sekunden später vergessen hat? Pulsadern aufschneiden, sofort9Aus irgendeinem Grund geht mein Hirn immer zu dieser spezifischen Methode, obwohl ich so schmerzempfindlich bin, dass ich bis heute am liebsten bei jeder Blutabnahme die Hand meiner Mutter halten würde. Eigentlich bin ich viel eher der Zwei Flaschen Rotwein und eine Familienpackung Schlaftabletten-Typ.! Ich habe heute Abend zu viel Spaß10Ich bin katholisch aufgewachsen und halte Spaß für unmoralisch.? Morgen früh nehme ich eine Pille für jedes Bier, das ich heute getrunken habe.

Suizid ist für mich immer griffbereit, fällt mir immer wieder in die Hände, wie diese Schrauben in IKEA-Packungen, bei denen man nicht weiß, wofür sie gut sind, aber die man 10x in die Hand nimmt auf der Suche nach denen, die man gerade braucht. Es war eine einfachere Lösung für meine Eltern, mit Suizid zu drohen, anstatt sich wirklich damit zu beschäftigen, was wirklich hinter unseren Familienstreits steckte, und so scheint es heute auch für mich wie die einfachste Lösung für so ziemlich jedes denkbare Problem. Es ist eine Fantasie, in die ich mich, das muss ich zugeben, hin und wieder ganz gerne flüchte – all die dummen Dinge, die ich tue, all meine Fehler, sind bedeutungslos, wenn ich mich morgen sowieso umbringe.

Das Ding mit Fantasie ist halt: Sie bleibt genau so lange Fantasie, bis sie es nicht mehr ist. Die besten Ideen der Welt, und die dümmsten, begannen mit wilden Fantasien. Den Unterschied zu erkennen zwischen einer Fantasie und einem ernsthaften Warnsignal ist eine der großen Herausforderungen in der Navigation meiner Depression. Wahrscheinlich gab es Abende, da hat meine Mutter ernsthaft wegen mir an Suizid gedacht – ob man das seinem 6, 7, 8jährigen Sohn dann auch so sagen muss, darüber kann man streiten.

Auf eine perverse Art, glaube ich manchmal, hat mir die saloppe Art, mit Suizid umzugehen, die meine Familie mir beigebracht hat, das ein oder andere Mal sogar geholfen. Der Nutella-Vorfall, wie wir es von jetzt an nennen wollen, war lächerlich, aber er war auch ehrlich furchteinflößend: Der Gedanke, dass ein simples Missgeschick mich so nah an den Abgrund bringen kann, wenn der Tag, an dem es passiert, nur grau und kalt genug ist, hätte eine ernsthafte Krise auslösen können, hätte ich Suizid nicht ohnehin seit meiner Kindheit als ein Damoklesschwert gesehen, dass über jedem Tag hängt, mit dem man sich halt irgendwie arrangieren muss.

Manchmal, allerdings, ist es auch einfach scheiße. Es ist schwer, das Menschen, die nicht mit Suizidgedanken leben, greifbar zu machen, aber versuchen wir es mal so: Ihr wisst doch, wie ihr, grundsätzlich, davon ausgeht, dass ihr überlebt, oder? Also, wenn ihr heute einfach so dasitzen würdet, und wartet, bis es morgen ist, würdet ihr unter der Prämisse arbeiten, dass es wirklich ein Morgen gibt. Nun, wenn man Suizidgedanken hat, heißt das nicht unbedingt, dass man nicht mehr leben will. Man hält nicht mehr leben nur für die viel einfachere, und viel wahrscheinlichere Option. Überleben scheint nicht mehr der Standard zu sein, sondern etwas, das man sich erarbeiten muss. Es fühlt sich so an, als müsste man, um bis morgen zu überleben, nicht einfach, naja, warten, sondern sich aktiv anstrengen, am Leben zu bleiben. Und dann fragt man sich halt, ob es die ganze Anstrengung wert ist.

Der Babadook meiner Suizidgedanken ist ein ständiger Mitbewohner im Keller meines Verstands – ich füttere ihn täglich, und hin und wieder muss ich ihn rauslassen. Manchmal, langsam ein Bisschen öfter, gelingt es mir, das auf gesunde, gesellschaftlich verträgliche Art zu tun, indem ich Freunden anvertraue, dass ich heute Abend nicht allein sein kann. Und manchmal lasse ich ihn doch noch zu lange eingesperrt, und dann kommt er von selbst raus, in nicht immer günstigen Momenten – beim Warten auf die Ubahn, mit neuen Bekanntschaften, reiße ich Witze darüber, wie einfach es wäre, sich vor den nächsten Zug zu werfen11Wusstet ihr, dass Zugführer die Anweisung haben, im Falle von Menschen auf den Schienen nicht zu bremsen, sondern die Jalousien runterzuziehen und wegzuschauen? Das Geräusch, das ihr gerade gehört habt, war die Ejakulation tausender Creative Writing- und Drehbuch-Studenten, die noch nach einer Metapher gesucht haben, mit deren Hilfe die freigeistige junge Frau den traurigen jungen Mann zurück ins Leben bringen kann.; ich schreibe einen selbstmitleidigen, leidlich lustigen Tweet und missbrauche meine 600 Follower als Hive-Mind-Therapeuten12Geschätzt sind 350 dieser Follower Bots, und irgendwie hat das was geil-dystopisches, seinen Therapeuten durch eine Horde von Robotern zu ersetzen.; ich trinke eine ganze Flasche Wein und fantasiere über meinen Abschiedsbrief: Ich bin Autor, das geilste an Suizid war für mich immer, dass man diesen einen Text schreiben darf, den alle deine Freunde und Familie lesen wollen werden, der ihnen allen irgendwie etwas bedeuten wird13Eins der Dinge, die mich in solch düsteren Momenten doch davon abhalten, meine Gedanken in die Tat umzusetzen, ist die Logistik der Sache: Ich habe eine furchtbare Handschrift, und den Gedanken daran, wie meine Familie die Köpfe zusammensteckt, um meinen Abschiedsbrief zu entziffern, finde ich furchtbar würdelos. Aber eine elektronische Variante ist ja jetzt auch nicht das wahre, oder? Welchen Dateinamen soll man dafür wählen, “abschied.txt”? “suizid.doc”? Was, wenn niemand die Datei auf meinem unaufgeräumten Desktop findet?. Einmal – nur einmal – habe ich den Babadook auch zu lange mit Gewalt zurück in den Keller geschoben, bis er irgendwann ausbrach und, blutdürstig, auf jemand Unschuldigen losging: Ich habe meine Gefühle zu lange vor mir und den Menschen in meinem Leben verheimlicht, und dann mit Suizid gedroht. Ich schäme mich aus vielen Gründen dafür: weil ich Menschen verletzt habe, weil ich eine unangenehme professionelle Situation zu ernst genommen (und mir dadurch die ein oder andere Chance verbaut) habe, und nicht zuletzt, weil es so vorhersehbar war – man will doch eigentlich derjenige sein, der aus dem cycle of abuse ausbricht.

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Text beenden soll. Texte über psychische Krankheiten enden normalerweise damit, dass der Autor seine Krankheit endlich in den Griff bekommen oder gar überwunden hat, und das hat seinen Wert – die meisten meiner Texte über dieses Thema enden so. Aber manchmal hat es auch seinen Wert, zu sagen: Die Dinge sind so, wie sie sind, und damit kann man entweder leben, oder halt nicht. Dieser Text hat also kein Ende. Eher einen Fade-Out, wie ein Song, der in drei Minuten passen muss, aber, das ist die Implikation, heimlich immer weiter geht. Das ist immer ein Bisschen unbefriedigend, aber alles in allem ist es die beste Version dieser Geschichte, die ich mir vorstellen kann.

Wenn ihr oder jemand, den ihr kennt, Suizidgedanken habt, bleibt damit nicht allein. Sucht euch Hilfe bei Freunden, Familie oder Therapeuten. Unter 0800 111 0 111 erreicht ihr die (kostenlose) Telefonseelsorge. Meine Twitter-DMs sind auch offen.

The Big Sick: Es gibt nichts Romantischeres als Figuren, die übereinander lachen

Ist euch schonmal aufgefallen, dass in Filmen nie etwas lustiges passiert? Also, viele Filme haben durchaus lustige Szenen, also Momente, die für den Zuschauer lustig sind; aber in-universe – diegetisch, wenn ihr es prätentiös mögt – ist in Filmen meist nichts lustig: Wenn eine Figur etwas Lustiges tut oder sagt, lachen die anderen Figuren nicht darüber. Jedenfalls nicht außerhalb einiger eng abgesteckter Parameter: die Frau in einer Rom-Com, ein kurzes, niedliches Kichern, und dann die Strähne hinters Ohr streichen, um zu zeigen, dass sie ihn attraktiv findet; die Sitcom-Familie am Ende der Episode, kurz vor dem Freezeframe, oder die Actionhelden, die sich nicht ausstehen konnten, aber zusammen durch die Hölle gegangen sind und so zu Brüdern wurden. Oft sagen Figuren auch nur, dass sie etwas lustig finden: That’s actually pretty funny.

Wir alle lieben Dead-Pan-Humor. Wir alle wissen, dass John Cleese der wahrscheinlich beste komische Schauspieler aller Zeiten ist, weil er nie Comedy spielt, sondern selbst lächerlichste Rollen und Situationen ernst nimmt. Viele Actionfilme, oder Komödien wie, sagen wir, Wet Hot American Summer oder Zoolander (nicht zufällig zwei meiner Lieblingsfilme) kreieren eine überhöhte Realität – eine, in der Helden für jede Situation einen coolen, offensichtlich geschriebenen One-Liner parat haben, oder in denen jede Dialogzeile eine eigene kleine, surreale Parallel-Welt erschafft; wenn irgendeine Figur in solchen entrückten Universen ein Verständnis des Konzepts “Humor” hätte, würde die ganze Realität des Films zusammenbrechen.

Aber dann sind da halt auch Filme, die wollen, nun, echt sein; grounded. Filme, in denen wir an den Beziehungen der Figuren interessiert sein sollen; in denen wir emotional involviert sein, die Figuren als unsere Freunde wahrnehmen sollen – mit ihnen lachen, statt über sie, um eine etwas überstrapazierte Line noch etwas weiter zu strapazieren. Und hier, in der echten Welt…nun, grundsätzlich machen die Rom-Com-Protagonistinnen und Actionhelden es schon richtig: Lachen ist mehr als ein Reflex, es ist ein essentielles Element zwischenmenschlicher Kommunikation – Lachen bedeutet etwas. Nur nutzen wir es im echten Leben viel öfter, subtiler, komplexer als es gewöhnlich im Film dargestellt wird. Lachen, im echten Leben, ist kein Plotpoint, nichts, was man zu besonderen Gelegenheiten rausholt, mehr ein unverzichtbares Element unserer (gesprochenen) Sprache, so wie die “Ähms” und “Mhmmms”, mit denen wir die Löcher in der Sprache kitten. Wann wir lachen, wie wir lachen, mit wem wir lachen, wann wir nicht lachen, all das verrät uns etwas über unsere Beziehungen und Gefühle. Wenn also eine Beziehung in einem Film fast gänzlich ohne Lachen auskommt, fällt es mir schwer, emotional in sie zu investieren.

The Big Sick ist unter vielen Gesichtspunkten ein besonderer Film – als Mainstream-Rom-Com mit einem pakistanisch-amerikanischen Star, und als eine, die ihrer weiblichen Hauptrolle ungewöhnlich viel agency gibt, obwohl diese für weite Teile des Films nicht einmal bei Bewusstsein ist; als ein Film, der a) auf einer wahren Geschichte basiert und dessen Hauptfigur b) eine lebensbedrohliche Krankheit hat, aber der kein based on a true story oder [Krankheit]-Film ist; als der Film, der uns die beste Performance von Holly Hunter seit Broadcast News schenkt (und fuck, habe ich diese Holly Hunter vermisst). Und The Big Sick ist auch etwas Besonderes als ein Film übers Lachen.

The Big Sick ist ein Film über einen Standup-Comedian (Kumail Nanjiani), geschrieben von einem Standup-Comedian und einer Comedy-Autorin (Nanjiani & seine Frau Emily V. Gordon). Kumails Standup-Performances, und die Reaktionen darauf, nehmen entsprechend, wie in jedem Standup-Film, jeder Standup-Serie, eine ähnliche Rolle ein wie die Songs in einem Musical: Die anfänglichen Nummern etablieren Kumail als Figur – ein ums Überleben kämpfender Standup-Comedian, talentiert, aber leidlich erfolgreich, sympathisch, aber ein Bisschen missverstanden; entsprechend gibt es wohlwollende, aber nicht frenetische Lacher. Dann, gegen Ende, kommt die Standup-Version eines I Want…-Songs – die Nummer, in der die Hauptfigur ihre tiefsten Emotionen, Wünsche und Ängste offenbart; hier lacht, natürlich, keiner. Und dann sind da Kumails Freunde, ebenfalls Comedians, ihre unterschiedlichen Stile und die unterschiedlichen Lacher, die sie hervorrufen – wie die Unterschiede im Flow der Founding Fathers in Hamilton14Hippe Referenz! Please like me!: Chris (Kurt Braunohler), mit seinen seltsam konzeptionellen Bits, hat nur die schüchternen Lacher der Nerds auf seiner Seite; CJ (Bo Burnham) sitzt in bester Marc-Maron-Tradition auf einem Barhocker und redet über seine Beziehung, aber mit pseudophilosophischem Anstrich – viel demonstratives Lachen also; bei Sam (Ed Herbstman), mit seinem populistischen Catchphrase-Humor, lachen alle, sogar die, die eigentlich kein Interesse an Comedy haben und nur mal sehen wollten, “wie das so ist”, in einem Comedy-Club.

Das ist alles Standard für einen Standup-Film in einer Post-Seinfeld-, Post-Louie-15Nein, ich will grad auch nicht an Louie denken, aber ist halt nicht unwichtig für dieses Sub-Genre., Post-Funny-People-Welt. Aber auch abseits der Bühne nutzt The Big Sick Lachen konsequent als Stilmittel, als wichtiges Signal, mit dem die Figuren dem Zuschauer und einander Informationen über ihre Beziehungen vermitteln und ihre Emotionen offenbaren.

Wenn Kumail abseits der Bühne mit Chris, CJ und Mary (Aidy Bryant) rumhängt, ist er nicht “der witzige”, sondern der, der sich zurücklehnt und lacht über die Sticheleien und Albernheiten seiner Freunde. Das sagt uns etwas über Kumail als Figur, und es macht die Beziehung zu seinen Freunden glaubhafter: Ich habe mich in Filmen im Standup-Milieu oft gefragt, warum diese Menschen Zeit miteinander verbringen, wenn sie sich die ganze Zeit nur beleidigen – hier aber wirkt das shit talking weniger gemein, weil deutlich ist, dass Kumail es witzig findet. Es ist ein überraschend seltenes Vergnügen, im Film Freunde zu sehen, die tatsächlich Spaß miteinander haben, die gerne Zeit miteinander verbringen.

Bald trifft Kumail auf Emily (Zoe Kazan), und alles, was man über diese zentrale Beziehung des Films wissen muss, erfährt man, wenn man sich anschaut, welche Rolle Humor und Lachen für die beiden spielt, und wie sich ihr Umgang damit im Laufe des Films entwickelt. Die beiden treffen aufeinander, als Emily Kumails Standup-Set mit einem irgendwie positiven, aber, wie Kumail es sich nach der Show nicht nehmen lässt, zu erklären, unangemessen Zwischenruf unterbricht. Kumail, speaking of “irgendwie positiv, aber unangemessen”, probiert dann eine semi-bewährte Pick-Up-Line an Emily aus. Aber erst, als Emily ihn zum Lachen bringt, hat er echtes Interesse an ihr als Person.

Humor und Lachen ist es also, was die beiden zusammenbringt, und im Laufe ihrer Beziehung spielt es eine große, sich verändernde Rolle: Zu Beginn kaschiert Kumail mit Humor seine Unsicherheit über die weniger vorzeigbaren Aspekte seines Lebens – seine ärmliche Wohnung, mit einer aufblasbaren Matratze als Bett, seinen Nebenjob als Uber-Fahrer: wenn Emily darüber lacht, kann sie nicht mehr entsetzt sein; später tut Emily dasselbe mit den Teilen ihrer Vergangenheit, die, so fürchtet sie, Dealbreaker für eine Beziehung sein könnten, vor allem die Tatsache, dass sie schon einmal verheiratet war. Und vom Anfang ihrer Beziehung bis zum abrupten Ende ist es einer der Gründe, warum Emily und Kumail einander attraktiv finden: weil sie einander zum Lachen bringen. Das ist ein noch selteneres Vergnügen im Film: ein Paar zu sehen, das Spaß miteinander hat – dabei gibt es eigentlich wenig Romantischeres, oder?

Wenn die beiden also mal nicht übereinander lachen, bedeutet das etwas: Als Emily herausfindet, dass Kumails Familie ihn mit einer pakistanischen Frau verheiraten will, funktioniert die übliche Strategie der beiden, Unsicherheiten und Hindernisse für ihre Beziehung mit Humor zu überwinden, nicht mehr – das hier ist ein echter Dealbreaker. Und dann, nachdem Emily ins Koma fällt, er realisiert, dass die Beziehung zu ihr ihm wichtiger ist, als die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen, und sie wieder aufwacht, will Kumail an die besten Zeiten ihrer Beziehung anschließen, indem er versucht, Emily zum Lachen zu bringen. Aber Emily hat Kumails Entwicklung nicht bewusst miterlebt, und kann die Beziehung nicht da fortsetzen, wo sie aufgehört hat. Und dass etwas zwischen den beiden kaputt gegangen ist, spüren wir, als Emily aufhört, über Kumails Witze zu lachen – sie sagt sogar, I don’t find you funny anymore, und erinnert damit, wahrscheinlich nicht ganz zufällig, an das angesprochene That’s actually pretty funny.

Umgekehrt entwickelt sich Kumails Beziehung zu Emilys Eltern, die er kennenlernt, als sie sich während Emilys Koma im Krankenhaus treffen. Emily teilt alles mit Beth (Holly Hunter) und Terry (Ray Romano), sodass die beiden ihn als jemanden sehen, der ihre Tochter hintergangen hat, als Eindringling in ihrem Leben; dass Kumail, nun, aussieht, wie er aussieht, macht es Beth und Terry nicht leichter, ihn zu akzeptieren. Diese anfänglichen Spannungen äußern sich nicht zuletzt darin, dass Beth und Terry Kumail nicht lustig finden, ihn auflaufen lassen, wenn er versucht, die auf mehreren Ebenen unangenehme Situation mit Humor zu entschärfen. Der Wendepunkt kommt, wenn die drei sich zusammen betrinken, und Kumail und Beth über Terrys auf sehr lustige Art unlustige Witze lachen, und viel deutlicher kann der Film nicht machen, als wie essentiell er Humor für eine erfolgreiche Beziehung sieht.

Ähnlich essentiell ist es in den Szenen, in denen Kumail seine eigene Familie besucht: Dass Kumail, seine Eltern (Anupam Kher und Zenobia Shroff) und Geschwister zusammen lachen, trägt entscheidend dazu bei, dass wir als (westlich sozialisierte) Zuschauer aufhören, sie als Eine Muslimische Familie und anfangen, sie als spezifische Figuren zu sehen.

Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber für mich ist ein gemeinsamer Humor ein entscheidendes, vielleicht das entscheidende Kriterium für jede Art von Beziehung in meinem Leben – bring mich zum Lachen (und lach über mich), und ich mag dich. Mehr als das, es ist eine der wichtigsten Arten für mich, mit den Menschen in meinem Leben zu kommunizieren: Ich nutze Humor, um Menschen aufzuheitern, um meine Unsicherheiten zu kaschieren, um meine Ängste und Sorgen in einer (halbwegs) sozial verträglichen Art offenzulegen. Denkt darüber nach, wie oft ihr am Tag lacht, und aus wie vielen unterschiedlichen Gründen – weil etwas wirklich Lustiges passiert; um jemandem zu zeigen, dass ihr ihn gern habt, oder ihn nicht zu verletzen; weil ihr nicht wisst, was ihr sonst sagen sollt -, und ihr erkennt, wie essentiell Lachen für unsere Kommunikation, unser Zusammenleben ist. Lachen entwaffnet unser Gegenüber, es humanisiert uns, bindet uns aneinander.

Eine romantische Komödie, um nochmal ein Bisschen prätentiös zu werden, ist immer ein Film über Kommunikation. Wenn das zentrale Paar sich am Ende des zweiten Akts trennt, ist es fast immer Ergebnis einer Fehlkommunikation, und was die Hauptfigur tun muss, um den Partner zurückzugewinnen, ist, all die Dinge, die bisher im Subtext mitschwangen, endlich auszusprechen. The Big Sick ist sich dieser thematischen Verbindung bewusst, und konzentriert sich mit dem Lachen auf einen Aspekt zwischenmenschlicher Kommunikation, der in Filmen oft unter- und fehlrepräsentiert ist.

Davon ab ist Figuren übereinander lachen zu lassen schlicht ein effektives erzählerisches Werkzeug, das zu viele Filme unbenutzt lassen. Wie Linda Holmes einmal über die britische Rom-Sitcom Catastrophe geschrieben hat: Die Figuren übereinander lachen zu lassen löst ein Problem vieler Beziehungskomödien, nämlich “ihre Tendenz, sich transaktional anzufühlen”. Ihre Figuren würden ihre Beziehung oft eher performen als zu leben, Szenen seien streng einem emotionalen Beat zugeordnet – das ist die spielerische, witzige Szene, das ist der Streit, das ist die Szene, in der die Figuren sich verlieben. In Catastrophe, und in The Big Sick, pendeln Szenen unvorhersehbar zwischen Stimmungen und Emotionen, und das hat viel damit zu tun, wie Film und Serie Humor einsetzen: Streitszenen werden aufgebrochen durch leichtere Momente, wenn eine Figur nicht anders kann, als über die andere zu lachen; oder wir spüren die Schwere eines Moments, gerade weil diesmal nicht gelacht wird.

Wenn Figuren über dieselben Dinge lachen wie wir als Zuschauer, gibt uns das das Gefühl, dass wir selbst Teil der Beziehungen der Figuren sind. Wir folgen den Figuren überall hin, wenn wir glauben, etwas mit ihnen zu teilen – einen gemeinsamen Humor. Filmemacher, die dieses Werkzeug zu nutzen wissen, können glaubhaftere Beziehungen kreieren, den Zuschauer stärker involvieren, und haben so die Chance, so manches ansonsten sperrige Thema in einen Film zu schmuggeln, ohne das Publikum vor den Kopf zu stoßen – wie eine Hauptfigur, die für weite Teile des Films im Koma liegt, oder eine Familie, deren Kultur dem anvisierten Publikum fremd ist.

World Mental Health Day 2017

Heute ist World Mental Health Day. Dieser Tag ist nicht nur wichtig, weil er Bewusstsein schafft für psychische Krankheiten, und die Tatsache, dass viele psychisch kranke Menschen nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen, weil die Infrastruktur nicht da ist, oder die Scham und Angst zu groß; er ist auch wichtig, weil er mir eine Ausrede gibt, über mich selbst zu reden – also, mir persönlich ist das sehr wichtig. Keine Ahnung, wie der Rest der Welt das sieht, aber das ist mir nicht so wichtig.

Vor vier Jahren, mit 23, hatte ich eine Reihe von Panikattacken. Wenn man eine Panikattacke hat, für diejenigen, die das Glück haben, das nicht zu wissen, überzeugt das Hirn sozusagen den Körper, dass man einen Herzinfarkt hat, und der Körper reagiert mit entsprechenden Symptomen: Herzrasen, Atemnot, Schmerzen in der Brust. Man ist sich dann also sehr, sehr sicher, dass man in unmittelbarer Zukunft sterben wird.

Bei meiner ersten Panikattacke bin ich in die nächstgelegene Notaufnahme gegangen16…ja, *gegangen*; ich weiß nicht, wie viele Menschen, die einen echten Herzinfarkt haben, noch zu Fuß in die Notaufnahme gehen können, also vielleicht ist das ein ganz gutes Zeichen dafür, dass man “nur” eine Panikattacke hat, und habe das seltene Vergnügen gehabt, Ärzte und Krankenschwestern dabei zu beobachten, wie sie gelangweilt das Notfallprotokoll durchführen. Wenn jemand in die Notaufnahme kommt und sagt, “Ich glaube, ich habe einen Herzinfarkt”, muss das Personal davon ausgehen, dass der Patient wirklich einen Herzinfarkt hat (auch, wenn sie wissen, dass es nur eine Panikattacke ist) und entsprechende Schritte einleiten – aber sie müssen das nicht mögen.

Bei meiner zweiten Panikattacke habe ich meine Eltern angerufen und gesagt, dass ich Hilfe brauche, und ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber wenn ich meine Eltern anrufe und zugebe, dass ich nicht alleine klarkomme, dann steht es noch ein Bisschen schlimmer um mich als wenn ich nur in die Notaufnahme gehe.

Die Panikattacken, das habe ich in den letzten vier Jahren gelernt, waren ein Warnsignal, ein hail mary pass, ein Hilferuf meines Hirns und Körpers. Sie waren ein letztes, überdeutliches Signal, dass ich Hilfe brauchte. Diese Hilfe habe ich mir in den letzten vier Jahren gesucht, und es geht mir deutlich besser, aber ich brauche noch immer Hilfe, und werde sie in irgendeiner Form wohl für den Rest meines Lebens brauchen.

Ich war also 23, als ich mir eingestand, dass es so nicht weitergehen konnte. Es brauchte dafür eine Art Kapitulationserklärung meines Körpers gegenüber meinem Kopf; es brauchte das Gefühl von Todesangst; es brauchte einen Notfall. Dabei wusste ich eigentlich seit ich, keine Ahnung, 6 oder so war, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Wutausbrüche, die ich als Kind hatte, waren meinem jetzigen Psychiater zufolge das erste Symptom einer Krankheit, die mich mein ganzes Leben begleitet hat. Aber ich habe damals nicht die Hilfe bekommen, die ich brauchte, weil mir nie jemand gesagt hat, dass es okay ist, zu sagen, dass man Hilfe braucht, und weil meine Eltern genauso wenig von der Sache verstanden wie ich. Ich hab das schonmal irgendwo geschrieben, aber “Depression” war bei uns auf’m Dorf eines dieser Worte, die man nur flüsternd aussprach, wie “schwul”. Es war ein Thema, mit dem niemand so recht umzugehen wusste, also sprach man es gar nicht erst an.

Über die Jahre habe ich wegen meiner Depression und meiner Angststörung Freunde verloren, Jobs; habe ich Selbsthass entwickelt, und nie die Sozialkompetenzen, die man als funktionaler, erwachsener Mensch braucht.

Und das ist der Punkt meines heutigen Oversharings: Wenn man eine psychische Krankheit so lange unbehandelt, unidentifiziert lässt, ist sie frei, sich auszubreiten, einem selbst und allen Menschen um einen herum schwer zu reparierenden Schaden zuzufügen. Sie in den Griff zu bekommen, kostet Energie, Mut, und vor allem: Zeit. Je länger man wartet, desto schwieriger ist es, desto verhärterter sind die dysfunktionalen Verhaltensmuster, die man entwickelt, desto mehr hat man die toxischen Gedanken, die man als psychisch kranker Mensch oft entwickelt (“Ich habe es nicht anders verdient”) verinnerlicht.

Wenn ihr also selbst den Verdacht habt, an einer psychischen Krankheit zu leiden: Wartet nicht auf einen Notfall. Es ist okay, nicht okay zu sein; es ist nicht nur okay, es ist cool, mutig, um Hilfe zu bitten. Wenn ihr glaubt, dass jemand in eurem Leben an einer psychischen Krankheit leidet – gebt ihm das Gefühl, dass ihr für ihn da seid, dass er sich euch öffnen kann, dass er keine Last für euch ist (auch, wenn er es manchmal ist).

Sucht euch die Hilfe, die ihr braucht – heute, nicht morgen – und hört zu, wenn andere euch um Hilfe bitten.

 

P.S: Ein Newsletter der Deutschen Post sagt mir soeben, dass gestern auch ein wichtiger Tag war, nämlich “Weltposttag”, was ich bezaubernd finde, denn dass dieser Newsletter heute kommt, zeigt, dass die Post selbst den Weltposttag vergessen hat. Also, ähh, schreibt mal wieder einen Brief oder so.

 

P.P.S: Die Nummer der Telefonseelsorge ist 0800 111 0 111.